Über Kirchensall nach Bethlehem

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Friede sei mit euch – von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

 

Über Kirchensall nach Bethlehem

Der Weg von den Hürden nach Bethlehem, liebe Gemeinde muß damals, in jenen heiligen Zeiten, durchs Weinsberger Tal und Hohenlohe geführt haben. Von Amorbach durch den Wald, vorbei an Siebeneich und Rappach und dann immer gen Osten, durch Untersöllbach und Eichhof, Kleinlindig und Westernach, von wo aus es dann nicht mehr weit ist ins Heilige Land.

Auf diesem Weg nun durch Tannenwald und Weinberge, über gefrorene Felder und auf geteerten Sträßchen blieben die Hirten nicht lange allein.

Und die liebe Gemeinde möge es mir glauben, so unglaublich es klingt – aber es ist ja Weihnachten und da glaubt man viel! Die liebe Gemeinde möge mir also glauben – ich hab´s mit eigenen Augen gesehen:

Mit den Hirten gingen Igor, der Totengräber, und jene Frau mit dem bestickten Kopftuch, die mir an einem hellen Sommertag bei einem Geburtstagsbesuch von den dunklen sibirischen Wäldern erzählt hatte, vom toten Sohn der russischen Nachbarin und vom Fluch der deutschen Sprache.

Es gingen mit ein altes Ehepaar aus Siebenbürgen – mit einer großen Tasche voll Äpfel und Wein. Es ging mit eine Gruppe von Konfirmandinnen in viel zu dünnen Jacken für den eisigen Tag, und es ging mit der Kinderbuchautor Otfried Preussler, der mir dann und wann seine Brille lieh, wenn ich im Schneeregen nicht mehr so genau sah.

Ganz kurz, liebe Gemeinde, habe ich sogar gemeint, den Schäfer Heinrich zu erkennen, den aus dem Fernsehen – aber ich kann es nicht beschwören. Nur so viel kann ich sagen: wenn er es wirklich war, dann hat auf dem Weg zwischen Buchhorn und Kirchensall, auf dem Weg Richtung Bethlehem keiner ihn mitleidig angeschaut und noch mehr: keiner hat auch nur einen Euro mit ihm verdient.

Gesungen hat er jedenfalls nicht, der Schäfer Heinrich oder wer auch immer es war.

Ganz im Gegensatz zu Ihnen, liebe Gemeinde, die Sie jetzt, während Ihre Predigerin sich verschnauft, die 1. und 2.Strophe zu singen haben – vom Lied 73 aus dem blauen Liederbüchlein.

 

Die zerbrochene Zuckerdose und andere Fundstückerln

Es war neblig und grau und trüb. So dass ich gar nicht mehr sagen könnte, ob es Tag oder Nacht war auf dem Weg von den Hürden nach Bethlehem. Dämmerzeit muß es wohl gewesen sein und immerhin hörte man von weitem das Rauschen der Autobahn, auf der wohl noch die letzten Weihnachtsgänse und Christbaumkugeln transportiert wurden und die, die eine Familie in der Ferne hatten, durch die Zeit rasten Richtung Heilig Abend und Christfest.

Wir dagegen, liebe Gemeinde, die Hirten, Igor, die Konfirmandinnen, ich und die anderen, wir gingen eher langsam, so dass auch die Gebeugten unter uns und die mit den steifer werdenden Gelenken oder unpraktischen Stöckelschuhen noch mitkamen.

Und irgendwo auf einem Feld, ich meine, es war zwischen Steinsfürtle und Döttenweiler – da begann es: dass uns nämlich unsere eigenen Geschichten begegneten.

Wir kamen vorbei an gar nicht wenigen Gräbern, und an einem Apfelbaum, der bedeckt war mit Blüten aus Schnee.

In den Zweigen des Schlehengebüschs hing ein ganzes Büschel ausgefallener Haare und ein Röntgenbild, auf dem man die Metastasen in den Knochen erkennen konnte.

Eine von uns, ich glaube, sie hieß Marie, fand im Straßengraben eine Zuckerdose – und sieh da: es war eben jene Zuckerdose aus eben jenem Münchner Café, über der einer die Marie geküsst hatte – so hingebungsvoll und leidenschaftlich, dass sie meinte, die Liebe würde nie zu Ende gehen. Aber sie war eben doch zu Ende gegangen, die Liebe, wie das so zugeht in der Welt, liebe Gemeinde. Und wem es just passieret / dem bricht das Herz entzwei. Und so hatte auch die Zuckerdose einen Sprung mitten hindurch und die Marie weinte sehr, als sie sie fand. Aber mitgenommen hat sie sie doch Richtung Bethlehem und Stall und Jesuskind.

Und wenn nun die liebe Gemeinde meint, dass sie, dort angekommen, wieder ganz geworden ist, die Zuckerdose, wie es ja doch zu erwarten wäre in jenen heiligen Zeiten an jenen heiligen Orten ostwärts von Löschenhirschbach – dann muß ich sie leider jetzt schon enttäuschen, die liebe Gemeinde: denn die Zuckerdose aus dem Münchner Café hat sich durch kein Wunder mehr zusammenkleben lassen.

Aber immerhin das Herz von der Marie, soviel sei verraten, das ist doch später wieder so ungefähr verheilt – irgendwo hinter Grünbühl hat es zumindest aufgehört zu bluten, auch wenn man heute noch die Narben sieht.

Und noch viele andere Fundstückerl sind uns begegnet auf den gefrorenen Äckern bei Füßbach und in den kleinen Waldflecken bei Mangoldsall – schöne und hässliche, große und kleine, solche zum Lachen und solche zum Weinen.

Aber ich muß die liebe Gemeinde bitten, sich selber dann und wann von diesen Fundstückerln zu erzählen – denn zu lang würde sonst die Geschichte werden und die Predigtuhr oben an der Orgel würde wüst zu schrillen beginnen – und das störte doch sehr den Weihnachtsfrieden, wegen dem wir heute gekommen sind, nicht wahr.

Lieber singen wir die 3. Und 4. Strophe von jenem Lied Nr. 73.

 

Weihnachtsgelächter

Als nächstes lichtete sich der Nebel und die Luft wurde immer klarer und eisiger – so dass man mit einem Male weit sehen konnte – bis hinüber nach Schwäbisch Hall und St. Petersburg, bis Ilshofen und Jerusalem – und wirklich und wahrhaftig bis nach Bethlehem. Die Sterne sind meine Zeugen!

Das Paar aus Siebenbürgen öffnete zur Feier des Augenblicks eine der mitgebrachten Flaschen und die ganze biblisch-irdische Wandergesellschaft nahm einen kräftigen Schluck von dem süßen, goldfarbenen Wein, der nach Sommer schmeckte und nach Heimat, nach Ostern und Abendmahl und irgendwie dann doch auch nach Weihnachten – aber mehr so hinterdrein.

Und dann, dann hörten wir es – leise erst, wie eine ferne Musik – und dann immer klarer und schöner, je näher wir dem Stall kamen.

Nur was war es? Wir schritten kräftiger aus – ganz einfach ging das mit einem Mal trotz Arthritis und Stöckelschuh.

Und da erkannten wir es: das war kein Gesang und auch kein Glockenklang, keine Harfen und Posaunen und auch keine E-Gitarre, von einem Keyboard oder gar einer Orgel ganz zu schweigen.

Nein, das, was wir da hörten, das, was die Luft über dem Stall erfüllte, und uns warm anhauchte – das war ein großes, helles Lachen.

Kein Zweifel: die Engel Gottes in himmlischem Gelächter.

Einige von uns schüttelten den Kopf und wollten empört auf dem Absatz kehrt machen – denn Bethlehem und den Stall hatten sie sich doch anders vorgestellt – stiller und feierlicher und irgendwie gediegener.

Aber dann blieben sie doch stehen und hörten zwischen all dem Gelächter noch einmal die Worte der Engel, die tausendmal gelesenen, die tausendmal gesprochenen: Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird – denn euch ist heute der Heiland geboren!

Und tatsächlich – da stehen wir nun an der Krippe in Bethlehem, gleich hinter Westernach und nicht weit von Mäusdorf und Vogelsberg und Bienenhof. Da stehen wir nun an der Krippe, die Hirten, die Könige, Igor und die Frau mit dem bestickten Kopftuch, die Konfirmandinnen und das alte Ehepaar und Marie und ich und all die andern– und wir lachen, bis uns die Tränen in die Augen steigen.

Jeder von uns lacht sein eigenes Lachen – nicht himmelsleicht wie das der Engel klingt es, sondern eher recht erdenschwer und man hört den Schmerz, der uns in der Kehle sitzt – aber ein Lachen ist es doch. Und gemeinsam mit dem Kind in der Krippe lachen wir dem Tod und der Traurigkeit und der Gottverlassenheit ins Gesicht.

Und all die Zuckerdosen und Röntgenbilder, die Gräber und die Apfelbäume – sie haben einen Platz hier im Stall, hier, nah bei der Krippe.

Dichtgedrängt stehen wir da, wir Menschenkinder alle mit unseren Geschichten, und mitten unter den Menschenkindern stehe auch ich und stehst auch du. Schwestern und Brüder des göttlichen Kindes, Königinnen und Könige an diesem Tag, gekrönt von der Freude, bebend vor Weihnachtslachen.

Und die liebe Gemeinde möge es mir glauben, so unglaublich es klingt – aber es ist ja Weihnachten und da glaubt man viel! Die liebe Gemeinde möge mir also glauben – ich hab´s mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört. Ja, ich hab´s mit eigenem Herzen gefühlt – so unglaublich es klingt.