Thesen zum Abendmahl und zum Opfertod

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Abendmahl: Lebensmittel                  12 Thesen                            UTE Grümbel

 

  1.    Die neutestamentlichen Abendmahlsüberlieferungen: Mt 26,26ff; Mk 14,22ff; Lk 22,19ff; 1. Kor 11,23ff sind vielschichtig und ihre Bedeutungsaspekte entsprechend vielfältig:

Gemeinsames Essen, Schöpfung, Leiblichkeit, Danken, Teilen der Gaben, Erinnerung und Ver-gewisserung, Passah-Mahl/Befreiung, Vergebung (explizit nur Mt!), Nacht und Aus-geliefertsein, Leben und Tod, Reich Gottes, Bund Gottes, Gegenwart und Zukunft, Gemeinschaft mit Christus/Gott und untereinander…

Es gilt auszuwählen, was in der Abendmahlspraxis der Gegenwart verstehbar, aufschlussreich, von Bedeutung sein könnte. Das aber setzt voraus, dass neben biblisch-theologischen Sachkriterien auch die gegenwärtige Lebenswelt und die Erfahrungen und Ansichten der heute zum Abendmahl eingeladenen Frauen, Männer, Jugendlichen und Kinder zu berücksichtigen sind. Zu thematisieren ist dabei auch, dass und in welcher Weise die Kategorie Geschlecht (im Sinne von Gender, d.h. soziokulturell verstanden) in Abendmahlsverständnis und Abendmahlspraxis von Bedeutung ist.

  1. Die Konzentration auf Kreuz und Tod Jesu in Verbindung mit der Blutsymbolik beim Abendmahl lässt besonders Frauen mit Anfragen und Abwehr reagieren. Anders als die meisten Männer haben viele Frauen eine eigene Opfergeschichte und reagieren entsprechend sensibilisiert. Männer nehmen das Opfer Jesu fragloser an, können ihm fragloser Heilsbedeutung zumessen. Diese und andere empirischen Unterschiede sind im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit bei der Gestaltung und der inhaltlichen Akzentsetzung des Abendmahls zu berücksichtigen.
  2. Abendmahl ist Lebensmittel in umfassenden Sinn, gibt zu schmecken und zu hören, was stärkt und zum Leben befreit, einzeln und gemeinsam, privat wie gesellschaftlich. Das Brot des Lebens und der Kelch des Heils sind Gottes Gaben, die allen gelten und mit allen geteilt werden wollen, auf Zukunft hin. Eine Sprache zu sprechen, Symbole zu wählen, Inhalte und Gestaltungsformen zu wagen, die es um Gottes Willen und den Menschen zugute mit dem Leben halten, ist heute mehr denn je gefragt.
  3. Abendmahl steht als Mahlgemeinschaft unter dem Vorzeichen, dass die Welt Gottes Schöpfung und Gottes Haushalt ist. Gottes schöpferische Geistesgegenwart und Lebenskraft deckt den Tisch. Was Leib und Seele nährt, das Alltägliche und das Besondere verdanken wir Gott. Im Abendmahl nehmen wir auf, was Gott uns zukommen lässt, lebensspendend, lebenserrettend und lebenserhaltend. Wie der jüdische Hausvater nahm Jesus das Brot, „dankte, teilte es, gab es ihnen und sprach: Nehmet“. Abendmahl ist Eucharistie, Danksagung für das, was Gott schenkt, – im Horizont der Erinnerung an das, was Gott geschenkt hat.
  4. Mit Gott als Gastgeber/in ist der Tisch gedeckt über die Grenzen unserer Vorstellung hinaus, reicht die Abendmahlsgemeinschaft immer weiter als wir zu denken geneigt sind. Der Abendmahlstisch ist der Tisch, den niemand geistlos nach eige­nem Gutdünken decken, abdecken oder ande­ren vorenthalten kann. Das entzieht impliziten oder expliziten Ausgrenzungen, Vorurteilen oder Gleichgültigkeiten, antijudaistischen, konfessionellen oder geschlechtsspezifischen, die Basis.
  5. Die neutestamentlichen >>Einsetzungsworte<< mit ihrem ausdrücklichen Bezug auf das letzte Mahl Jesu vor Kreuzigung und Tod sind nicht isoliert zu verstehen, sondern im Zusammenhang der Geschichte Gottes mit Menschen und Welt, wie der besonderen Gottesgeschichte mit Israel zu sehen und nicht nur im Zusammenhang von Passion und Tod Jesu zu hören, sondern im Gesamtzusammenhang seines Lebens.
  6. Im Kontext des Lebens Jesu ist Abendmahl offene Tischgemeinschaft, mit allen Sinnen wahrnehmbares Zeichen des Reiches Gottes, Einladung und Herausforderung sich schenken zu lassen und zu teilen, was dem Leben dient.Die Einladung zum Abendmahl gilt nicht nur der Kerngemeinde. Und Voraussetzung ist weder moralische Integrität noch intellektuelle Potenz, noch konfessionelle Zugehörigkeit. Am Tisch des Christus Jesus, in seiner Geistesgegenwart ist Abendmahlsgemeinschaft die Gemeinschaft der Verschiedenen, die ausnahmslos alle Glieder eines Leibes sind, nicht gleichartig aber gleichwertig, ist Gemeinschaft auf einer Ebene, ohne Oben und Unten und verschlossene Türen.
  7. Die Einsetzungsworte bleiben vorgegeben! Die Mischform aber mit dem ausdrücklichen Bezug auf Sündenvergebung und Sühnetod (nur bei Mt!) ist nicht sakrosankt und auch nicht die Spendeformeln: Christi Leib für dich gegeben / Christi Blut für dich vergossen (herausgelöst aus dem Kontext der Einsetzungsworte verstärken sie die o.g. Missverständnisse; <<Nimm und iss vom Brot des Lebens. Christus für dich – Trink aus dem Kelch des Heils. Christus für dich<< sind Gabeworte, die dem Verstehen entgegenkommen und doch den sakramentalen Charakter nicht auflösen).
  8. Die Heilsbedeutung des Todes Jesu vom Leben her auf Auferweckung/Auferstehung hin zu verstehen, hat Auswirkungen auf Inhalt, Gestaltung und Atmosphäre des Abendmahls. Abendmahl in dem Lebenszusammenhang der Geschichte des Christus Jesus zu sehen, bedeutet nicht, dass Sünde, Schuld und Tod bagatellisiert würden. Anders als in der Sühnopfertheologie wird aber der Todesdimension der Geschichte Jesu kein eigener Stellenwert zugemessen und Sünde nicht verstanden als irreparable Zerstörung des Gottesverhältnisses, durch die der Mensch sein Dasein verwirkt hat und nur durch eine Sühnehandlung von Seiten Gottes gerechtfertigt wird.
  9. Im Kontext der Passion und des Todes Jesukonfrontiert Abendmahl aber bleibend auch mit dem, was nicht gefällt und nicht ’schmeckt‘, mit dem, was nicht aufgeht, weder an Gottesvorstellung noch Menschenbild. Abendmahl konfrontiert auch mit den dunklen Seiten Gottes und der dunklen Seite an uns selbst. Schuldbekenntnis und Vergebung, die Klage und die Fragen nach dem Warum haben in der Abendmahlsfeier ihren legitimen Ort.

11. >>Für euch gegeben<<: Abendmahl ist die leibhaftige Vergewisserung, dass Jesus, der Christus Gottes, mit seinem Leben dafür einste­ht, dass Gottes Reich nicht mit Gewalt zu beseitigen und nicht mit Gewalt zu verteidi­gen ist, dass ein für allemal auf Gottes Bund, – Gottes bedingungslose Liebe, Zuwendung und Vergebung Verlass ist, trotz Unrecht, Leid, Gewalt, Schuld und Tod. In diesem Sinn sein >>Opfer<<, seine freiwillige >>Selbsthingabe<< anzunehmen, – als Wahrheit in/mit/unter Brot und Kelch in sich aufzunehmen und miteinander zu teilen, befreit zum Leben, lässt der Gewalt nicht das letzte Wort.

12. Gott ist nicht Subjekt der Opferung Jesu. Gott fordert das Opfer Jesu nicht. Gott braucht das Opfer Jesu nicht. In Jesus lässt sich Gott mit Passion auf Menschen und Welt ein und verlässt den Menschen – gegen allen Augenschein! – auch in Not und Tod nicht. Mit der Auferweckung des Christus Jesus widerspricht Gott dem gewaltsamen Opfertod, gibt dem Leben Jesu ein für allemal Recht. Abendmahl ist Lebensmittel, nicht Opfergabe, nährt Leib und Seele auf dem Weg, der nicht an Schrecken und Tod vorbei, aber durch Schrecken und Tod hindurch zum Leben führt. Abendmahl ist und bleibt Sakrament, Geheimnis der lebensschaffenden Geistesgegenwart Gottes auf Zukunft hin.