Kinder im Gottesdienst – vom Umgang mit Störungen

Download

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freunde und Freundinnen,

 

diese Zeit ist voller Kinder mit hungrigen Augen – auch in der Kirche. Ohne sie hätten Advent und Weihnachten nicht den Zauber, den wir selbst erinnern, wenn wir diese Augen sehen. Aber sie machen eben auch Lärm, und das mitten in die Andacht hinein. Dies Thema ist heikel, weil man es weder zugunsten der Kinder noch zugunsten der Großen auflösen kann. Man muss sich arrangieren, und das ist im Einzelfall nur mit Geistes Gegenwart zu machen. Ein paar Gedanken dazu unten.

 

Es grüßt Ihr gottesdienst institut nordelbien – zusammen mit Jochem Westhof und Ulrike Lenz für den Bereich Kinder-Gottesdienst, mit dem wir grad zusammenwachsen.

6.12.08

Ihr gottesdienst institut nordelbien

Ute Grümbel und Thomas Hirsch-Hüffell

 

 

Laute Kinder im Gottesdienst

Bemerkungen aus dem gottesdienst institut nordelbien

und dem kindergottesdienst institut nordelbien

 

Blockade

Lukas wirft das Gesangbuch zu Boden. Es gibt einen zerknirschten Laut von sich und stellt sich tot. Lukas setzt nach. Das Gesangbuch ist ihm noch zu lebendig. Er hebt es auf und wirft es noch einmal final auf den Steinboden – so dass es nach 2 Metern erbärmlichen Schlidderns offen liegenbleibt.

Die Pastorin greift nicht ein. Sie sieht alles. Die Menschen rechts und links des Ganges sehen zu, aber schweigen. Alle sind mit Lukas beschäftigt, aber niemand traut sich etwas zu sagen. Die Älteren sind empört und flüstern. Der kleine Rabauke rennt den Gang auf und ab, springt über das erlegte Buch. Seine Mama sitzt hinten – regungslos. Gottesdienst.

 

Im Raum ereignet sich gerade eine umfassende Blockade – innen und außen:

Die Pastorin hat selbst Kinder in Lukas’ Alter. Sie weiß um die Älteren, die genervt sind. Sie fühlt sich gestört in der Leitung des Gottesdienstes. Würde man sie fragen, würde sie sagen: ‚Kinder sollen sich in der Kirche frei bewegen können – da kann auch mal was runterfallen.’ Sie hat Ideale. Gleichzeitig wühlt es in ihrem Inneren. Sie hat sich vorbereitet und muss nun ihre Gedanken gegen die Randale ansprechen.

 

Lukas’ Mama hat mit Kirche nicht viel Erfahrung. Sie erinnert aber: In der Kirche muss man still sitzen, brav sein, den Mund halten. Heute ist sie da, weil der Spatzen-Chor etwas zeigt. Ihr Sohn gehört nicht dazu und ist als Gast dabei – Kinder sind ja eingeladen. Sie sieht sein Treiben, aber sie fühlt sich nicht zuständig. Es entwickelt sich in ihr eine Mischung aus Trotz und Scham, die sich gegenseitig lähmen. Die Scham würde ihr nahelegen, Lukas zu stoppen, aber ihr Stolz – gepaart mit Unsicherheit im fremden Land – verbietet das. Sie entscheidet nichts zu entscheiden. ‚Soll die Kirche doch sehen, wie sie klarkommt – ich hab’s schwer genug mit dem Knaben.’

 

Die Alten haben von der jungen Pastorin gelernt, dass Kinder in der Kirche willkommen sind – man habe dafür auch mal etwas Unruhe hinzunehmen. Das sei nun mal der Nachwuchs, den doch auch sie ersehnen. Ihr Herz tendiert jedoch mehr zur gewohnten Andacht, daher wagen sie zu flüstern, aber mehr auch nicht.

 

Die anderen Kirchenbesucher schauen auf die Pastorin. Sie sind genervt. Sie orientieren sich an der Hausmacht. Wenn die nicht eingreift, ist das wohl so in Ordnung hier. Sie hoffen, es werde von selbst aufhören. Sie haben auch im Blut, dass man in der Kirche keine Initiative ergreift. Man sitzt und wartet, was geschieht. Sie sind eingerichtet auf geführte Riten, die ihnen endlich mal die Entscheidungen abnehmen – und nun sollen sie eventuell einen Eklat provozieren, wenn sie ein fremdes Kind zur Ordnung rufen. Wer weiß, wem das gehört und was einem blüht, wenn man eingreift? – der Apfel fällt ja manchmal nicht weit vom Stamm.

 

Lukas ist auch nicht wirklich glücklich. Nach mehreren Aufläufen im Gang und seinen Experimenten mit der Akustik und dem Buch steht er etwas desorientiert umher und wackelt mit dem Oberkörper. Die einzige Resonanz ist der Hall, den er selbst erzeugt. Dem lauscht er nach. Aber da entdeckt er nur sich selbst. Das trägt nicht weit.

Er ist 3 und nicht für das verantwortlich zu machen für das, was er tut.

 

Es gibt Taufen, da schreit ein Kind von Anfang an ohne Pause und so erbärmlich, dass man es guten Gewissens eigentlich nicht taufen kann. Oder ein anderes Kind wird nicht ruhig. Manchmal ist es die Orgel, die die Kleinen irritiert. Man kann ohne Orgel singen und leise, das hilft manchmal. Andere Kinder werden ruhig, wenn sie die tiefen Töne der Orgel hören. Der Pastor kann die Situation ansprechen und die Eltern auf Wanderschaft im Raum schicken. Aber ‚man’ tut oft, als wäre nichts. Das betreibt die Eskalation. Die Eltern wollen ja, dass das Kind getauft wird, da geht man nicht umher oder raus. Der Pastor schreit seine Predigt. Es ist absurd.

 

Was ist in die Gemeinde gefahren, dass niemand diesem Kind einen Widerpart bietet und ihm zeigt, was im Raum gilt und was man darin als 3jähriger tun kann außer zu provozieren? Sind es abstrakte Ideale, die die Beteiligten dominieren? Ist es die Angst, die Kirche würde aussterben? Das wird sie eher, wenn es so blockiert und unnatürlich zugeht wie in unserem Fall.

Eigentlich gälte hier nichts anderes als was in jedem funktionierenden Haushalt gilt.

 

Mögliche Auflösungen der Blockade – Versuche

Die Pastorin wäre z.B. dran – mit etwas Humor: „Unser kleiner Entdecker hat das Gesangbuch ausgiebig getestet. Wir sind beeindruckt und wissen nun, was es aushält. Kinder sind hier willkommen, auch wenn sie manchmal laut sind. Aber jetzt darf ich die Eltern bitten ihr Kind ans Herz zu drücken. Hinten haben wir auch eine Ecke zum Spielen. Und kommen Sie gern wieder in die Mitte, wenn es geht.“

Manche Pastorinnen und Pastoren sagen bereits am Eingang zu den Eltern mit Kindern, was im Raum möglich ist, damit sie sich selbständig orientieren und eingreifen können, bevor etwas eskaliert.

 

EineR von den Älteren oder von der Gemeinde könnte zu dem Kind gehen und mit ihm etwas anfangen, das ihm Halt und Resonanz gibt. Er oder sie könnte die Mutter aufsuchen und mit ihr freundlich den Rückraum suchen, wenn es nicht anders geht – aber bei ihr bleiben und für das Ganze Verantwortung und Gastgeberschaft übernehmen. So etwas kann man im Altenkreis oder im KV üben.

 

 

Genuss und Askese

Nach den Jahren des Zwangs in den 50ern und 60ern, der in der Kirche den Menschen auferlegt war, wollte man freigiebig sein. Die Kinder sollten den Altar anfassen dürfen, zu Recht die schlechten Barrieren überwinden und den heiligen Raum als den ihren entdecken. Da ist viel Gutes geleistet worden von Erzieherinnen und Pastorinnen und Pastoren. Manche Eltern waren damals und sind heute für die Kirche eingenommen, weil sie merk(t)en: das Strammstehen ist vorbei – Gott sei Dank. Wir können hier annähernd so sein wie wir sonst auch sind. Das soll uns nicht mehr genommen werden.

 

Inzwischen kann man mit den Kleinen und auch manchen Großen wieder üben, was es heißt einen besonderen Raum zu betreten. Wie es sich z.B. anfühlt, wenn man vor dem Altarraum Halt macht – und dabei still ist. Was es heißt, einen Bereich im Raum nicht betreten zu dürfen. Was alles passiert, wenn mal alle wirklich einen Moment still sind. Auch Kinder sind davon berührt. Menschen mögen Geheimnisse. Unsere Kirchen sind voll davon, und man kann sie menschenfreundlich inszenieren. Viele haben nach 1968 die Patina der falschen Klerikalität abgebürstet. Nun sind wir frei, die alten Formen der Ehrfurcht (manchmal mit Augenzwinkern) wieder aus- oder anzupacken.

Dabei treffen wir heute öfter als früher auf Eltern, die ihren Kindern wenig Grenzen ziehen.

Manchmal appelliert man an die Aufsichtspflicht der Eltern, aber die sind innerlich oder äußerlich abwesend. Wir werden die Menschen nicht erziehen, aber wir können zeigen, was uns wichtig ist. Dafür müssen wir es im internen Kreis in der Gemeinde klären.

Der hoch subventionierte Raum der Kirche hat unter anderem seine Berechtigung zu sein, weil er anders ist als andere Räume. In ihm verbeugen sich Menschen vor Großem, in ihm wird ersehnt, was aussteht, man kann weinen und singen. Wenn Menschen das zusammen tun, ist es gut, wenn der Gottesdienst Stille und hörbares Vergnügen atmet und wenn beides seinen Ort hat. Dafür gibt’s Regeln, und wer sie stört, wird in die Grenzen verwiesen – mit Verständnis und humorvoller Eindeutigkeit. Wie in einer Familie auch. Wenn man mit den Grenzen zu lange wartet, dann ist die Wut blank, und es kommt nichts Geistreiches mehr heraus. Das ist immer ein Zeichen dafür, dass die Gemeinde nicht wirklich eingestellt ist auf den Umgang mit Kindern.

 

Andere Gottesdienste?

Ein Weg sich auf Kinder einzurichten ist, den Gottesdienst überhaupt so zu gestalten, dass er alle anspricht. Das klingt ideal, ist aber mit der Wortlastigkeit, die die evangelische PfarrerInnen-Ausbildung auszeichnet, nicht leicht darzustellen. Wer als Pastorin und Pastor keine Erfahrung oder kein Talent mitbringt für treffende Bilder und Erzählweisen des Glaubens, wird hier stranden. Und warum sollen die Großen nicht wie die Kleinen auch immer wieder ein Recht auf ‚ihren’ Gottesdienst haben?

Trotzdem steht eine Kultur des integrativen Gottesdienstes an, die schon an etlichen Orten gedeiht. Wo Gemeinden sich aktiv auf die Bedürfnisse junger Familien einlassen, da ist die Kirche schnell voll. Ein guter Umgang mit den Kindern ist auch Qualitäts-Maßstab für die Großen. Wo einfach und menschlich zelebriert und gesprochen wird, da herrscht auch weniger Unruhe. (In einigen Gottesdiensten gibt es z.B. immer eine kleine Kinderpredigt vor der Erwachsenen-Predigt, die das Thema des Tages in einfacher Form aufgreift. In der Regel sind vor allem Erwachsene davon entzückt, weil sie endlich verstehen, worum es geht.)

Kinder lesen am Zustand der Erwachsenen ab, was im Gottesdienst gilt. Wenn die Großen ehrfürchtig oder/und vergnügt sind oder auch nur nachdenklich, dann stellen sich die Kleinen sofort darauf ein. Sind die Großen dagegen innerlich abwesend, so zeigen die Kinder außen, was in den Erwachsenen innen vorgeht. Das ist eine alte systemische Regel.

 

Die Problemzone entsteht aber weniger in den verabredeten Generationen-Gottesdiensten, sondern in den Gottesdiensten, die im Prinzip für Große gestaltet sind, bei denen aber Kinder dabei sind. Also der eher nüchterne agendarische Gottesdienst mit 15 Minuten Erwachsenen-Predigt als Normalfall, zu dem auch Familien kommen. Da fragt es sich, wie man die Unruhe organisiert, die sich bilden kann.

Prinzipielles dazu sagt Ulrike Lenz, Pastorin, Mutter und Kinder-Gottesdienst-Fachfrau:

„Warum bringt sie (die Pastorin, s.o.) nicht die ‚innere Mutter’ ins Spiel, die auf der Basis ihrer ganz natürlichen Autorität – liebevoll aber bestimmt – agieren kann, also handlungsfähig ist: Wenn Kinder mitkommen in den Erwachsenengottesdienst, müssen sie sich grundsätzlich einfügen. Wer das als Elternteil seinem Kind nicht vermittelt, weil er oder sie unsicher ist, wie man sich in der Kirche verhält, braucht Hinweise oder Regeln an der Kirchentür, damit er sie an sein Kind weitergeben kann. Diese innere Klarheit finde ich für Pastoren wichtig: wir sind Hüter der Würde des Gottesdienstes, und die Eltern – nicht wir – tragen die Verantwortung für das Verhalten ihrer Kinder. Unser Gottesdienst wird nicht durch die Anwesenheit von Kindern hinterfragt, jedenfalls nicht, wenn er schon läuft.“

 

Regelungen für laute Kinder im Gottesdienst – Versuche

  • Eine Gemeinde ist gut beraten zu regeln, wie man die GastgeberInnen-Rolle wach und initiativ wahrnimmt. Wer für den Umgang mit Kindern begabt ist, wird beauftragt, reaktiv oder initiativ auf die einzugehen, die lärmen.
  • Die alte Regelung, die Kinder nach der Eingangsliturgie in einem separaten Raum zu betreuen ist immer noch sinnvoll und wird erfolgreich praktiziert.
  • Manche Kinder wollen aber nicht getrennt von den Eltern sein. Für die Unruhigen unter ihnen stellen Gemeinden hinten oder an der Seite Tische auf oder legen Teppiche aus und sorgen für ein Mal-, Bastel- oder Spielangebot, das akustisch verträglich ist.
  • Einige Kirchen ziehen eine Glaswand hinten in den Raum ein, damit parallel zum Gottesdienst – im Separee akustisch getrennt, aber optisch verbunden –       Kinderbetreuung passieren kann. Das ist recht aufwendig und vielleicht gar nicht nötig. Manchmal wirkt es wie ein vornehmer Glaskäfig. Manche lassen über Lautsprecher den Gottesdienst in den Raum übertragen, dann erleben deren Bewohner ein etwas seltsames Doppelprogramm.
    Nachteil des Separees und des Rückraums ist, dass die betreffenden Personen aus dem Geschehen fallen.
  • Das flüsternde Zwiegespräch zwischen Eltern und Kind im Gottesdienst – z.B. wieder Ulrike Lenz:
    „Man kann sich leise austauschen über das, was man hier gerade erlebt: Glocken- und Orgeltöne, Bilder und Verzierungen, einen besonderen Raum, Erinnerungen an Geschichten und Gottesdienste. Ein Hinweis an der Kirchentür darauf, das wäre schön.
    Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich Heiligabend mit meiner knapp 2 Jährigen Juliane auf dem Arm in der Christvesper war: Festliche, alte, proppenvolle Kirche, viele kennen mich als Vikarin. Jule mit Schnuller im Mund, zuerst alles ganz manierlich, große Kulleraugen, alles ist spannend. Wenn sie aber den Schnuller ausspuckte und runter wollte, hab ich sie nicht gelassen und ihr gesagt, dass ich mit ihr rausgehen würde, wenn sie laut würde, da wären keine Tannenbaumlichter und kein Gesang. Ich weiß nicht, ob sie das verstanden hat. Aber schließlich sind wir gegangen: durch den Hinterausgang, am abgestellten Sargwagen vorbei, auf den Friedhof. Gräber am Heiligen Abend, Kirche von außen… Sie auf meinem Arm, beruhigt sich, wieder Kulleraugen in der Dunkelheit, dann wieder in die Kirche zurück. Ende der Predigt noch mitgekriegt. Wieder Kerzen, Singen, Weihnachten… und das auf dem Friedhof zwischen den Gräbern werde ich nie vergessen.“
  • – Ihre Erfahrung: …

 

Dies ist der Anfang einer Sammlung von Lösungen im geistreichen Umgang mit Kinder-Lärm im Gottesdienst. Wenn Sie weitere erfolgreich praktizieren oder kennengelernt haben, lassen Sie es uns wissen – wir sammeln und veröffentlichen, was gelingt. Schreiben Sie uns.

 

 

Thomas Hirsch-Hüffell

gottesdienst institut nordelbien

www.gottesdienstinstitut-nek.de