Liedpredigt – Es ist ein Ros entsprungen

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Move 1 Vorspann zur „großen Stille“

Hohe Felsgipfel, eine karge Hochebene, abgeholzter Wald, ein fahl leuchtender Horizont in der Dämmerung.

Wolken eilen im Zeitraffer über die Berge wie kleine, weiche Nebel.

Das einzige, was zu hören ist: Wind.

Damit beginnt der Film „Die große Stille“.

Nach dieser Panoramaaufnahme:

Schnitt, nächstes Bild, Innenaufnahme:

In einer Klosterkirche.

Türen knarren,

Schritte hallen durch die Gänge.

Die Mönche kommen, weiße Kutten im Dämmerlicht.

Sie nehmen in der Kirche Platz.

Nach einem Moment der Stille beginnt das gesungene Abendgebet.

Zuerst nur eine Stimme, die des Vorsängers.

Dann zieht sie die Stimmen der anderen nach.

Stimmen, die sich aneinander entfalten,

sich überholen, umweben, berühren.

Vorsänger, Chor, Vorsänger, Chor.

Ein lateinischer Mariengesang:

„Gepriesen seist du, Maria“.

Vorsänger, Chor, Vorsänger, Chor.

Dann werden die Kerzen gelöscht.

Nur von der fahlen Dämmerung beleuchtet treten die Mönche einzeln vor den Altar.

Sie verbeugen sich und verschwinden über den Kreuzgang in ihren Zellen.

[Stille Pause]

Move 2 Das Filmprojekt „Die große Stille“

„Die große Stille“.

Vor wenigen Wochen ist dieser Film in den Kinos angelaufen.

160 Minuten, „Die große Stille“!

Keine Interviews, keine Kommentare, keine Erklärungen.

Der Regisseur Philip Gröning erzählt in seinem Dokumentarfilm nur mit Bildern, Geräuschen und Gesängen vom Alltag der Karthäuser.

Das ist ein katholischer Schweigeorden im Kloster „La Grande Chartreuse“.

Ein Dokumentarfilm?

Eher ist es eine Meditation, eine Reise in die Stille.

„Der leiseste, aufregendste, ungewöhnlichste Film des Jahres 2005“ sagen Kritiker.

Die Kinopremieren in deutschen Großstädten waren voll.

Gibt es in unserem Land eine geheime Sehnsucht nach Stille?

Am Anfang sei sie kaum auszuhalten, die Stille dieses Films,

am Ende seien viele Kinobesucher eingetaucht in diese andere Welt, in „Die große Stille“.

In der großen Stille eines Kartäuserklosters sind die Worte des Liedes „Es ist ein Ros entsprungen“ zum ersten Mal zu Papier gebracht worden.

Chor 1. Strophe

Move 3 Überleitung zum Lied

Aus dem wenigen, was Büchergelehrte über diese älteste Handschrift des Liedes und ihren Schreiber Bruder Conrad wissen,

aus dem, was man über die Geschichte dieses Liedes nachlesen kann, könnte man auch einen Film drehen.

Für heute allerdings müssen Sie, liebe Gemeinde, sich mit dem Erzählen des Drehbuches begnügen,

und den Film auf diese Weise an sich vorüber ziehen lassen

Move 4 Bruder Conrad

Das erste Bild, eingeblendet der Schriftzug: „Wir schreiben das Jahr 1587“.

Bruder Conrad sitzt in seiner Zelle des Kartäuserklosters in Trier.

Alt ist er, der Bruder Conrad,

ein alter Mann in weißer Kutte.

Er sitzt da und schweigt.

Eigenartig zufrieden sieht er aus,

Und das hat einen Grund.

Er ist vor einiger Zeit in seine Heimatstadt zurückgekehrt.

Hier in Trier war er geboren und aufgewachsen.

Hier war dem Schweigeorden der Kartäuser beigetreten.

Eingetaucht in die große Stille, in das Alleinsein und ins Gebet.

Aber dann war er herausgerissen worden.

Auch in einem Kloster muss es einen Alltag geben, Arbeiten, Essen und Trinken.

Dafür muss einer Verantwortung übernehmen.

Bruder Conrad war längere Zeit zum Prokurator, zum Finanz- und Wirtschaftsleiter im Kartäuserkloster in Mainz bestellt worden.

Da ihn die Dienstpflichten als Prokurator oftmals außerhalb des Klosters führten, hatte seine Zelle in Mainz außerhalb der eigentlichen Mönchsklausur gelegen.

Außerdem hatte er die Betreuung der Kranken übernehmen müssen.

Da war manches Mal wenig Zeit zum Gebet gewesen.

Doch nun ist er zum Ruhestand wieder in die Stille des Kartäuserklosters in Trier eingetaucht.

Vor einigen Jahren hatte er angefangen, ein persönliches Gebetbuch zu schreiben.

Nun hatte er endlich Zeit dazu.

Bruder Conrad sitzt in seiner Zelle des Kartäuserklosters in Trier.

Alt ist er, Bruder Conrad, ein alter Mann in weißer Kutte.

Er sitzt da und schweigt.

Er greift zur Feder und schreibt.

Eigenartig zufrieden sieht er aus.

Move 5 Die Rose im Schnee

Zweites Bild, eingeblendet der Schriftzug: „Advent 1587“.

Blick durch das Fenster von Conrads Zelle.

Der erste Schnee ist gefallen.

Conrad tritt durch den Hintereingang seiner Kartause in seinen kleinen Garten.

Bruno, der blaugraue Kater streicht im Hinaustreten um seine Beine.

Alles ist mit einer weißen Decke zugedeckt, das Gemüsebeet, das Kräuterbeet, auch das Rosenbeet.

Ja, all das gehört in den kleinen eigenen Garten eines Kartäuserbruders.

Gemüse und Kräuter für Leib und Seele und Likör,

und Blumen, Nelken und Rosen.

Als sich Conrad seinem Rosenbeet zuwendet, leuchtet dort eine rote Rose im reinen, weißen Schnee.

Lange ruht sein Blick auf dieser einen Rose.

Instrumental

Move 6 Fahrende Musikanten

Das dritte Bild:

Conrad sitzt in seiner Kartause versunken in Gebet und Meditation.

Nichts weiter als immer wieder das Herzensgebet „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner“.

Und über dieses Gebet des Herzens legt sich eine ferne Erinnerung:

„Es ist ein Ros entsprungen

aus einer Wurzel zart.

Wie uns die Alten sungen,

von Jesse kam die Art

und hat ein Blümlein bracht

mitten im kalten Winter

wohl zu der halben Nacht.“

Auf einmal sind sie da, diese Worte. Woher er sie kannte?

Von einer seiner Einkaufstouren als Prokurator?

Ja, sicher, genau, er erinnert sich:

In Mainz, auf dem Marktplatz, da hatte es eine Gruppe von fahrenden Musikanten gesungen.

Sie hatten mit vielen, vielen Strophen die ganze Weihnachtsgeschichte erzählt. Aber war das alles?

Move 7 Das Rätsel um den Namen der Rose

Das vierte Bild: Nacht und Dunkel.

Nach dem Nachtgebet in der Klosterkirche tritt Conrad wieder in seine Kartause und legt sich auf sein Strohlager.

Auf einmal ist seine Erinnerung wieder hellwach.

Er hört die Stimme seiner toten Mutter, die fragt:

„Na, Conrad, hast du Lust auf ein Rätsel? Was ist das?

„Es ist ein Ros entsprungen

aus einer Wurzel zart.

Wie uns die Alten sungen,

von Jesse kam die Art

und hat ein Blümlein bracht

mitten im kalten Winter

wohl zu der halben Nacht.“

Er hatte ein paar Tage gebraucht, bis er es raus hatte, den Namen der Rose.

Dann war Conrad zu seiner Mutter in die Küche geeilt und hatte ihr entgegen gerufen:

„Ich hab’s.

Die zarte, wertvolle Wurzel, das sind König David und noch weiter zurück, sein Vater, der alte Isai, der alte Jesse.

Und der Rosenstock – das ist die Jungfrau Maria,

und das Blümlein, das ist das Jesuskind.“

Stimmt’s?“

„Genau“, so hört er seine Mutter, als wäre es gestern.

„Das ist die Lösung des Rätsels.

Das Röslein, das ich meine,

davon Jesaja sagt,

ist Maria, die reine,

die uns das Blümlein bracht.“

Move 8 Gott fängt noch mal von vorne an

Das fünfte Bild:

Bruder Conrad ist mitten wie immer in der Nacht aufgestanden und in die stille Klosterkirche gegangen.

Bald werden auch die anderen Brüder zum Nachtgebet kommen.

Er setzt sich ins Chorgestühlgestühl.

Da sieht er ihn plötzlich vor sich, überdeutlich, den Rosenstock hinter der Stadtkirche.

Vor 30 Jahren hatten durchziehende Soldaten den Rosenstock hinter der Basilika bis auf den Stock umgehauen.

Aber noch im gleichen Jahr waren aus der Wurzel die ersten frischen Triebe gewachsen,

und wenige Jahre später stand die Rose wieder in voller Blüte.

Wurzel, Rosenstock und Blüten, „Blümlein“.

Soviel verdorrt, soviel abgestorben,

soviel Krieg und Leid und Tod,

soviel Abschied –

damals, zu Zeiten des Propheten Jesaja,

damals, zu Zeiten Jesu,

zu Conrads Zeit, heute.

Und dennoch, nicht totzukriegen:

ein neuer Anfang, neues Leben.

Gott fängt noch mal von vorne an.

Wurzel, Rosenstock und „Blümlein“.

Instrumental

Move 9 Virga und virgo, Reis und Rose

Das sechste Bild, am nächsten Morgen.

Bruder Conrad geht auf eine Tür zu.

Als er sie öffnet, tritt er in einen Raum, vollgestellt mit Bücherregalen bis zur Decke: die Bibliothek des Klosters.

Conrad bittet Bruder Albert, den Sakristan und Bibliothekar:

„Hole mir doch mal das alte Messbuch, das kostbare, das wir schon seit Jahren nicht mehr benutzen, weil es für den Alltag zu kostbar ist. Du weißt schon.“

Und Bruder Albert weiß sofort, was Conrad meint.

Mit sicherem Griff legt er das alte Messbuch auf eines der Lesepulte.

Conrad braucht nicht lange zu blättern, denn er hat es noch genau in Erinnerung, das Bild, das er sucht:

Die Kamera geht in Nahaufnahme auf die Buchmalerei im Messbuch zu Maria Himmelfahrt:

Links ein Baum, der Stammbaum Jesu:

In der Wurzel das Portrait des greisen Jesse,

im Stamm, im Stock die Jungfrau Maria, und oben in der Krone: Jesus, das „Blümlein“.

Jesu Stammbaum.

Und rechts davon, verborgen zwischen lauter Ranken und Zierat, der Prophet Jesaja, mit einem Spruchband mit lateinischen Worten,

die Verheißung des Jesaja aus dem 11. Kapitel:

Egredietur virga de radice Jesse.

Hervorgehen wird ein Reis aus der Wurzel Jesse,

eine Blume wird aus ihrer Wurzel hervor gehen.

Und neben dem Propheten der weise Baumeister und Dichter Fulbert von Chartres.

Auch er hält ein Spruchband, mit lateinischen Worten:

Stirps Jesse virgam produxit

Der Stamm Jesse brachte einen Reis,

und der Reis eine Blume.

Virgo virga est,

die Jungfrau ist der Reis,

flos est Filius.

die Blume der Sohn.

Conrad schaut versonnen in das alte Messbuch:

Das alte Lied ist nicht nur ein Kinderrätsel, sondern voller Weisheit und Geheimnis.

Da laufen Worte zusammen, die die alten sungen,

vom Propheten Jesaja bis zu Fulbert von Chartres, dem Baumeister und Dichter.

virga und virgo, Reis und Ros,

Soviel verdorrt, soviel abgestorben,

soviel Krieg und Leid und Tod,

soviel Abschied –

und dennoch: ein neuer Anfang, neues Leben.

Move 10 Der schreibende Conrad

Das siebte Bild meines Drehbuchs:

Bruder Conrad sitzt in seiner Kartause an seinem Schreibpult.

Er schreibt und schreibt.

Er streicht durch und verbessert,

bis er es endlich zusammen hat,

Am Tag vor Weihnachten hat er alle Strophen beisammen, so gut wie sein älter werdendes Gedächtnis es zusammen bekommen kann,

aus dem Gedächtnis zusammengetragen,

23 Strophen.

Als er in der Christnacht vom Nachtgebet in der Kirche in seine Kartause zurückkehrt und sich auf sein Strohlager fallen lasst, hört er die große Stille

und all das, was er in den letzten Wochen in sein Gebetbuch geschrieben hat, klingt in ihm nach.

Chor 2. und drei unbekannte Strophe

 

Move 11 Und weiter ging’s

Wenige Jahre nach Bruder Conrads Begegnung mit diesem Lied wurden Text und Melodie 1599 erstmals in einem katholischen Gesangbuch gedruckt, mit der Überschrift „Das alt Catholisch Trierisch Christliedlein“.

Zehn Jahre später entdeckte es der evangelische Kirchenmusiker Michael Prätorius, schrieb seinen vierstimmigen Satz zu diesem Lied und machte es in der evangelischen Kirche bekannt.

Was ihm daran zu katholisch schien, zu viel Maria und zu wenig Christus, da formulierte er ein wenig um.

Wer Rose und wer Blümlein ist, wurde dadurch allerdings ziemlich unklar.

Nur die beiden ersten Strophen ließ er übrig.

Später verschwand das Lied in der Versenkung der Aufklärung.

Bis es einer wieder entdeckte, der evangelische Pfarrer Friedrich Layriz in Bayreuth 1844.

Er wollte das Lied wieder bekannt machen.

Zwei Strophen waren ihm zu wenig.

So schrieb er zu den beiden ihm bekannten Strophen neue Strophen.

Instrumental

Move 12 Auf dem Totenbett

Das letzte Bild:

Bruder Conrad liegt aufgebahrt in seiner Kartause auf dem Totenbett.

In den Händen hält er sein handgeschriebenes Gebetbuch.

Langsam wird der Schriftzug eingeblendet: „Fünf Jahre später, am 14. November 1592, starb Bruder Conrad in der großen Stille des Kartäuserklosters in Trier.“

Chor 4. Strophe

 


Nachbemerkung: DiesePredigt greift neben einschlägigen Handbuchartikeln u.ä. vor allem den Aufsatz von Andreas Heinz auf [„Es ist ein Ros’ entsprungen“. Zur Provenienz und Textgeschichte eines ökumenischen Weihnachtsliedes. Trierer Theologische Zeitschrift. 95. Jg. 1986. S. 253-281].

Die erwähnte Darstellung im Messbuch stammt aus dem Buch: Geistliches Wunderhorn. Große deutsche Kirchenlieder. München 2001. S. 138. Die Zuordnung dieser Abbildung aus dem Stammheimer Missale, entstanden um 1160 im Michaeliskloster Hildesheim, zu einem Trierer Kloster ist nicht historisch. Ähnliche Abbildungen könnte Conrad aber durchaus gekannt haben.

Die erzählenden Passagen über das Rätsel der Mutter, die Episode auf dem Mainzer Marktplatz, der Besuch der Bibliothek u.ä. sind nicht im engen Sinne historisch, sondern verdichten die Charakteristik des Liedes als volkstümliches Rätsellied, das Conrad bereits vorgefunden und aus der Erinnerung niedergeschrieben haben muss.

In dieser Art, historisch gesicherte Forschungsergebnisse und Überlieferungsbefunde zu einer Erzählung zu verdichten, unterscheidet sich die vorliegende Predigt bewusst von der volkstümlichen Legende, die alljährlich in Zeitungen, Predigten und Internet wieder kehrt: Ein junger Trierer Mönch mit Namen Laurentius habe eine Rose im Schnee gefunden, die ihn zum Schreiben und Komponieren dieses Liedes inspiriert habe.