Predigt beim Schützengottesdienst

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„Was die Schützen schützen“ – Predigt für einen Gottesdienst im Rahmen eines Schützenfestes

 

Liebe Schützinnen und Schützen, liebe Gemeinde hier auf dem Festplatz,

als biblische Lesung für den heutigen Gottesdienst habe ich eine Stelle aus dem Alten Testament ausgewählt, die Sie vermutlich noch nie gehört haben. Es wird darin erzählt, wie die Israeliten nach der Zerstörung Jerusalems und nach dem babylonischen Exil die Stadtmauern des Jerusalems wieder aufbauen. Nehemia, der Anführer der Rückkehrer berichtet über den Wiederaufbau und erwähnt in diesem Zusammenhang auch die ersten Schützen. Aber hören Sie selbst.

Lesung Nehemia 4,1–3.5–14

 

Vielleicht wundern Sie sich über diese merkwürdige Geschichte. Und wieso sollen da die ersten Schützen erwähnt sein? Da ist doch weder vom Schützenkönig noch vom Königsschießen noch vom Festumzug die Rede. Stimmt! Für die Bräuche und Traditionen der heutigen Schützenvereine finden wir in der Bibel kein Vorbild. Muss ja auch nicht sein.

Aber ich habe mich ein wenig gebildet – das Internet macht es möglich. Als ich das Stichwort „Schützenfest“ bei Google eingegeben habe, habe ich gelernt, dass der Begriff „Schütze“ nicht etwa von „schießen“ kommt – wie ich bisher immer angenommen hatte, sondern vielmehr etwas mit „Schutz“ bzw. „beschützen“ zu tun hat. Und ich habe erfahren, dass die Ursprünge der Schützenvereine in den mittelalterlichen Städten liegen. Als eine Art Bürgerwehr hatten die Schützengilden die Aufgabe, die Stadtmauern vor feindlichen Angriffen zu schützen. Im Mittelalter taten sie das vor allem mit Bogen und Armbrust. Die Schützen waren keine bezahlten Soldaten, die gegen Sold ihren Dienst versahen. Es waren vielmehr Bürger, die sich aus Sorge um das Wohl ihrer Stadt für die Gemeinschaft einsetzten. Die Schützen, das waren die, die zum Wohle der Allgemeinheit die Stadtmauern und Tore bewachten und sich dabei manche Nacht um die Ohren schlugen (– das tun Schützen auch heute noch manchmal, aber aus anderen Gründen). Die Schützen, das waren auch diejenigen, die Hand anlegten, wenn es darum ging, eine fast abgebrannte oder zerstörte Stadt wieder aufzubauen. Von genau solchen Schützen und ihrem engagierten und kämpferischen Einsatz für die Stadtmauern Jerusalems erzählt der Bericht Nehemias, den wir gerade gehört haben.

Von diesen ursprünglichen Aufgaben der Schützen ist heutzutage nicht mehr viel geblieben. Stadtmauern, die vor feindlichen Angriffen geschützt werden müssten, gibt es nicht mehr.

Umso reizvoller finde ich es, darüber nachzudenken, was die Schützen heute schützen. Wovor muss ein Dorf, eine Gemeinschaft heute geschützt werden? Welche Werte gilt es zu schützen und zu verteidigen?

Da fallen mir zunächst einmal Tradition und Brauchtum ein. Die Uniform der Schützen, die Wappen und Fahnen der genau festgelegte Ablauf des Schützenfestes – das alles ist über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte festgelegt und bewahrt geblieben. Damit bilden die Schützenvereine ein heilsames Gegengewicht gegen die Schnelllebigkeit unserer Zeit, die uns mit ihren raschen Veränderungen häufig so atemlos werden lässt.

 

Als nächstes fallen mir die Werte von Gemeinschaft und Zusammenhalt ein. Vereinsamung und Vereinzelung sind nicht nur ein Phänomen der Städte. Auch in unseren Dörfern leben immer mehr Menschen nebeneinander her. Viele fahren tagsüber zur Arbeit in die umliegenden Ort und kehren nur abends zurück in ihr Heim im Grünen. Die Nachbarn kennt man oft nur flüchtig, von Neuzugezogenen weiß man vielleicht gerade noch den Namen. Wenn es da gelingt, Menschen zusammenzubringen und Gemeinschaft zu stiften, ist das ein wichtiger Dienst für das Gemeinwohl. In vielen Dörfern ist das Schützenfest noch immer das gesellschaftliche Highlight des Jahres– hier begegnet man sich, hier trifft man sich, hier wird Gemeinschaft gelebt.

Für die einzelnen Schützen und Schützinnen ist ihr Einsatz mit einen hohen zeitlichen und teilweise auch finanziellen Engagement verbunden. Wie die Schützen des Mittelalters tun sie ihren Dienst ehrenamtlich, ohne „Sold“. Auch dies ist ein Wert, den es zu schützen gilt: Freigiebigkeit und ehrenamtliches Engagement, das nicht nur danach fragt, was für mich dabei rausspringt.

 

Was schützen die Schützen heute? Als drittes fallen mir Werte ein, die mit dem Schießsport an sich und seinen Eigenarten zu tun haben (soweit ich das als Laie beurteilen kann).

Das erste, was beim Schießen wichtig ist, ist, dass man ein Ziel haben und dieses Ziel kennen muss. Es kommt darauf an, das Ziel im Auge zu haben und nicht einfach aufs Geratewohl drauf loszuschießen. (Mir sind zwar Berichte zu Ohren gekommen, dass hin und wieder schon ein Schütze die Königswürde erlangt hat, der nicht ganz so genau auf die Zielscheibe gezielt hat, aber das sind natürlich nur böse Gerüchte.)

Was für den Schießsport gilt, gilt auch für unser Leben. Nur wenn wir unser Ziel kennen und unseren Ursprung, wird unser Leben gelingen. Für uns Christen liegen Ursprung und Ziel unseres Lebens in Gott. So wie wir es vorhin mit den Worten von Ps 62 miteinander gebetet haben: „Nur zu Gott hin wird still meine Seele, von ihm allein kommt meine Hoffnung.“

 

Ein zweites, was beim Schießen wichtig ist, ist Vorsicht. Ein Schütze muss mit der Waffe behutsam umgehen – leichtfertiges Handeln kann schnell zu Unfällen führen. Es braucht bestimmte Sicherheitsvorkehrungen und Regeln, bevor man den Abzug betätigt. Auch dies lässt sich in unserem alltäglichen Leben wieder finden. Vorsicht und Rücksichtnahme im Umgang mit sich selbst und anderen zeichnen einen verantwortungsvollen und reifen Menschen aus. Die Bibel formuliert das in dem einen großartigen Satz: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ und fasst damit alle Regeln, die es im Leben braucht, zusammen.

 

Wir sehen somit, dass die Schützen auch in unserer Zeit noch einiges schützen können. Keine Stadtmauern und Tore, aber manche Traditionen, Werte und Prinzipien.

Aber die Schützen selber brauchen – so wie wir alle – auch selber Schutz. Oder anders gesagt: die Fürsorge und Begleitung, kurz: den Segen Gottes. Damit Streit und Missverständnisse, Neid und Missgunst, die zu jeder menschlichen Gemeinschaft dazu gehören, sie nicht trennen. Und damit sie genügend Kraft, Freude und Energie für ihr Engagement behalten. Nehemia und seine Schützentruppe, von denen wir vorhin gehört haben, waren voller Vertrauen auf die Fürsorge und den Segen Gottes. Aus diesem Vertrauen haben sie die Kraft bekommen, Tag und Nacht an ihrer Aufgabe festzuhalten und die zerstörten Stadtmauern Jerusalems wieder aufzubauen.

Ein Symbol für den Segen und den Schutz Gottes, ist der sprichwörtliche Schutzengel, den auch wir heute uns noch immer wünschen. Ich denke, dass auch die Schützen solch einen Schutzengel brauchen können. Deshalb habe ich Ihnen heute einen mitgebracht. Er soll Sie erinnern an den Segen Gottes, den dieser Verein in den langen Jahren seines Bestehens erfahren hat. Und er soll Sie und Euch ermutigen, auch die Zukunft seinem Segen zu überlassen. Amen.

 

 

Pastorin Claudia Süßenbach, Nordelbien