Predigt zu Kantate

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Sabine Bäuerle

Im Singen vollzieht sich heilsame Kraft

Predigt für Kantate

 

Die Predigt wurde anlässlich des Jubiläums eines Frauenchores gehalten.

 

Liebe Sängerinnen, liebe Festgemeinde,

 

Frauenchor 1964-2004. 40 Jahre Frauenchor. Ich habe einmal nachgerechnet: Wenn Sie im Schnitt pro Jahr 40 Chorproben haben, dann bedeutet das: Wer seit 40 Jahren singt, hat an ungefähr 1600 Chorproben teilgenommen. Nun sind Sie nicht alle schon so lange dabei, aber dennoch: 1600 Treffen zum gemeinsamen Gesang – da muss was dran sein an dem Singen. Sonst würden Sie es nicht über so lange Zeit und so regelmäßig tun.

Die Gründe, warum Sie in Ihren Frauenchor gehen, sind so verschieden wie Sie, jede einzelne Sängerin, verschieden sind.

Aber es mag auch Beweggründe geben, die Sie verbinden.

Was hat es mit dem Singen auf sich?

 

Ich denke dabei an Annegret.

Annegrets Mann ist vor zwei Jahren gestorben. Sie lebt allein. Annegret hat lange gebraucht, um nach dem Tod ihres Mannes wieder in einen Rhythmus zu finden, und noch immer gibt es Tage, da fällt ihr zu Hause die Decke auf den Kopf. Aber vor ein paar Monaten hat sie etwas begonnen, was sie sich ihr Leben lang gewünscht hat: Annegret lernt Klavier. Sie nimmt ein Mal in der Woche Klavierunterricht. „Musik ist Balsam für meine Seele“, sagt sie. „Die Töne sprechen etwas aus, wofür mir die Worte fehlen.“

Auch wenn Annegret noch weit davon entfernt ist, vierstimmige Stücke fehlerlos vom Blatt zu spielen: Das Klavier tut ihr gut und tröstet sie. Viele Stunden am Tag übt sie.

Nach einiger Zeit schlägt ihr ihre Klavierlehrerin vor: „Singen Sie doch mit in unserem Chor!“ Annegret will zuerst nicht, aber dann gibt sie sich einen Ruck.

Und schon bald spürt sie: Das Singen im Chor ist noch einmal etwas ganz anderes als das Klavierspielen.

Beim Singen passiert etwas!

Das beginnt schon bei den Atemübungen, mit denen sie immer beginnen. An machen Abenden spürt Annegret: Sie kriegt heute schlecht Luft, es fällt ihr schwer, in den Bauch zu atmen. Als ginge die Luft nicht in ihren Körper.

Und auch das Einsingen macht ihr Mühe. Die Töne fließen nicht aus dem Bauch, sondern fangen erst im Hals an. Sie versucht, anders zu atmen, anders zu singen. Aber es funktioniert nicht. Erst nimmt sie es sich übel, wenn es nicht so klappt. Aber von Mal zu Mal versteht sie: Beim Singen erzählt ihr ihr Körper, wie es ihr geht. Manchmal spürt sie ihre Gefühle erst beim Singen. Über das Singen lernt sie sich besser kennen.

 

Das, liebe Gemeinde, ist ein erstes, was das Singen bedeuten kann: sich selber spüren und erkennen: Wie geht es mir heute? Kann ich voller Lust und Freude singen, oder kommen mir beim Singen die Tränen? Beim Singen kommen wir in Kontakt mit unseren Gefühlen. So ist Singen ein Weg der Selbsterfahrung.

 

Und ein zweites: Singen ist Therapie, ist Medizin.

Annegret ist keine, die viel klagt. Aber in manchen Liedern, die sie miteinander singen, kann sie ihre Klage zum Ausdruck bringen. Ihre Klage über das Alleinsein, über den frühen Tod ihres Mannes, über sein schweres Sterben. Im Singen kann sie klagen, wie sie es mit Worten in einem Gespräch nie über die Lippen bringen würde. Beim Singen macht sie so ihrem Herzen Luft. Ihre Angst, ihre Klage, ihre Sorgen um ihr eigenes Älterwerden. Das Singen ist ein Ventil für den Druck, der auf ihr lastet, weil es befreit. Weil es den Atem nicht zum Stillstand kommen lässt.

Mit ihrem Gesang setzt Annegret, setzen Menschen ihrer Lähmung, ihrer Trauer, ihrer Ohnmacht etwas entgegen.

 

Medizinisch betrachtet brauchen wir zum Singen unsere Kehle. Und in der hebräischen Sprache wird für Kehle und Seele dasselbe Wort benutzt. Wenn wir beim Singen in unserem Kehlkopf Kehle Wenn Sie singen, bewirken Sie etwas in den Menschen, die Ihnen zuhören. Wenn Sie ihrem Kind oder Enkelkind ein Schlaflied vorsingen, kann das Kind dadurch zur Ruhe kommen. Mit Ihrem Gesang bewirken Sie etwas bei einem anderen Menschen – und zuallererst bei sich selbst. Im Singen vollzieht sich heilsame Kraft. Im Singen geschieht Trost und Beruhigung, das Singen macht Mut und es kann erheitern und unsere Stimmung aufhellen.

 

Singen ist Medizin.

Zum einen, weil über unsere Kehle die Seele berührt wird. Aber Annegret tut das Singen auch so gut, weil sie es in der Gemeinschaft ihres Chores tut.

Singen verbindet, und es stiftet Gemeinschaft. Die ältesten Lieder sind nicht für den Sologesang, sondern zum Singen im Gottesdienst, zum Singen in der Gemeinschaft entstanden. Es ist auch schön, alleine zu singen. Aber wenn Menschen zusammen singen, ist mehr Harmonie zu spüren. Gemeinsam in ein Lied einzustimmen, das verbindet mich mit anderen. Alle haben die Möglichkeit, ihrem persönlichen Gefühl Ausdruck zu verleihen. Jede einzelne Stimmer bleibt erhalten. Und zugleich wird jede mit den anderen Stimmen vereint. Das stärkt und vertieft die Zusammengehörigkeit untereinander.

Annegret freut sich immer darauf, nicht nur mit den anderen zu singen, sondern auch, die anderen Chormitglieder zu treffen, vor dem Singen ein bisschen miteinander zu reden. Und manchmal sitzen sie nach der Probe noch auf ein Gläschen Wein zusammen. Im Chor lernt sie Gleichklang, sie kommt mit anderen Frauen und Männern ins Gespräch, die auch alleine leben.

Aber sie lernt auch, mit Konflikten umzugehen. Denn wie in jeder Gemeinschaft, so gibt es auch in einem Chor unterschiedliche Phasen und Stimmungen. Auch im Chor ist nicht immer nur Bombenstimmung. Aber sie sind miteinander in Kontakt. Annegret sitzt nicht allein zu Hause. Und das ist Medizin.

 

Singen ist Selbsterfahrung.

Singen ist Medizin.

Und ein letztes:

 

Singen ist beten und hat eine große Kraft und Macht. Darum ist von dem Kirchenvater Augustinus der Spruch überliefert: Wer singt, betet doppelt!

In der Bibel wird an vielen Stellen vom Singen und von der Kraft des Singens erzählt. Als ein Beispiel möchte ich Ihnen von Paulus und Silas erzählen. Es steht im 16. Kapitel der Apostelgeschichte.

Paulus und Silas wurden wegen ihres Glaubens gefoltert und ins Gefängnis geworfen. Ins „innerste Gefängnis“, steht im Text, neudeutsch also in den Hochsicherheitstrakt, und zusätzlich wurden ihre Füße in den Holzblock gelegt.

Dann geschah folgendes: Lesung Apg 16,25f.

Die Gebete und das Gotteslob, das die beiden sangen, erschütterten so die Grundmauern des Gefängnisses, dass die Türen und Fesseln aufsprangen.

So eine Wirkung durch Singen und Beten!

Wie konnte dieses Wunder geschehen?

 

Das Singen der beiden Apostel, so erzählt es diese Geschichte, verbindet sie mit Gott. Im Singen spüren sie, dass hinter aller Furcht, hinter aller Gewalt und allem Leid noch eine andere Wirklichkeit gegenwärtig ist. Indem Menschen solche Lieder anstimmen, werden sie sich einer Kraftquelle außerhalb ihrer selbst bewusst. Und singend überlassen sie einen Teil ihrer Schmerzes und ihrer Not Gott. Singen, das bedeutet, abgegeben, um wieder frei zu werden.

Mit ihrem Gesang setzen Paulus und Silas eine neue Wirklichkeit. Und diese neue Wirklichkeit bewirkt ein Wunder.

 

Liebe Gemeinde,

wir singen, wenn wir dankbar und froh sind, wenn wir mit anderen feiern – und wir singen in der Not, wenn wir am Leben verzweifeln und klagen.

Im Singen verbinden wir uns mit Gott.

Sie, liebe Sängerinnen, haben aus ihrer Gabe des Singens auch eine Aufgabe gemacht. Indem Sie singen, geben Sie etwas weiter von dem, was das Singen in Ihnen selbst, in Ihrem Innersten bewegt. Sie singen von Glaube, Liebe und Hoffnung, von Freude und Liebe, von Angst und Mut. So ist Ihr Singen auch Verkündigung.

Sie gehen in Ihren Frauenchor, weil Sie selbst Freude am Singen und and der Gemeinschaft haben. Aber alle gemeinsam erzählen Sie mit ihren Liedern von der frohen Botschaft von Gottes Liebe zu uns Menschen:

Von Hoffnung gegen alle erlebte Verzweiflung.

Von Zuversicht in aller Bedrängnis.

Von Freude und Frohsinn mitten in der Litanei des Alltags.

Dafür danken wir Ihnen!