Ostern – Das Ungeheure zelebrieren

 

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Ich wiege fast zwei Zentner, man hat mich aus dem Fels herausgeschlagen.

Dann auf Holzstämmen bis zu einem Ochsenkarren gerollt. Schweißhände an mir, Blut, unter mir ein angebrochener Menschenfuß. Warum lassen sie mich auch nicht da, wo ich entstand? Mit dem Karren an einen Ort mit vielen Menschen, Peitschenschläge unterwegs, Rufe, Sonnenglut bis in mein Innerstes. An einem Ort liegen, monatelange Stille nachts, Gehämmer am Tag, nicht bei mir, eher woanders. Dann harte Hände, hartes Werkzeug. Ich soll gefügig werden, passend – wer weiß wofür. An mir wird gearbeitet. Schläge. Splitterndes. Mein Inneres wird sichtbar, die Linien, die Risse. Fertig? Fertig. Stummes Liegen.

Wieder ein Karren, wieder Rufe, woanders hinkommen, Kommandos, Stöhnen. Wer macht sich diese Mühe mit mir?

Lagern an stillem Ort. Schritte. Weinen.

Stille.

Donner ist plötzlich in der Luft, Geschrei.

Wieder Stille.

Dann eine Menge Menschen, an mir vorbei mit Stimmen aus Glas, brüchig wie meine Splitter. Sie tragen etwas Weiches. Legen es ab in meiner Nähe. Gesang, der leiser wird. Schritte, die sich entfernen. Wieder Schweißhände, die mich bewegen, bis ich irgendwo passe. Offenbar in eine Lücke wie die, die ich in den Bergen hinterlassen habe. Bin ich wieder zuhause? Eine Seite von mir ist frei, die andere im Fels mit Hohlraum.

Stille.

Nacht.

Tag.

Nacht.

Dann ein Vibrieren von innen, wie Erdbeben. Glut. Sog. Schmelze. Außen Schreie. Etwas drückt mich von der Raumseite, etwas wie Sonnenglut.

Kein Halten.

Alles zittert.

Ich falle aus meiner Fassung.

Dann Stille.

Wieder Stimmen. Fragen, Rufe.

—-

Nicht nur die Frage nach der Auferstehung ist geheimnisvoll.
Auch: Wie die Liebe zwischen zwei Menschen entsteht – wer kann das beschreiben, geschweige denn erklären? Wie Steine sind wir vielleicht, die nichts sehen, sondern nur ahnen, was Ungeheures geschieht mit uns. Wir denken, wir könnten sehend verstehen. Und können doch nicht einmal erklären, wie unser Immunsystem uns so fein balanciert am Leben hält, wie ein Same zum Fötus und der Fötus zum Menschen wird, wie Materie zuinnerst gebaut ist – all das wird immer unausforschlicher, je mehr man weiß.
Schauen wir in den Bauplan der sog. Materie, so entdecken wir am Ende überhaupt nichts wirklich Gegenständliches, Stoffliches mehr, sondern im Wesentlichen nur noch Schwingungen.

Was dort passiert, ist ein permanentes Absterben und Neuwerden. Immerzu, jede Sekunde bestehen wir aus etwas, die im Innersten zerfällt und neu wird. So ahnt es die Quantenphysik.

Oder die anderen Geheimnisse:

Einen Menschen in Hamburg befällt wildes Herzklopfen, und er erfährt Stunden später, dass der Bruder in Montreal zur selben Minute in einen Unfall verwickelt war. Was sind das für Gleichzeitigkeiten über große Entfernung hinweg? Viele kennen das aus eigener Erfahrung.

Ein anderer fühlt so lebendig die Gegenwart seiner verstorbenen Mutter am Tisch auf seiner linken Seite, dass er aufstehen muss, weil ihn dieser Eindruck physisch bedrängt.

Auf den Gesichtern der Pina-Bausch-Tänzerinnen und –Tänzer im Film über die große Choreografin: ihre Gegenwart. Greifbar lebendig die Verschwundene bis in die Mimik, wenn die Lebenden – sich erinnernd – erzählen. Fast ist sie stärker anwesend als zu Lebzeiten. In den anderen, dann auch in uns Filmguckern. Und beschreibt nicht der Mythos aus Himmelfahrt und Pfingsten eben diese Ahnung: Richtig lebendig in uns ist einer oft erst, wenn er weg ist? Aber was heißt dann ‚weg‘?

In meinen Knochen die vitalen Botschaften meiner Vorfahren, abgespeichert als genetischer Abdruck, der in mir zum Leben, zur Welt kommt.

In meinen Kindern – mein Gesicht, unser Gesicht, meine Gegenwart, unsere Gegenwart. Im Enkel die Wiederkehr aus unseren und den Gesichtern der Kinder und doch in eigener Mischung.

Bei einer frischen Liebe in einem Augenblick aus Ewigkeit der Satz: „Wir kennen uns schon lange!“, obwohl wir uns erst ein paar Tage kennen. Ausdehnung dieses einen Moments tiefer Verbundenheit. In der Seelensprache heißt es dann: „Wir sind schon lange zusammen.“ Oder als Zukunft: „Im Himmel werden wir zu einem Stern verschmelzen.“

So auch die Seelensprache der Kirche: „Dann werden wir auferstehen.“

Woher diese Sprache? Sie entsteht in den Augenblicken voller Ewigkeit. In diesen Momenten weiß sich jemand angeschlossen an etwas, das nicht vergeht. Und weil die Sprache das nicht gut fassen kann, verwendet sie Vergangenheit und Zukunft, um die ungeheure Ausdehnung dieser Wahrheit zu beschreiben. „So war es immer und so wird es immer sein!“ Aber eigentlich will sie sagen: „Jetzt ist der Moment, wo alle Fragen verstummen. Wo ich weiß. Wo all das nicht zu löschen ist durch den Tod. Wo es überdauert.“ Und oft sind das die Momente der Liebe, der Schönheit und der Wahrheit.

Vielleicht will die Rede von Ostern, von der Auferstehung der Toten, so etwas andeuten. Mehr ahnen als wissen. Und doch so mächtig, dass auch skeptische Menschen angezogen sind von dieser eigenartigen Idee. Denn viele wissen, wie lebendig etwas sein kann, das als verstorben gilt, Menschen, Ideen, Verhältnisse.

Dies Geheimnis umkreisen wir nun fast 2000 Jahre, und es wird tiefer mit jedem Jahr. Das feiert die Kirche. Sie zelebriert das Ungeheure, das uns durchzieht wie die Adern den Stein. Sie führt Geheimnisse auf. Weihnachten, Ostern und alle Ausformungen davon im Jahrkreis. Geburt und Wiedergeburt. Sie verwendet die mythische Sprache vom Stein, der nicht mehr vor dem Grab liegt. Weil im Raum der Liebe die Geheimnisse größer werden, mag Kirche eben diesen Raum mit Geschichten offenhalten. „Es ist schön, dass ich dich nie begreifen werde. So lass uns leben.“ sagen die Liebenden. Sagt die Kirche. Schön ist es, weiter Ostern für Ostern darum zu kreisen und jedes Jahr einen neuen Aspekt des keimenden Lebens zu entdecken.

 

erschienen bei Andere Zeiten 1.15

Thomas Hirsch-Hüffell