Johannes 13 – Gründonnerstag

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Waschanleitung denkend  


Es gehört etwas dazu, sich das gefallen zu lassen. Wir kennen solche Gesten als Ausdruck von Rang-Unterschieden. In Jesu Zeiten war das Sitte in jedem Haus. Man wusch schmutzige Füße, ließ sich waschen  und betrat so das fremde oder eigene Haus. Es gab keine festen Schuhe oder Asphalt. Auch hier bestand ein Rang-Unterschied zwischen Wäschern und Gästen.

Bei Johannes ist es zusätzlich eine symbolische Geste. Eine ganze Weltsicht soll in einer kleinen Szene vorkommen.
Wer es schafft, sich das frei gefallen zu lassen, wird im selben Moment groß und klein. Das ist ein Paradox im Empfinden. Menschen, die das z.B. in der Kirche erleben, sind erstaunt, wie sie – in guter Weise – beschämt werden können. Die Priestergeste, am Gründonnerstag – wie Jesus – Menschen die Füße zu waschen, ist durch Papst Franziskus bekannter geworden.
Beschämung zum Guten ist eine der Intentionen dieser Handlung. Wer im Stuhl sitzt und sich waschen läßt, erlebt sich degradiert durch Erhöhung. Mir geschieht ein Dienst am untersten Ende meines Körpers. Die Füße sind in der Regel geschützt oder verborgen. Nackte Füße sind dem Boden und den Blicken ausgesetzt. Ich gebe mir eine Blöße, und jemand dient mir dabei, das zu tun. Das ist eine der intimsten und menschlichsten Möglichkeiten: Sich anfaßbar zu zeigen und dabei gut behandelt zu werden. Diese Mischung ist geeignet, Verhältnisse auf den Kopf bzw auf die Füße zu stellen. Verweigere ich mich innerlich mit den Worten Petri – »Nie und nimmer wäschst du mir die Füße!« -, bleibe ich einsam auf einer Art Thron der Unangreifbarkeit sitzen. Ich habe es nicht nötig, die Geste der Liebe anzunehmen. Oder –  schlimmer noch –  ich kann es nicht.
Gleichzeitig bestätige ich äußerliche Rang-Ordnungen, die Liebe auf  Augenhöhe verhindern. Ich bin wie Petrus  ‚kleiner als Jesus‘. Aber wer sagt das? Und wem dient dieser Rangunterschied? Doch nur dem Teufel. Speziell das Johannesevangelium besteht auf dem Höhenausgleich durch Liebe.

Insofern ist es recht, wenn sich meine Haltung verwirrt. Gegen den Unverwundbarkeitswahn, die Scham und die formale Unterordnung kommt die klare Liebe ins Spiel. Sie gebärdet sich gegen meine ‚von oben nach unten- Erwartung‘ von unten nach oben und gleicht den Höhenunterschied nicht nur aus, sie überbietet ihn.
Die ganze Kategorie des Unterschieds ist aufgehoben. Dafür braucht es nichts anderes, als dass ich ‚ja‘ sage. Ja zum Dienen wie zum Bedientwerden in Liebe.

Was mich als Empfangenden verwirrt oder zurechtrückt, wird durch einen Vergleich deutlich: Von einem geliebten Menschen kann man genau dies leichten Herzens annehmen, ohne größer oder kleiner als er zu sein. Unser beider Grössenverhältnis spielt im Moment der liebenden Begegnung keine Rolle. Jeder würde das umgekehrt für den anderen auch tun. Und das wissen und tun beide in dem Moment. Das Herz, das nicht bereit ist, misstraut und alles wird falsch. Das Herz, das der Liebe traut, wird selig.

Insofern versteht Petrus nicht wirklich, worum es grade geht. Er denkt noch in den Kategorien von Über- und Unterordnung. Da ‚ist man es nicht wert‘ gegenüber dem Meister. Oder man denkt: Wenn er nun mal da ist, soll er mich ganz waschen. Das ist doch praktisch –  ein Abwasch. Nur – das nähme der Geste ihren Sinn, die will ja Liebe unter die Leute bringen und dies verkörpern. Das tut Jesus auch in der Abendmahls-Geste des (Sich)Teilens.
Liebende küssen sich auf den Mund, und jeder weiß, das sagt genug. Wer dann als Liebes-Beweis oder aus therapeutischen Gründen gleich alle Gliedmaßen geküsst haben will, glaubt nicht, dass im Teil das Ganze enthalten ist, glaubt also der Liebe nicht wirklich und meint etwas anderes.

Bin ich in der Rolle des Dienenden, tue ich dies eine Etage tiefer. Das wirkt auf den ersten Blick wie Unterordnung. Gleichzeitig übernehme ich die Macht über jemanden, der sich bloß zeigt. Der fühlt sich entsprechend klein und groß zugleich. Und ich ebenso. In der Logik von Machtergreifungen sind das Herrschaftsverhältnisse voller Sado- und Masochismen.
Man ahnt, wie riskant, das heißt wie nahe am Unerträglichen diese Szene gesetzt ist. So pervers können viele Situationen sein, die nicht von Liebe getragen sind. Auch diese wird nur bis heute erwähnenswert durch die Reinheit der Geste Jesu. Durch eine machtvolle wie höchst verletzbare Haltung. Kreuz mitten im Leben. Ausgesetzt und wirkmächtig durch Ohnmacht.

Waschanleitung träumend
Geste ohne Schonung. Sich hinzuknien Zehen und Sohlen zu waschen. Schont sich nicht und schont Petrus nicht.
Hocken zweie nackt im Weltall und haben nichts zu verlieren – außer den Moment zu verpassen, einander zu lieben. So, dass es egal wird, wer wen wäscht.
Diese Wäsche legt frei, was immer galt. In ihr geht auf, was man ahnte, als die Hand über das blindes Auge strich, zart und gewaltig. Immer haben wir es geahnt. So nackt ist die Liebe – und so stark wie der Tod. All das geht nun auf in der einen Handlung. So wie diese aufgeht in allen anderen Handlungen Jesu.
Gewaschene und Wäscher sind dasselbe. Sie stammen aus einem Schoß und erkennen einander erstmalig. Fließend wechseln sie die Rollen – hin und her.

Da kniet eines Tages der neue Petrus und wäscht.  Er hat verstanden. Dann kniet Jürgen, der Neonazi. Einer nach dem anderen versteht. Niemand will mehr oder weniger als das, was geschieht. Selig sind sie im Genug. Wie konnten wir solange warten, einander zu waschen? Was war los mit uns?

Es wird noch einen Moment dauern, bis es so weit ist. Wieder und wieder üben wir die Liebesgeste, die die Menschheit zivilisiert. Bis sie für Sekunden ohne Bedenken aus der Hand fließt. Wir üben zu nehmen, bis die Seele aufhört zu rechnen. Bis wir vergessen, was wir zu erstatten hätten. Alles ist umsonst. „Ihr wisst das jetzt alles.“

„Es ist genug.“ sagt er. „Petrus! Hallo! Dies hier ist genug.“
Er wird es noch einmal sagen am harten Holz. Und es wird stimmen. Alles wird auf einmal stimmen.