Im (Leben und) Sterben schauen

 

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Im (Leben und) Sterben schauen

Das Kind sieht da Licht der Welt bei der Geburt. Vielleicht geschieht so etwas auch im letzten Übergang. Der Horizont weitet sich und umhüllt uns mit Licht. Vor und in Gott erschiene mein Leben als Landschaft, in der alles seine rechte Bedeutung, sein Maß, seinen Ort gewönne.

Das Kind sieht das Auge der Mutter, ihr Lächeln. Ob uns im Tode in einem Augenblick ein Gesicht, ein Auge träfe, das mich meint. Ein Blick voller Rücksicht, der mir Ansehen verliehe? Im Gesicht sammelt sich das Wesen des Menschen, er ist ganz bei sich und dem Anderen ausgesetzt. Da sind die Spuren des Lachens und Leidens eingraviert. Ob da die Masken fallen, ob unser Antlitz dort leuchtete, wahr würde? Die Gravur meines Gesichts – bereinigt?

Das Kind vernimmt die Stimme der Mutter. Und auch am Ende könnte eine Stimme ertönen, ein Wort. Vielleicht das Stich- und Losungswort meiner Existenz, und mein Name. Er würde mir zugesprochen, auf ansprechende Weise – freilich verbunden mit der Frage: Wer warst du? Wo bist du gewesen, Adam?

Und wie Eltern das Kind auf- und ausrichten, erginge auch hier ein Gericht: Warst du auf der Höhe deiner Tiefe? Bist du dir, einigen anderen und dem Geheimnis deines Lebens gerecht geworden, seiner Größe und Relativität? Der Mensch ist auf solche Einsicht (nicht Überblick/Supervision) seines Lebens angelegt, möchte die Wahrheit seiner Existenz schauen, seine Gestalt erblicken. Und lebt immer nur einen Bruchteil dessen, was noch ginge. Also würde man auf-gerichtet, selbstgewählte Schlacken würden abplatzen, das tut vielleicht weh, aber dann steht man verwundet, beseelt aufrecht da in seiner ganzen Größe.

Und darin geschähe Erkenntnis, Mitgeburt, mit uns und allen, denen wir begegneten, mit allem, was unser Leben bestimmt hat, also unserer Bestimmung. Ich dürfte meiner und vieler anderer Menschen inne sein: vor und in meinem Gott. Und ich weiß mich mit ihm und vielen verbunden. Deshalb denke ich auch an ein großes Mahl, in welchem wir Leben teilen, mitteilen könnten. Und an einen Gesang, eine Melodie, in der endlich alles aufeinander gestimmt wäre.

Und Gott erwiese sich als Konzertmeister, als Juwelier, der den Edelstein unseres Lebens reinigte, erleuchtete, fasste, als Stimme und Auge, als Zugewandtheit und Klarheit, als Instanz und Gemeinschaft: wie, wenn wir uns im Leben und im Sterben einem solchen Aufgang, einer solchen Gegenwart anvertrauen könnten?

 

Thomas Hirsch-Hüffell