Zur Heilsbedeutung des Todes Jesu (auch für das christliche Abendmahl)

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Jochen Arnold:

Stellvertretung, Sühne und Versöhnung im NT und der aktuellen Diskussion

 

Am Tod Jesu und seiner (soteriologischen) Deutung scheiden sich die Geister, mehr denn je. Was Paulus in 1 Kor 1 schon als skandalon für Juden und Griechen bezeichnete, scheint für Menschen des 21. Jh. in ähnlicher Weise problematisch. Das Kreuz als Ort der Sühne, das Abendmahl als Medium der Sündenvergebung, die Vorstellung, dass Gott ein (blutiges) Opfer bräuchte. Brauchen wir das alles noch als aufgeklärte Christen? Und wenn ja, gibt es in unserer Kirche darüber einen Konsens? Ja, kann und soll es ihn denn überhaupt geben? Geht es nicht vielmehr darum, dass jede(r) für sich klärt, was ihm/ihr in Sachen Karfreitag/Ostern und Abendmahl wichtig ist? Ich gebe zu: Letzteres wäre mir zu einfach:

Das klingt allzu sehr nach Friedrich d. Großen, wonach jeder nach seiner Facon selig werden soll. Zunächst ist aber sicher Sachlichkeit das Gebot der Stunde:

Die Positionen sind einigermaßen kontrovers: Die einen (Evangelikale, kons. Lutheraner) sagen: Jesu Tod lässt sich nur als stellvertretendes Sühnopfer angemessen verstehen. C. Morgner schreibt: „Der Gedanke des Sühnetodes Christi ist für das NT zentral und für die evangelische Theologie konstitutiv. [Diese Vorstellung] gehört zum Kernbestand der christlichen Botschaft.“ (ZZ 3/2010) Andere behaupten: Der Sühnebegriff kommt im NT nicht wirklich vor, er wird an keiner Stelle breit entfaltet, er ist verzichtbar. Von der Liebe Gottes, evtl. von seiner Hingabe reden, das mag angehen, aber nicht von stellvertr. Leiden oder gar von Opfer. IM Abendmahl geht es um die Feier der Liebe Gottes, aber nicht um Sündenvergebung (K.P. Jörns). Bevor wir fragen, ob sich das denn gegenseitig ausschließen muss: ein biblisch-theologischer Exkurs:

Ich denke: Wir müssen zunächst dreierlei unterscheiden:

  1. Die verschiedenen Begrifflichkeiten und Bilder (auch traditionsgesch.) klären
  2. Die verschiedenen literarischen Schichten des NT unterscheiden und die in ihnen vorkommenden Bilder und Begriffe interpretieren
  3. Die damit ausgedrückten theologischen Sachverhalte auslegen und übertragen

 

  1. Begriffe, Begriffsfelder und ihre Bedeutung

Hilasterion (Sühnemittel), vgl. hilaskomai: sühnen (vgl. Ritus des großen Versöhnungstages); Hebr 2,17; Röm 3,25); Hilasmos ( 1 Joh 2,2): Sühnung

Lutron: Lösegeld; Freikauf der Sklaven (Mk 10,45 par; 1 Tim 2,6)

Katalassein (versöhnen); Katalage (Versöhnung): 2 Kor 5,17-21; Röm 5,8-10

Für euch/für uns Dahingabeformel (hyper hämon; hymon); (para)edoken;

göttliches dei

Thysia (Hebr 9,23.26; Eph 5,2; Röm 12,1), vgl. allerdings Frank Crüsemann:

„Wo die allg. Opfersprache (thysia) gebraucht wird, kann man nicht von dem breiten biblischen Gebrauch absehen, dass Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und der Lobpreis für Gott die wichtigsten […] Opfer sind.“

Propsphora: Darbringung, das, was dargebracht wird (Gabe für Gott)

!! kein wirklicher Begriff für Stellvertretung

 

2.1.Größere systematische Reflexion des Todes Jesu im Hebr.

Stark kultisch geprägte Sprache; Kap. 2; 7 und 9f: Jesus als Hoherpriester (vgl. 9,14) ist Geber und Gabe zugleich, merkwürdig schillernd und letztlich ungeklärt ist die Frage des Empfängers (Gott oder Kirche)

Leiturgos: öffentlicher Charakter: etwas für alle Gültiges

 

2.2.Synoptische Evangelien:

Dahingeben: Mk 10,45 à totaler Einsatz für Andere, das muss nicht einen stellvertretenden Tod meinen; Dienen (diakonein) ist Tischdienst (diakonein), evtl. kann auch an Heilungen, Dämonenaustreibungen etc. gedacht sein

Verknüpfung mit dem Lösegeldmotiv (vgl. 1 Tim 2,6, dort verknüpft mit dem Begriff Mittler)

à Freikauf der Sklaven, vgl. auch Offb 5,6-9

 

Markus 14,22-25 hyper-humon-Formel scheint schon geläufig (für euch, vgl. 1 Kor 15,3)

soteriologischer und eschatologischer Ton, Reich Gottes, ritueller Bundesschluss (Bundesblut, vgl. Ex 24,8)

Mt-Sondergut: Mt 26,28 zur Vergebung der Sünden

Lk-Sondergut: Verheißung an den Mitgekreuzigten (Lk 23,43): eschatologischer Ton

 

2.3.Johannes:

Joh 1,29: das Tragen der Sünde des Lammes (vgl. Jes 53), evtl. ist ferein als hinwegtragen zu übersetzen, dann würde ein sühnethologischer Sinn (vgl. Lev 16) vorliegen, vgl. auch Joh 19,31-36: Tod Jesu z Zt der Passalämmer, die im Tempel geschlachtet werden

Allerdings haben diese im jüdischen Pesach keine sühnende Wirkung! (Überbietung, typologischer Anklang, bewusste Gestaltung der Passionsgeschichte??)

Joh 3,14-17: Erhöhung ans Kreuz im Sinne der apotropäischen Funktion der ehernen Schlange à auf Jesus sehen;

Dahingabeformel von Gott her (3,16) „um der Verlorenen willen“ (vgl. Röm 8,32)

Hofius zu Joh 3,16 (nicht: So sehr, sondern „auf diese Weise hat Gott die Welt geliebt“: Dass Gott den Sohn dahingab, ist der Erweis seiner Liebe“)

Kaiphas (Joh 11,50: einer stirbt für das Volk) à Stellvertretungsgedanke, allerdings ohne echten griechischen Begriff

Stellvertretung für die Freunde (vgl. Joh 15,13)

Joh 15,13: Er lässt sein Leben für die Freunde: man denkt an Gefahrensituationen wie im Krieg oder bei Unfällen usw., zwischenmenschlicher Vorgang (vgl. evtl. auch Kolbe o.ä.).

 

2.4.Paulus:

Versühnen/Sühne: Hilaskomai Röm 3,25; eher im religiös-kultischen Bereich, Anspielung auf den Deckel der Bundeslade (kapporät); Volk ist passiv; Priester handelt im Auftrag Gottes,

Blut als Sühnemittel

durch Glauben an sein Blut geschieht ERLASSUNG FÜR BEGANGENE Sünden

Versöhnen: Katalasso à eher im familiären, privaten Bereich, 2. Kor 5,17-21, deutet auf ein wechselseitiges Geschehen hin

Röm 5,8-10: Gott versöhnte uns, als wir noch Feinde waren, d.h. jetzt erweist er uns noch viel mehr Gnade, da wir nun Freunde/Kinder, Gerechtfertigte sind

Wie der Tod Jesu die Sünde überwindet, so überwindet die Versöhnung die Feindschaft mit Gott

Heilswirkung wird in Analogie zu einem zwischenmenschlichen Vorgang beschrieben

2 Kor 5,21: wechselseitiger Tauschvorgang!

 

3. Theologischer Ertrag

Zentraler Satz, der nahezu für alle Vorstellungen gilt:

3.1. Stellvertretung als Grundgedanke

Ich bleibe am Leben, weil sich ein Anderer, der eben nicht nur ein Mensch war, an meiner Stelle in den Tod gibt und mich damit rettet bzw. mir dauerhaft Gemeinschaft mit Gott ermöglicht. Aber das allein reicht nicht: Nur seine österliche Auferweckung gibt die Kraft, den Tod zu überwinden und die Hoffnung auf ewiges Leben.

 

3.2. Das Gewicht der Sünde (Anthropologie; Hamartiologie)

Hat das NT ein realistisches oder ein pessimistisches Welt- und Menschenbild? Müssen wir Menschen ihre Sünde einreden, oder ist es evident, dass die Bibel in realistischer Weise die Schuld der Menschheit und der Welt benennt? Und zwar sowohl im individuellen als auch im kollektiven Sinne!?

Wer das bestreitet, muss konsequenterweise auch auf soteriologische Aussagen im engeren Sinne (Rettung von der Todesverfallenheit, Vergebung der Sünden) verzichten. Im NT schwingt auch eine politische Dimension im Sündenbegriff mit: Das Land, ja die ganze Welt bedarf der Reinigung von Gewalt und Grausamkeit der Bedrücker des Volkes Gottes.

 

3.3. Konsequenzen für das Gottesbild

Ist Gott so ohnmächtig oder so sadistisch, dass er die Welt nicht anders retten konnte?

Friedrich Avemarie:

„Und wenn die Ohnmacht eines Gottes kritisiert wird, der die Menschheit nicht anders retten kann als durch die Auslieferung seines Sohnes an einen grausamen Hinrichtungstod, so mag auch die Gegenfrage erlaubt sein: Wie weit würde wohl Gottes Macht reichen, wenn er nicht bereit wäre, sich in seinem Erbarmen auch auf diese letzte, schmachvolle Spitze des menschlichen Elends einzulassen.“!!??

 

3.4. Die Metaphorik des Blutes ist m.E. nicht zwingend nötig für ein angemessenes Verständnis des Todes Jesu. Sie ist deshalb auch nicht immer und überall zu gebrauchen.

Dennoch macht sie zweierlei deutlich:

Im Blut ist Leben, hier sitzt die Lebenskraft, jedes lebendige Wesen ist auf einen intakten Blutkreislauf etc. angewiesen, kann ggf. durch eine Blutspende Andere retten oder selbst gerettet werden.

Das Vergießen von Blut spielt auf eine rituelle Praxis an, verweist auf einen kultischen Sitz im Leben. Dem Blut wird reinigende, schützende, heiligende Kraft zugeschrieben. Insgesamt zeigt dies auch den letzten Ernst der Angelegenheit, um die es hier geht: Rettung vom Tod.

 

Folgerungen

3.5. Dem Tod (und der Auferstehung, vgl. Röm 4,25) Christi grundsätzlich einen soteriologischen Sinn zuzuschreiben, ist vom ntl. und reformatorischen Gesamtzeugnis unerlässlich und trifft eine Kernaussage christlicher Theologie. Gerade bei den Schwachen und Leidenden ist Gott. Gerade sie holt er aus der Tiefe heraus und bringt sie zu neuem Leben. Von diesen Aussagen her sollten die Gräben aber nicht weiter aufgerissen werden als nötig, denn fast allen Auslegern geht es doch darum, dass Gott sich uns in Christus gnädig/liebevoll/rettend zuwendet.

 

3.6. Opfer kann schon lange mindestens zweierlei meinen: victim(a)= Gewaltopfer/ Terroropfer; oder sacrifice/sacificium (kultisches Opfer) und allg. neuzeitl. im Sinne von „sich aufopfern.“

Weil das alles im Deutschen nicht sauber zu trennen ist und, um nicht den Satisfaktionsvorstellungen Anselms von Canterbury „zum Opfer“ zu fallen, (die sich höchstens an wenigen Stellen im Hebr. andeuten,) ist der Opferbegriff im aktuellen Diskurs weitestgehend zu vermeiden. Dass Christus sich für uns geopfert hat, ist theologisch richtig, aber es schwingt begrifflich allzu schnell die Idee eines besänftigendes Opfer für den beleidigten und daher zürnenden Gott mit, wie es Anselm in Cur Deus homo gelehrt hat. Auch Sühnopfer von Gott her (sacramentum bzw. sacrificium propitiatorium) und Dankopfer (sacrificium laudis) oder Lebenshingabe (vgl. Röm 12,1) lassen sich zwar begrifflich und sachlich trennen (vgl. Apologie der CA 24), sind aber heutigen Zeitgenossen nicht mehr o.W. plausibel zu machen. Sie hören bei Opfer meist das Opfer, das Gott dargebracht wird (vgl. religionsgesch. „Do ut des“) bzw. das Sichaufopfern im negativen Sinne. Der Begriff der Hingabe (vgl. Mk 10,45)scheint glücklicher.

3.7. Die Rede vom „Freikauf“/Lösegeld ist rechtfertigungstheologisch nach wie vor aufregend und besitzt existenzielle Kraft, sie könnte/sollte wieder vermehrt aufgenommen werden.

3.8.Die zweite Spendeformelbeim Abendmahl müsste nicht zwingend „Christi Blut für dich vergossen“ lauten, da die Anschauung des vergossenen Blutes auch anders ausgedrückt werden kann (vgl. „für dich gegeben“). Vielleicht könnte Blut konsequent durch Lebenskraft oder Leben wiedergegeben werden. Es geht um die ganze Person Christi und ihr Heilswerk.

à Das Abendmahl ist jedenfalls aus einer doppelten Engführung zu befreien:

Es geht nicht nur um Sündenvergebung (sondern auch um Gemeinschaft, Lobpreis, Feier des Reiches Gottes usw.).

Die Tatsache, dass Gott Sünde vergibt, soll und darf nicht mit einer „angestaubten“, womöglich gesetzlichen oder kontritionalistischen Abendmahlspraxis in einen untrennbaren ZUsammenhang gebracht werden: Wo Gott Sünde vergibt, da ist Freiheit, wo mein Schuld (und die Anderer) weggeschafft wird geschieht Befreiung, und das ist eine fröhliche Sache!

3.9      Weitere Überlegungen im Blick auf ein angemessenes Verständnis des Kreuzestodes wären darauf zu richten, ob hier auch ein Gericht der Sünde stattgefunden hat und damit die verheerende Wirkung von Untaten und Verfehlungen in ihrer Todeswirkung ausgelöscht wird. (Kreuz als Schnittpunkt von Gericht und Gnade)

3.10   Desweiteren ist angesichts des Kreuzestodes (vgl. Psalm 22) die Frage nach der Ohnmacht/Allmacht Gottes im Verhältnis zu seiner Liebe (aber auch zu seiner Gerechtigkeit) zu stellen. Gibt es innerhalb des ganzen Geschehens eine Entwicklung in Gott selbst?