Lichtschnipsel

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Eine Weihnachtsandacht mit Peter Handke, der Lesung aus JOHANNES 3,16-21und Kaiserin Elisabeth

 

 

 

 

Als das Kind ein Kind war (gestohlen bei Peter Handke)

Als das Kind ein Kind war, liebe Gemeinde,

Als das Kind ein Kind war

Da war das Weihnachtszimmer ein Wunderraum

Und der Baum ragte bis zur Decke

Als das Kind ein Kind war

Da spielte es mit Ochs und Esel Versteck

Es streichelte dem Engel über die Flügel

Und war auf Du-und-Du mit der Jungfrau Maria und dem Heiligen Josef

Als das Kind ein Kind war

Da wollte es, daß immer Weihnachten sei

Und es weinte, wenn der Vater an Dreikönig die Kugeln vom Baum nahm.

Als das Kind ein Kind war, da war es selbst voller Weihnachtslicht.

 

Als das Kind kein Kind mehr war

Da wollte es Weihnachten am liebsten ausfallen lassen.

Aber das war verboten.

Deshalb schrubbte es das Haus.

Putzte die Fenster

Kaufte unzählige Geschenke

Ging zu etwa 23 Weihnachtsfeiern

Machte einen großen Wirbel

Und viele Überstunden

Fühlte sich unabkömmlich

Und weinte abends im Bett

vor Erschöpfung und Sehnsucht

Als das Kind kein Kind mehr war

Da war in ihm eine große Finsternis

 

Musik I

 

Text

JOHANNES 3,16-21

 

Musik II

 

Das Licht im Nacken

Ab ihrem 30. Geburtstag saß Sisi, Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn, ausschließlich mit dem Rücken zum Fenster.

So fiel das Licht auf ihr berühmtes langes Haar und nicht in ihr Gesicht.

Mit etwas Glück sah ihr Gegenüber am Teetisch dann nur einen zierlichen Umriß im seidenen Kleid, einen kokett sich neigenden Kopf und zarte Hände, weiß wie Tauben.

Die Kaiserin galt als die schönste Frau ihrer Epoche.

Was der Betrachter im Gegenlicht nicht sehen konnte, war die wirkliche Elisabeth.

Die steckte sich, kaum waren die Herren gegangen, den Finger in den Hals und kotzte sich die Seele aus dem Leib.

Dreimal am Tag kontrollierte sie ihr Gewicht. Sie ernährte sich wochenlang von nicht mehr als einer Tasse Bouillon und ein paar Orangen.

Manchmal ließ sie Pralinen kommen vom k.u.k. Hofzuckerbäcker Demel oder aus der Konditorei Sacher. Die verschlang sie dann und trainierte hinterher wie wild an ihren zahlreichen Turngeräten.

Ihre Zähne waren gelb und stumpf von vieler Magensäure.

Ihre Wangen waren eingefallen.

Ihre Haut zeigte Hungerödeme.

Ihre Augen lagen tief in den Höhlen.

Mit dem Rücken zum Fenster aber war sie schön.

Mit dem Rücken zum Fenster war sie Kaiserin und Superstar.

Sie war das Bild, das die Welt sich von ihr gemacht hatte.

Sie war Romy Schneider und Marilyn Monroe. Sie war die Jungfrau Maria und die Sünderin aus Magdala in einer Person.

 

Musik III

 

Und die Klarheit leuchtete um sie

Auf dem Feld bei den Hürden

Weit weg von der k.u.k.-Hofburg und Wien

Von Las Vegas und Hollywood

Von Weihnachtsfeiern und Überstunden

Irgendwo im Nirgendwo

Hüteten des Nachts die Hirten ihre Herden.

Hirtinnen werden auch dabei gewesen sein.

Das Feld war gefroren oder gerade getaut und braun vor Matsch

Das weiß ich nicht mehr

Jedenfalls war kein Stern zu sehen.

Höchstens ein Feuer, das flackerte und wärmte und die Wölfe und die Hyänen daran hindern sollte, einfach in die Herde hineinzuspazieren und sich ihren persönlichen Weihnachtsbraten zu holen.

Es roch nach nasser Wolle und gegerbtem Leder.

Nach Schweiß und Schlaf

Nach Wodka vielleicht auch und ganz sicher nach Angst vor dem nächsten Tag

Und der Engel des Herrn trat zu ihnen und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie.

 

Musik IV

 

Ich schenke dir mein Herz

Und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie.

Und die Klarheit des Herrn leuchtet um dich.

Dreh dich um, Elisabeth

Halt dein Gesicht in die Sonne

Dreh dich um, Hirtin,

zeige dem Engel deine vernarbten Hände

Dreh dich um, Kind in mir

Und komm mit zum Licht

 

Komm mit

Spricht der Herr

Ich schenke dir mein Herz

Ein Herz aus Zuckerguß und Liebe

Komm mit

Hab keine Angst

Wir gehn durch Schnee und Wind zum Licht

Dort ist es warm und still und schön

Komm mit

Nimm meine Hand

Wir gehn

Denn all-so hat Gott die Welt geliebt.