Predigt mit Geschichte

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Gottesdienst zum 1. Advent

Im Lübecker Dom

2. Dezember 2007-12-01 Predigttext Hebräer 10,23-25

Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter

 

Liebe Gemeinde!

 

Mut brauchen wir Christenmenschen zu allen Zeiten.

Mut, an etwas zu glauben, für das es keine Beweise gibt.

Mut, sich in der Not des Lebens in ein unsichtbares Netz fallen zu lassen, das Gott für uns über den Abgrund spannt,

das man nicht sieht, aber vertraut, dass es hält.

 

Man braucht Mut, so zu leben, als ob es Gott gäbe und er

die Geschichten unseres Lebens in Händen hält

und dem Tod nicht das letzte Wort lässt.

 

 

Heute, so hat es uns ein Soziologe bei der Vorbereitung des 2. ökumenischen Kirchentages in München berichtet,

heute, in der post säkularen Zeit, sei es wieder einfacher,

an den Stamm- und Partytischen, in den Kantinen, Talkshows und Parlamentsdebatten davon zu reden, daß man etwas glaube. Ja, es sei geradezu „in“, das Religiöse ernst zu nehmen.

 

Gilt das auch für den Glauben an Christus, auf den wir im Advent warten?

 

Die ersten ChristInnen in Jerusalem brauchten Mut, an Christus zu glauben,

Sie hatten die Niederlage des Karfreitag erlitten.

Der einzige Beweis für ihre Behauptung, Christus sei auferstanden, war für ihre Umwelt der erstaunliche und unerklärliche Mut, der die verschüchterte Gefolgschaft Jesu nach Ostern ergriff, mehr noch die Begeisterung, die sich nach dem Pfingstfest im ganzen Römischen Reich auszubreiten begann. Das war, wenn überhaupt, der einzige Beweis, daß etwas Außergewöhnliches geschehen war.

 

Sie hatten den Mut, zu warten: auf das Wiederkommen ihres Herrn.

Sie hatten eine Hoffnung: Wenn er kommt, wenn er wieder kommt, wird alles Unrecht und Leid ein Ende haben. Niemand wird hinfort gequält werden. Kein Kind wird verhungern. Nicht in Schwerin, nicht in Afrika. Niemand baut Mauern, die trennen. Niemand ist käuflich. Niemand begeht Verrat. Gott wird abwischen alle Tränen. Sie hatten den Mut, das zu hoffen.

Sie sangen und beteten und stärkten sich am Tisch des Herrn in dieser einen Hoffnung. Maranatha: riefen sie: Komm, Herr Jesus.

 

Dann aber kam die Stunde der Ernüchterung. Der Herr kam nicht. Jedenfalls nicht so, wie sie es erwartet hatten. Er ließ auf sich warten. Er blieb aus.

Der blutige Kaiser in Rom tötete die Christen. Hungersnöte verwüsteten das Land. Die Pax Romana, der römische Friede knechtete die unterworfenen Völker. Der Tempel in Jerusalem wurde zerstört. „Komm, Herr Jesus“ flehten sie. Die Gemeinden wuchsen trotz Verfolgung und Not. „Komm, Herr Jesus, Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, im Himmel und auf dieser geschunden und besudelt Erde.“

 

Aber, alles verzögerte sich. Und während sich alles verzögerte, verflüchtigte sich die Hoffnung. Zuerst schlich sich die Mutlosigkeit ein, dann der Zweifel, dann die Gleichgültigkeit und schließlich das Vergessen. Kommt er noch, der Herr? fragten sich viele. Wann hat die Not ein Ende? Wann kommt er? Wie kommt er? Wohin kommt er? Werden wir ihn erkennen?

 

Parousieverzögerung nennen es die Theologen.

Wie wird man damit fertig, wenn sich eine Hoffnung nicht erfüllt? Oder in so weite Ferne rücken, daß sie ihre Kraft verliert? Oder innere und äußere Stimmen laut werden, die sagen: Es ist doch alles nur Traumtänzerei.

 

Damals wie heute gibt es die Mutigen, die beharren und rufen und wissen: „Der Herr kommt.“ Und sie hören nicht auf zu beten „Komm, Herr Jesus“, komm in unsere Mitte. Fülle unsere sehnsüchtigen Herzen. Nimm von uns die Not und bringe Brot den Armen und Frieden der Welt.

Gegen die Mutlosigkeit, die sich auszubreiten begann, gab es allerhand Tröstungen. „Es ist gar keine Verzögerung“, sagte einer. „Gott hat nur Geduld mit euch, damit niemand verloren gehe.“

 

Der Verfasser des Hebräerbriefes schreibt an die Gemeinden sozusagen ein Rezept gegen die Mutlosigkeit. So lautet es:

 

Lass uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung

Und nicht wanken

Denn er ist treu, der sie verheißen hat.

Und lasst uns aufeinander acht haben

Und uns anreizen zur Liebe und guten Werken;

Und nicht verlassen unsere Versammlungen,

wie einige zu tun pflegen,

sondern einander ermutigen

und das um so mehr, als ihr seht,

dass sich der Tag naht.

(Hebr.10,23-25)

 

Da rollt einer einen roten Teppich aus für die Gemeinde, auf dem sie getrost dem Herrn entgegengehen kann. Und obwohl wir mit dieser Verzögerung des Kommens seit bald 2000 Jahren leben, die Eschatologie immer weiter weggerückt ist, gelten diese Worte uns in gleicher Weise als Heilmittel gegen die Resignation:

  1. Habt auf einander acht: Heilmittel Nr.1: die Kraft der Aufmerksamkeit. Jemand sieht, wie es mir geht, nimmt Anteil. Die Gemeinde ist der Gegenort zur kalten Gleichgültigkeit des Individualismus. In der Karibik sagen sie: „Jeder/jede für sich – dann kriegt der Teufel den Löwenanteil.“ Wahr ist aber: Wenn wir aufeinander achthaben, haben wir auch auf uns selbst acht. Wir lassen uns nicht verkommen in der eigenen Resignation. Wir fangen immer wieder neu Feuer am Mut, am Beispiel derer, auf die wir achten.
  2. Lasst uns einander anreizen zur Liebe und zu guten Werken: Heilmittel Nr. 2Es ist die mitnehmende Kraft der gemeinsamen geistlichen Unternehmung. „Komm doch mit zur Lübecker Tafel, versuchs doch einmal mit den grünen Damen. Komm, sing mit.“ Miteinander eine neue Initiative beginnen, einen Besuchsdienst, einen Ost- West Initiative. Macht ein grünes Haus aus unseren Kirchen durch Energiesparen. Lest euren Kindern Abends Geschichten vor.Etwas von der eigenen Kraft abgeben an die anderen oder sich selbst mitnehmen lassen in die Lebendigkeit des Lebens, der Liebe, der ansehnlichen Unternehmungen, aus denen man gestärkt und mit mehr Mut und Hoffnung hervor geht.
  3. Verlasst nicht unsere Versammlungen wie einige zu tun pflegen. Sondern ermutigt einander. Heimittel Nr.3: Die Versammlungen, die wir nicht verlassen, ermutigen uns. Wenn wir uns dem Gottesdienst und der gemeinde nicht entziehen, sind wir angeschlossen an die Erfarungen, die Hoffnungen, Bilder, Gaben, mit denen Jesus uns speist und stärkt. Wir hören die Worte der Verheißung und fallen nicht so leicht in Versuchung schwach, lächerlich und kraftlos zu werden.

 

Zugegeben, der Text klingt ein wenig beschwörend. Auch trotzig: „Der Tag naht. Der Herr kommt!“ Halten die Hoffnungen? Oder sind sie zermürbt? Sind wir eine Hoffnungszelle in unserer Gesellschaft oder zermürbt von der Vergeblichkeit des Wartens auf eine bessere Welt?

 

Ehrlich einmal: Warten Sie auf die Wiederkunft Christ? Wie stellen Sie sich das vor?

Advent heißt doch: Warten auf die Ankunft. Advent ist in der Tradition der Kirche alles andere als eine umtriebige Zeit: Still ist sie, die Adventszeit, Fasten ist angesagt. Wir machen uns leer, leer vom Getriebe, Lärm und Rennen. Einfältig will uns die Adventszeit machen, damit unsere Sinne wahrnehmungsfähig werden für die Zeichen der Ankunft Christi. „Bereite doch fein tüchtig den Weg dem großen Gast.“

Denn wann und wie Christus zu uns kommt, das ist ein Geheimnis. Wir müssten jeden Menschenkrümel aufheben, weil Christus in ihm steckt. Könnten wir Christus gar verpassen?

 

Kurt Marti, der Dichter Theologe schrieb darüber:

 

Wenn er kommt,

wiederum kommt

vielleicht ein indio jetzt

Ein filipino

Oder bantu (was weiß ich?)

 

Wenn er kommt

Wiederum kommt

Vielleicht eine frau jetzt

Oder auch frau und mann

Ein paar

 

Wenn er kommt

Wiederum kommt

Vielleicht in vielen

Die neue gesellschaft

In der gerechtigkeit wohnt

 

Wenn er kommt

Wiederum kommt

Vielleicht die Stadt Gottes

Das land der göttin die versöhnung

Von mensch und natur

 

Wenn er kommt

wiederum kommt

Von einem ende der

Der erde

Zum anderen

 

Wären wir auf eine solche Wiederkehr vorbereitet?

 

Eingefallen ist mir eine Geschichte, die ich einmal in einem Film gesehen habe. Eine alte Frau in einer modernen Großstadt lebt allein. Lange hat ihr Enkelsohn bei ihr gewohnt, Charlie. Sie hat ihn groß gezogen, Charlie. Weil seine Mutter keine Zeit für ihn hatte. Sie hat für ihn gesorgt, so gut sie konnte. Doch eines Tages ist er verschwunden, ohne ihr etwas zu sagen: Einfach weg. Und seither hat sie nichts von ihm gehört oder gesehen. Mit dem Sehen war es schon gar nichts mehr. Denn inzwischen war sie erblindet und tastete sich in dem wenigen Zwielicht, das es noch für sie gab, durch ihre Wohnung.

 

Dann kam ihr Geburtstag. Vielleicht würde er heute kommen. Gewiß würde er heute kommen. Er würde seine alte Großmutter doch nicht vergessen. Charlie. Und dann klingelte es tatsächlich an der Haustür.

 

Es war ein junger Stadtstreicher, der bemerkt hatte, daß hier eine alte blinde Frau wohnte. Und er gedachte, wieder einmal knapp bei Kasse, ihre Hilflosigkeit auszunutzen, um ein paar nützliche Sachen zu entwenden, die er verkaufen konnte. Die alte Frau ging zur Tür und fragte: „Charlie, bist du es?“ Da antwortete er; „Ja ich bin’s.“ Sie merkte sofort, daß er es nicht war. Aber sie machte die Tür auf und rief: „O mein lieber Junge. Ich wusste ja, dass du deine alte Großmutter an ihrem Geburtstag nicht vergessen würdest. Wo bist du denn gewesen? Komm herein“ – und sie umarmte den fremden Kerl, den sie nicht sehen konnte – „setz dich doch. Ich habe noch eine Flasche Wein. Die machen wir jetzt auf.“ Der junge Mann setzte sich überrascht und misstrauisch. Sie tasteten sich mit schlauer Zuneigung aneinander heran. Der Wein brachte die beiden in Schwung und sie begannen zu erzählen. Der junge Mann erfand herrliche Geschichten von seinen Abenteuern. Die Großmutter lachte und rief immer wieder. „Oh Charlie, Charlie.“ Nach einer Weile schickte sie ihn eine Pizza kaufen und sie assen sie zusammen und die Alte begann Lieder zu singen und kramte aus einer Schublade Fotos hervor, die sie ihm zeigte und selbst nicht mehr sehen konnte. Der junge Mann hatte noch nie in seinem Leben so viel Zuwendung und Freude erlebt, ihm wurde weich und froh ums Herz als er die blinde Frau so glücklich sah. „Charlie“, rief sie immer wider, „Du hättest mir keine grössere Freude machen können. Was für ein schöner Geburtstag.“ Und als sie dann am Tisch einschlief, wusch er das Geschirr, stellte alles wieder ordentlich an seinen Platz. Strich der alten Frau noch einmal über das Harr und zog leise die Tür hinter sich zu.

 

Liebe Gemeinde: ist dies eine Adventsgeschichte? Urteilen sie selbst.

Ich sehe, dass ein wenig Licht vom ewigen Licht in das Leben dieser beiden Menschen gefallen ist, ganz anders als erwartet. Die alte Frau hatte vermocht, das unvollkommene Glück, das da an die Tür pochte, zu empfangen, es nicht abzuweisen, weil es nicht vollkommen, nicht Charlie war. Sie erschuf und erlebte ihre Geburtstagsfreude. Sie macht es wie der liebe Gott: Sie lässt einen Dieb ein – und hinaus geht: ein Enkelsohn.

Und der Junge nahm diese ausgeliehene Liebe – und siehe, sie wurde ein Stück wirklicher Liebe und Freude, die ihm galt, ihn seine schäbige Absicht vergessen ließ. Etwas bisher ganz Unbekanntes wurde in ihm wach, die Empfindung von Güte. Sie reizte ihn, der Alten irgendwie noch mehr Freude zu bereiten: bei Wein und Pizza und Geschichtenerzählen, an einem xbeliebigen Tag in einer xbeliebigen Großstadt. Es war, ich nenne es einmal „eine eschatologische Vorspeise“, ohne die zwei Menschen arm und hungrig und unglücklich geblieben wären.

„Das ewig’ Licht geht da herein.“

 

Advent 2007

Und lasst uns aufeinander acht haben

Und uns anreizen zur Liebe und guten Werken;

Und nicht verlassen unsere Versammlungen,

wie einige zu tun pflegen,

sondern einander ermutigen

und das um so mehr, als ihr sehr,

dass sich der Tag naht.

Amen