Vom Unsinn der späten Zulassung zum Abendmahl

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Beobachtungen zur Zulassung zum Abendmahl

(Kinderabendmahl ja oder nein)

Als ich kürzlich in Nordelbien in einer Stadtgemeinde während eines Seminars zum Abendmahl fragte, welche Rolle es in der Gemeinde spiele, antwortete die junge Pastorin, es finde monatlich statt. Mit etwas Stolz fügte sie hinzu: Die Konfirmanden würden noch wie früher darauf vorbereitet und erhielten ihr erstes Mahl bei der Konfirmation. Ein älterer Kirchenvorsteher berichtete mit Rührung in der Stimme von seinem ersten Abendmahl bei der Konfirmation vor 40 Jahren, eine Frau in den 50ern erzählte auch von solch einer Situation vor fast 30 Jahren – aber sie habe dabei gar nichts empfunden und nur mit der klebrigen Oblate am Gaumen gerungen. Beide feierten an dem Abend das Mahl das erste Mal seit der Konfirmation.

 

These:

Wenn wir wollen, dass das Abendmahl von Menschen gern und unverkrampft selbstverständlich gefeiert wird, können wir nicht erst pubertierende Menschen zulassen. 50-60% der Konfirmierten nimmt es dann einmal und nie wieder und hat anschließend keinerlei religiöse Praxis mehr, die sie prägen könnte. Man hört die älteren KirchenvorsteherInnen, wie sie reden: „Ja, damals gab’s Abendmahl erst bei der Konfirmation“, aber das war’s dann: 40 Jahre suchten und fanden sie nichts mehr zu essen in der Kirche. Einmal (vielleicht) der heilige Schauer, dann ein halbes Leben Pause. Soll das der beispielgebende Weg für religiöse und gottesdienstliche Eingewöhnung sein?

Beginnt man mit den Kindern, und ist es denen selbstverständlich dahin zu gehen, hat man eine frühe Prägung geschaffen, die später vielleicht unterbrochen wird, aber viel tiefer in der Person angesiedelt ist, als wenn sie erst mit 14 (und dann evtl. auch nur für 1mal) einsetzt. Mir wird diese Vorliebe zum Aufschub des Mahls mit dem Effekt der Erwachsenen-Gratifikation immer rätselhafter. Ich kann sie nicht mehr ernst nehmen.

Ich vermute aus der Erfahrung von fast 10 Jahren überregionaler Arbeit am Gottesdienst: das ganze ist ein Spiegel der Kirche, die mit dem Abendmahl wenig anfangen kann und dann auch damit nicht anfangen will bei den kleinen Menschen. Sie wartet aus eigener Unsicherheit, „bis sich die Jugendlichen selbst entscheiden können“ – sie redet und handelt damit so, wie viele säkulare Eltern, die selbst indifferent sind bzgl. der religiösen Erziehung. Die Kirche weiß nicht, ob sie ihren (kleinen) Menschen das Abendmahl zumuten oder empfehlen kann, weil die Großen im Umgang damit selbst mehrheitlich unklar sind. Das heißt, sie weiß selbst nicht, was es wert ist.

Nur wenigen Gemeinden in Nordelbien ist es selbstverständlich, das Abendmahl wöchentlich und mit Kindern zu feiern. Die Mehrzahl steht diesem elementaren Teil des christlichen Gottesdienstes fremd gegenüber, auch viele Hauptamtliche. Die Kirchentage haben andere Feierformen und einen lebendigen Umgang damit gezeigt, aber zuhause regieren oft noch Bedrückung und Unkenntnis. Wichtige theologische Fragen sind nicht besprochen (‚Was esse ich da eigentlich?’ – ‚Geht es hier um Tod, Opfer oder um ein Lebensmittel?’ usw). Auch die Frage, wie man ‚würdig’ und heiter zugleich zum Abendmahl gehen kann, wartet auf Antwort. Kaum jemand fragt die, die kommen, was sie dabei empfinden und warum. Längst ist auch klar, dass Frauen und Männer da unterschiedlich reagieren – vor Ort wissen nur wenige, in welcher Weise, weil sie nicht fragen.

Es ist erstaunlich, wie selbstverständlich die Argumentation der späten Zulassung absieht von jeglicher Mission und wie wenig die Gemeinde ihren eigenen Ritus liebt – mit der Folge, dass sie ihn den Nachwachsenden vorenthält.

Alles, was wir lieben, auch religiös, das geben wir schon den Kleinen weiter, sogar kafkaeske Texte wie die Sintflut – nur das Abendmahl nicht.

 

Thomas Hirsch-Hüffell