Überlegungen zur Fürbitte

 

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Man denkt an andere, die es brauchen und bittet Gott, für sie da zu sein.

Ob Gott diese Erinnerung braucht?

Ich glaube, wir brauchen das, wir adressieren unsere Ohnmacht himmelwärts, wir sagen: da sind wir am Ende, das können wir nicht – und nun mach Du, Gott. Und wir beziehen uns auf Gottes Welt, indem wir sie ihm als verwundete Schöpfung zeigen und damit uns als Schöpfungs-Bezogene. Diese Geste ist die wesentlichste, die ein Christ geben kann: Sich selbst im Bitten als abhängig und bezogen darzustellen. Sich als Kind Gottes zu erleben, dass bei voller Lebenskraft zugleich angewiesen bleibt. Mehr geht nicht, denn Stärke und Demut geben sich hier fein paradox einträchtig.

 

Im Gottesdienst erlebe ich Fürbitte als kollektiv verordnetes Ritual – wie alle liturgischen Stücke, die mich in homöopathischen Dosen immer wieder in wesentliche Christen-Gesten einführen: hören, mitsprechen, aktiv ohnmächtig sein.

Dies Ritual vollzieht meist die bezahlte Leitung im Gottesdienst – vielleicht ergänzt durch Ehrenamtliche. Die Fürbitte geschieht vorn am Altar, von da startet das Flehen aufwärts, Menschen schieben ihre Bitten auf die Startrampe, wir schauen und hören von hinten zu, stützen von dort aus. Oder lassen beten und dämmern – auch das ist erlaubt. Man kann und muss nicht immer in allem präsent sein. In manchen Kirchen wird auch aus den Reihen gebetet, vorformuliert oder frei. Der ganze Raum wird dadurch ‚Altar’, zu deutsch ‚hoher Ort, erhöht in der Zelebration der Gottes-Bezogenheit der eigenen kleinen Kraft.

Soweit so gut.
Höre ich dem Wortlaut der Fürbitte zu, so erlebe ich:

Jemand bittet für andere, zb für die Politiker. Das ist nötig und sinnvoll. „Gott, wir bitten Dich für die Politiker in diesem Land!“ Man nimmt die Geste der Bitte wahr, die den eigenen Einfluss auf die Welt relativiert und Gott anheim stellt zu wirken. Das reicht aber offenbar nicht, denn es folgt ein Zusatz: „Lass sie in Besonnenheit und ohne Eitelkeit regieren, damit unsere Umwelt frei wird von Schadstoffen und Verwüstung.“ Aha. Die Geste der Selbst-Begrenzung im Bitten ist zu Ende, es folgen Tipps. Ich, Beterin, weiß, wie es besser ginge. Ich gebe dem Himmel einen kleinen Hinweis: „Besonnenheit“ zum Beispiel. Politiker sollen also besonnen sein. Warum eigentlich, denke ich? Auf den ersten Blick scheint es einzuleuchten, besonnen ist immer gut. Aber ich wünsche mir manchmal Politiker, die ihrem Herz folgen, mal ausrasten und sagen, was sie wirklich denken. Wer weiß, was so eine Handlung bewirken würde?

Man merkt: Je konkreter jemand Gott Vorschläge macht, desto schräger wird’s. Das ist der Unterschied von Wünschen und Empfehlen oder gar Fordern. Ich kann wünschen, Gott stehe uns und den politics bei. Ich kann Gott empfehlen, sie besonnen handeln zu lassen. Das ist aber etwas anderes. Ein feiner Grat, aber eine ganz andere Geste: Man könnte sie böswillig Besserwisserei nennen. Jedenfalls ist sie fast das Gegenteil des ergebnisoffenen Wünschens: Ich weiß, wie es sein sollte – und das ist das Gegenteil von Ohn-Macht.

Beten lebt aber davon, dass ich nicht schon weiß wie es sein müsste. An der Grenze meines Wissens und Könnens flehe ich, das ist die Ur-Geste. Wenn ich es besser weiß, kann ich das predigen, aber nicht ins Gebet legen. Daher der Eindruck, manche Fürbitte sei gar kein Gebet, sondern appelliere heimlich. „Lass uns begreifen, dass wir die Welt nicht länger mit unseren Abgasen und Maschinen knebeln dürfen!“ – das ist klassischer Appell, verpackt in den Gestus des Betens. Richtet sich nicht lauter an den Himmel, sondern will der Gemeinde nebenabsichtlich noch eins mitgeben. Der selbstvergessen-flehentliche Wunsch würde vielleicht lauten: „Gott, wir wissen nicht, was wir tun sollen. Wir fahren so gern Auto, aber wir ahnen die Folgen. Hilf uns, zeig uns, was recht ist – wir bitten dich.“ Also die eigenen Ansichten zum Problem zurückstellen, das wäre die Askese der Betenden. Offen bleiben für Gottes Absichten. Nicht immer schon alles wissen. Das ist die Gebets-Übung. Wünschen, nicht fordern. Fordern weiß, was recht ist. Wünschen weiß nicht, was kommt.

 

Daraus leitet sich eine Empfehlung für die Praxis der Fürbitte im Gottesdienst ab:

Wer diesen Teil leitet, lenkt die Aufmerksamkeit aller mit den eigenen Worten lediglich auf eine Problemzone. Z.B.:

„Gott, wir bitten dich für die Opfer des Zugunglücks und alle Angehörigen.“

Danach: 10 Sekunden STILLE.

Dann: „Gott, wir bitten Dich für die kranken Kinder in unserer Gemeinde.“

10 Sekunden STILLE.

Usw –

Wer das Beten anleitet, steht auf dem Altar bzw nach vorn ausgerichtet und betet mit – entweder vorn oder an der Seite der Gemeinde.

5 bestimmte Felder benennen und zum Gebet der Gemeinde freigeben, mehr nicht. (Man muss nicht immer alles erwähnen. Es gibt ja noch mehr Sonntage, da kann man für andere(s) beten.) In der Stille hat jedeR eigene Gedanken und Bitten. So gibt die Liturgin vor, wohin wir uns betend ausrichten können, und wir füllen die Stille mit unseren Anliegen – oder dämmern und warten, dass etwas aufgerufen wird, das uns bewegt. Oder beten, was wir wollen.

Auf diese Weise wird die Fürbitte der Gemeinde anvertraut, und LiturgIn macht nicht alles selber. Der Gestus, die Nöte der Welt Gott anheim zu stellen, spiegelt sich im liturgischen Gestus, nicht alle Bitten selbst auszuformulieren, sondern sie der Stille und der Bet-Kraft aller zu übergeben.

Die ausformulierten Fürbitten von vorn hängen nämlich die Gemeinde oft ab. Sie sitzt und ‚lässt beten’ statt auch selbst mit einzusteigen. Sie kriegt einfach keine Zeit zum Selberbeten eingeräumt.

 

Fürbitte mit Gebets-Stille (auch ohne) erlebe ich als Teil der Gemeinde gern im Sitzen, nicht im Stehen. Muss ich stehen, so erwartet mein Körper mehr das Ende der Veranstaltung und ich bin mit meinem Kreislauf beschäftigt. Wenn kollektiv gesprochen wird (Credo, Vaterunser), dann stehe ich gern, aber ich bete sonst auch nicht still im Stehen und empfinde diese Praxis des Stehens bei der Fürbitte als Zumutung. Es wirkt auf mich wie eine künstliche Disziplinierung. Stehen will Achtung erzeugen. Beten erfordert nicht nur Achtung.

Manche Gemeinden geben die Haltung des Betens (und nur da) ganz frei. So kann die Gemeinde es für diesen Teil halten wie sie es will. Einige stehen, andere sitzen oder knien, wo das möglich ist. Auch das kann ein schönes Bild für Vielfalt in Eintracht sein.

 

Wenn das Vaterunser die Bitten beschließt, so sagen Sie doch einfach: „Wir beten mit den Worten Jesu.“ (Der gedrechselte Eingang, den man sonst hört, wirkt seltsam belehrend, wenn man ihn immer wieder hört: „beten wir mit den Worten, die uns Jesus Christus zu beten gelehrt hat …“).

 

Versuchen Sie es mal mit solcher Stille, es kann erstaunlich dicht werden. Es entlastet die Rolle der Liturgen und stärkt das Gebet der Gemeinde.

 

Thomas Hirsch-Hüffell

8.2010