Liedpredigten -Vorbereitung zu: Tochter Zion, Die Nacht ist vorgedrungen

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EG 13 Tochter Zion, freue Dich

  1. Ursprung und Form

Das Lied gehört ins Repertoire englischer patriotischer Gesänge und darf in der Last Night of the Proms nicht fehlen. Friedrich Heinrich Ranke (1798-1876) hat für dies Lied Chorsätze aus Georg Friedrich Händels Oratorien „Judas Maccabäus“ und „Joshua“ umgetextet. Ursprünglich englischsprachig wird in „Joshua“ ein „conqu´ring hero“ (Komposition von 1747) und im vier Jahre späteren Oratorium Judas Maccabäus (HWV 63) der Jüdische Freiheitskämpfer Judas Makkabäus gepriesen, der eine Allegorie ist auf William Augustus, Duke of Cumberland, und dessen siegreiche Schlacht über schottische Freiheitskämpfer in der Schlacht von Culloden (1746).

Zwischen dem vierstimmigen Chorsatz von Händel und dem Lied von Ranke bestehen einige wenige Unterschiede.[1] Händels Chorsätze aus Judas Maccabäus und Joshua stehen in G-Dur. Die spätere Version Rankes für vierstimmigen Chor steht dagegen in Es-Dur. Das Lied und die Oratorienversionen haben aber die gleiche einfache akkordische Struktur in gängigen Kadenzstufen. Der Text wird in allen vier Stimmen simultan deklamiert.

Als der evangelische Theologe Friedrich Heinrich Ranke dem Satz von Händel einen Text nach Sacharja 9,9 in der Lutherfassung unterlegte, entstand das Adventslied Tochter Zion, freue dich in seiner jetzigen Form (um 1820 in Erlangen). Er fügte zwei weitere Strophen hinzu[2].

  1. Der Text und seine Quellen

„Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem!

Sieh, dein König kommt zu dir, ja, er kommt, der Friedefürst

Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem!

 

Hosianna, Davids Sohn, sei gesegnet deinem Volk!

Gründe nun dein ewges Reich, Hosianna in der Höh!

Hosianna, Davids Sohn, sei gesegnet deinem Volk!

 

(Sieh! er kömmt demüthiglich

Reitet auf dem Eselein,

Tochter Zion freue dich!

Hol ihn jubelnd zu dir ein.)

 

Hosianna, Davids Sohn, sei gegrüßet, König mild!

Ewig steht dein Friedensthron, du des ewgen Vaters Kind.

Hosianna, Davids Sohn, sei gegrüßet, König mild!

Die angeredete „Tochter Zion“ ist eine allegorische Person. Sie ist die personifizierte Stadt Jerusalem. Der Liedtext bleibt ganz nah am Sacharja-Vers: „Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. (Sach 9,9, Luther 1984) “

Im Kirchenjahr gehört das Lied in die ersten beiden Adventswochen. Am ersten Sonntag im Advent wird in der evangelischen Kirche der Einzug Jesu in Jerusalem (Mt 21,1–9) als Evangelium gelesen:„Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sach 9.9): ´Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.´“ Die Anrede „Friedefürst“ stammt dabei aus Jes 9,5f – Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“ – bekannt aus den Lesungen zu Heiligabend“

Zion, Stadt Jerusalem, Braut und Tochter zugleich, freut sich also auf die Ankunft des Herrn.  Ähnlich ist es in dem Choral Wachet auf, ruft uns die Stimme (EG 147) verarbeitet. Dort heißt es in der zweiten Strophe:

„Zion hört die Wächter singen,
Das Herz tut ihr vor Freuden springen,
Sie wachet und steht eilend auf.“

Auch in der Alt-Arie „Bereite Dich Zion“ aus Bachs Weihnachtsoratorium wird dieses Thema behandelt:

„Bereite dich, Zion, mit zärtlichen Trieben,
Den Schönsten, den Liebsten bald bei dir zu sehn!
Deine Wangen – Müssen heut viel schöner prangen,
Eile, den Bräutigam sehnlichst zu lieben!“

 

  1. „Tochter Zion“ im Gottesdienst

Im Gottesdienst kann das Lied anschaulich die Brücke schlagen zwischen der kleinen und der großen Passionszeit. Als Eingangslied angestimmt und dann z.B. als Lied nach der Predigt noch einmal gesungen, kann es am 1. oder 2. Sonntag im Advent genauso stimmig sein wie am Palmsonntag. Ein Motiv sollte dann den Gottesdienst durchziehen, eine narrative Konkretion – Esel, Palmzweige, Tore der Stadt – wieder aufgenommen werden, die deutlich macht, was sich hinter der „Tochter Zion“ verbirgt. Das Lied darf vor allem nicht geleiert werden, nicht zu langsam und marsch-artig gespielt und gesungen werden, sondern mit leichtem Tritt, prozessionshaft die Gemeinde zum Klingen bringen.

 

  1. „Tochter Zion“ als Kasuallied. Miniatur.

St. Jacobi, Stadtkirche in Göttingen, eine Trauerfeier. Die gotische Hallenkirche gut gefüllt, vorn ein Foto des Verstorbenen, zwei weiße Lilien links und rechts, kein Sarg, keine Urne. Wenige Tage vor seinem 80.Geburtstag ist er gestorben, der Ehemann, der Vater, der Freund, der Großvater. „Tochter Zion“, das war sein Lieblingskirchenlied, nicht nur zum Advent. Und Händel, Held der Göttinger Festspiele, sowieso sein Lieblingskomponist. Dies „freu-heu-heue Dich“ in der ersten Zeile, das konnte er just so betont zur Freude der Enkel in etwas rissigem Bariton gut singen, und es gehörte für ihn zur Adventszeit wie Zimtsterne und diese dicken aus Bienenwachs gedrehten Kerzen, die es leise überteuert auf Weihnachtsmärkten gibt und schon in seiner Kindheit gab. „Freu-heu-heu-heu-heue Dich“, das war die Sorte Humor, die er sich sonst selten erlaubte. Tochter Zion setzte das in ihm frei.

Bei der Trauerfeier am Samstag des 2. Advent also Tochter Zion. Die reale Tochter flüchtet in den Alt, dort kann die Stimme unbemerkt etwas zittern.

Dass über Tochter Zion, also über Sacharja 9,9, die Adventszeit in Text und Lied hineinragt in die Passionszeit, dafür ist diese Trauerfeier Konkretion. Freu-heu-heu-heu-heue Dich – das kann über diese Lied-Brücke ein Refrain der Karwoche werden, angestimmt am Palmsonntag, ohne Kerzen. Palmzweige statt Tannengrün. Esel zum Reiten statt Krippen. Wenn Tochter Zion in aller tänzerischen Leichtigkeit des vierstimmigen Satzes über Advent und Palmsonntag bis zum Ostersonntag gelangt, dann kommt der Christus-König, der Auferstandene, siehe, Dein König. Und der Tote, bis dahin bestimmt, wird dann auch auferstanden sein und ist beim Vater. Endlich.

 

 

EG 16 Die Nacht ist vorgedrungen

  1. Das Lied, der Autor und seine Zeit

Jochen Kleppers Lieder gehören zum Wichtigsten, was aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in das EG gekommen ist[3]. Mitten in Dunkelheit und organisierter Brutalität des Nationalsozialismus veröffentlichte er einen Band „Kyrie. Geistliche Lieder“[4]. Darin finden sich etliche Advents- und Weihnachtslieder. Eines davon ist „Die Nacht ist vorgedrungen“, von Johannes Petzold (1912-1985) dann 1939 vertont. Es ist Kleppers letztes Advents- oder Weihnachtslied – geschrieben in einer Zeit, die für ihn und seine Familie persönlich bedrohlich war. Wegen seiner Ehe mit einer Jüdin hatte Klepper seine Arbeit beim Rundfunk und im Ullsteinverlag verloren, aus der Reichsschriftenkammer wurde er ausgeschlossen, ein freies Arbeiten war für ihn nicht mehr möglich. Sein 1937 erschienener großer Roman „Der Vater“ war (und ist bis heute!) ein durchschlagender Erfolg. Aber der Familie drohten Verhaftung, Konzentrationslager und Tod, die Nazibehörden verweigern die gemeinsame Emigration. So gingen sie, wie Klepper in seiner letzten Tagebucheintragung vom 10. Dezember 1942 schreibt „heute gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der uns trägt. In dessen Anblick endet unser Leben.“

„Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern.
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.

Dem alle Engel dienen,
wird nun ein Kind und Knecht.
Gott selber ist erschienen
zur Sühne für sein Recht.
Wer schuldig ist auf Erden,
verhüll nicht mehr sein Haupt.
Er soll errettet werden,
wenn er dem Kinde glaubt.

Die Nacht ist schon im Schwinden,
macht euch zum Stalle auf!
Ihr sollt das Heil dort finden,
das aller Zeiten Lauf
von Anfang an verkündet,
seit eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet,
den Gott selbst ausersah.

Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr.
Von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her.

Gott will im Dunkel wohnen
und hat es doch erhellt.
Als wollte er belohnen,
so richtet er die Welt.
Der sich den Erdkreis baute,
der läßt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute,
kommt dort aus dem Gericht.“

 

  1. „Die Nacht ist vorgedrungen“ im Gottesdienst

In Kleppers Kyrie-Band findet sich ein Weihnachts-Kyrie, das in einem Gottesdienst in der Heiligen Nacht gut als liturgisches Kyrie verwendet werden kann. Klepper stellt dem den Vers Lk 2,7 voran: „Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“

Der Kehrvers „Kyrie eleison“ könnte je nach Stimmung und musikalischer Besetzung mit Orgel und einem der Kyrie aus EG 178 rhythmisiert werden oder einer jüngeren Komposition (Lebensweisen JA Kyrie). In Verbindung mit EG 16 wäre auch eine Verwendung der 5. Strophe als Gloria-Strophe reizvoll. Andererseits ist die letzte Strophe des Kyrie-Gedichtes, was in ein „Hosianna“ mündet, ja selber eine Art Gloria. Das „Hosianna“ sollte dann entsprechend der Wahl des Kyrie gestaltet werden – ggf. als lauter Ruf der Gemeinde. Die Gemeinde müsste durch call and response in den Kyrierufen schon eingestimmt sein und dann auch auf ein gerufenes oder gesungenes Hosianna entsprechend antworten.

Kyrie:

Liturg/in (L):

Du Kind, zu dieser heiligen Zeit

Gedenken wir auch an dein Leid,

das wir zu dieser späten Nacht

durch unsere Schuld auf dich gebracht.

Kyrie eleison

 

G: Kyrie eleison.

 

L: Die Welt ist heut voll Freudenhall.

Du aber liegst im armen Stall.

Dein Urteilsspruch ist längst gefällt,

das Kreuz ist dir schon aufgestellt.

Kyrie eleison

 

G: Kyrie eleison!

 

L: Die Welt liegt heut im Freudenlicht.

Dein aber harret das Gericht.

Dein Elend wendet keiner ab.

Vor deiner Krippe gähnt das Grab.

Kyrie eleison

 

G: Kyrie eleison!

 

L: Die Welt ist heut an Liedern reich.

Dich aber bettet keiner weich

Und singt dich ein zu lindem Schlaf.
Wir häufen auf Dich unsere Straf´!

Kyrie eleison

 

G: Kyrie eleison!
L: Wenn wir mit dir einst auferstehn

Und dich von Angesichte sehn,

dann erst ist ohne Bitterkeit

das Herz uns zum Gesange weit!

Hosianna!

 

G: Hosianna!

 

  1. Die Nacht ist vorgedrungen in der Heiligen Nacht. Ein Predigt-Entwurf.

Gottesdienst in der Heiligen Nacht, 23 Uhr, St. Nicolauskirche der Evangelischen Stiftung Alsterdorf in Hamburg. Nachtgemeinde. Schwestern aus der Spätschicht der psychiatrischen Ambulanz. Ernst K. mit Schädel-Hirn-Trauma, der auch an Weihnachten nicht weiß, wer die jungen Leute sind, die sagen, sie sind seine Kinder. Aber er geht gern mit ihnen in die Kirche, da kennt er sich aus. Eine junge Familie aus der Nachbarschaft, die Frau hochschwanger. Sie und ihr Mann haben im Sommer in dieser Kirche geheiratet. Nun wird sie die Weihnachtsgeschichte lesen.

Zwei Pastorinnen A und B. Die Strophen des Liedes werden mit Orgelbegleitung als Gemeindelied (G) gesungen. Der Duktus der Predigt zwischen den Liedstrophen ist hier nur angedeutet, er ist auf die gemeindliche Situation anzupassen, wichtig ist die Reaktion auf den Strophentext, eine genannte Kontrasterfahrung dazu und das anschließende Auslöschen der Kerzen bis zur 4. Strophe. Die Gemeinde bekommt an der Tür mit dem Liederzettel eine Kerze.

G: Die Nacht ist vorgedrungen …. Auch Deine Angst und Pein.

A (steht am Weihnachtsbaum): Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. Seit Jahren höre ich das. Ich hab es satt. Wer sowieso zur Nacht weint, der weint Heiligabend doch erst recht. Heute sind sie mehr allein als in irgendeiner anderen Nacht. Davon dass der Morgenschein meine Angst und Pein bescheint, geht sie nicht weg.

Wochenlang verhöhnen die süßlichen Lichter die Traurigen. Ich puste/knipse die Kerzen am Weihnachtsbaum jetzt aus. (A löscht die Lichter)

G: Dem alle Engel dienen …wenn er dem Kinde glaubt.

B (am Adventskranz) : Wer schuldig ist auf Erden – das fühlt sich schwer an. Ich kann das gar nicht hören. Ja, ich mache Fehler, jeden Tag. Ich verletze die, die ich am meisten liebe – ständig passiert mir das. Ich lese Zeitung und finde nichts von Frieden. Ich sehe ein Paar, mit dem ich befreundet bin , und zwei Jahre nach der Hochzeit finden sie ihre Liebe einfach nicht mehr wieder. Ich stehe am Krankenbett und kann nichts tun gegen der Krebs, der frisst und frisst. Wie hießen noch einmal diese Adventskerzen – Glaube, Hoffnung, Liebe, Friede? Ich finde nichts davon. (B bläst Kerzen aus)

G: Die Nacht ist schon im Schwindenden Gott selbst ausersah.

A: (am Fenster) Die Nacht ist schon im Schwinden? Sie bleibt und wird immer dunkler. Wenn der Welten Lauf feststeht, warum geht es manchen Menschen dann eklatant dreckiger als anderen? Sind sie schuldiger? Oder Opfer ohne Stimme? Sie stehen nicht im Licht, und deshalb mache ich das Licht in den Fenstern jetzt auch aus. Wir sehen ja nichts. (A bläst Kerzen aus)

G: Noch manche Nacht wird fallen … kam Euch die Rettung her

B (frei): Ziemlich dunkel hier. Aber etwas sehe ich noch. Etwas leuchtet noch. Nichts von draußen. Das Kind. Das Krippenkind. Das Kleine. Das ist noch da. Flackernd, aber da. Ein Hoffnungsquellenkind. Menschenleid und Menschenschuld –dafür ist das Kind gekommen. Wie ein Stern. Unterm Zeichen des Sterns.

Mein Herz wird weit. Etwas löst sich. Ich war ein Kind. Sie da im Dunkeln, sind Kinder, waren Kinder. Wie, wenn das Licht für mich reichte – und für Sie alle auch? Hat er es nicht versprochen?

Licht wird nicht weniger, wenn man es teilt. Im Gegenteil, es wird mehr. Hat nicht der Engel geleuchtet, als er zu den Menschen gekommen ist? Und sie haben sich gefürchtet.- Ich fürchte mich auch. Es wird nicht einfach alles wieder gut. Schmerz ist Schmerz und Trauer ist Trauer.

Aber das Licht ist stark und zieht und ruft.

(B nimmt Kerze und zündet an der Christuskindkerze an. Gibt Licht weiter an A. A gibt Licht in die Gemeinde. B zündet die ausgeblasenen Kerzen am Adventskranz, am Baum und in den Fenstern wieder an, hält dazwischen inne und redet weiter)

Ich zünde den alten Kranz der Hoffnung wieder an, die Hoffnung zuerst, die speist ihre Kraft aus dem kleinen Kind. Ich zünde die Friedenskerze wieder an, Friedefürst wird das Kind genannt. Und Glaube und Liebe, die sollen leuchten im Dunkel und in der Nacht. Auch der Baum kann wieder leuchten, er steht nicht nur da für Kitsch und schale Gefühle, er steht auch für das Leben und das Fest. Gott ist da.

G: Gott will im Dunkel wohnen… kommt dort aus dem Gericht.

 

 

Die Predigtinszenierung lebt vom Übergang von Dunkel und Licht. „Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt“ wird sinnfällig dadurch, dass das Jesuskind in der Krippe im Gottesdienst für einen Moment lang tatsächlich die einzige Lichtquelle ist[5]. Im Gottesdienst selbst kann erlebt werden, wie die Kirche dunkel war und wieder erhellt wird, und anders als in Gottesdiensten am Ostermorgen beispielsweise bleibt es grundsätzlich dunkel (Gott will im Dunkel wohnen), aber das Licht ist da (und hat es doch erhellt). Gott hat sich inkarniert, ist Fleisch geworden – in das Dunkel hinein, und ist dabei er selber geblieben. Dadurch hat die Dunkelheit eine andere Qualität bekommen. Dies im Gottesdienst zu erleben, ist auch non-verbal stark und bedarf liturgisch keiner Erklärung.

 

 

 

EG 97 Holz auf Jesu Schulter

  1. Ursprung, Form, Bilder

 

Unter dem Originaltitel „Met de boom des levens“ 1963 vom niederländischen Theologen, Schriftsteller und Dichter Willem Barnard[6] verfasst, vertonte es der Priester und Kirchenmusiker Ignace de Sutter[7] 1964. 1975 holte Jürgen Henkys das Lied durch seine Übersetzung in die deutsche Kirchenmusik[8].
Die Tonart ist g-äolisch. Die 4. Strophe des Gedichts hat schon Ignace de Sutter zum Refrain genutzt. Die Melodie ist einprägsam und getragen, die Sprache klar. Das Lied besteht aus sechs Strophen, die erste und letzte bilden eine Klammer um die anderen. Ein Refrain schließt sich jeder Strophe an, eine Kyrie-Bitte an Gott, die in eine Bitte um unsere Auferstehung von den Toten mündet. Strophe 2 ist die Bitte um Frieden, Strophe 3 zeigt mit dem „Es ist vollbracht“ (Joh 19, 30), dass der Tod von Jesus am Kreuz unsere Bemühungen schon an ein Ende gebracht hat.

Auffällig die Gegensatzpaare in den Strophen 3 bis 5: Erde versus Himmel, Tag/Licht versus Nacht und die paradoxen Kombinationen „strenge Güte“ und „gnädiges Gericht“. In den Strophen 1 und 6 spielt ein weiterer Gegensatz eine Rolle: Das „Holz“ auf Jesu Schulter, das Kreuz, das er selber noch zu seiner eigenen Kreuzigung schleppen muss, wird im Lied zum „Baum des Lebens“.

Dieser Baum spielt im ersten und im letzten Buch der Bibel eine Rolle. In Genesis 2,9 lässt Gott aus der Erde „aufwachsen… allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen“. Apokalypse 2,7 („Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradiese Gottes ist“) knüpft an diesem Bild wieder an. Der Ort, von dem die Menschen sich haben vertreiben lassen, ist zugleich der, zu dem sie zurückkehren am Ende der Tage. In Apokalypse 22, dem letzten Kapitel der Bibel heißt es voll eschatologischer End-Spannung: „Und er zeigt mir einen Strom lebendigen Wassers…; mitten auf dem Platz und auf beiden Seiten des Stromes Bäume des Lebens…“ (Apk 22,1-2). Bilder der Fülle und Sattheit. Baum des Lebens, Wasser des Lebens (Apk 22,17: „… Und wen es dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.“)

 

  1. Der Text

Holz auf Jesu Schulter, von der Welt verflucht,
ward zum Baum des Lebens und bringt gute Frucht.
Kyrie eleison, sieh wohin wir gehn.
Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.

Wollen wir Gott bitten, dass auf unsrer Fahrt
Friede unsre Herzen und die Welt bewahrt.
Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehen…

Denn die Erde klagt uns an bei Tag und Nacht.
Doch der Himmel sagt uns: Alles ist vollbracht.
Kyrie eleison…

Wollen wir Gott loben, leben aus dem Licht.
Streng ist seine Güte, gnädig sein Gericht.
Kyrie eleison…
Denn die Erde jagt uns auf den Abgrund zu.
Doch der Himmel fragt uns: Warum zweifelst du?
Kyrie eleison…

Hart auf deiner Schulter, lag das Kreuz, o Herr,
ward zum Baum des Lebens, ist von Früchten schwer.
Kyrie eleison…

 

  1. Holz auf Jesu Schulter im Gottesdienst

Klassisch gehört das Lied EG 97 in die Passionszeit, genauer in die Karwoche, in der das Kreuz besonders präsent ist. Es kann komplett als Kyrielied gesungen oder mit gesprochenen Gebetspassagen zwischen den Strophen als entfaltetes Kyrie verwendet werden. Gerade in der Passionszeit, in der das Gloria fehlt, kann es als Kyrie seine liturgische Kraft entfalten, das Bild vom „Baum des Lebens“, der Überwindung des Todes, ist ein Gloriamotiv, was den Kyrieruf aufnimmt und ihm eine Richtung und Antwort gibt.

Das Lied oder zumindest der Kyrieruf kann auch als Refrain eines vollständigen Karfreitagsgottesdienstes verwendet werden, in der Eingangsliturgie, als Predigtlied und als Ektenie in den Fürbitten. Das kann verbunden werden mit Psalm 22, gebetet aus der ersten Reihe vom Lektor, und mehrfach (3-4 mal) von Gemeindegliedern aus dem Hauptschiff oder aus dem Chor von der Empore unterbrochen mit „Hast Du mich verlassen?“ Die Frage nimmt sich ihren Raum in der Eingangsliturgie. Ein Chor umrahmt die Gebete und Lesungen mit Chorälen aus der Johannespassion.

 

  1. Holz auf Jesu Schulter am Karfreitag. Predigtmoves

Karfreitag, 10 Uhr Gottesdienst. Psalm 22 und EG 97 und vom Chor gesungene Choräle aus der Johannespassion prägen liturgisch den Gottesdienst, Epistel und Predigttext sind Hebräer 9,15ff.

 

 

Predigtmoves:

„Und darum ist er – Christus – auch der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene Erbe empfangen.“( Hebr 9,15)

„Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für alle Mal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben.“ (9,26)

„Ich kann die Rede vom „Zweck“, vom „Plan“, vom „Nutzen“ des Kreuzestods nicht gut ertragen. Ich kann und will mir das nicht wirklich vorstellen, einen Gott, der so etwas plant. Wenn ich damit überhaupt zurechtkomme, dann so: Die frühen Christen, nach Jesu Tod erst zur Gruppe der Jünger dazu gestoßen, hatten Jesus nicht gekannt. Sie mussten eine schwierige und eigenartige Geschichte verstehen. Da kommt ein Mensch und sagt, er sei von Gott. Da folgen ihm viele und sagen, er sogar Gottes Sohn. Und dann stirbt genau dieser den grausamsten Tod, der unter der Regentschaft der römischen Kaiser zu haben war. Das kriegen sie im Kopf nicht zusammen. Das wollen sie aber erklärt haben, irgendwie. Der Hebräertext versucht es so: Jesus ist für die Menschen gestorben, sozusagen zum Ausgleich für das, was die gemacht haben. Sündenbock, das war ein Wort, was jeder kannte, der jüdisch sozialisiert war. Einmal im Jahr, am Yom Kippur, dem Tag der Versöhnung, kam ein junger Bock ins Spiel. Der Priester aus der Synagoge „besprach“ ihn, legte ihm die Sünden auf wie einen schweren Korb oder einen dicken Teppich. So beladen trabte das Tier dann in die Wüste – weiteres Schicksal unbekannt. So etwas Ähnliches habe Jesus gemacht, sagt der Hebräerbriefschreiber. Aber nicht alle Jahre wieder, sondern einmal und für immer.“ –

„Diese Zumutung gehört zum Glauben dazu. Schwer aushaltbar wäre es allerdings auch, wenn der Tod des Gottessohns am Kreuz nur ein Betriebsunfall war, ein Justizskandal. Hart zu akzeptieren aber auch, dass Gott diesen brutalen Akt für unsere Erlösung gebraucht haben soll. – Vielleicht finde ich es deshalb so wichtig, mir Jesus als einen vorzustellen, der das selber nicht jede Minute aushalten konnte. „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Er war Mensch. Er hat gelitten. Er hatte Angst und Schmerzen und er wollte, dass es schnell zu Ende geht.“ –

„Im Obergeschoß des Krankenhauses hier in der Stadt gibt es einen Raum der Stille. Dort liegt ein schwarzes Buch, in dem Patienten und Angehörige hineinschreiben und das von anderen gelesen werden darf. Eine Art Gästebuch bei Gott. – „Gott, hilf, dass unsre Mutter wieder gesund wird. Wir brauchen sie. Wir schaffen es nicht allein.“ Oder: „Wieder diese Clusterkopfschmerzen. Kann nachts nur schreien. Einzelzimmer. Ich komme nicht dahinter. Warum quälst Du mich so? Warum schenkst Du mir nicht wenigstens kompletten Wahnsinn, Gott, damit ich nicht mehr nach einem Sinn suchen muss, den es vielleicht gar nicht gibt?“ Eine andere Schrift direkt darunter: „Dass Sie sich trauen, so zu schreiben, so zu schreien. Mich macht das mutig. DANKE.“ –

„Das Buch hat noch leere Seiten. Vielleicht schreiben die beiden weiter an diesem Dialog. Vielleicht schreiben sie und wollen und hoffen, dass er das liest, auch die Schreie und das Schimpfen. Öffentlich wird ihr Schmerz dadurch. Und vielleicht liest es ja wirklich jemand und sagt: „Seht, welch ein Mensch.“

Anne Gidion, gottesdienst institut nordelbien, Hamburg

 

[1] Während der aufwärts gerichtete Stufengang in Achteln in Takt 3 sowohl im Joshua wie im Lied in Takt fünf um das Intervall einer Sekunde nach oben versetzt wiederholt wird, verwendet Händel im Judas Maccabäus an den analogen Stellen eine Quarte.

[2] Ranke entwarf es für den musikalischen Salon von Karl Georg von Raumer. Dessen Schwägerin Louise Reichhardt veröffentlichte das Lied 1826 in ihrer in Hamburg herausgegebenen Sammlung Christliche, liebliche Lieder, unter der Überschrift „Am Palmsontage“. Über diese Publikation gelangte das Lied in Schulliedersammlungen und wurde populär.

 

[3] Umso überraschender, dass keines seiner Lieder in die sog. „Kernliederliste“ der Liturgischen Konferenz der VELKD aufgenommen ist. Vgl. Bernhard Leube, Die Kernliederliste – eine Erinnerung, in: Liturgie und Kultur, 1. Jahrgang 01-2010, 64ff. Im katholischen Gotteslob ist es genauso enthalten wie im Gesangbuch der Evangelischen Brüdergemeine.

[4] 20. unveränderte Auflage Luther-Verlag, Bielefeld 1998.

[5] Als Predigerin bedenken… der Teil der Predigt muss dann entweder frei geschehen, oder es braucht doch eine dezente Taschenlampe.

[6] Geboren am 15. August 1920 in Rotterdam, gestorben am 21. November2010 in Utrecht.

[7] Ignace De Sutter (1911-1988) , Priester und Kirchenmusiker.

[8] Das EG enthält folgende von Jürgen Henkys übersetzte Lieder (Auswahl): 20, 97, 98, 117, 154 (Str. 6), 212, 312, 313, 383, 430, 431, 455.