Traditions-Gottesdienst

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Klassik und Moderne – die Mischung macht´s
Zum Gottesdienstverständnis der Kirchengemeinde Ottensen

 

Abschlußarbeit zur Fortbildung „Gottesdienst“ des Gottesdienstinstituts Nordelbien.

Vorgelegt im Juni 2009 von Michael Rose, Pastor an der Kirchengemeinde Ottensen

Die Fragen, vor die ich mich anläßlich dieses Abschlußberichts gestellt sehe, lautet: „Warum funktioniert der Gottesdienst in eurer Gemeinde?“ Und: „Gibt es Schaltstellen im Verlauf des Gottesdienstes, die dafür verantwortlich sind?“

Um mich einer Antwort zu nähern, werde ich zunächst das Umfeld des Gottesdienstes beschreiben – Gemeinde, Wohnbevölkerung, Kirchraum. In einem zweiten Schritt werde ich eine Analyse des Gottesdienstes, seines liturgischen Ablaufs und der gegenüber Agende I, bzw. dem Gottesdienstbuch vorgenommenen Veränderungen vorlegen. In einem dritten Teil versuche ich eine Interpretation der vorhergehenden Beschreibung.

I. Gemeindesituation

1. Der Ortsteil

Ottensen ist ein Stadtteil Hamburgs, zwischen Elbufer und Bahnhof Altona im Westen Hamburgs gelegen. Dieser Stadtteil hat sich im Verlauf der letzten (schätzungsweise) dreißig Jahre erheblich verändert. Ehemals Armeleuteviertel von Hafenarbeitern und Fischern bewohnt, wurde es durch gezielte Stadtentwicklungsmaßnahmen zu einem der renommiertesten Wohnorte Hamburgs. Die Altbauwohnungen zogen jüngeres Publikum an und es siedelten sich gut situierte und akademisch gebildete Singles und Familien an. Diese Menschen gehören vorwiegend der gehobenen Mittelschicht an (Architekten, Werbeleute, Designer). Man ist belesen, gebildet, neubürgerlich werteorientiert (offen und tolerant, solange die eigenen Grenzen nicht wirklich berührt werden, ökologisch, in Maßen esoterisch-buddhistisch, selbstbewußt). Zur Gemeinde zu gehören hat unter diesen Menschen einen gewissen Charme, einen Schick. Von der ablehnenden Haltung gegenüber „Kirche“, wie es die vielleicht noch für die vorausgehende Generation angesagte Haltung gewesen sein mag, ist nichts zu spüren.

In ganz Ottensen leben heute rund 30.000 Menschen, davon etwa 8.000 Evangelische Kirchenmitglieder in verschiedenen Kirchengemeinden. Zur Gemeinde selbst gehören (nach der Fusion mit der benachbarten Osterkirchengemeinde 2007) 5.100 Gemeindeglieder.

 

2. Die Gemeinde

Das Bild der gottesdienstlichen Gemeinde ist durchweg geprägt durch Menschen zwischen 30 und 55 – man zählt durchschnittlich 110 Gottesdienstbesucher (Zählung aus 2006). Die Gemeinde hält sich zugute, eine kinderfreundliche zu sein, im GD wird eine Malecke neben dem Taufstein eingerichtet. Sonntags kommen die Familien mit den Kindern, einmal monatlich gibt es einen GD für „Große und Kleine“. Aber auch dieser GD hält sich in den wesentlichen Zügen an den normalen liturgischen Ablauf – nur im Verkündigungsteil wird speziell auf die Kinder eingegangen.

 

3. Der Kirchbau

Die Christianskirche ist ein nordischer Barockbau aus dem ersten Drittel des 18. Jahrhunderts. Ein heller Raum mit Sternenhimmel, einem ehemaligen Kanzelaltar, wobei die Kanzel schon vor langer Zeit aus dem Altar selbst herausgenommen und nebengestellt wurde. Der Raum ist hell und klar strukturiert und vermittelt eine freundliche Atmosphäre. Die Sitzreihen sind zum Altar im Osten der Kirche ausgerichtet. Im hinteren Teil des Kirchraums sind Sitzbänke entfernt, dort trifft man sich nach dem GD zum Kirchenkaffee.


4. Der Gottesdienst

Der gegenwärtig gefeierte Gottesdienst zeigt eine Entwicklung auf, die Mitte der 90ger Jahre mit einem personellen Wechsel im Pfarramt und beim Kirchenmusiker begann. Drei neue Profis entschieden sich für und entwickelten sukzessive eine Liturgie, die offensichtlich den Nerv der Leute und den Zeitgeist traf. Dabei kam ein gottesdienstlicher Ablauf heraus, der eine gelungene Integration klassischer liturgischer Stücke mit modernen Elementen darstellt. Alle drei GD-Profis verstanden sich bei aller Unterschiedlichkeit der Charaktere und Arbeitsschwerpunkte im Gemeindebereich als im Gottesdienst an einem Strang ziehend. Alle drei gelten als hochprofessionell arbeitend und leistungs- und erfolgsorientiert. Dabei gilt die Besuchszahl des Gottesdienstes als Merkmal. Hinzu kam das Bestreben von Haupt- und Ehrenamtlichen, Gemeindeaufbau auf allen Ebenen zu betreiben. Der Gottesdienst bekam von daher auch den Charakter der Versammlung derer, die in verschiedensten Segmenten der Gemeinde tätig waren.

Der Gottesdienst der Christianskirche gilt gemeinhin als besonders schön, als geistlich, intellektuell und musikalisch ansprechend. Er versteht sich und wird verstanden als Zentrum des Gemeindelebens. Er wird gehalten von den Profis und ehrenamtlichen Lektoren. Eine aktive Beteiligung von Laien findet nicht statt, was nicht heißen soll, daß es immer wieder auch zur aktiven Teilnahme von Laien im GD kommt. Der Integrationscharakter, den dieser GD dennoch hat und der sicherlich sein wesentliches Charakteristikum darstellt, ist die Art und Weise, wie die Besucher als Besucher ins Geschehen hineingenommen werden. Nochmals sei deshalb vor der Analyse darauf hingewiesen, daß ein klassischer agendarischer Ablauf dergestalt mit modernen Stilmitteln, Liedern, Gebeten, verwoben wird, daß man das klassische agendarische Geschehen zunächst nicht mehr wieder erkennt. Aus diesem Grunde kommt es von Erstbesuchern immer wieder zu Kommentaren wie: „So etwas habe ich noch nie erlebt!“ „Ich kam hier herein und dachte, ich sei im Himmel!“ „Ihr seid aber katholisch!“

Gerade ein Kommentar wie der letztgenannte weist auf den festlich-sinnlichen Charakter hin, den der GD in den Augen der Gemeinde hat. Dabei – ich wiederhole mich – zeigt die Struktur keine oder nur geringe Veränderungen gegenüber dem Gottesdienstbuch auf. Die Veränderungen gegenüber dem Herkömmlichen beziehen sich zum überwiegenden Teil auf die liturgisch-musikalischen Stücke (Kyrie, Gloria, Halleluja) in den verschiedenen Bereichen des Gottesdienstes (nicht auf das Liedgut, das fast ausnahmslos dem EG entstammt); diese Art der Veränderung findet sich allerdings konsequenterweise in allen Bereichen, also im Eingangs-, Verkündigungs- und Sakramentsteil. Immer, wenn moderne musikalische Stücke in den klassischen Ablauf einfließen, scheint die Atmosphäre im Gottesdienst sich zu verdichten. Die Menschen scheinen Gefallen zu finden an musikalisch-liturgischen Elementen, die nicht althergebracht sind, sondern aus der Taizé oder Kirchentagstradition entstammen.

 

 

Es folgt der Ablauf des Gottesdienstes im Überblick:


II. Ablauf des Gottesdienstes
Teil A: Eröffnung und Anrufung

 

  • Glocken
  • Einzug der Liturgen (Gemeinde bleibt sitzen)
  • Glockenspiel der Röhrenglocken
  • Eingangslied
  • Begrüßung der Gemeinde
  • Eingangsgebet im Wechsel* („Irisches Morgengebet“)

 

* Eingangsgebet

 

Ich lege an die Kraft des Himmels,

das Licht der aufgehenden Sonne.

 

Ich lege an die Strahlen des Mondes

den Glanz des Feuers

 

Ich lege an die Beständigkeit der Erde,

die Härte eines Steines.

 

Ich lege an Gottes Macht als meine Stütze,

 

Gottes Weisheit als meinen Weg,

Gottes Auge als mein Sehen,

 

Gottes Ohr als mein Hören,

Gottes Wort als meine Sprache.

 

Gottes Hand als meinen Schutz,

Gottes Weg als meine Zukunft.

 

Ich bitte um deine Kraft, Gott, der mich schuf.

 

Alle: Darum preisen wir Gottes Barmherzigkeit mit unserem Lobgesang,

diesen Morgen und alle Zeit.

Amen

 

  • Gesungener Psalm (gregorianisch) mit Halleluja-Antiphon (EG 181.3)
  • Kyriegebet und Aufnahme durch Gemeinde mit EG 178.9 (orthodox)
  • Gloriagebet und Aufnahme durch die Gemeinde mit EG 272 (in den „Gottesdiensten für Große und Kleine“ hier alternativ: „Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt“
  • Kollektengebet

 

Teil B: Verkündigung und Bekenntnis

 

  • „Schweige und höre“ EG 614
  • Lesung Epistel od. AT
  • „Jubilate Deo“ EG 583
  • Evangelium – vor und nach der Lesung wird die Klangschale geschlagen
  • Credo
  • Lied vor der Predigt
  • Predigt
  • Lied nach der Predigt
  • Abkündigungen


Teil C: Abendmahl

 

  • Gabenbereitung. Die Gaben werden vom Altar auf einen Mensa-Altar gestellt. Dazu spielt die Orgel (ggf. das Klavier) ein Vorspiel zu EG 65 „Von guten Mächten“ mit der Melodie aus „Mein Liederbuch B 76“. Sind die Gaben bereitgestellt singt die Gemeinde die Strophen 5 und 6 mit Strophe 1 als Kehrvers.
  • Präfation
  • Sanctus EG 672.4
  • Vater unser
  • Einsetzung
  • Agnus dei
  • Friedensgruß
  • Austeilung
  • „Ubi caritas“ EG 624
  • Entlassung
  • Dankgebet

Teil C: Taufe

 

  • Ich verzichte auf genauere Darstellung des Ablaufs. Wichtig allerdings ist auch hier, daß es zwischen den verschiedenen Elementen der Taufe wie Lesung, Eltern- u. Patenfrage, Taufhandlung (oft werden mehrer Täuflinge getauft) zu musikalischen Unterbrechungen kommt. Unterbrochen wird der Ablauf ungeplant durch den Liturgen, der nur ansagt, daß nun wieder gesungen wird. Der Kirchenmusiker nimmt das umgehend auf.

Gesungen wird gern:

  • Alle meine Quellen entspringen in dir
  • Meine Hoffnung und meine Freude
  • Erleuchte und bewege mich
  • Take o take me as I am

 

Teil D: Sendung und Segen

 

  • Segenslied
  • Segen
  • Dreimaliges gesungenes Amen der Gemeinde
  • Auszug der Liturgen zur Musik oder Nachspiel

 

III. Interpretation

 

„Warum funktioniert euer Gottesdienst und wo liegen die Schaltstellen…?“

Monokausale Erklärungsversuche dürften scheitern. Deshalb auch die Einleitung mit Beschreibung von Gemeindesituation und Stadtteil.

Die jungbürgerliche und akademisch ausgebildete Bevölkerung, die einen großen Teil der Gemeinde stellt, ist sicherlich ein wesentlicher Faktor des Erfolges. Die Menschen sind in vielerlei Hinsicht ansprechbar: Kulturprogramm, hohes Ethos der Professionalität, Familien- und Kinderkompatibilität, niveauvolle Predigten. Man legt Wert darauf, als Individuum wahrgenommen zu werden, in seinem Sosein sich tolerant dem Sosein des Anderen zu nähern. Und im Gottesdienst trifft man auf Gleichgesinnte. Man ist gebildet und kommt aus „heilen“ Verhältnissen. Man ist prinzipiell dem Religiösen gegenüber aufgeschlossen, auch – aber eben nicht allein – dem Christlich-kirchlichen. Und man ist deshalb auf der Suche nach Antworten auf existenzielle Fragen.

Das Team der Christianskirche hat dieser Bevölkerung Antworten zu geben. Man ist selbst Teil der Stadtteilkultur, teilt Sprache und Ansicht und kann dennoch Neues beitragen. Man hat sich auf ein Oszillieren zwischen Tradition und Moderne eingelassen, eben – was unsere Fragestellung betrifft – zwischen agendarischem Ablauf durchsetzt mit neuen Elementen.

Diese Mischung ist spürbar. Sie verdichtet sich in den Gottesdiensten, ist sinnlich wahrnehmbar. Raum und Menschen „verkörpern“ den Ablauf. Und die Gemeinde hat das aufgenommen und sich identifiziert mit „ihrem“ Gottesdienst.

Die Lieder werden oft mehrstimmig oder als Kanon gesungen – ohne Anleitung, sondern weil man mittlerweile weiß, wie das geht. Die Begleitung des Musikers ist integraler Bestandteil und nicht Fremdkörper. Moderne Inszenierungen aus dem Film, z.B. Begleitmusik zum gesprochenen Wort werden aufgenommen. Obwohl keine anderen als die Hauptamtlichen den Gottesdienst halten, haben die Besucher das Gefühl, hineingenommen zu sein und mit zu gestalten: „Man meint mich und meine Stimme ist im Gesang wichtig!“

Im zweiten Teil dieses Berichts sind diejenigen Stücke rot markiert, die als Teil des agendarischen Ablaufs moderneren Ursprungs sind. Ich gestehe, daß ich selbst, der ich diesen Gottesdienst seit nunmehr drei Jahren als Pastor feiere, erstaunt über die Menge bin. Es findet sich letztlich nur im Abendmahlsteil das klassische Agnus dei wieder. Alle anderen liturgischen musikalischen Elemente sind moderneren Ursprungs oder fallen weg (z.B. die Salutatio im Begrüßungsteil). Dennoch ist alles vorhanden – sogar ein Rüstgebet, will man das „Irischen Morgengebet“ als solches verstehen.

Alles, was vor Mitte der 90ger Jahre an Musik zum liturgischen Ablauf gehörte, wurde eliminiert und ersetzt oder ersatzlos gestrichen. Dennoch brach man nicht mit der Tradition, im Gegenteil. Ablauf und Liedgut sind agendarisch und entstammen unserer kirchlichen Tradition.

So ist meine Antwort auf die oben aufgeworfenen Fragen: „Die richtige Mischung zwischen Klassik und Moderne, an einem Ort, der das verträgt, mit den Menschen, die dafür aufgeschlossen sind!“