Ist Gottesdienst notwendig? Eine Grundsatzfrage und eine Antwort

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Muss es Gottesdienst geben?

Ansichten zur Frage des Notwendigen

 

 

Wer ihn gern aufsucht, fragt sich das nicht, und wer nicht hingeht auch nicht.

Und doch kann sich die Kirche diese Frage vorhalten – gewissermaßen als Denk-Herausforderung.

 

Gottesdienst ist nicht notwendig.

Wenn wir Jesus Christus versuchen zu verstehen, dann merken wir: Er ist kein Kultbeamter, er fordert auch keinen Gottesdienst, schon gar nicht eine bestimmte Sorte. Er sagt: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Er sagt: „Geht hin und tauft. Vergebt Sünden, heilt, geht zu zweit ohne Gepäck. Wenn ihr nicht ankommt, geht weiter.“ Das wirkt alles sehr ambulant. Wir in Nordeuropa sind stationäre Menschen mit Ziegelsteinen und Ordnung. Aber das trügt. Die neue Ambulanz ist uns abverlangt – kaum jemand kommt heute mit dem einmal Erlernten bis zur Rente.

Der Geist, in dem er spricht, das ist der gleiche Geist, der ihm auch eingibt, seine eigene Lebensgestalt herzugeben, wenn es der Liebe dient. Das tut er. Er besteht nicht auf sich. Er sagt gewissermaßen: ‚Es muss mich nicht geben, weil es mich gibt. Ich bin, indem ich mich hergebe.’ Darin wird Gottes Gegenwart ahnbar. Paulus wird es später aufnehmen mit dem Hinweis auf ein Tun, das tut, als täte es nicht; das immer um die Vorläufigkeit seiner eigenen Gestalt und bei aller Zielorientierung weiß: Es könnte auch anders und vielleicht besser gehen ohne mich. Denn Gott führt, nicht ich.

 

Insofern ist Gottesdienst in einer bestimmten Form nicht notwendig.

Er kann im freien Geist Gottes je neu erfunden werden.

 

Gleichzeitig wohnt der Geist auch in der Geschichte und ihren Traditionen. Wir können und müssen nicht alles erfinden. Geist kommt aus der Vergangenheit an uns und hat dort gültige Formen gefunden. Aber eben keine für die Ewigkeit, wie wir immer hoffen. Die lebendige Glut, die Kernaussage einer Form müssen wir immer neu ermitteln, damit lebt, was wir tun.

 

Wir müssen auch bedenken, dass Jesus all diese Anweisungen als junger Mann gesprochen hat, als 30jähriger. Da lebt man noch ambulanter. Menschen werden heute älter, sie sind weder so entschieden wie Jesus noch so wild. Wer heute die 40 passiert hat, lebt mehr von Wiederholungen als Jesus, und das hat auch sein Recht.

 

 

Gottesdienst ist in einer tieferen Form notwendig entbehrlich.

Wenn das Reich Gottes unter uns ist, brauchen wir keine bestimmten Formen, die behaupten, hier oder da sei nun das Reich erreicht. Der Geist Jesu Christi setzt auf Geistesgegenwart zwischen allen Formen und auf den Moment. Das fleischerne Herz – uns eingesetzt nach der Verhärtung und ihrem Zusammenbruch am Karfreitag – gibt uns minütlich ein, was zu tun ist. Das ist der lebendige Gottesdienst.

Weil wir das nicht schaffen, gestalten wir besondere Räume, die inszenieren, wie es aussähe, wenn wir alle ein fleischernes Herz hätten: dann folgen (so stellen wir es uns vor) Gesänge, Lob, Achtsamkeit, Durchdringung mit Geist, Nahrung für alle, Gleichheit der Geschlechter usw.. Die Räume üben uns ein wie Sauerstoffzelte in die andere ruach, den neuen Atem, der die Welt durchziehen will. Das ist die Lebensrichtung des Gottesdienstes: Weltwandel. Wir reden von Gott und beten, ‚bis du kommst in Herrlichkeit’, bis wir an unseren Vorgärten und Handelsbeziehungen erkennen, dass wir Kinder Gottes sind.

Aber zunächst nicht als Marsch durch die Institutionen, sondern vorbildlich machtlos, geistreich zweckfrei und aus dem Augenblick der Liebe gespeist. Das Dasein am Heiligen Ort selbst verwandelt. Das ist verheißen. Wir bräuchten das nicht üben, wenn wir alle Orte als heilig, das heißt, durchlässig auf Gott hin verstünden. Dann käme es uns im Moment, was zu tun ist. Aber wir sind schwach, unsere Augen sind gehalten, obwohl er neben uns steht, und so gehen wir wieder in die Kirche um uns zu erinnern, wie es ging – das andere Leben.

Dieser Zusammenhang zum Heiligen Geist im Normalen ist uns zerfallen oder noch gar nicht aufgegangen. Daher behaupten wir auch fast ängstlich beschwörend im Sonderraum Kirche, wie nah Gott uns doch ist. Das ist er vielleicht im Moment gar nicht. Es könnte sein, dass wir im Dunkeln singen, weil wir ahnen, wie fern uns Gott geworden ist – auch denen, die ihn immer im Munde führen. vielleicht ist er auch in unsere Knochen eingezogen und wir merken es nur nicht. So wird dann entweder alles maßlos wichtig, was an der heiligen Inszenierung ästhetisch ist, oder alle starren auf die neue ‚Lebendigkeit’, die wie eine leckere Show genügsam religiös das Volk bespaßt. Oder es muss alles sein wie immer und in Ewigkeit, weil unser Korsett uns am Leben hält, nicht der Atem darin.

 

Gemeinschaften, die einen konkreten Auftrag in ihrer Umgebung wahrnehmen – sie zu wandeln und in Beziehung zu sein mit den Menschen, die es brauchen, die haben als Gegengewicht schlichte und von innen belebte Liturgien für ihren Rückzug an die Quelle. Ihr Gottesdienst ist zwecklos, aber er steht als Pol einem klaren Tun, der diakonia, gegenüber. Diese Pole beleben einander. Das kennen Gemeinden kaum. Sie genügen sich selbst oft wie ein Club, der Gottesdienst gerät zur ‚Gnadenblase‘.

Aber das Beten und das Tun des Gerechten gehören zusammen, sonst verkommt Gottesdienst unter der Hand bei bestem Bemühen.

 

Wenn wir also fragen, was unbedingt wichtig ist für die Kirche in Zukunft, dann müssen wir ehrlicherweise sagen: Dass sie sich entbehrlich macht, indem sie die Welt zu dem wandeln hilft, was sie ist: Reich Gottes. Das betrifft auch den Gottesdienst.

 

Gottesdienst ist, was er ist – sagt die Liebe

Da wir das nicht erleben werden (aber wer weiß …?), sollen wir feiern, lieben und arbeiten im Vorläufigen. Aber immer eingedenk der Halbheit. Die Ganzheit der Gegenwart Gottes bräuchte keine Kirchen. Gott wohnt dann in allem. Das tut er sowieso schon, aber wir wissen es nicht.

Das hat Konsequenzen für Gottesdienst-Gestaltung. Wissen wir z.B., wie viele Kräfte (unnütz) gebunden werden durch die Behauptung, der 10-Uhr Sonntags-Gottesdienst sei die Mitte der Dinge? Kräfte, die vielleicht gebraucht würden für den kasualen Gottesdienst, die Sonderform, die Mischformen aus Lebenshilfe und Gottesdienst, all die wilden Pflänzchen, die im Moment entstehen. Im Moment dürfen die Sonderlinge ja nur experimentieren, weil das Bollwerk ‚Haupt-Gottesdienst‘ noch tapfer, wenngleich oft leblos verteidigt wird. Aber was entstünde, wenn man das ganze Feld frei gäbe? Wenn Gemeinden und Gottesdienste wüchsen und so heißen dürften, wo immer sie es wollen? Das ist längst Praxis. Überall bilden sich Sonder-Gemeinden mit eigenen Formen, um bestimmte Menschen herum, um eine Institution oder eine Idee. Wenn eine Bürgerinitiative von Pastorinnen und Pastoren kultisch begleitet würde, was entstünden für Liturgien?Das erfahren wir kaum, weil die Kraft nicht reicht, diese Orte aufzusuchen. Die ist gebunden im eigenen – oft leeren – Haus. Wo der Sonntags-Gottesdienst lebt, da soll er leben, nichts ist schöner als eine intakte Wieder-Holung der alten Wahrheiten. Aber wie viel Leerlauf produzieren wir aus Angst vor Alternativen?

Wir begleiten Menschen vielleicht bald ambulanter und näher als früher. Daher brauchen wir auch kleine liturgische Formen, alltagstauglich, direkt, eingewoben ins Vorfindliche.

Dann glaube ich auch an unsere Bedeutung für Menschen. Dann sind Kirche und Gottesdienst wichtig und vorübergehend unentbehrlich.

 

Thomas Hirsch-Hüffell

 

www.gottesdienstinstitut-nek.de