Was ist heilig?

Download

 

 

Mariana hat ein kleines Schächtelchen aus Holz vom Großvater, darin sind aufbewahrt: Ein Marienkäfer mit 5 Punkten und ein Bild von Michi, mit dem sie im Kindergarten immer ihr Brötchen teilt und den sie liebt. Wenn nach dem Nachtgebet das Licht ausgeht, stellt sie sich schlafend und wartet, bis alle unten sind. Dann holt sie ihre Taschenlampe, löst die Scheuerleiste an der Fußseite des Bettes und fingert die Schachtel aus dem hohlen Mauerwerk heraus. Zuerst schaut sie auf Michi, dann auf den Käfer, den haben sie gemeinsam gefangen, und er hat sich dabei als echter Ritter erwiesen. Ihr wird warm in der kleinen Brust. Sie schließt die Schachtel langsam und schiebt sie wieder an ihren Ort. Mama weiß von alldem nichts, Papa auch nicht, niemand kennt ihren Schatz. Nun liegt sie im Bett auf dem Rücken, und ihr Geheimnis wärmt sie in der Mitte ihrer Welt.

 

Marianas Mama, Ariane, hat vor Marianas Papa mal einen Mann geliebt, den sie hergeben musste, weil er Priester wurde. Sie waren sogar verlobt und hatten einen Ring gemeinsam. Den hat sie noch. Er hängt an einem Zweig in einer roten Glasflasche in ihrem Nähzimmer unterm Dach – zusammen mit einem kleinen Kreuz, einer Feder und einer entwerteten Briefmarke aus der Mongolei. Dahin ist ihr Priester später gegangen. Niemand kennt die Bedeutung der Gegenstände. Nur sie. Sie schaut nicht oft hin, aber wenn, dann kribbelt es noch im Rücken. Als wären die Dinge geladen.

 

Die ganze Kleinfamilie, Ariane, Vincent, ihr Mann, und Mariana, ist eigentlich zu viert. Aber jetzt nicht mehr. Das 2. Kind, Karina, wurde überfahren. Das ist nun schon 3 Jahre her. Die Feder am Zweig war ein Geschenk von ihr.

 

Freitag abends gehen alle drei ans Grab und danach in die kleine Kapelle auf dem Friedhof, die immer offen ist. Sie gehen sonst nicht oft in die Kirche, aber dieser Gang muss sein. Erst Grab, dann Kapelle. Zu dritt. In der Kapelle stehen sie dann, schauen seitlich auf eine kleine Maria, die etwas verdreht in den Himmel blickt und die Hände ringt. Mariana hat das erste Mal gesagt, als sie sie sah: „Die hat Aua.“ Mama hat genickt: „Ja, die hat Aua.“ Und Papa hat Mama in den Arm genommen.

 

So lebt dies kleine Dreieck eingedenk des Vierecks. Und eingedenk der anderen Menschen, die auch noch dazu gehören: Die verrenkte Maria, Michi und der Priester ohne Namen. Jeder für sich und dabei tief verbunden, weil sie alle das gleiche tun.

Das sind ihre kleinen Heiligen. Papa hat auch einen, der heißt Bob Dylan. Aber das wissen alle, daraus macht er kein Geheimnis.

 

Was ist heilig?

Hier sind es Beziehungen, die heilig gehalten werden. Zu Menschen. Die Spuren, früher ‚Reliquien’ genannt, die zu diesen Menschen führen, haben ihren festen Ort. Man kann sie aufsuchen, z.B. hinter der Scheuerleiste. Man kann sie wiederfinden, und dann sind auch die Menschen und die Beziehungen da.

Christen tun das z.B. im Abendmahl. Das ist vielen von ihnen heilig. Sie nehmen Brot und Wein, feiern damit, und die Beziehung ist da zu dem, der das als Summe seines ganzen Lebens am Ende verschenkt hat.

Andere fahren nach Lourdes, weil da mal jemand über Maria eine einzigartige Beziehung zu Gott gefunden hat – die suchen sie dann auf in der Hoffnung. Vielleicht inspiriert die Nähe zum zurechtgebeteten Ort zu eigener Gottesnähe.

 

Es geht ja nicht um den Käfer an sich, sondern um die Beziehung, und die kann überall entstehen.

Die kommt dann – wenn sie kommt – so an mich, dass ich meine, ich gehörte nicht mehr mir selbst, als würde ich wunderbar mitgerissen in eine andere Gegenwart. Davon erzählen alle Geschichten, die Bekehrung, Heilung und Erfahrung mit Heiligem schildern: Man gehört in bester Weise nicht mehr sich selbst und ist besessen von einer anderen Kraft, die einen fesselt und dabei frei macht.

Die Liebe kennt das auch: Ich bin ganz dein und (erst jetzt) ganz ich selbst.

Das ist auch die Geschichte Jesu: Er ist eingenommen von Liebe. Und dass er in der Liebe nicht sich gehört, sondern hingegeben an Gott und Menschen lebt – das fasziniert.

Dies Erlebnis hatte manche, die ‚heilig’ genannt werden – und es haben ganz viele normale Leute auch. Und darum sind sie auch Heilige. Darum spricht die Kirche von der ‚Gemeinschaft der Heiligen’, das sind im Grunde alle, ‚die es erwischt’ hat mit dem Glauben.

 

Wenn von solchen Begegnungen erzählt wird, entstehen heilige Orte, Riten und heilige Zeiten, z.B. zu Allerheiligen, wo Menschen an Menschen denken, die auch für etwas Großes aufgingen, die ‚Heiligen’.

 

Die kleine Maria in der Kapelle wird nun für unsere drei immer stehen für die wache Trauer um das Verlorene. Ursprünglich hat diese Kirche vielleicht mal jemand gebaut anlässlich eines Verlustes. So erkennen Menschen sich wieder in dem, was sie im Innersten bindet, und an den Spuren, die dieser Glaube hinterlassen hat. Das ist das ‚ausgesetzte Allerheiligste’, innen und außen zu sehen, offen und geheim zugleich. Das ist heilig.

 

 

 

Thomas Hirsch-Hüffell

www.gottesdienstinstitut-nek.de