Kraftschreie

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Wie die alte Form der ‚Proklamation’, des Aufrufs einer starken Wirklichkeit, wieder an Kraft gewinnen könnte.

Die Abi-Klasse hat sich nach allen Prüfungen in drei Strandhäuser im Süden Dänemarks eingebucht und feiert miteinander das Ende der Gemeinschaft und der Schulzeit. In diesen Tagen geschieht viel: Zwei Paare gehen aus dem Leim, vier neue entstehen, einer war plötzlich verschwunden und wurde weinend am Strand gefunden, einige singen andauernd zusammen Nena-Lieder. Nachts tiefsinnige Gespräche, Schreie am Strand, kleine Schwüre des Vertrauens und immer wieder der Blick ins Leere gegen 5 Uhr morgens. Hennestrand heisst der kleine Ort, dessen Weite und Ortlosigkeit auch manchen Zustand innerhalb der nun freien Leute beschreibt.

Wenn sie nachts gefeiert haben, singen sie gegen Ende einen selbstgebastelten Schlachtenruf, der endet mit dem eher schlichten und seltsamen Kehrvers ‚… Mund und  Hand am Hennestrand’.  Soweit diese mehrdeutige Symbolbildung.

 

Zuhause stellt sich der Sozialkater ein, manches erscheint im Nachhinein, als hätte man geträumt. Die Augen glänzen, wenn einer erzählt. Geile Zeit. Wenn sie sich in kleinen Gruppen treffen, bildet sich bei ihnen ein Gruß aus, den niemand außer ihnen versteht: ‚… Mund und  Hand am Hennestrand’. Laut kommt dieser Ruf, die Hände klatschen sich ab, und auf den Gesichtern liegt Glanz. Jeder hat Bilder bei diesem Ruf, und die ganze Reise ist mit diesen paar Worten präsent. Mehr noch: alle sind gleich wieder eingetaucht in die Atmosphäre der Tage –  wie in einen Geruch oder einen Klang, der alle Glieder durchdringt. Dieser Gruß hat für eine Weile alle anderen Grußformen ersetzt, die sonst üblich waren (Hi, moin, Schweigen). Sie sagen auch nicht: Hallo – ‚… Mund und  Hand am Hennestrand’, sie sagen nur das Codewort, und das reicht allen.

 

Soweit diese kleine Beobachtung aus dem wirklichen Leben.

Das gottesdienst institut wäre nicht es selbst, wenn es dabei nicht einen liturgischen Hintersinn vermutete.

 

Die Kraft, die den 18jährigen aus der unvermittelt ausgestoßenen Formel zuwächst, hat damit zu tun, dass sie unmittelbar an eine Erfahrung anknüpft. Würden Sie sagen: ‚Hallo, welcome, Mund und Hand …’ oder ‚wir sind uns ja heute hier in Erinnerung an Mund und Hand …’ –  die unmittelbar evidente Wirkung des Slogans wäre dahin. Aus dem puren Aufruf der vergangenen und gegenwärtigen Wirklichkeit einer großen Reise ins andere Leben würde  – Magerkost: schale Information, in bürgerliche Formen eingepasster Kraftschrei. Das kommt ihnen gar nicht in den Sinn.

Auch in 40 Jahren werden sie beim Klassentreffen wieder diesen Ruf pur verwenden. So etwas verbraucht sich nicht.

 

Kann es sein, dass die alte und wuchtige Formel ‚Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und den Heiligen Geistes’ fein und wortreich kastriert werden soll durch allerlei Infos wie: ‚Wir feiern heute im Namen …’ oder ‚Ich grüße Sie im Namen Gottes …’ oder ‚…, weswegen wir nun feiern im Namen Gottes …’? Hätten auch nur 5% der Anwesenden mit diesem Wort etwas Wichtiges erlebt, z.B. auf einer Konfi-Freizeit, wo diese Formel immer nachts beim Gottesdienst draussen 3 mal laut geschrieen wurde –  die würden sich diese Einebnung ihres Kraftspruchs nicht gefallen lassen. Aber niemand verbindet mit der Taufformel vitale Bilder, es ist weichgekochtes Gemüse unter anderen Gemüsen, man schluckt es ohne zu kauen. Es ist nun Teil eines Stroms aus Informationen, der über uns rinnt zu Beginn des Gottesdienstes. Alles geht weiter wie im (un)wirklichen Info-Leben. Gern geraten auch andere Kraft-Schreie so ins allgemeine Moderationsgemenge – z.B. „Wer sein Leben verlieren wird, wird es gewinnen mit diesem Wochenspruch begrüße ich ganz herzlich alle Eltern und Konfirmanden die Kollekte des letzten Sonntags erbrachte 82,38 wir danken allen Gebern wir feiern heute den Gottesdienst mit Heiligem Abendmahl zuerst kommt der Kelch mit Saft und beim zweiten Tisch dann der Kelch mit dem Wein danke auch dem Kantor Abromeit und der Küsterin Feudelbrei sowie dem Altenkreis unter der Leitung von Frau Hüpf für alle Vorbereitungen ….“ (Live-Mitschnitt).

 

Es gibt Gemeinden, die haben die trinitarische Taufformel zu Beginn des Gottesdienstes der Gemeinde übergeben. Alle sprechen sie im Chor und laut auf ein Zeichen (Orgel-Tusch oder Wink). Ohne ‚Wir feiern’. Nur diese Formel – pur. Dazu vielleicht sogar die Sitte sich zu bekreuzigen (wer will), damit Kraftspruch und Aneignung eine Einheit bilden.

Auch der Wochenspruch (wenn er denn Kraft hat) lässt sich stückweise vor- und von allen nachsprechen –  call and response.

So bilden sich im Gottesdienst selbst ähnliche Traditionen wie bei den Abiturienten in Dänemark. Man muss nicht warten, bis Menschen außerhalb des Gottesdienstes initiatorische Erlebnisse mit dem Dreieinigen haben, das geht auch im Gottesdienst selbst.

 

So könnte die alte Form der ‚Proklamation’, des Aufrufs einer starken Wirklichkeit, wieder an Kraft gewinnen. Diese wunderbar unerklärlichen Kraftschreie werden einfach zelebriert, aufgerufen, nachgerufen, und alle wissen plötzlich wieder, wo sie sind: bei Gott.