Zwei Stimmen aus dem Off erklären den Gottesdienstablauf

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Vorspiel

 

Friederike: Hey Titia, was machst Du denn hier in der Kirche?

Titia: Heute werden doch die neuen Konfirmanden begrüßt. Ich fange jetzt auch an mit Konfi. Aber was machst Du denn hier, Du bist doch schon längst fertig mit Konfi, oder?

Friederike: Ach, ich komm ganz gerne ab und zu in den Gottesdienst und manchmal helfe ich auch in der Gemeinde mit. Aber jetzt müssen wir ruhig sein, Pastor Baldenius will die Gemeinde begrüßen.

 

Votum / Salutatio / Begrüßung (unter anderem: Vorstellung eines Ablaufblattes für den „normalen“ Gottesdienst)

 

Eingangslied 334 (Danke für diesen guten Morgen)

 

Titia. Das Lied kannte ich. Das mit dem Gottesdienstablauf im Gesangbuch ist ja geschickt. Lass mal sehen… Was ist denn ein Psalm?

Friederike: Das ist ein Gebet, das aus der Bibel vorgelesen wird. Dann singen der Kantor und die Gemeinde abwechselnd. Ich glaube, es geht darum, dass wir Gott um Vergebung bitten, weil wir nicht immer das tun, was er von uns will. Dann wird Gott gedankt, weil er so gut zu uns ist und uns schon vergeben hat.

Titia: Du weißt ja gut Bescheid. Lernt man das alles im Konfi? Aber pst… es geht weiter.

 

Psalm / Gloria patri

Kyrie / Gloriavers

Kollektengebet

Taufbefehl / Glaubensbekenntnis / Tauffrage / Taufhandlung / Taufsegen / Taufkerze

Graduallied 289, 1+5

 

Titia: Wieso trägt er denn jetzt das Buch zum Pult?

Friederike: Das ist die Bibel, aus der immer vorgelesen wird. Meistens werden zwei Stellen gelesen und in einer davon geht es um Jesus. Ist manchmal ein bisschen altes Deutsch. Aber es lohnt sich, aufzupassen.

 

Evangelium mit Versikeln

 

Predigt:

Liebe Gemeinde,

und heute vor allem: liebe Tauffamilien und

liebe neuen Konfirmandinnen und Konfirmanden!

Wirklichkeit gibt es nur als Deutung. Wahrheit ist immer eine Frage der Interpretation. Ohne meine eigene Sicht der Dinge gibt es für mich nichts.

Das klingt kompliziert, ist es aber nicht. Seht z.B. dieses Glas in meiner Hand. Es ist einfach ein Glas, aber jeder von uns sieht etwas anderes. Formuliert mal in eurem Kopf einen kurzen Satz, was ihr seht.

Jetzt machen wir mal einen Test. Wer hat denn gedacht: dieses Glas ist halb leer?

Wer hat gedacht: dieses Glas ist halb voll?

Wer hat gedacht: ich würde jetzt gerne ´was trinken?

Wer hat gedacht: das sieht aber merkwürdig aus. Was da wohl drin ist?

So haben wir alle das Gleiche gesehen, aber es hat für uns alle etwas Unterschiedliches bedeutet. Es gibt die Wirklichkeit nur als Deutung der Welt. Wahrheit ist immer eine Frage der Interpretation.

Wenn Du in der Schule eine gute Zensur bekommst, dann ist das für die Eine ein Grund zur Freude. Für den Anderen ist es vielleicht eine sportliche Herausforderung: wollen doch mal sehen, ob das nicht noch besser geht. Für die Dritte ist es eine riesige Erleichterung: das hätte sonst Ärger gegeben zu Hause. Für den Vierten löst es inneren Druck aus, denn er muss gut und immer besser sein, sonst kann er sich nicht geliebt fühlen von seinen Eltern.

Wenn jemand sagt: „Das Fenster ist offen“, dann freut sich jemand an der schönen frischen Luft, die hereinkommt, jemand anderes findet den Zug unangenehm, ein dritter fühlt sich aufgefordert, das Fenster zuzumachen, eine vierte fängt an, das offene Fenster zu rechtfertigen, weil es doch so stickig sei …

Es gibt die Wirklichkeit nur als Deutung der Welt. Wahrheit ist immer eine Frage der Interpretation.

Das gilt für alle Phänomene unseres Lebens, für die kleinen, aber auch für die ganz wichtigen. „Wo komme ich eigentlich her, und wo gehe ich hin? Was ist Liebe, und wie geht das? Wer bin ich denn eigentlich?“ Alle diese Fragen sind nur zu beantworten mit einer eigenen Deutung. Da es verschiedene Deutungen gibt, musst du dich für eine entscheiden. Z.B. die Frage, wer du bist: die Biochemie hat da eine ganz nüchterne Antwort. Denn zu 65 % besteht der Mensch aus Sauerstoff, zu 18% aus Kohlenstoff, zu 10% aus Wasserstoff. Dann gibt es noch ein bisschen Stickstoff, Calzium, ein paar Spurenelemente – das war´s dann schon bald. Materialwert: so ca. 5 Cent.

Das ist eine Antwort auf die Frage, wer du bist. Ein illegaler Menschenhändler gibt eine andere Antwort. Ein Kind aus der sogenannten 3. Welt kostet beim illegalen Handel so zwischen 2000 und 3000 Euro. Beschreibt das seinen Wert? Könntet ihr Taufeltern und Paten einen Preis nennen? Über manchen Menschen wird ein Preis gesagt. Und ihr Konfirmandinnen: was ist dein Wert?

Ein Fußballer kann schon mal eine Ablösesumme von ein paar Mio Euro erzielen.

Wer bist du? Man könnte deine Stärken und Schwächen beschreiben. Sagt das das Wesentliche über dich? Man könnte erzählen, was dich aufblühen lässt wie eine Blume und was dich welken lässt wie eine, die zu wenig Wasser bekommt. Man könnte von der Liebe sprechen, die andere zu dir empfinden. Was sagen andere über dich? Deine Eltern, Geschwister, Lehrer. Dein Freund, deine Freundin. Was sagen sie über dich? Was sagst du selbst über dich? Beschreibt dich das wirklich?

Es gibt die Wirklichkeit nur als Deutung der Welt. Wahrheit ist immer eine Frage der Interpretation.

Der christliche Glaube ist so eine Deutung. Damit begründet er Wirklichkeit.

Wir können uns entscheiden, mit dieser Deutung durchs Leben zu gehen. Wir können uns entscheiden, als Christen zu leben. Wir können uns entscheiden, an Gott zu glauben.

Auf die Frage, wer du bist, bekommst du hier eine ganz klare Antwort. Denn Gott hat dich geschaffen als sein Ebenbild. Du bist nicht weniger als das: Gottes Ebenbild. Und er sagt zu dir: du bist mein geliebter Sohn. Du bist meine geliebte Tochter. Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.

Du kannst diese Antwort auf die Frage, wer du bist, vergleichen mit anderen Antworten. Die christliche kennenzulernen und die Welt auf diese Weise zu entziffern, das ist Teil des Konfirmandenunterrichts.

Wer deuten will, muss sehen können, hören können, verstehen können, sagen können. In der Geschichte von Jesus, die xx vorhin vorgelesen hat, geht es darum, dass Jesus einem Menschen Ohren und Augen öffnet, ihm die Sprache schenkt und also die Möglichkeit, die Wirklichkeit wahrzunehmen und zu deuten. Ein Stück weit schenkt er ihm überhaupt das Leben, denn selbst das gibt es ohne Deutung nicht. Jesus ruft diesen Mann heraus aus seiner Gefangenschaft im Niemandsland. Jetzt kann er ganz Mensch sein. Jetzt kann er wissen, wer er ist. Jetzt kann er Wirklichkeit und Wahrheit erkennen. Jetzt erkennt er Gott. Als Glaubender, der über sich lernt: ich bin Gottes Ebenbild. So, wie Carolines Taufspruch es sagt, Familie Linde und Melinkat: Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele.

Wenn ihr Caroline beibringt, diesen Satz morgens beim Blick in den Spiegel zu sagen, dann habt ihr sie sich selbst und die Welt erschlossen durch die Brille des Glaubens. Ganz sicher ein gutes und sinnvolles Deutungsangebot. Mehr wollen wir euch Konfirmanden im Grunde auch nicht beibringen, als dass ihr diesen Satz sagen könnt und ihn zu Gott sagt: ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele.

In der alten Kirche war der Hefata-Ritus aus dieser Geschichte Teil der Taufliturgie. Die Taufe wurde verstanden als Öffnung der Sinne, als Beginn der Entzifferung der Welt. Stirn, Ohren, Mund und Nase des Täuflings wurden mit dem Zeichen des Kreuzes berührt. Hefata, tu dich auf – mit den Worten Jesu wurden die Täuflinge aus dem Niemandsland ins Leben der Glaubenden gerufen.

Viele von Euch Konfirmandinnen und Konfirmanden sind auch als kleine Kinder getauft worden, so wie heute Caroline und Tyler. Der Konfirmandenunterricht ist nichts anderes als der nachgeholte Taufunterricht, mit dem die anderen auf ihre Taufe und ihr alle auf eure Konfirmation vorbereitet werdet.

Denn wir können uns entscheiden, mit welcher Deutung der Welt wir leben wollen. Ob wir z.B. den Menschen als das Material betrachten, aus dem er gemacht ist, ob wir ihn an seinen Leistungen messen oder an dem, was über ihn gesagt wird – oder ob wir jeden Menschen und uns selbst als Ebenbild Gottes betrachten mit aller Würde, die diesen gebührt. Wir können uns entscheiden, ob wir die Brille des Glaubens aufsetzen wollen beim Weg durch das Leben, oder eine andere Brille. Den Anfang setzt Gott, indem er uns in der Taufe die Sinne öffnet – Hefata, tu dich auf. Wir antworten mit unserem Leben. Ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden z.B. damit, dass ihr euch entscheidet, den Glauben kennen zu lernen und in der Konfirmation eure Taufe mit eurem eigenen Ja zu bekräftigen. Wir hoffen, dass die beiden Täuflinge da auch einmal hinkommen.

Mit der Deutung des Glaubens, mit der Brille des Glaubens durchs Leben zu gehen ist eine von mehreren Möglichkeiten. Ich glaube, es ist die beste. Denn sie verheißt Sinn auch da, wo die anderen Sinnangebote dieser Welt zerbrechen. Tylers Taufspruch heißt: Gott seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen. Das ist eine wichtige Deutung des Lebens. Denn es ist klar: auch Tyler wird nicht völlig unbeschadet durch´s Leben gehen, und wie wir alle muss auch er eines Tages sterben. Gott seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen – das verheißt nicht, dass Tyler nie irgendetwas geschehen wird. Das würde auch niemand wollen, denn es würde ihn aller Freiheit berauben und zur Marionette des großen Strippenziehers im Himmel machen. Aber es verheißt, dass Tyler nie aus Gottes Hand fallen wird, was immer ihm auch begegnen mag.

Auch das eine Deutung des Lebens, die man wählen kann oder auch nicht. Dazwischen liegt die Grenze zwischen Geborgenheit und Verzweiflung, so glaube ich. Wir wünschen Tyler, dass er in die Freiheit der Kinder Gottes hineinwachsen kann, die nichts und niemanden fürchten müssen auf dieser Welt. Und sein Taufspruch gilt uns allen: Gott seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.

Wirklichkeit gibt es nur als Deutung. Gott öffnet uns die Sinne. Lasst uns ihm antworten mit unserem Glauben.

Amen.

 

Stille

(nach einer kurzen Zeit) Titia: warum ist es denn so still? Haben die ihren Text vergessen? Oder pennt der Organist?

Friederike: Du kannst diese Zeit nutzen für Deine eigenen Gedanken oder für ein kurzes Gebet. Das ist schon absichtlich.

Titia: oh. Tschuldigung. (Weiter Stille)

 

Abkündigungen

Konfirmandenberufung (Kreuzzeichen in die Hand mit Wasser aus dem Taufbecken und den Worten: „Gott ruft dich“. Im Altarraum „entsteht“ so die Konfi-Gruppe. Die Konfis bekommen ihr „Scheckheft“ überreicht.)

Dankopferlied: Wie ein Fest nach langer Trauer …

Fürbittengebet

 

Titia: voll nett, dass die für uns Konfirmanden beten. Und das mit dem Kreuz in die Hand hat mir auch gefallen.

Friederike: Jetzt wird es aber richtig geheimnisvoll. Du brauchst Deinen Gottesdienstablauf, um richtig mit zu kommen. Wir feiern Abendmahl und erinnern uns daran, wie Jesus mit seinen Jüngern das letzte Mal gegessen und getrunken hat, bevor er gekreuzigt wurde.

Titia: das ist aber unheimlich. Ich glaube, das gucke ich mir erstmal nur an.

Friederike: keine Angst. Komm nachher einfach mit mir nach vorne. Man muss das nicht ganz verstehen, sondern kann einfach mitmachen und es auf sich wirken lassen. Es ist echt schön.

Titia: also gut, ich komme mit. Ich kann ja bei dir gucken, wie es funktioniert.

 

Lied zum Abendmahl: 229 (Kommt mit Gaben und Lobgesang)

Salutatio /sursum corda / Präfation / Sanctus / Abendmahlsgebet I / Einsetzungsworte / Geheimnis des Glaubens / Abendmahlsgebet II / Vaterunser / Friedensgruß / Agnus Dei / Einladung / Austeilung / Entlassung

Dankgebet

 

Friederike: jetzt kommt noch der Segen. Der ist mir besonders wichtig.

Titia: vielen Dank, dass du mir alles so genau erklärt hast. Vielleicht treffen wir uns ja jetzt öfter mal in der Kirche.

Friederike: Ja, das wäre schön.

 

Sendung / Segen / Nachspiel