Liedpredigt – O Heiland

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I. Teil

Liebe Gemeinde,

Wissen Sie, wer das Lied „Über den Wolken“ geschrieben hat?

„Na klar!“, werden viele von Ihnen sagen, „Reinhard Mey“.

Und „Aber bitte mit Sahne“?

„Natürlich, Udo Jürgens.“

„Yesterday“?

Genau, John Lennon oder Paul Mc Cartney.

„The Wall“? Pink Floyd,

und für viele ist dieses Stück verbunden mit der Erinnerung an den Fall der Berliner Mauer.

Viele Lieder haben eine Geschichte, zu vielen Liedern gehört ein Gesicht.

Auch Gesangbuchlieder haben eine Geschichte.

Auch zu ihnen gehört oft ein Gesicht.

Z. B. zu diesem Adventslied „O Heiland reiß die Himmel auf“.

Nicht von ungefähr stehen unter fast allen Liedern im Gesangbuch Namen, so auch beim Lied Nr. 7:

Der Text stammt vom Dichter Friedrich Spee von Langenfeld, veröffentlicht 1622.

Bevor ich Ihnen einiges über dieses Lied und diesen Mann erzähle, singen wir miteinander Strophen 1-2.

II. Teil

Diese Worte sind stark.

Sie greifen die Sehnsuchts-Worte des Propheten auf, die wir heute als Lesung gehört haben.

Sie malen eine unbeschreibliche Sehnsucht vor Augen.

Malen könnte diese Bilder wahrscheinlich nur ein Surrealist wie Salvador Dali oder ein Filmregisseur wie Steven Spielberg.

„Heiland, reiß die Himmel auf,

reiß die Türen raus,

brich die Himmelstüren aus den Angeln,

Tritt heraus mit festem, entschlossenem Schritt.

Lauf, Heiland, Retter, lauf, schieß vom Himmel herab wie orkanartige Regenfälle.

Ströme herab vom Himmel wie ein Orkan,

Wolken, brecht und regnet ihn auf die Erde.

Erde, schlage aus, explodiere,

das Leben explodiere aus der Erde und verwandle alles in Grün.

Und mitten in diesem explodierenden Grün – eine Blume, der Heiland, der Retter, hervor brechend aus der Erde.“

Das könnten nur ein Surrealist wie Salvador Dali oder ein Filmregisseur wie Steven Spielberg in Farben und Bilder umsetzen.

Und in Worte setzen konnte es ein Mann wie der Liedermacher Friedrich Spee.

Strophen 3-4

III. Teil

Das sind starke, dramatische Bilder für die Sehnsucht, dass der Erlöser kommt und diese Welt endlich anders wird.

Diese Welt hat Friedrich Spee mit düsteren Worten beschrieben:

„Komm, tröst uns hier im Jammertal!“

„In Finsterns wir alle sein.“

„Hier leiden wir die größte Not,

vor Augen steht der ewig Tod.“

Woher diese düstere, pessimistische Sicht der Welt, woher diese Sehnsucht?

Sie kommt mir näher, wenn ich mir das Leben dieses Mannes vergegenwärtige.

Ein Leben weit weg, vor 400 Jahren, vor allem im Rheinland, aber auch gar nicht so weit von hier, im Westfälischen.

Ein hochgebildeter und wahrheitsliebender katholischer Priester und Jesuitenpater,

ein Mann von angenehmer Ausstrahlung,

ein einfühlsamer Seelsorger,

ein gewinnender katholischer Missionar.

Aber er lebte ein Leben in einer Zeit voller Gewalt und Terror.

Der Krieg, von dem unsere die Geschichtslehrer uns beibrachten, dass er 30 Jahre dauerte, 1618-1648,

eine Zeit der Verrohung der Moral,

der Gewalt, der Armut, der Krankheit und der Pest.

Ein Krieg im Namen der Konfessionen, zwischen katholischen und protestantischen Fürsten.

In Deutschland fiel diesem Krieg fast die Hälfte der ganzen Bevölkerung zum Opfer.

Als Friedrich Spee dieses Lied schrieb, stand dieser Krieg noch am Anfang, aber seine Begleiterscheinungen waren zu spüren.

„Komm, tröst uns hier im Jammertal!“

„In Finsterns wir alle sein.“

„Hier leiden wir die größte Not,

vor Augen steht der ewig Tod.“

Eine Not trieb Friedrich Spee je länger je mehr besonders um.

Der Hexenwahn in seiner Umgebung.

Von Jugend auf hatte er es miterlebt,

die Hinrichtung von Frauen als Hexen,

und in späteren Jahren sollte er als Seelsorger bei Verhören und Folterungen von Frauen und gelegentlich auch von Männern beizustehen.

Diese Menschen waren durch irgendeine Verleumdung aus ihrer Umgebung in die Mühlen der Hexengerichtsbarkeit geraten.

Und wer da einmal drin war, der kam da nicht wieder heraus.

Urteile, im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes,

Todesurteile, die auf Verleumdungen, Denunziationen, unter Folter erpressten Geständnissen beruhten.

Irgendwann konnte Friedrich Spee es nicht mehr aushalten und schweigen.

Er schrieb eine Schrift gegen das Unrecht der Hexenprozesse,

die „Cautio criminalis“, die sorgfältige, lateinische Untersuchung über das Unrecht der Hexenprozesse.

Sie wurde, möglicherweise ohne seine Kenntnis, 1631 von Freunden anonym in Rinteln in Druck gegeben.

Die Anonymität war wichtig, denn Friedrich Spee wäre in Lebensgefahr gewesen, wenn sein Name öffentlich geworden wäre.

Er wäre selbst auf dem Scheiterhaufen gelandet.

Sein Buch verbreitete sich wie ein Lauffeuer,

schnell wurde auch ruchbar, dass es von Friedrich Spee stammte.

Strophen 5

IV. Teil

Welche Erfahrungen Spee mit Verhören unter Folter gemacht hatte, beschrieb er sehr eindrücklich:

Ehe die Angeklagte gefoltert wird, führt sie der Henker zur Seite und besieht sie genau, ob sie sich etwa durch Zauberkraft unempfindlich gemacht habe. (…).

Dann wird sie gefoltert, damit sie die Wahrheit sage, das heißt, sich als eine Zauberin bekennen soll (…)

Wenn der Anfang mit der Folter gemacht ist, so hat man das Spiel gewonnen, sie muss bekennen, sie muss sterben.

Bekennt sie, so ist die Sache klar, und sie wird getötet, denn Widerruf gilt hier nicht. Bekennt sie nicht, so martert man sie zum zweiten, dritten und vierten Mal, denn bei diesem Prozess gilt allein, was dem Untersuchungsrichter beliebt,

und es wird nicht gefragt, wie lange, wie scharf, wie oft man die Folter gebrauchen darf. (…)

Ergibt sich’s aber, dass die eine oder die andere auf der Folter stirbt, so sagt man, der Teufel habe ihr den Hals gebrochen. (…)

Wenn nun eine die Marter nicht ertragen kann und unschuldigerweise bekennt, so geht das Elend erst an, da es kein Mittel gibt, sie loszubekommen.

Im Gegenteil, sie muss andere Menschen, selbst wenn sie von ihnen nichts Böses weiß, anzeigen und gerade jene nennen, deren Namen ihr von den Untersuchungsrichtern in den Mund gelegt werden.

Werden dann auch diese gefoltert, so müssen sie wieder andere nennen, die aber erneut andere, und so ist hier kein Ende oder Aufhören.“

„Komm, tröst uns hier im Jammertal!“

„In Finsterns wir alle sein.“

„Hier leiden wir die größte Not,

vor Augen steht der ewig Tod.“

Liebe Gemeinde,

die Worte des Liedes von Friedrich Spee sind kein christlicher Allerwelts-Pessimismus, der sich mit ein bisschen positivem Denken wegreden ließe.

Seine Worte sind getränkt von Lebenserfahrungen.

Zehn Jahre nach Veröffentlichung seines Liedes „O Heiland, reiß die Himmel auf“ hielt er das schreiende Unrecht nicht mehr aus und schrieb seine Cautio criminalis, ein entschiedenes Plädoyer gegen Folter und Unrecht im Namen der Kirche.

Er selbst landete für seine Zivilcourage zwar nicht auf dem Scheiterhaufen,

aber er wurde seines Amtes als Professor in Paderborn enthoben.

Seine Vorgesetzten im Jesuitenorden, der tief in die Hexenprozesse verstrickt war, schickten ihn ins Kriegs- und Seuchengebiet nach Trier.

Dort wurde er in der Pflege von Kranken und Kriegsverwundeten eingesetzt.

Er infizierte sich mit einer ansteckenden Krankheit, vermutlich der Pest, und starb 1635.

Strophen 6

V. Teil

Liebe Gemeinde,

eine adventliche Klage der Sehnsucht nach Leben und Gerechtigkeit, Heil und Erlösung.

Ganz anders als das, was viele Menschen gemeinhin mit Advent verbinden,

kindliche Vorfreude auf Weihnachten,

Ruhe und Besinnlichkeit.

Friedrich Spees Adventslied lässt uns einstimmen in eine adventliche Klage der Sehnsucht nach Leben und Gerechtigkeit.

Er spricht in barocker Sprache, aber die Welt, die dahinter aufscheint, ist alles andere als „barock“.

Sein Lied ist kompatibel für unsere Erfahrungen,

in der Tod und Schrecken uns manches Mal verstummen lassen,

wenn wir hören von Folter und Gewalt in unserem Land und anderswo,

wenn wir sehen von Angst und Schrecken und Gewalt.

Seit der Geburt Jesu, des Erlösers sei die Welt erlöst?

Mag sein, dass die Erlösung angebrochen ist, aber mehr nicht.

Das Letzte steht noch aus,

die letzte Erlösung,

der letzte Advent Gottes in unsere Welt.

Und solange üben wir uns ein in die Sehnsucht nach dem Reich Gottes.

Schwer auszuhalten ist solche Klage.

Sie sollte im Gesangbuch so nicht stehen bleiben.

Ein Nachfolger Friedrich Spees hielt den Klagegesang nicht aus, David Gregor Corner.

Er wollte einen versöhnlicheren Schluss mit Danken und Loben zu aller Zeit und ewiglich.

Deshalb schrieb er die 7. Strophe.

Mir kommt das Danken und Loben ein bisschen zu schnell.

Wir heben uns das Singen dieser Strophe noch ein wenig auf.

Wir lassen zunächst noch einmal die Klage in uns nachklingen in einem weiteren Orgelchoral,

und hören dann das Evangelium,

Jesu Worte von der letzten Erlösung,

bevor wir die letzte Strophe als abschließendes Glaubensbekenntnis singen.

Orgelchoral über „O Heiland“