Predigt von Bischöfin Wartenberg-Potter in Bad Doberan beim Gib-acht-Gipfel

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Gottesdienst aus Anlaß des G 8 Gipfels in Bad Doberan

am 3. Juni 2007

Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter

 

 

Einen Vogelflug weit weg von hier,

an der Ostsee,

werden in den nächsten Tagendie acht mächtigsten Regierungschefs der Welt an einem Tisch sitzen und Weltpolitik machen.

Was sie beraten, wird das Leben von Millionen von Menschen in Europa

und allen Teilen der Welt berühren:

Handel, Sicherheit, militärische Strategien, Finanzen und Klima.

Seltsam genug, tun sie dies an einem Ort, der das Heilige im Namen trägt, Heiligen Damm.

 

Als gewählte Demokraten werden sie sich vor den Parlamenten ihrer Länder verantworten. Aber kein Parlament der Völker, keine UNO, hat ihnen diese Art von Weltherrschaft übertragen.

Was für unsere Nationen wichtig ist und uns nützt, was den Regierenden einleuchtet, ja auch was ihnen „heilig“ ist, entscheidet in diesen Tagen über die Zukunft der Kinder von Manila, Soweto bis Recife. Sie werden nicht gefragt.

 

Heiligen Damm. Zum Schutz des Treffens wurde ein Zaun errichtet. Ihn zu sehen weckt Assoziationen und Erinnerungen, die wehtun. Seine traurige Plausibilität steigt mit jeder Tat unakzeptabler Gewalt, die sich hier Bahn bricht.

 

Wir feiern heute im Münster zu Bad Doberan,

vor dem Zaun von Heiligen Damm, einen Gottesdienst.Esist unser Weg, dem Frieden zu dienen. Wir tun esin der Zeit von Pfingsten.

 

Pfingsten! Erinnern wir uns: Da kam ein heiliges Feuer über die ersten ChristInnen in Jerusalem, eine Begeisterung, die fremde Menschen über alle Sprachgrenzen zu Freunden machte.

Frauen und Männer hatten eine Vision von der Zukunft und dazu gehörte, Hab und Gut miteinander zu teilen. Und sie taten es.

 

Diesen pfingstlichen Geist erbitten wir heute für das Treffen der Regierenden, für die Menschen, die sie schützen, für die KritikerInnen, Engagierte und Künstler.

Wir rufen diesen Geist insonderheit angesichts der gewaltbereiten Wut, die die Anliegen einer gerechten Globalisierung und des friedlichen Protestes so total in Verruf bringt.

Wir erbitten diesen Geist für die Gemeinden, die für diesen Gipfel beten, für uns alle:

„ O komm du Geist der Wahrheit und kehre bei uns ein, verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein.“

 

Komm Heilige Geistkraft Gottes, die aus Unheiligem Heiliges macht, aus der Selbstsucht der Nationen weltweite Gerechtigkeit.

 

Komm Heiliger Geist, Du lehrst uns gerecht, barmherzig und gewaltlos zu sein.

Lehre uns alle, Regierende und Regierte, die Leidenschaft für das gerechte Leben auf der Erde.

 

Komm Heiliger Geist zu dieser versammelten Gemeinde. Mache aus uns Werkzeuge des Friedens.

Stärke unsere Stimmen zum Reden; unseren Geist zum Begreifen,

unsere Hände zum Handeln, unsere Füße zur Standfestigkeit.

Wir tun, was der Apostel Paulus rät: „Bringt eure Körper als lebendige und heilige Gabe dar, an der Gott Wohlgefallen hat. Das ist euer vernünftiger Gottesdienst“. (Röm.12,1 BigS).

Beten und Singen, Glockenläuten und Kerzen sollen ein Schutz-Wall,

ein Heiliger Damm sein für alle, deren Schicksal von den Entscheidungen des

G 8 Gipfels berührt wird.

Die keine Stimme haben. Die niemand sieht. Die sich nicht wehren können gegen das, was andere über sie beschließen.

Auch die schutzlosen Pflanzen und Tiere, deren Lebensraum gnadenlos vermarktet wird.

Heiliger Geist, gib Du den Stummen eine Stimme. Mach uns zu ihrer Stimme.

 

Das ist eine Wirkung des Pfingstfestes.

Der Heilige Geist hilft unserer Schwachheit auf,

wenn wir nicht wissen, wie wir sagen sollen, was zu sagen so schwer ist,

und doch gesagt sein muß, schlichte plausible Sätze, etwa:

Auf einer endlichen Erde kann es kein unendliches Wachstum geben.“

Und: „Die Welt ist keine Ware.“

Es geht um das Leben auf dem blauen Planeten.

Es geht um die Wahrheit der Opfer.

 

2. Liebe Gemeinde!

Den Mut, den wir in dieser Sache brauchen, lernen wir von Menschen der Bibel wie dem Propheten Jeremia.

 

Jeremia musste vor 2600 Jahren seinen Zeitgenossen schwer zu hörende Dinge sagen. Ein Prophet, kein Hellseher, vielmehr ein Menschen, der die Stimme Gottes deutlicher hört und schärfer das formuliert, was gegen Gottes Weisung geschieht, jede Entheiligung des Lebens.

Sein Zorn entspringt seiner Liebe zum Leben. ProphetInnen rufen und warnen, denn allein die gerechten Weisungen un der Segen Gottes werden das Weiterleben auf der Erde möglich machen.

 

Jeremia schreit durch die Geschichte: Dies ist Gottes Name, mit dem man ihn nennen wird: Der Gott unserer Gerechtigkeit.“(23,6)

Wer die Bibel liest, kann wissen, dass die Globalisierung etwas mit Gott zu tun hat.

 

Jeremias starke Worte galten auch den Frommen seiner Zeit.

So ruft er auch heute vor unserer Tür:

„Ich höre, daß sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre. Sie gieren alle, klein und groß, nach unrechtem Gewinn, Príester und Propheten gehen mit Lüge um. Und heilen den Schaden meines Volkes nur obenhin, indem sie sagen „Friede! Friede! Und ist doch kein Friede.“ (8,6,10-11)

 

Nein, es ist kein Friede, solange Kinder verhungern.

 

Deutliche Worte. Was wäre dem heute hinzuzufügen?

 

Daß es in unserer reichen Welt ein Schweigen gibt, das wortwörtlich „zum Himmel schreit“. Es schweigt von den würdigen Zielen für unser Leben, Ziele, für die es sich zu leben lohnt, die mehr sind als Fußball, Leistung und Rendite. Gott gibt die Ziele: Menschenwürde, Nächstenliebe, Befreiung.

Junge Menschen, mit und ohne Springerstiefeln schreien auf unseren Straßen nach Sinn und Zukunft. Aber alles, was ihnen geboten wird, ist Pragmatismus.

 

Die Angst geht um, ob es noch genügend Luft, Tiere und Pflanzen, natürliche Nahrung, Wasser, Gletscher, geben wird für die nächsten Generationen und sie treibt die Menschen in die Arme der Heilspropheten, die sagen:

„Hört nicht auf die Schwarzseher, nicht auf die Stimme des Protestes. Die Wirtschaft boomt wieder. Das kriegen wir in den Griff. Der Markt wird es richten. Selbst in Afrika ist die Wirtschaft gewachsen in diesem Jahr, um ganze um 6 %. Was wollt ihr denn?

 

Aber wer sieht und nennt die wachsende Zahl der Verelendeten, die mit weniger als einem Dollar am Tag leben müssen?

 

Die Stimme Gottes aus dem Munde Jeremias. Sie nicht zu hören und der Gleichgültigkeit in und um uns nicht entgegen zu treten, macht uns krank. Denn die Gleichgültigkeit ist eine Form von Gewalt gegen die Armen, eine stumme Gewalt. Sie speist die Armen mit Notprogrammen ab statt mit gerechtem, strukturellen Wandel, mit Schuldenerlaß und Schonung der Erde. „Friede, Friede, und ist doch kein Friede.“

 

Vor 30 Jahren schrieb Erich Fried ein Gedicht, das so aktuell ist wie damals

 

Kind in Peru

 

Weil es den Kopf schief hält

weil es nicht schreit

Weil es stinkt

Weil es zu schwach ist

Um leben zu bleiben

Soll auch die Ordnung

Die daran schuld ist

Nicht leben bleiben

 

Weil es den Kopf schief hält

Sind eure Erklärungen schief

Weil es nicht schreit

Könnt ihr es nicht niederschreien

Weil es stinkt

Stinkt eure ganze Ordnung

Zu stark um leben zu bleiben

Zum Himmel in den es nicht kommt

 

Gottes Stimme in Zeiten der Globalisierung öffnet uns die Augen für die Wirklichkeit, wie sie von ganz unter aussieht. Immer mehr Kinder werden, wie in Jeremias Zeit, dem Baal, dem allesfressenden Lebenszerstörer, geopfert. Jeremia rief empört „Man findet an ihren Kleidern Blut von Armen und Unschuldigen.“ (2,34).

Wir schlagen beim Frühstück die Zeitung auf und lesen von dem Neugeborenen, das im Mülleimer entsorgt wurde, von den Mädchen, verkauft für Kinderpornos, von dem im 7. Stock eines Mietshauses verhungerten Kind. Und wir reden so eloquent von all den Kindern, die gar nicht erst gezeugt werden.

 

Liebe Gemeinde, solche Zornesworte sind schwer zu ertragen.

Jeremia sah ein schlimmes Ende und wollte und will sein Volk im Auftrag Gottes retten. Auch uns. Stopp des Klimawandels, Brot für alle, eine gerechte Welt, sind möglich.

 

Gott spricht zu uns heute: Hier stehe ich, bei den Armen. Sucht mich nicht anderswo. Gerechtigkeit wollen sie, sie wollen mich. Es gibt auf Dauer keine globalisierte Erde ohne den Gott der Gerechtigkeit. Durch Unrecht wird Gewalt entfacht. In der Bibel heißt es: „Irret euch nicht, Gott lässt sich nicht spotten. Was der Mensch sät, wird er ernten.“ (Gal.6,7)

 

Haltet die Schöpfung in Ehren. Sie ist das göttliche Kleid. Sie ist heilig.

Wenn ihr das Netz des Lebens zerreißt, gibt es keine Zukunft, nur Ersticken, Verdursten, Verhungern. Werdet in Demut Mitgeschöpfe mit Pflanzen und Tieren, dem Wasser, den Winden, werdet ihre Beschützer, nicht ihre Beherrscher. Umkehr heißt Leben.

 

 

Jeremias Zornesworte weisen noch immer die Richtung, den Regierenden in Heiligen Damm, zu wissen: Gerechtigkeit ist Gottes Name.

Wir beten um ihren Weitblick, ihren Mut, ihren Gerechtigkeitssinn und ihre Schöpfungsverantwortung.

 

Aber auch auf dieser Seite des Zaunes braucht es Umkehr:

Mit jedem aufrichtigen Gebet, jedem mutigen Wort, jeder gerechten Tat, knien wir inständig vor Gott.

Die Parolen vieler Plakate gelten uns selbst, sind zugleich wie ein Schrei zum Himmel. In ihnen liegt offen oder tief versteckt etwas von Gott, von der Leidenschaft für das Leben.

Mit diesen Parolen singen Menschen auf skurile Weise Kyries und Magnifikats. Manche zeigen auch die fröhliche Seite des Protestes, ein Schneemann gegen die Klimaerwwärmung, G 8 gib acht – auf das Leben. Den Patrioten galt wohl das Plakat einer sehr kleinen Aktionsgruppe: Wer seinen Hund liebt. Muß auch seine Flöhe lieben.“ Es soll eine Ermutigung sein: Ihr könnt einfacher leben, damit andere einfach leben können.

 

3.

Woher aber nehmen wir die Kraft zu solcher Umkehr?

Wir sind hier in der Kirche von Bad Doberan. Christus blickt uns an.

Sein Kreuz, unübersehbar groß, ist ein Lebensbaum; es grünt und trägt Leben.

 

Es gibt keinen besseren Ort für Neuanfänge als einen solchen Ort, eine Kirche, Ort der Buße, der Umkehr. Ort der Vergebung. Immer schon Ort des Hoffens gegen allen Augenschein.

 

Die Stimme der Stummen wird gehört werden. Die Solidaritätsbewegung artikuliert mit an den Ergebnissen des G 8 Gipfels: die globalen sozialen Rechte, der Schuldenerlass, 0,7% BSP für Entwicklungshilfe, energische Klimaziele, gerechte, gemeinsam verhandelte Weltwirtschaft werden durchgesetzt werden. Die Regierenden werden den Hoffnungsschrei hören. Dazu macht uns das grüne Kreuz Mut. Der Auferstandene steht auf für das Leben ohne Unrecht und Tod.

 

Wir stärken uns für den neuen Weg, auf den Gott uns weist

und wir schließen neue Bündnisse für das Leben. Wir teilen das Brot, am Altar und im Alltag. Wir machen uns gegenseitig Mut und singen:

 

Sonne der Gerechtigkeit

Gehe auf zu unserer Zeit

Brich‘ in deiner Kirche an,

Daß die Welt es sehen kann

Erbarm dich Gott.

 

Weck die tote Christenheit

Aus dem Schlaf der Sicherheit

Daß sie deine Stimme hört

Sich zu deinem Wort bekehrt

Erbarm dich Gott

 

Lass uns deine Herrlichkeit

Sehen auch in dieser Zeit

Und mit unserer kleinen Kraft

Suchen, was den Frieden schafft

Erbarm dich Gott

 

Erbarme dich und mach aus Heiligen Damm einen Ort, der seinen Namen verdient.

Amen

30.5.07