Weihnachten – Wie ein Seufzen in der Nacht

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Wie ein Seufzen in der Nacht

Predigt zu Lukas 1,26-38

Birgit Mattausch

 

Friede sei mit euch…

 

Der Engel mit den rosa Flügeln

Es ist einmal eine kleine alte Frau.

Sie wohnt im Erdgeschoss eines Hochhauses.

Ihre Wohnung ist winzig.

Über dem Bett hängt das Bild mit dem Engel.

Der Engel hat rosa Flügel.

Er begleitet einen Buben und ein Mäderl auf ihrem Weg über einen reißenden Fluß.

Auf dem Fernseher steht das Foto eines jungen Mannes in Uniform.

Der Mann war der Liebste der Frau gewesen. Aber weil er die falsche Uniform trug, wurde er verhaftet und erschossen.

Die Frau war damals schwanger. Das Kind in ihrem Bauch fühlte sich klein an wie ein Schmetterling.

 

Das Mädchen Maria

Und: Es war einmal ein Mädchen.

Sein Name war Maria.

Es lebte in Nazareth in Galiläa.

Nichts Gutes kommt aus Nazareth. Sagten die Leute.

Das Meer war eine Tagesreise weit.

Jerusalem drei – durch Wüste und Feindesland.

Rom war am anderen Ende der Welt.

Die Menschen in Nazareth lebten von einfacher Arbeit: Obstanbau, Ziegenhüten, Töpfern, Spinnen, Weben.

Die Männer hießen Josef und Jochanan, Andreas und Jehuda.

Die Frauen hießen Deborah und Rivka, Sarai und Elisabeth.

In der Synagoge redeten die Männer. Die Frauen schwiegen. Sie konnten kaum lesen, kaum schreiben.

Es gab Männerlöhne und Frauenlöhne.

Alle hatten raue Hände von harter Arbeit

Und staubiges Haar vom Wind aus den Bergen.

 

Text

LUKAS 1,26-38

 

Der Engel im Schlaf

Es war Nacht. Der Himmel sah aus, als hätte er Löcher. Das waren die Sterne.

Das Mädchen Maria träumte einen Traum.

Im Traum traf es den Engel.

Das Mädchen Maria riß die Augen auf und schaute.

Es zog die Nase krauß und schnupperte.

Es streckte die linke Hand aus und fühlte.

Dann öffnete es sein Herz.

Der Engel fühlte sich an wie Vogelgefieder.

Er glänzte wie der Mond.

Er roch wie Rosen im Schnee.

Er klang wie ein Seufzen.

Und dann verschwamm alles im Licht: das Haus, das Dorf Nazareth, die Berge, das Meer, die Welt, der Engel und das Mädchen Maria.

Später lachte es und tanzte. Es biß in den Granatapfel und trank vom süßen Wein.

Es hatte vergessen, dass es arm war.

Es hatte vergessen, dass es weder lesen noch schreiben konnte.

Es hatte vergessen, dass nichts Gutes aus Nazareth kam.

Sein altes Nachthemd blähte sich im Wind der Nacht und im Tanz.

Die Löcher darin sahen aus wie Sterne.

Sein Bauch sah aus wie der Mond.

Darin schwamm das Kind.

Kein Ding ist unmöglich bei Gott.

 

Was wird

Jahrzehnte später zieht Jesus durch Galiläa.

Ihm nach eine Schar: Petrus, Andreas, Maria, Schuschanna und wie sie noch heißen.

Bunt und leicht sind sie wie Sterne aus Papier, neugeboren wie frisch gefallener Schnee.

Sie hatten Hunger gehabt nach Brot und Fisch und Wein – und nach mehr als schlafen, essen, flicken, putzen, Kinder versorgen, säen, ernten, Steuern zahlen und mit Füßen getreten werden.

Deshalb gingen sie mit ihm.

Er entlockte ihnen ihren Glanz.

Sie hatten wie alle Menschen das Licht in sich gefürchtet, mehr als die Dunkelheit. Sie hatten sich klein gemacht. Wie Kinder die Augen geschlossen, auf dass niemand sie finden sollte.

Und er fand sie doch. Er aß und trank mit ihnen. Er sprach und schwieg. Und dann rief er sie, ihm zu folgen. Und sie begannen zu leuchten, hinreißend und phantastisch zu werden, Licht der Welt, Salz der Erde.

Kein Ding ist unmöglich bei Gott.

 

Im Schein des bunten Christbaums

Bis heute weiß die kleine alte Frau nicht, wie sie damals überlebte.

Sie weiß nur noch, dass es Mutter und Vater gab.

Und vielleicht einen Engel mit rosa Flügeln im Traum.

Und dass der Schmetterling in ihrem Bauch wuchs trotz aller Tränen.

Er kam zur Welt.

Er wurde groß. Er wurde ein Mann. Er heiratete und bekam Kinder.

Er zog in ein anderes Land und nahm die kleine alte Frau mit.

Er kaufte ihr die winzige Wohnung im Hochhaus-Erdgeschoss.

Der Engel mit den rosa Flügeln lächelte und zog mit ein.

 

In der Stube glänzt der Christbaum aus Plastik rot und blau und grün.

Am meisten aber lächelt und glänzt und leuchtet die kleine alte Frau.

Siebenmal am Tag bedankt sie sich beim Herrgott im Himmel für ihr Leben. Für die Wohnung und die Kinder und den Engel und die Nachbarin. Für den Fernseher, in dem sonntags die Kirche kommt, und für das warme Wasser im Bad.

Die kleine alte Frau lächelt und glänzt und leuchtet so, dass das ganze Hochhaus hell davon wird

Und der Schnee vor den Fenstern zu schmelzen beginnt.

 

Wie ein Seufzen in der Nacht

Abends betet sie:

Erbarme dich, Gott,

der rauen Hände und der staubigen Haare

Erbarme dich der geizigen Gedanken, der stumpfen Seelen

und der ungeliebten Körper

Erbarme dich, Ewiger,

und schicke uns Engel

weich wie Vogelgefieder

bunt wie Häkeldecken

sanft wie Küsse

und warm wie das Lächeln alter Frauen

Auf dass wir wagen zu leuchten

Zu glänzen

Hinreißend und phantastisch zu sein.

Denn kein Ding ist unmöglich bei Dir.