Liedpredigt – Macht hoch die Tür

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Predigt Teil I

Erinnern Sie sich noch an die Adventskalender ihrer Kinderzeit?

Ich habe sie noch vor Augen,

meine ersten, Anfang der 60er Jahre,

nur zwei aufeinander geklebte Pappen,

manchmal so lose zusammengeklebt, dass man von oben hineinspicken konnte.

Auf dem Deckblatt ein großes Bild,

eine heimelige Winterlandschaft z.B.,

und 23 kleine Türchen und ein größeres, für den Heiligabend.

Und hinter den Türchen kleine Bilder, Schaukelpferd oder Nussknacker, Brummkreisel oder Teddybär.

Das waren Bilder, die Anfang der 60’er Jahre schon nicht mehr so ganz aktuell waren,

aber sie nährten in mir dennoch irgendwie die Hoffnung auf Weihnachtsgeschenke.

Und das große Türchen am Heiligabend erinnerte an das, was das Eigentliche an Weihnachten sein sollte, so sagte meine Mutter.

Hinter dem 24. Türchen war fast immer eine Krippenszene, die Geburt Jesu.

Adventskalender – eine feine Sache,

ein Türchen öffnen und schon bist Du wieder ein bisschen näher an Weihnachten dran.

Für mich war das als Kind fast so etwas wie eine heilige Handlung an jedem Dezembermorgen.

Es verband sich für mich unbewusst mit dem Lied „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“.

Tür und Tor – das waren natürlich meine Adventskalendertürchen.

„Es kommt der Herr der Herrlichkeit.“

Worte, die Vorfreude weckten auf den Heiligabend, wenn das Wohnzimmer erstrahlte im Glanz des Weihnachtsbaumes.

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit.

Es kommt …

Der Liederdichter Georg Weissel aus Königsberg, der diese Verse im Advent 1623 geschrieben hat, hatte ganz anderes vor Augen.

Denn zu seiner Zeit, vor fast 400 Jahren, gab es weder Adventskalender noch Weihnachtsbäume.

Er hatte eine Kirchentür vor Augen, die Tür der neuerbauten Altroßgärter Kirche in Königsberg.

Sie wurde im 2. Weltkrieg schwer beschädigt, und die Reste der Grundmauern wurden 1968 endgültig abgetragen.

Für die Einweihung dieser Kirche in Königsberger Stadtteil Altroßgarten schrieb Georg Weissel sein Lied.

Am 2. Advent 1623 öffneten sich die Türen der Kirche,

für die neue Gemeinde und für Weissel als Pastor der neuen Kirchengemeinde.

Es war seine erste Pfarrstelle an der neuerbauten Kirche – was für ein Tag!

„Macht hoch die Tür …“

Der liederdichtende Pastor Georg Weissel greift in seinem Lied die alten biblischen Texte für den 1. Advent auf, in denen es, passend zur Eröffnung einer neuen Kirche, um das öffnen von Türen geht, vor allem den Adventspsalm, Psalms 24.

„Machet die Tore …

Mit diesen Worten wurden einst in Jerusalem die Tore des Tempels geöffnet. Sesam, öffne dich – Tore öffnet euch.

„Machet die Tore …

Und dann wurde die Bundeslade mit den Tafeln der 10 Gebote in den Tempel getragen.

Die Bundeslade, der Thron des unsichtbaren Gottes, der in seinem Wort ganz nahe ist, hielt Einzug im Tempel.

 

Briegel-Motette, Machet die Tore weit

Predigt Teil II

Ein Jahr nach der Einweihung der Kirche, 1624, soll sich folgendes in Königsberg zugetragen haben.

Alle Leute im Stadtteil Altroßgarten freuten sich, nun eine eigene Kirche zu haben,

vor allem die Bewohner im nahe gelegenen Armen- und Siechenhaus.

Denn für sie war der Weg zum Dom bisher zu weit gewesen war.

Nur einer hatte etwas auszusetzen:

der Fisch- und Getreidehändler Sturgis, der es mit kaufmännischem Geschick und zähem Fleiß zu einigem Wohlstand gebracht hatte.

Er hatte kurz zuvor ein Haus am Rossgärter Markt gekauft,

nicht weit entfernt vom Armen- und Siechenhaus.

Dicht bei seinem Gartenzaun verlief der schmale Fußweg, den die Armenhäusler benutzten, wenn sie in die Stadt gehen oder am Sonntag den Gottesdienst besuchen wollten.

Sturgis ärgerte sich über den Anblick dieser armseligen Gestalten.

Er kaufte kurzerhand die lange, breite Wiese, über die dieser Pfad führte.

Er machte daraus einen Gartenpark mit einem hohen Zaun darum.

In Richtung Armenhaus baute er ein prächtiges Tor, verriegelt und verrammelt, und in Richtung Stadt eine kleine Pforte, für sich selbst, damit er auf dem Trampelpfad schnell zur Kirche und zur Stadt laufen konnte.

Nun war den Armenhäuslern der Weg versperrt,

und der Umweg zur Kirche und zur Stadt war für die meisten von ihnen zu weit.

So klagten die Bewohner des Armen- und Siechenhauses ihrem Pastor und baten ihn um Rat und Hilfe.

Und Weissel hatte eine Idee.

Als die nächste Adventszeit kam, kam auch wieder die Zeit des Kurrendesingens.

Der Chor der Altroßgärter Kirchengemeinde hatte schon beschlossen, dass in diesem Jahr das Adventssingen in Sturgis’ Haus ausfallen sollte.

Aber Georg Weissel hatte einen anderen Plan.

Sie trafen sich beim Armen- und Siechenhaus und zogen von dort zu Sturgis Haus.

Auch Weissel reihte sich in den Chor ein und begleitete die Sänger.

Hinterher zogen die Alten und die an Stöcken und Krücken humpelnden Siechen.

Als sie bei Sturgis verriegeltem Gartentor ankamen, schaute der reiche Fisch- und Getreidehändler verduzt aus dem Fenster.

Er sah, wie Weissel einen Stapel Papiere aus seinem Mantel zog.

Waren das Noten?

Wollten sie etwa von dort aus singen? Im Freien?

Wollten sie heute nicht in sein Haus kommen?

Sturgis verließ das Haus und kam von Innen auf das Gartentor zu, vor dem sie standen.

Dann hielt Weissel eine kleine Ansprache.

Er sprach vom König aller Könige, der auch heute vor verschlossenen Herzenstüren wartet und Einlass begehrt, auch beim Kaufmann Sturgis.

Und dabei wandte er sich um und zeigte auf die Schar der Alten und Kranken.

In diesem Augenblick begann der Chor zu singen:

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit…“

Bei der zweiten Strophe griff Sturgis in seine Tasche und holte den Schlüssel zum Tor hervor und öffnete die schweren Eisenflügel.

Als das Lied zu Ende war, bat Sturgis alle in sein Haus und bewirtete sie.

Und Tor und Tür blieben fortan offen, für alle, auch für die Armen und Siechen.

Die Königsberger im Stadtteil Altroßgarten nannten den kleinen Weg durch den Gartenpark seitdem ihren „Adventsweg“.

Gemeindelied EG 1,1-3 Macht hoch

Predigt Teil III

„O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat …“

Gut für Königsberg und gut für Diepholz, wenn da etwas zu spüren ist von diesem „König“.

Die dritte Strophe klingt fast wie eine Gratulation.

Ja, einem Land, einer Stadt, die einen solchen Regenten bei sich hat – ihnen kann man nur gratulieren.

Da geht es den Menschen gut, da geht die Sonne auf.

Wenn sich Menschen wie der Kaufmann Sturgis in Königsberg und wie du und ich in Diepholz von diesem himmlischen Regenten in Dienst nehmen lassen, können Menschen sich freuen und glücklich sein.

Da geht die Weihnachtssonne auf.

„Er ist die rechte Freudensonn,

bringt mit sich lauter Freud und Wonn.“

Seit die Christen im alten Rom im 4. Jahrhundert die Geburt Jesu auf das altrömische Fest ihres Sonnengottes und die Tage der Wintersonnenwende legten, wurde das immer wieder besungen, Christus, das Licht, die Sonne.

„Er ist die rechte Freudensonn …

So stimmt dieses Lied auf Weihnachten ein.

So führt es auf Weihnachten zu,

damit der König der Barmherzigkeit auch bei uns einzieht wie einst beim Kaufmann Sturgis,

damit auch bei uns die Freudensonne aufgeht,

und wir selber, bestrahlt von dieser Weihnachtssonne, licht werden.

 

Briegel-Kantate, Mache dich auf …