Von der Seligkeit anzukommen

In der Kirche gedenken Menschen ihrer Toten besonders an einem Tag im Jahr. Die Evangelischen nennen ihn Ewigkeits- oder Totensonntag, die Katholischen Allerseelen. Die Namen der Toten des letzten Jahres sind zu hören. Man betet für sie. Trauernde fragen: Wo bist du, Toter?

 

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Gemälde: Ausschnitt aus „Der Aufstieg in das himmlische Paradies“ von Hieronymus Bosch, um 1500/1504.

 

Bosch-Engel

Ewigkeit. Mit diesem Wort meint die Theologie (anders als die Alltagssprache) keine Verlängerung des Lebens nach dem Tod. Es geht nicht alles weiter, auch nicht im veränderten Zustand. Ewigkeit ist der lichte Augenblick mitten in deinem Leben. Du bist nirgends sicher vor solchen Momenten. Das Kind, das zum ersten Mal seinen Namen schreibt. Das Blaue im Waldteich in der Dämmerung. Das Rauschen, das
dich umgibt und das plötzlich wie ein ‚Ja‘ klingt. In dem einen ewigen Moment selbst brauchst du keine Erklärungen. Du bist eingetaucht in ein Licht ohne Worte. Jetzt könntest du gelassen sterben. Oder auch leben. Aber auch das erklärt sich dir erst später. Diese Momente sind nicht zu löschen, das heißt, sie sind unsterblich-ewig.
Und das macht dein Leben im Ganzen ewig. Du teilst diese Momente mit deiner
toten Großmutter und mit Goethe, sie alle hatten die auch. Deshalb spricht die
Kirche Menschen ‚ewiges Leben‘ zu. Du sollst das oft erleben, wenn irgend möglich. Dann gewöhnt sich deine Seele an diese der Zeit enthobenen Gegenwärtigkeiten
und du wirst sterbensbereiter und weiser. Die schemenhafte Figur im Gemälde von Hieronymus Bosch, die oben angekommen ist, erlebt das gerade. Dieses alte Bild
von Bosch soll auch den Ewigkeitssonntag verstehen helfen. Die Menschen, die von ihren Visionen aus der Nähe des Sterbens berichten, erzählen, sie hätten Licht gesehen. Das Licht war nicht gegenständlich wie eine Lampe oder die Sonne, sondern es war, als käme es von außen und von innen gleichzeitig, aus allen Richtungen. Diese Bilder sind merkwürdig, weil sie an der Grenze des Lebens entstehen. Menschen sagen dann: „Das kommt mir von woanders her, das habe ich mir nicht ausgedacht.“ Christen sagen: „Das ist für mich Gottes Gegenwart.“ Diese Bilder ähneln in eigentümlicher Weise alten Offenbarungsvisionen, die sagen, Gott werde nicht mehr woanders sein, nicht mehr im Himmel oder da oder dort, sondern er wird so sein, dass man ihn ‚alles in allem‘ weiß – ohne Fragen. Du bist in Gott und Gott in dir, und das ist ununterscheidbar eins. Das ist im Grunde die Sprache von Liebenden. Was Menschen aus ihren Nahtoderfahrungen berichten, ist vielleicht dasselbe, was wir – sehr kurz – mitten im Leben im hellen Moment erleben. Nur ausführlicher, totaler.

Hieronymus Bosch malt den Weg eines Menschen in vier verschiedenen Zuständen. Oder er malt vier Menschen in je anderen Zuständen. Das ist gleichgültig. Links unten ist ein Mensch zu sehen, der von zwei Engeln geführt wird. Einer hält ihm die Hand in den Rücken, und ein anderer zieht ihn, ohne ihn zu berühren. Vielleicht war dieser Engel schon bei der Geburt da, vielleicht hat er uns schon umgeben im Mutterleib, als sich schemenhaft die Sinne für das andere Leben bildeten. Vielleicht haben wir ihn dann vergessen. Aber man ahnt: Der ist da, auch jetzt. Ich werde gehalten und nach vorn ins Licht gelockt.

Rechts am Bildrand, wo die Figur noch im Dunkel schwebt, sehen wir eine andere Haltung. Sie ist gerichteter, der Körper etwas entspannter, die Augen sehen etwas. Die Hände haben sich geöffnet – so wie sich Hände öffnen, wenn sie etwas Unglaubliches sehen, und zwar das erste Mal. Diese Figur hängt noch im Dunkel, aber hat schon gesehen, wo es hingeht. Das ist etwas anderes, als sich im Dunkel führen zu lassen. Sie sieht eine Richtung und das Ende des Tunnels. Es braucht keinen Engel mehr vorne, vor der Figur, der zieht. Es braucht nur noch einen, der hinten sanft verhindert, dass die Figur zurückfällt.

Am Eingang des Tunnels die dritte Figur: Die Hände sind geschlossen. Die Figur scheint schon in einen wunderbaren Bann geraten, aus dem sie nicht wieder herausmuss. Beschienen, dem Ziel nahe, geleitet von einem Engel, der heller erscheint als die anderen zwei, selbst beschienen. Dicht dabei und gleichauf. Dieser Mensch geht nicht mehr wirklich entgegen, sondern dieser Mensch ist schon fast angekommen. Er ist schon mehr in der Sphäre Gottes als in der Sphäre des Todes.

Ganz am Schluss sehen wir oben die Figur im Licht. Sie braucht keinen Engel mehr, sie ist angekommen. Sie ist fast durchsichtig. Und sie muss nichts mehr. Es ist überhaupt nichts mehr von Bedeutung, außer angekommen zu sein – im Licht, bei Gott. All diese Zustände sind möglich mitten im Leben und zum Beispiel auch in der Trauer.

Wir werden aus der Not und der Spannung in ein anderes Schauen geführt. Es gilt ebenso in der Nähe einer großen Liebe. Das Staunen – dieser leise, aber starke Bann. Die Seligkeit anzukommen. Vielleicht auch die Reife, die Fähigkeit loszulassen und eines zu suchen statt vieles. Die Bilder können auch den Weg aus dem Mutterschoß ins Leben beschreiben, dann die satte Trance nach dem Stillen, die Einheit und Heimat, die wir kennen und immer wieder suchen. Sie können den Weg aus dem Leben zeigen – von dem wir nichts wissen und doch irgendwie alles. Weil wir jetzt schon ständig im ewigen Moment leben.

Thomas Hirsch-Hüffell, Pastor (gottesdienst institut der Nordkirche)

(veröffentlicht in: Andere Zeiten – Magazin zum Kirchenjahr 3/2013)