Liedpredigt zu “O Heiland reiß die Himmel auf”

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Klaus Eulenberger – 20.-24. Dezember 2004

„O Heiland, reiß die Himmel auf.“ So beginnt ein Adventslied. Keines der sehr bekannten wie „Macht hoch die Tür“, aber auch nicht eines von denen, die vergessen sind. „O Heiland, reiß die Himmel auf“: was für ein fordernder, drängender Ton! Kann man das machen, dass man den Heiland so bedrängt? Er kommt doch ohnehin vom Himmel auf die Erde, alle Jahre wieder, nun sind es nur noch wenige Tage. Man kann dieses Kommen höchstens unterstützen und erklären, dass man bereit sei: „Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist.“ Aber ihm so in den Ohren liegen, geht das?

O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf,
reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloss und Riegel für.

Dreimal reißen, einmal laufen. Er soll sich beeilen, dieser Heiland. Es genügt nicht, dass er sich zur üblichen Stunde einstellt, er soll sich beeilen, jetzt gleich, sofort soll er kommen. Er soll überwinden, was ihn zurückhält, fortreißen soll er das Schloss und den Riegel an der Tür, hinter der er sich noch verborgen hält, den Himmel soll er aufreißen, der ihn hält und bedeckt. Diesen Winterhimmel, aus dem tagelang nur diffuses Licht kommt, gerade ausreichend, dass man sich im Haus und auf den Straßen zurechtfindet. Das man mit technischen Mitteln verstärken muss, um lesen, Maschinen warten oder Telefonnummern wählen zu können. Den Himmel soll er aufreißen, der unsere Blicke an sich abprallen lässt und uns auf uns selbst zurückwirft. Den verschlossenen Himmel, unter dem man trübsinnig werden und verzweifeln kann.

Ja, man kann das machen, so mit Gott reden. Ihn so fordern, so bedrängen, so an ihm zerren. Das Lied, oder der Dichter des Liedes, ist sozusagen von höherer Stelle autorisiert, Gott so anzugehen. Einer der großen Propheten, Jesaja, hat es ihm vorgemacht. In einem endlosen Satz, der mit Ach beginnt, einem Seufzer- und Klagesatz also, der Gott rüttelt, wie man einen Schlafenden rüttelt, um ihn endlich wach zu kriegen: „Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen …“ (Jesaja 63,19). Jesaja hat zu Gott gesagt: Es ist Zeit. Du kannst dich nicht länger zurückhalten in deinem Himmel. Zeig dich endlich. Zeig dich so, dass du ein Feuer auf der Erde machst, in dem die Berge zergehen und vor dem die Menschen zittern. Sei du dieses Feuer, Gott! Dann werden wir dich sehen, endlich. Und wir werden sehen – überraschend geht es so weiter –, dass du ein Gott bist, der wohl tut denen, die auf ihn harren. Ja, harren steht da. Man kann auch sagen: warten. Aber harren ist mehr als warten. Harren ist ein sehr drängendes, dringendes Warten. Es muss etwas geschehen.

Frank Lehmann, der gescheite Antiheld in Sven Regeners Roman „Neue Vahr Süd“, Frank Lehmann käme nie auf die Idee, das Adventslied „O Heiland, reiß die Himmel auf“ zu singen. (Er kennt es bestimmt gar nicht.) Aber vielleicht ist er nicht weit davon entfernt, wenn er (gerade macht er als Pionier die Grundausbildung) einen Abendspaziergang unternimmt: „Es wird Zeit, dass etwas passiert, dachte er, als er das Kasernentor passierte, das muss jetzt mal alles aufhören, dachte er, das ist alles ein Irrtum.“ (S. 218)

Orgelimprovisation über „O Heiland, reiß die Himmel auf“, gespielt von Manuel Gera an der Steinmeyer-Orgel der Hauptkirche St. Michaelis, Hamburg

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„O Heiland, reiß die Himmel auf.“ Das Adventslied aus dem 17. Jahrhundert ist stark von diesem O oder Ach geprägt. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass der Dichter, Fried­rich Spee von Langenfeld, schon viel gesehen hat, was ihn sagen lässt: „Hier leiden wir die größte Not.“ Der Dreißigjährige Krieg ist gerade vier Jahre alt, als das Lied 1622 entsteht. Aber man weiß nicht wirklich, was und wie viel an persönlichem Erleben in die sechs Strophen eingegangen ist. Bestimmender ist wahrscheinlich das Grundgefühl, das der Dichter mit vielen Menschen in der Barockzeit teilt: Die Erde ist der Ort der Bedräng­nis (ein „Jammertal“, sagen sie), und wenn Gott sich von ihr zurückzieht, sind die verlo­ren, die sie bewohnen. Darum ist es so wichtig, dass die Verbindung zwischen Himmel und Erde offen bleibt – oder wieder geöffnet wird.

O Gott, ein’ Tau vom Himmel gieß,

im Tau herab, o Heiland, fließ.

Ihr Wolken, brecht und regnet aus

den König über Jakobs Haus.

Auch hierin klingen alte Stimmen mit. Jesaja, der Prophet: „Träufelt, ihr Himmel, von oben, und ihr Wolken, regnet Gerechtigkeit!“ (45,8) Und ein Hymnus, Rorate coeli, aus dem 4. nachchristlichen Jahrhundert. Aber ob man das nun weiß oder nicht: Die Bilder sprechen für sich. Oder: Sie sprechen, noch immer, auch für uns. Zur Bewegung von oben – es soll tauen und regnen aus dem Himmel – kommt in der folgenden Strophe eine Regung von unten:

O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd,

dass Berg und Tal grün alles werd.

O Erd, herfür dies Blümlein bring,

o Heiland, aus der Erden spring.

Wo ist er denn, der Heiland: im Himmel oder in der Erde verborgen? Was vom Himmel erwartet wird, steckt auch in der Erde: wie ein Same, der aufgeht, wie eine Blumenzwiebel, die treibt, wenn ihre Zeit gekommen ist. Und da ist der Zusammenhang: Wenn der Himmel verschlossen bleibt, wenn es nicht regnet und wenn das Himmelslicht ausbleibt, dann geht nicht auf und kommt nicht zum Vorschein, was in der Erde steckt. „O Sonn, geh auf, ohn deinen Schein in Finsternis wir alle sein“, dichtet Friedrich Spee.

Was ist der Tau, was bedeutet der Regen, wofür steht das Blümlein, was sollen wir uns unter dem König über Jakobs Haus vorstellen? Das bleibt alles offen, und gerade darum ist es so anziehungskräftig. Die Stärke dieser Bilder liegt darin, dass sie uns etwas sagen, obwohl wir nicht genau wissen, was genau sie meinen. Wir wissen es erst, wenn wir sie mit eigenen Vorstellungen füllen. Und die können sehr unterschiedlich sein; es gibt da kein „richtig“ oder „falsch“. Aber so verschieden sie sind: Sie stimmen darin überein, dass sie von Sehnsucht bestimmt sind. Wir sind, eine jede und ein jeder, für uns selbst nicht „alles“. Wir sind uns nicht genug. Es muss noch mehr geben als das, was wir selbst hervorbringen. Die Blume, die aus der Erde springt, der Tau vom Himmel: Sie sind das, was uns fehlt und was keine unserer Anstrengungen bewirken kann.

Orgelimprovisation über „O Heiland, reiß die Himmel auf“, gespielt von Manuel Gera an der Steinmeyer-Orgel der Hauptkirche St. Michaelis, Hamburg

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„O Heiland, reiß die Himmel auf.“ Ein Adventslied, das ganz ungewöhnliche Töne enthält. Ungewohnt wenigstens in der Zeit seiner Entstehung, zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges. Es ist bestimmt von subjektiven Empfindungen: „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?“ Und es klingt eindringlich persönlich, etwa in diesem Wunsch:

O klare Sonn, du schöner Stern,

dich wollten wir anschauen gern;

o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein

in Finsternis wir alle sein.

Über den Dichter des Liedes, Friedrich Spee, hat Heinrich Böll gesagt: „Nie bot Spee billigen Trost, nie auch versank er in Trostlosigkeit; untröstlich aber war er allezeit.“[1] Wer war dieser Mann, und was hat ihn „untröstlich“ gemacht? Als er in den Dreißigern war, hat ihn jemand erstaunt auf seine weißen Haare angesprochen. Spees Antwort war: „Das kommt von den Hexen.“[2] Man weiß nicht genau, wann das war, aber bevor die Haare des Jesuitenpaters und Priesters Friedrich Spee weiß wurden, erfuhr er als Beichtvater in den Dörfern um Würzburg herum viel über das Schicksal jener Frauen, die auf irgendeine Weise in den Verdacht gerieten, Hexen zu sein. Er verstand, dass es für diese Frauen (oft übrigens auch für Männer) keine Chance gab, dem Hexenwahn zu entkommen. Dass jede Verteidigung zum Grund einer neuen Anklage, jedes Entgegenkommen als Eingeständnis gewertet wurde. Spee sah, dass die Ehemänner in ihrer Bedrängnis sich von ihren zu Hexen erklärten Frauen lossagten. Er hörte von den Foltern, denen sie unterworfen waren, und erfuhr, dass selbst Mädchen unter neun Jahren als Hexen verbrannt wurden.

Der Jesuitenpater hat nicht nur gelitten unter dem, was ihm zu Ohren kam, er hat auch gegen den Wahnsinn gekämpft, der, der Pest vergleichbar, viele Gebiete Deutschlands in wechselnden Schüben überfiel. „Wehe, dass in unserem Vaterland statt der Wahrheit Scheiterhaufen leuchten!“ soll er gerufen haben. Und da er es auch in den Vorlesungen sagte, die er als Professor in Paderborn hielt, und überdies ein Buch gegen die Hexenprozesse veröffentlichte, das ebenso sachkundig wie kritisch das verhängnisvolle System untersuchte, darum wurde nun er selbst ein Opfer von Verfolgung. Sein eigener Orden, der der Jesuiten, distanzierte sich von ihm, er wurde „ins Kriegsgebiet nach Trier geschickt, wo er bei der Pflege der Kranken und Verletzten an einer Seuche starb.“[3] Das war 1635. Spee war 44 Jahre alt.

Das Adventslied „O Heiland, reiß die Himmel auf“ ist vor diesen Auseinandersetzungen entstanden. Wenn man weiß, was danach kam, klingt es an manchen Stellen fast wie eine Vorahnung: „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?“ „O Sonn, geh auf, ohn deinen Schein in Finsternis wir alle sein.“ Vielleicht gibt es einen einfachen und klaren Zusammenhang. Jemand, der so sehnsüchtig nach dem Himmel, nach der klaren Sonn und dem schönen Stern schaut und so dringlich nach dem Trost der ganzen Welt ruft, – sollte der nicht besonders empfindlich sein gegenüber allen Erscheinungen von Gewalt und maßlosem Unrecht? Die Sehnsüchtigen sind, wie Friedrich Spee, empfänglich auch für das Leid, das Menschen angetan wird, und den Schmerz, der daraus entsteht.

Orgelimprovisation über „O Heiland, reiß die Himmel auf“, gespielt von Manuel Gera an der Steinmeyer-Orgel der Hauptkirche St. Michaelis, Hamburg

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„O Heiland, reiß die Himmel auf.“ Das Adventslied aus dem 17. Jahrhundert ist deutlich in seinen Wünschen, anspruchsvoll in seinen Forderungen an Gott. Wenn ich mir vorstelle, dass Gott es hört, so muss er sich geradezu bedrängt fühlen: Es kann nicht so bleiben, wie es ist, du musst eingreifen, verwandle uns das Jammertal in einen schönen Stern! Das ist sehr ungewöhnlich für ein frommes Lied. In ihren Liedern pflegten die Dichter der Barockzeit auszudrücken, was alles die Menschen Gott verdanken, was er für ihre Erlösung getan hat und wie sie darauf antworten können oder sollen. Oder die Dichter mahn­ten die Singenden: Seid gewiss, zweifelt nicht. („Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut.“) Hier, im Adventslied, ist alles anders. Hier klingt es, als hinge es ganz von Gott ab, ob man ihm noch glauben kann oder nicht.

Friedrich Spee von Langenfeld, der Dichter des Liedes, wirkt nicht wie ein Fels in der Brandung, eher wie ein Mensch, dessen Zutrauen zu Gott gefährdet ist. Er wendet sich wie ein verzweifelnder Kranker an Gott: „Ich leide Not, tritt für mich ein!“ (Jesaja 38,14) Er gibt sich zu erkennen als ein Sehnsüchtiger, dem etwas fehlt, nicht als ein Sicherer, der alles hat. Er sagt nicht: „Ich bin gewiss …“, er sagt vielmehr: Ich wünschte, es wäre wahr. Nämlich: dass Gott nicht fern ist, dass die Erde kein Jammertal ist, sondern ein Garten voller schöner Blumen, dass eine helle Sonne vom Himmel auf uns scheint, dass wir nicht verloren, sondern gehalten sind. Ja, das wünscht er. Was hat man davon, zu wünschen, es wäre wahr? Warum, anders gefragt, warum sollten wir das Lied singen?

Vielleicht, weil es uns einen weiten Raum öffnet. Wir sind ja, je älter wir werden, in der Gefahr, in immer engere Verhältnisse zu geraten. Die Welt ist mir nicht mehr neu, und ich bin nicht mehr besonders neugierig auf sie. Ich nehme mir, was ich brauche, und ach­te darauf, dass niemand es mir wegnimmt. Das Leben ist, wie es ist, und immer seltener kommt es vor, dass ich überrascht, verblüfft oder gar entzückt werde.

Am ehesten sind es noch die kleinen Kinder, die uns weich und nachgiebig machen: Sie wecken die Lust am Anfangen und am Anfänglichen in uns. (Keine weise alte Frau, kein männlicher Held könnte uns so anrühren, wie es das Kind in der Krippe kann.) Auf einmal stößt mir etwas zu, eine heilsame Verunsicherung. Ich beschreibe sie mit einer Szene aus einem Buch des österreichischen Schriftstellers Christoph Ransmayr. Der Roman „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ ist der Versuch, die Geschichte einer desaströsen Nordpolexpedition im Jahre 1873 zu rekonstruieren. Das Schiff, die Tegetthoff, ist von schwerem Eis umschlossen und lässt sich keinen Millimeter bewegen, Kälte, Einsamkeit, Krankheiten und Mangelerscheinungen machen die Männer halb wahnsinnig, und sie fangen an zu fürchten, dass sie nie wieder nach Hause kommen. Und dann passiert etwas. Am 1. Mai 1873 „wirft die (Schlitten-)Hündin Semlja vier Welpen, von denen nur einer überlebt – Toroßy, ein Rüde und das erste Wesen an Bord, das keine Erinnerungen an grüne Landschaften, an Bäume, an Felder hat … Toroßy umspringt die von abgenagten Bärenskeletten gesäumten Schmelzwassertümpel wie einen schönen, schilfbestandenen Weiher und wühlt in Kot und Asche, in den Abfalltrichtern … wie in einem Acker, einer Wiese, einem Garten. Die Matrosen verzärteln und hüten den Welpen wie ein heiliges Tier, und selbst Jubinal, der sonst unnahbare Leithund …, duldet, dass Toroßy ihm den Fraß aus den Fängen zerrt.“[4]

Wenn Gott den Himmel aufreißt und der Heiland im Tau herabfließt, dann kann es geschehen, dass die Unnahbaren berührbar, nachgiebig, ja freigebig werden. Dass Lebenserfahrung sich verbindet mit der Lust des Anfangens.

Orgelimprovisation über „O Heiland, reiß die Himmel auf“, gespielt von Manuel Gera an der Steinmeyer-Orgel der Hauptkirche St. Michaelis, Hamburg

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„O Heiland, reiß die Himmel auf.“ Nun ist es soweit: Der Heilige Abend ist angebrochen, der Himmel öffnet sich, der Heiland kommt zur Welt, wie der Tau sich über Nacht auf die Wiesen legt. Sind wir nun getröstet an unserem Ort, den Friedrich Spee, der Dichter des Adventsliedes, ein Jammertal nennt? Ja, sage ich vorsichtig und wünsche, dass es wahr ist: Wir sehen, dass wir nicht allein sind, dass unsere Blicke nicht an einem finsteren Himmel abprallen, dass etwas Freundliches, etwas Anfängliches in der Welt ist, das es gut mit uns meint. Was aber daraus wird, das hängt auch von uns ab. Das Geschenk, das wir bekommen, wird erst, was es ist, wenn wir das Unsere dazutun. (Wie ein Buch, das wir bekommen, erst als gelesenes für uns wird, was es sein kann, erst in uns wirklich „fertig“ wird.)

Vielleicht hat Johann Sebastian Bach dies erlebt, oder es war Georg Friedrich Händel, womöglich ist es auch frei erfunden; darauf kommt es nicht an. Jedenfalls: Der hochbetagte Meister begibt sich gerade ins Bett, als unten im Haus jemand sich ans Klavier setzt. So beglückt der Alte oben zuhört, so sehr peinigt es ihn, dass der Spieler das Stück nicht zuende bringt: Er hört mit einem Dominantakkord auf. Das geht nicht. Es muss noch ein Akkord auf dem Grundton folgen! Als er merkt, dass er so keinen Schlaf finden wird, steht der Alte auf, stapft die Treppe hinunter und bringt das Stück zum Abschluss.

Ich glaube, dies ist unsere Situation. Der Glaube – jemand hat ihn die religiöse Musikalität genannt – lässt uns wissen, dass das Stück noch nicht zuende ist. Aber auch, dass wir den Schlussakkord – wahrscheinlich – nicht zu hören bekommen werden. Es „gibt“ ihn, aber er wird noch nicht angeschlagen, und wir selbst können das Stück – anders als der schlaf­lose Meister – nicht zuende bringen. Glauben bedeutet dann: in dieser Spannung leben. Und wissen, dass Gott uns in dieser Spannung hält. Das ist, mit Bedacht, mehrdeutig: Gott löst die Spannung nicht auf für uns, so sehr wir uns das manchmal wünschen, aber auch: Gott hält uns in ihr, so dass wir nicht erdrückt werden von ihr, dass uns in ihr nicht die Luft ausgeht. Die Spannung zwischen dem vorletzten und dem letzten Akkord erzeugt eine produktive Schlaflosigkeit. Sie drückt sich in kaum einer Lebensäußerung genauer aus als in diesem Adventslied: „O Heiland, reiß die Himmel auf“.

O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd,

dass Berg und Tal grün alles werd.

O Erd, herfür dies Blümlein bring,

o Heiland, aus der Erden spring.

Der Same ist in der Erde, Tau und Regen, Wärme und Licht kommen vom Himmel. Dass aber wächst, was da wachsen will, hängt auch von mir, von Ihnen ab: ob ich es will, ob ich es sehnsüchtig erwarte, ob ich mich danach ausstrecke, darauf harre mit brennender Geduld. Ob ich die Spannung aushalte, die ich nicht auflösen kann. Die Musik des Lebens geht weiter von Tag zu Tag, sie ist reizvoll und manchmal dissonant, sie geht über Höhen und in die Tiefe, sie klingt schwer und traurig, leicht und hell. Der Schlussakkord bleibt, vorläufig wenigstens, aus. Aber wir haben eine Ahnung, wie er klingen könnte.

 

[1] Zitiert nach: Zander, Hans Conrad, Die emanzipierte Nonne – und andere Porträts von heiligen Individualisten, Stuttgart 1990, S. 78

[2] ebd., S. 49

[3] Grözinger, Albrecht, Art. Spee von Langenfeld, Friedrich, in: Handbuch zum Evangelischen Gesangbuch Bd. 2, Göttingen 20012, S. 304

[4] Ransmayr, Christoph, Die Schrecken des Eises und der Finsternis. Roman, Wien 1984, S. 158 f.