Horst sagt was zur Einweihung der Pastorin

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Unsere Pastorin Krauß sollte in die Gemeinde eingeführt werden.

Eigentlich ist sie schon vor 3 Jahren eingeführt worden. Und nun wieder. Sterbliche haben Fragen. Wieso noch mal? Haben wir was falsch gemacht beim 1. Mal? Das wär’ immer so bei jungen Pastorinnen und Pastoren: Verbeamtung auf Lebenszeit. Gut, denke ich, in der Behörde wird das mit Handschlag und einem Brief erledigt, hier also ein ganzer Gottesdienst.

Ich hatte an dem Tag ein Tennisturnier, das musste ich knicken. Vielleicht wird’s kürzer als beim ersten Mal – denke ich, dann kann ich mittags noch zum Brunch in den Club.

 

Am Sonntag erscheine ich neunuhrdreißig im Gemeindehaus, da ist großer Auftrieb, lauter Talare. Der Vorgesetzte verschafft sich Ruhe, sein Kragen ist groß, rund und zittert. Dies sei also ein feierlicher Anlass, und wir sollen der Pastorin beistehen. Es folgen viele Ansagen. Wer hinten geht und wer vorne, wer mit wem. Und wo sitzen – alles geregelt. Ich bin noch müde und hoffe, man wird mich führen. Ich schaue hilflos zur Gemeindesekretärin, die weiß immer mehr als alle. Aber die geht schon mit dem Vorsitzenden vom Kirchenvorstand. „Das ist alles ganz einfach!“ sagt der zitternde Kragen.

 

Zwischendrin begrüßt mich Frau Pastorin. Sie ist aufgeregt wie bei einer Prüfung. Zum ersten Mal denk ich, die spinnen alle bisschen.

Den Einzug mit großem Bahnhof schaff ich in der Nähe einer Konfirmandin, die irgendwas lesen wird. Ich halte mich an sie und lande links vorn in einer Bank, die zu eng ist. Ich denke an die Kumpels vom Tennis, die jetzt spielen. Ich halt durch für die Geistlichkeit.

 

Orgel. Die schwarzen Herrschaften beziehen ihre Boxen an der Seite. Wie Glaubens-Boxen, denke ich, nach allen Seiten zu und nur nach vorne raus und rein. Orgel. Wir stehen weiter, mir ist es schon im Stehen eng, wie wird das im Sitzen werden? Orgel. Nach ca fünf Minuten finde ich: es reicht jetzt mit Orgel. Ich schaue die Konfirmandin an, ich heiß Horst, sag ich, und du? Nina, sagt sie und grinst. Wir verstehen uns. Sie rollt mit den Augen. Ich nicke. Orgel ist fertig, alles kracht und knackt auf der Empore – der Chor. Ach, Chor, denke ich.

Es rechnet in mir: Wenn das so weitergeht, kann ich das Brunch auch knicken. Der Chor schmettert.

 

Ihr Kollege stellt sich vorn ans Pult und fängt an. Sonst ist das immer kurz, heute hat er viel zu sagen. Er begrüßt alle einzeln. Dann sagt er, wie sie gekommen ist und wie sie hier war und wie sie sein wird und dass sich alle freuen und was nicht alles.

Denn oben kracht es wieder und der Chor bringt sich in Stellung. Ich atme tief. Hab ich bei der ReHa gelernt. Soll man machen, wenn es schwer kommt. Während ich atme, nölt der Tenor wieder seine bezahlten Noten.

Horst, was bist du so genervt?

Ich bin genervt, weil die nicht zu Pott kommen. Und weil sie mir meine Zeit klauen.

 

Jetzt liest die Konfirmandin ein Gebet vor, und das will auch nicht enden. Ich sacke in meiner Bank zusammen. Sie war meine letzte Verbündete. Als sie wieder neben mir sitzt, frag ich sie, ob das so lang sein musste. Hab ich von der Pastorin bekommen, Psalm hundertneununddreißig, zeigt das Papier, zuckt mit den Achseln. Ok, denke ich und schließe sie wieder in mein Herz. Es ist halbelf, und es gab noch keine Predigt.

 

Ihr könnt Euch denken, wie das geworden ist. Der Vorgesetzte hat eine Urkunde verlesen wie beim Notar, ich dachte, ich hör nicht richtig, mit Stempel und Unterschrift. Aber glaub nicht, das war’s, er hat die Pastorin gelobt und über den Dienst am Volke Israels geredet – Superidee, man merkt, der weiß echt nicht, was hier läuft.

Dann haben sie sich zu viert über sie hergemacht und sie gesegnet mit langen Zitaten von Hesse bis Adam und Eva, dass es nur so trieft. Sie kam kaum noch hoch danach. Aber wie sie so dastand mit glasigen Augen, denk ich: das wird hier alles vielleicht gemacht, weil sie sonst keiner in’ Arm nimmt und sie immer alle. So `ne Art Trostpflaster. Ok – Dir zuliebe. Aber echt nur Dir zuliebe. Und, denk ich jetzt: Kann sie sich das nicht auch woanders holen und mehr davon? Wie lange hält das nun vor? Eine Woche, ein Jahr? Dann wieder so was?

 

Sie hat auch noch geredet, 20 min, dann einer vom Vorstand, 10 Minuten. Um halbzwölf war ich dann dran mit Kollektesammeln und um zehnvorzwölf Abendmahl, auch so’n Rattenschwanz mit verklemmten Kreisen vorne und keiner weiß, wie er stehen soll, stippen oder nicht und dahinter Gedrängel, weil alle Angst haben, dass sie nix kriegen. Ich inzwischen Spiel, Satz, Niederlage. Kein Brunch, das läuft seit 11, alles abgegessen.

 

Als sie dann raus sind um halbeins im Zug in Reihe, da bin ich an der Seite weg, ich mocht nicht mehr.

 

Ich sag Euch Pastoren was: Wenn Ihr Euch feiern lassen wollt, dann einmal richtig – und fertig. Nicht zweimal hintereinander. Das macht man nicht. Und wenn Ihr Euch einsam fühlt oder denkt, es guckt wieder kein Schwein, dann fragt den Vorstand oder die anderen wie sie Euch finden. Oder macht das mit Euren Kollegen ab. So `ne Feier ist dafür kein Ersatz. Und wenn Ihr Reden plant, dann gebt den Leuten ein Limit. Das gilt überall, dass man sich beschränkt, drei Minuten oder vier. Wer damit nicht auskommt, soll den Mund halten. Auch der Zitterkragen.

Und immer diese Urkunden lesen – als gäbs in der Kirche nichts Besseres.

Denkt dran, dass andere am Sonntag frei haben. Ich mach gern was für Euch, aber ich muss wie Ihr klar kommen bei der Organisation im Betrieb, und wenn ich mich breit mache und anderen die Zeit stehle, gibt’s Haue. Das gilt auch für Euch. Finde ich.

 

Immer noch mit freundlichen Grüßen

Euer Horst