Radio-Andachten

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Fünf Radioandachten von Anne Gidion zum Thema Himmelfahrt:

„Wie im Himmel, so auf Erden – Himmelsbilder und Erdenträume“ / Heaven und Sky / Imagine there´s no heaven / Apostelgeschichte / Und immer wieder verschwindet er

 

NDR Radioandachten, 6.-11.5.2013 Anne Gidion

Montag, 6.5.2013

Heaven und Sky

„Dein Reich komme!“, heißt es im Vater Unser. „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Das bitten Christenmenschen in ihrem wichtigsten Gebet: auf der Erde soll es – endlich! – sein, wie Gott es will. Also besser als jetzt. Und im Himmel soll das auch so sein – und ist dort vielleicht schon so. „Wie im Himmel soll es auf der Erde bitte sein“, so lässt es sich auch verstehen. Wie im Himmel!
In der Himmelfahrtswoche beschäftigt mich die Frage, wohin Jesus eigentlich fährt. Wie stellen wir uns den Himmel vor?

Im Englischen gibt es zwei Ausdrücke für Himmel: heaven und sky. Heaven ist dabei in der Sprache des Glaubens der Ort, wo Gott wohnt. Der Ort, zu dem wir beschwörend hinaufschauen, wenn es um himmlischen Beistand geht. Der Ort, von dem aus Gott die Welt regiert – wenn er das denn tut. Sky hingegen ist der Ort der Flugzeuge, das Reich der Piloten und Fallschirmspringer.
Die Sterne am Himmel sind Grenzgänger, jedenfalls im Volksmund. Es gibt sie physikalisch, astro-logisch. Es gibt sie aber auch als Schicksalsboten: Eingeweihte können in ihnen lesen, was die Woche bringt für Fische oder Skorpione. Als Sternschnuppen tragen sie heimliche Wünsche. Und als feste Sternbilder können sie Boten sein. Für Liebende. Sie sehen die Botschaften in ihnen an der Adriaküste genauso wie an der Ostsee. Liebende sehen in der unendlichen Ferne das Gleiche. Es ist zwar weit weg – aber immerhin sehen sie es beide. Genau das fühlt sich nah an. Das hilft, falls sie gerade tatsächlich entfernt voneinander an verschiedenen Orten sind.

Der Himmel im übernatürlichen Sinne, ist aber nicht nur Gottes Ort und geheimer Tummelplatz von Liebesbotschaften. Als heaven ist er auch der Ort der Toten. „Deine Großmutter ist jetzt im Himmel“, hört das kleine Kind auf die Frage, wo Oma denn jetzt sei. Ist sie nicht im Sarg mit dem rot-weiß-blauen Blumenkranz, fragt das Kind. Nein, im Himmel – was für das Kind so viel heißen soll wie: Es geht ihr gut. Eben war sie noch krank und konnte nicht mehr aus dem Bett – jetzt ist sie wieder so, wie Du sie erinnerst: wach und lebendig, fröhlich und mit großem Schokoladenkuchen. „Tot“ ist für das Kind ein verstörendes Wort für „nicht mehr da“. „Im Himmel“ – das ist erst einmal beruhigend.

 

Dienstag, 7. 5.2013

John Lennon, Imagine there´s no heaven

Der Himmel ist zugleich weit weg und nah. In den Himmel zu gucken, kann schwindelig machen. Oder ich fühle mich geborgen dabei. In einer blauen oder grauen Ferne. In der Himmelfahrtswoche suche ich nach Bildern für den Himmel. Für den Himmel in seinem übertragenen Sinn. Das, was in englischer Sprache heaven heißt. Das Deutsche hat dafür kein besonderes Wort. „Weiß der Himmel!“ ruft aus, wer etwas nicht weiß. Dieser Himmel ist eine riesige Projektionsfläche für das, was wir uns wünschen und denken. Ständig wechselt er seine Farbe. In der Welt der griechischen oder germanischen Sagen ist er bewohnt. Götter wohnen dort – oder nur ein Gott, je nachdem. Der Himmel – ein übersinnliches Sammel-Wort auch für das, was wir hoffen, fürchten und nicht verstehen. Und für das, was uns tröstet – wie in den Redewendungen: „der Himmel wird es richten“, oder „im Himmel sehen wir sie wieder“. Manchmal kann darin auch ein Ver-trösten stecken, wie: „im Himmel wird alles wieder gut“, oder „im Himmel geht nichts verloren.“
Der Beatles-Musiker John Lennon singt in dem Song „Imagine“ was denn wäre, wenn es keinen Himmel gäbe:

Imagine there´s no heaven,
It´s easy if you try
No hell below us
Above us only sky
Imagine all the people living for today

Frei übersetzt: Stell Dir vor, es gäbe keinen (Götter-) Himmel. Das ist leicht, wenn Du es versuchst. Keine Hölle unter uns, und über uns nur (Wetter)Himmel. Stell Dir vor, alle Leute würden nur für heute leben.

Und John Lennon fährt fort: Stell Dir vor, es gäbe keine Länder. Das ist gar nicht so schwer. Nichts zum „dafür töten oder dafür sterben“. Und auch keine Religion. Stell Dir vor, alle Leute würden ihr Leben in Frieden leben… Du sagst ich bin ein Träumer, singt er, aber nicht der einzige. Ich hoffe, eines Tages machst Du mit, und die Welt lebt als eine einzige.

(NICHT GESPROCHEN: Imagine there´s no countries
it isn´t hard to do
nothing to kill or die for
and no religion, too,
imagine all the people living life in peace

You, you may say
I´m a dreamer, but I´m not the only one
I hope some day you´ll join us
and the world will be as one

Imagine no possessions
I wonder if you can
No need for greed or hunger
A brotherhood of man
Imagine all the people sharing all the world

You, you may say
I´m a dreamer, but I´m not the only one
I hope some day you´ll join us
and the world live be as one) –

John Lennon sieht den Himmel als Vertröstungsort. Land, Besitz und auch Religion findet er überflüssig – dafür zu kämpfen, bringt nur Unfrieden. Der Himmel – das ist für ihn all das, was Menschen zu Egoisten und Kämpfern macht. Der Himmel – das ist nicht etwas zum Träumen oder Leben, sondern etwas zum Sterben; weil Menschen nicht mehr in der Gegenwart leben, sondern sich nach einer Zukunft sehnen. John Lennon dagegen träumt gerade nicht von einem Himmel, in dem endlich Frieden ist. Er sagt vielmehr: Wenn es keinen Himmel gibt, müssen wir es hier machen. Hier und Jetzt. In dieser Welt ist der Ort für das Sattwerden und „Nicht-Mehr-Kämpfen. Dann ist hier auf der Erde niemand mehr allein, sondern die Menschen sind „all-eins, alle zusammen“.
Singend beschwört er da, was er hofft: Eines Tages machst Du mit! Aber hier! Hier auf der Erde!

Ich frage mich: warum macht er den Himmel verantwortlich für Hunger und Grenzkämpfe? Warum legt die Idee eines Himmels für ihn die Erdenkräfte lahm? Könnte es nicht genau anders herum sein?

 

 

Mittwoch, 8.5. 2013

Apostelgeschichte

Die Himmelfahrts-Geschichte in der Apostelgeschichte erzählt: In Jerusalem wird es passieren. Dort wird die Verheißung eingelöst. Deshalb sollen die Jünger dableiben und warten.
Die Jünger haben Jesus nicht immer verstanden. Vor seinem Tod nicht. Jetzt noch weniger. Sie fragen: Wirst Du das Reich für Israel wieder aufrichten? Wirst Du dann endlich regieren wie ein König, wie ein Messias, so wie die Propheten ihn angekündigt haben? Wird endlich alles besser auf der Welt?
Jesus antwortet so vieldeutig wie stets: Es steht Euch nicht zu, Zeit und Stunde zu wissen, die Gott bestimmt hat. Aber dabei belässt er es nicht. Die Jünger werden die Kraft des Heiligen Geistes empfangen. Und sie werden seine Zeugen sein – nicht nur in Jerusalem, sondern in ganz Judäa und Samarien und bis an die Enden der Erde. Also überall in der damals vorstellbaren Welt. Sprach`s – und wurde aufgehoben in den Himmel, sie konnten ihn nicht richtig sehen, eine Wolke nahm ihn vor ihren Augen weg. Sie haben ihm nachgestarrt. Sie waren einiges gewohnt von ihm, nehme ich an. Und nun entschwand er einfach so. Die zwei Männer in weißen Gewändern, die plötzlich bei ihnen sind, holen sie auf die Erde – in die Realität – zurück. Was starrt ihr zum Himmel, sagen sie. So wie er entschwunden ist in den Himmel, so wird er auch wieder kommen.

Da gehen die Jünger nach Jerusalem zurück, in ihr Haus, treffen dort die Frauen, die zu ihnen gehören, und Maria, die Mutter von Jesus, und seine Brüder. Sie beten gemeinsam. Sie essen zusammen. Vielleicht wussten sie: so schnell kommt er nicht wieder. Jetzt sind wir dran. Aber anders als Karfreitag wussten sie auch: Er ist nicht tot, er lebt. Er war schon einmal fort und ist wiedergekommen. Er wird es wieder tun.

Der Himmel ist ein besonderer Ort. Die Toten sind da, heißt es. Aber dort sind sie nicht tot, sondern leben, nur in anderer Art. Und Gott herrscht da. Und Jesus hält sich bereit, um wiederzukommen. Soll das nur uns Menschen trösten, weil wir das Leben hier sonst nicht aushalten? Oder ist das eine tiefe Weisheit aus einer Welt, die von dem Gedanken lebt, dass es noch mehr gibt, als sie selbst?

 

Freitag, 10.5.2013

Und immer wieder verschwindet er

Gestern war das Fest Christi Himmelfahrt. Eine eigenartige biblische Erzählung:
Vor den Augen seiner Jünger ist Jesus in den Himmel aufgefahren, so heißt es in der Apostelgeschichte gleich zu Beginn. Die Jünger bleiben zurück, starren ihm hinterher, versuchen zu fassen, was sie erlebt haben. Wo ist er hin? Sie haben zwar schon erlebt, wie er hingerichtet wurde. Sie haben versucht, das leere Grab am dritten Tag zu verkraften. In verschiedenen Geschichten erzählen die Evangelien, wie er dann plötzlich wieder kommt. Auf dem Weg nach Emmaus. Am Ufer beim Fischen. Wie er mit ihnen wieder isst und redet und ihnen zuhört, so wie sie es an ihm lieben.
Und dann ist er wieder fort. Ohne Ansage, wie es weitergehen soll.

Der französische Philosoph Georges Didi-Huberman schreibt: „Vermutlich gibt es keinen Glauben ohne das Verschwinden eines Körpers.“ Er nennt das Christentum eine riesige symbolische Bewältigung genau dieses Verschwindens.
Auch das Kirchenjahr spiegelt das – Jesus zeigt sich und verschwindet wieder: Ein Kind wird in der Heiligen Nacht geboren – eine Geschichte wie ein Bild für Gott: er kommt zu uns mitten in der Nacht auf die Welt. Dieses Gott-Kind kommt auf die Erde, zuerst in einem Stall, unter widrigen Umständen. Dann als Jugendlicher im Tempel, auf den Straßen von Jerusalem, in den Fischerdörfern am See Genezareth. Wie ein Leben im Zeitraffer bilden bis heute die wenigen Monate zwischen Heiligabend bis zum Karfreitag das Leben von Jesus ab, wie es die Evangelisten in Variationen erzählen: er wird erwachsen, er sammelt Menschen um sich, er ist für die einen der verheißene König Israels, den anderen gilt er als Hochstapler und Staatsfeind. Er reitet auf dem Esel in Jerusalem ein, wird verraten, verurteilt, getötet, ins Grab gelegt, betrauert, verschwindet. Den Jüngern erscheint er dann wieder, bleibt eine kleine Zeit bei ihnen und entschwindet dann eigenartig und mythisch noch einmal in den Himmel. Wie gewohnt hinterlässt er auch dabei einen tiefen Eindruck. Er beauftragt die Jünger, seine Zeugen zu sein, von ihm zu erzählen, auch das, was sie nicht verstehen. Sie schließen sich zu Aposteln, zu Weitererzählern, zusammen und reisen, soweit sie kommen.
Christus, so Georges Didi-Hubermann, zeigt sich und verschließt sich wieder, öffnet sich und verschwindet.
„Fortwährend kommt er uns zum Greifen nahe und zieht sich wieder zurück bis ans Ende der Welt.“ Er verheißt, dass er wiederkommt. Und es schwingt mit, dass er auch dann wieder verschwinden wird. Was hinterlässt er: den Glauben, sagt der Philosoph. Die Gemeinschaft und die Liturgie. Er hinterlässt eine Zeit der Feier, des Wartens und des Hoffens. Denn irgendwann einmal kommt er für immer. Und dann?

 

 

Samstag, 11.5.2013

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde

Manchmal küssen sich Himmel und Erde. Für einen Moment ist dann erfüllt, was wir hoffen. In der Himmelfahrtswoche begleiten mich Bilder vom Himmel in der Alltagssprache und Liedern, in biblischen Texten und bei Philosophen. Ich suche nach dem, was der Himmel in unserer Sprache meint – denn das Deutsche unterscheidet nicht zwischen Heaven und Sky, dem göttlich-religiösen und dem naturwissenschaftlich-natürlichen Himmel. Mit der Vorstellung vom Himmel verbinde ich auch das, was nach dem Tod kommen könnte. Und da ist der Himmel immer der gute Ort, da geht es gerecht zu, da haben kranke Menschen keine Schmerzen mehr und gebrochene Herzen sind geheilt.

In manchen Endzeitvorstellungen heißt es, die Gerechtigkeit sei eine Himmelsbewohnerin. Sie rollt die Erden-Taten noch einmal auf. Damit die Täter nicht für immer über ihre Opfer triumphieren, selbst wenn ihnen das auf der Erde gelungen ist. In der Apostelgeschichte wird Jesus vor den Augen der Jünger von einer Wolke verborgen und in den Himmel geholt. Kurz davor fragen ihn die Jünger nach dem Reich, von dem er ihnen erzählt hat. Er weist sie zurück. Jetzt seid ihr dran. Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes spüren. Ihr sollt jetzt von Gott erzählen. Ihr braucht Kraft dafür: Haltet zusammen und erzählt Euch, was ihr mit mir erlebt habt, immer wieder.
Aber auch sie brauchen Kraft dafür – ein Himmelsbild, für das es sich lohnt, zu leben:
In der Apokalypse des Johannes, ganz am Ende der Bibel, heißt es: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen und das Meer ist nicht mehr.“ Der Seher, der spricht, hört eine Stimme: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen. Und er wird bei ihnen wohnen.“ Und weiter: „Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. (…) Siehe, ich mache alles neu.“
Um zu trösten, wird dieser Text oft am Grab gelesen. Ein Bild vom Himmel, das unmittelbar auf die Erde rückt. Als wären sie eins, Himmel und Erde. Als gäbe es dann wirklich keinen Himmel und auch keine Erde mehr. Die erste Trennung, mit der die Bibel beginnt ist aufgehoben: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde… Am Schluss hört das auf: die vermissten Toten sind keineswegs fort, sondern wieder da. Gott und die Menschen sind nicht mehr getrennt, der Weg in den Garten ist wieder offen. Kein Leid, kein Geschrei, kein Schmerz mehr. Gott wird bei ihnen wohnen, hier und jetzt.