Kreuzigung

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Nicht herabgestiegen

Die Kreuzigung Jesu ist umgeben von einer ganzen Reihe von Gemeinheiten. Angefangen damit, dass sie ihn das Kreuz schleppen lassen, über die Dornenkrone bis hin zum Essigschwamm. Sadistische Schikanen, wie sie sich überall breitmachen, wo der Mensch sich selbst entmenschlicht. Der Gipfel der Gemeinheit aber sind für mich nicht Dornen oder Schwamm, sondern ein Satz, der voll Hohn und Spott unter dem Kreuz gesprochen wird.
Ist er der der Christus, so steige er doch herab vom Kreuz. Die Evangelien überliefern ihn in diversen Varianten. Der Satz ist deshalb so perfide, weil er ins Schwarze trifft. Jetzt ist die Stunde der Wahrheit. Jetzt entscheidet sich Sieg oder Niederlage. Jetzt kann Gott es allen zeigen. Oder sang- und klanglos untergehen. Bitte – es liegt doch bei ihm.

 

Und ich geselle mich zu den Gaffern und Spöttern und Entsetzten unter dem Kreuz und höre den Satz. Und denke: Stopfe diesen Lästerern doch das Maul. Zeig’s ihnen. Einmal. Damit die Welt es begreift. Und ich stelle mir vor, der Traum wird wahr. Er reißt die Nägel aus dem Holz. Zwei, drei Freunde fangen ihn auf. Und er schreitet erhobenen Hauptes auf die Menge zu. So. Ihr habt euren Spaß gehabt. Jetzt kommt das, was schon lange fällig ist. Ich sehe in entsetzte Gesichter. Ich sehe mit heimlicher Schadenfreude, wie der Spötter mit starrer bleicher Maske einen Herzanfall erleidet. Ich sehe die römischen Schergen auf der Flucht. Und auch, wie Maria Jesus erleichtert in die Arme nimmt. Alles ist gut. Bei seinen Jüngern weicht der erste Schreck der Begeisterung. Die Menge feiert den Sieger. Am Abend wird es heissen: Die Römer haben die Besetzung der Stadt abgebrochen. Die Pharisäer wechseln schon die Fronten und bieten ihm den Posten des Hohepriesters an. Vielleicht hat Israel auch endlich wieder einen richtigen König. Gottes Sohn selbst. Er ist es! Wer sonst hätte die Macht, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen? Wer sonst könnte die Feinde so nachhaltig beeindrucken? Endlich kein Zweifel mehr. Der Tag des Messias. Der Tag, an dem Gott Recht behält.

 

Aber dann? Natürlich, irgend jemand hätte auch diese Geschichte aufgeschrieben. Vielleicht wäre sie sogar noch erhalten. Als eine Art orientalischem Heldenepos. „Als der wundersame Jesus sich als Sohn Gottes erwies, dem Tod entkam und die Römer fortjagte“ oder so. Und es würde mir gehen wie mit allen Helden: Sie sind toll, aber sie nehmen mich nicht mit. Sie können mich nicht gebrauchen, mich als Nicht-Held. Und ich denke an die unheilbar Kranke. Was soll sie noch mit einem Gott, der mal eben so aus dem Leiden aussteigen kann? Sie wird das nie können. Ich denke an den Gefangenen in seiner Zelle, der da für seinen Kampf um Gerechtigkeit sitzt. Was stärkt ihn ein Gott, der längst geflohen ist, wenn es ernst wird, anstatt neben ihm zu sitzen und den Schergen ins Auge zu blicken? Und was soll uns einer, der dem Tod von der Schippe springt, wo doch keiner von uns das kann, auf die Dauer. Und in den Kirchen, so es sie dann überhaupt gäbe, hingen strahlende Siegerbilder, Jesus-ist-super-Lieder werden gedröhnt, und wir wissen: Nie, nie können wir so sein wie der.
Immer gehen wir den Rest allein, während er den nächsten Sieg feiert.

Und auf dem Friedhof fehlen die Kreuze.
Die Toten sind Gott-weiß-wo dahin.
Allein. Verschwunden. Untergegangen.
Sie haben’s nicht geschafft.

 

Er ist nicht herabgestiegen.
Er hat die Spötter ohne Antwort gelassen. Er ist nicht herabgestiegen – und ich glaube: Er hätte es nicht einmal gekonnt. Er hätte es wohl sogar gern getan. Wie jeder Mensch in seiner Lage. Aber es ging nicht.
Denn: Gott war ja ganz in unserer Lage.
Und ist nicht abgesprungen von uns.

Er ist nicht herabgestiegen.

 

Gott sei Dank.

 

 

 

Thomas Brandes 2/2008