Überlegungen zu Gottesdiensten mit Menschen mit Demenz

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Umgang mit Störungen:

Die Störung ist der Kontakt. Noch mal intensiver als im Brecht’schen Theater. Eigentlich kommen gute Impulse aus dem Improvisations-theater.

Grundlegend ist Gottesdienst anders. Verkündigung ist: Kontakt in dem das Gegenüber Empathie und Geborgenheit spüren kann.

Für uns, die wir in diesen anderen Kosmos kommen: Verlangsamung ist nötig. Eine Freundin von mir hat mal das Bild vom Aquarium geprägt. Ist schwierig, der Vergleich mit den Tieren, aber die Taucherinnen-Haltung finde ich spannend.

Atmen ist wichtig.

Ein Musiktherapeut, Jan Sonntag, der viel mit demenziell Erkrankten arbeitet, hat das so beschrieben: Er spielt Musik und singt für alle. Weitwinkel Perspektive. Dann „zoomt“ er – geht in einen einzelnen Kontakt, gibt wieder frei, geht zurück in die Weitwinkel Perspektive…

Ich kenne das aus dem normalen Gottesdienst wenig bei den Texten, aber in der Predigt finde ich das normal und in der Liturgie erlebe ich das energetisch in der Gemeinde auch immer (Wechsel von Weitwinkel zu Zoom)

Eine Beobachtung: In der Regel sind die KollegInnen im Heim total glücklich, die sich auch gerne mal auf Extreme einlassen mögen, die selber finden, dass das leben mit extremen viel normaler ist, als immer genormt und artig zu sein.

Also: Man kann viele Seiten, die wir sonst nicht so anschwingen lassen ermutigt zum Einsatz bringen.

Je besser man die Menschen kennt, desto eher kann man mit Mitteln der Biographiearbeit in kurzen Kontakten auf sie eingehen, man kann gut Pflegekräfte fragen, ob man jemandem zu nahe gekommen ist oder nicht, wenn man damit am Ende unsicher zurück bleibt.

Körperkontakt:

Viele KollegInnen machen das – zum Beispiel, wenn jemand einschläft beim Abendmahl: Wecken, sanft an der Schulter – eher Schulter als Hand (wegen der anderen Berührungsqualität). Wenn jemand nicht aufwacht, geht auch gut: Einen Segen sprechen.

Salbung:

Machen viele. Andere nicht. Die Skeptiker sagen: Viele der Altgewordenen kennen das nicht von früher, aber sie kennen diese Berührungsqualität aus der Pflege. Die Befürworter betonen die Intensität des gestalteten Augenblicks. Vermutlich ist die eigene Haltung entscheidend.

Abendmahl:

Essen – und Essen angereicht bekommen – spielt so eine große Rolle und trägt so viel als Symbol mit sich. Auch Pflegekräfte merken das anders als bei Salbung und halten dann auf einmal den Gottesdienstraum mit offen für das Heilige. Finde ich großartig. Manche KollegInnen beteiligen Pflegekräfte bei der Austeilung. Man kann sie dafür auch segnen und senden.

Musik:

Wechsel von Volksmusik und alten Liedern („Großer Gott, wir loben dich“) machen viele – das ist ja ein bißchen wie bei DJ´s die neu mischen: Best off´s und Elektrotöne und dann erreicht es Menschen! erstaunlich. Ich bin da eher traditionell…

Regel:

Nie infantilisieren! Da die richtige Grenze finden ist schwierig, ist es bei Kindern ja aber auch. Üben üben. Ich glaube wesentlich hilft: Selber über die Ängste vor Hilflosigkeit nachdenken! Und über das, was wir als wertschätzend gegenüber anderen Menschen wichtig finden.

Die Hospizpflegekräfte zum Beispiel fragen oft: „Was darf ich Ihnen heute Gutes tun?“ Oder: „Haben Sie einen Wunsch?“ Oder: „Ich bin für sie da, darf ich Ihnen das Gesicht frisch machen?“

Und schon geht Anderes, als wenn jemand sagt: „Frau Meier, jetzt putzen wir Zähne“ – obwohl die Ankündigung dessen, was kommt ja schon gut ist.

Immer wieder: Zeit.

Bis die Aktion, die ich vorhabe oder mache, an der anderen Seite angekommen ist, da kann sich die Erde ja schon wieder weiter gedreht haben. Kann ich lernen, die Fäden so lange zu halten – und dann, wenn eine Reaktion kommt, freundlich wieder in den Kontakt gehen oder habe ich dann mein Kontaktangebot schon wieder vergessen.

Wir gehen als LiturgInnen auf die Spur von Gottes Treue und Zeitlosigkeit. Eine Herausforderung! Vor allem für getaktete PastorInnen.

Ich mache im Hospiz immer als Übung einen Weg durch den Zeittunnel, versuche mich beim Betreten auf die andere Zeit einzustellen.

Kleine Übungen: Wegwahrnehmung, Atem, Schritte setzen, Dankgebet oder Stoßgebet, die Tür öffnen und Schwelle beschreiten als ein Symbolakt. Manchmal hilft das.

Kolleginnen im Heim, die oft den Gottesdienstraum erst noch bauen müssen, ziehen sehr bewußt den Talar an, zünden die Kerzen an, bauen ggf mit den Bewohnerinnen zusammen den Altar. Manche spielen auch Glocken vom Band.