Hinweise auf liturgische Kleinigkeiten

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Die Hinweise zwischen den liturgischen Stücken eines Gottesdienstes führen manche LiturgInnen auf glitschiges Gelände. Wer zuviel sagt zerreißt den Handlungsbogen, Wer Neues oder Seltenes ohne Hinweise beginnt verunsichert Menschen. Also wie moderieren, ansagen und leiten? Wie Übergänge gestalten? Wie Sprachhülsen meiden? Wo gehören Pausen hin?

In der Folge ein paar Hinweise, die auf der Reise durch unzählige Gemeinden entstanden sind.

Dankbar ist das gottesdienst institut nordelbien weiter für noch bessere Lösungen, die Sie gefunden haben.

 

 

1. Begrüßung und Eröffnung

a. Die Begrüßung im Gottesdienst gilt den Anwesenden auf mitmenschlicher Ebene. Wenn ich an der Tür schon begrüßt habe, muß ich das in der Liturgie nicht mehr tun. Ich beginne dann gleich liturgisch (s.u.).

Ich begrüße im Gottesdienst nicht mit ‚Ich begrüße Sie …’, sondern etwas offener mit ‚Willkommen – in der Kirche , in Gottes Haus, im Gottesdienst …’. Ich bin weder Autor noch Veranstalter – wie beim Feuerwehrball. Ich führe durch Räume, in die ein anderer eingeladen hat.

 

Meine Begrüßung erfolgt mit einer Pause abgesetzt von der

 

b. Eröffnung:

Die benennt den geistlichen Raum, in den wir jetzt mit der Liturgie gehen.

Das geht frei oder mit den bekannten geistlichen Formeln (s. Gottesdienstbuch).

Der Wochenspruch ist keine agendarische Form, wird aber oft verwendet, als sei er heilsnotwendig. Vielleicht ist es auch nur Verlegenheit. Man hat nichts Gescheiteres.

Wenn ich solchen Spruch sage, dann nicht in einem Atemzug mit der Begrüßung: Ich begrüße Sie mit dem Wochenspruch ‚Wer sein Leben verlieren wird, der wird es gewinnen’. Schlimmer noch: Ich begrüße Sie sehr herzlich im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!“ – als käme ich grad vom Frühstück mit dem Lebendigen. Dieser Stilmatsch aus direkter und symbolischer Rede banalisiert geistliche Kernsätze bis zur Unkenntlichkeit. Entweder ich begrüße, dann freundlich informell und zugewandt, oder ich stelle geistliche Wertstücke in den Raum, dann klar und abgesetzt von allem anderen.

Ich finde diese Wochensprüche nur bedingt geeignet am Anfang des Gottesdienstes. Sie eröffnen auf die Schnelle gesprochen nichts und wirken oft wie eine Wasserstandsmeldung. Lieber sage ich einen überlegten Gedanken, der das Thema des Tages aufnimmt und neugierig macht und beschließe das mit der Salutatio und der trinitarischen Formel (die an die Taufe erinnern will).

Wenn ich die Salutatio verwende (‚Gott sei mit Euch’ oder ‚Friede sei mit Euch’), dann spreche ich. Die gesungene  Salutatio überrascht die Gemeinde fast immer, wenn sie als erste und einzige liturgische Äußerung am Anfang geschieht. Außerdem wirkt diese Form als allererster Laut  immer etwas aufgesetzt und unnatürlich.

 

 

Die Begrüßung ist vom liturgischen Standpunkt aus entbehrlich, die Eröffnung nicht, denn sie unterscheidet unsere Zusammenkunft von der eines Vereins.

Weitere Hinweise dazu auf unserer Webseite unter ‚Veröffentlichungen’.

 

c. Der Ort der ersten Worte: All das spreche ich aus der Mitte des Altarraums, nicht vom Pult, denn ich will keine amtliche Verlautbarung hinter einem Katheder geben, sondern den geistlichen und menschlichen Raum eröffnen. Ich spreche ohne Ringbuch frei, damit man mir die Aufnahme von Beziehung glaubt. Eine Begrüßung oder Eröffnung mit Ringbuch ist wie in Kuss mit Mundschutz. Wer so viel Text spricht, dass er ihn sich nicht merken kann, ist schon des Vielredens verdächtig.

 

 

2. Lied-Ansage

Wenn ich ein Lied ankündige, spreche ich die erste Zeile des Liedes und dann erst die Nummer. Z.B.:

Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, … –

wir singen Lied Nr. 369.

Das ist weniger technisch und erleichtert den Anschluß an vorhergehende geistliche Worte.

 

 

3. Psalmgebet

a. Bei der Ankündigung des wechselweisen Psalm-Lesens genügt folgender Wortlaut:

Wir beten den Psalm – sie finden ihn unter der Nummer xxx (im Gesangbuch).

Alle blättern und schlagen die Seite auf. Ich warte solange und gebe keine weiteren Anweisungen, weil die im blätternden Suchen untergehen würden. Wenn die meisten fertig sind, sage ich:

Wir beten den Psalm im Wechsel  – ich beginne.

Dann geht es los. Indem Sie beginnen, zeigen Sie, dass eineR gegen alle im Wechsel spricht.

Oder:

Wir beten den Psalm im Wechsel zwischen rechts und links.

Ich gehe dann für alle sichtbar auf eine Seite und sage:

Wir beginnen.

Dann wende ich mich zum Altar, nehme also die Richtung ein wie alle, hole tief Luft, damit alle sehen, dass es losgeht und beginne.

Ich verlasse mich auf meine Körpersprache, die sehr deutlich zeigt, wie es geht.

Wenn sich jemand aus der Gemeinde verabredet vorn hinstellt und synchron die andere Seite führen mag – umso besser.

 

b. Formen des Psalmbetens

Das Psalmbeten der Gemeinde ist liturgieästhetisch und praktisch ein ungelöstes Problem. Weder ist die Druckvorlage in unserem Gesangbuch für ein angemessenes Sprechen hilfreich (s. z.B. Psalm 24), noch hat die Gemeinde Chancen, in einen gemeinsamen Rhythmus einzuschwingen, wie er – durch Gewohnheit – im Credo und im Vaterunser meist schon vorgeprägt ist.

Möglich sind (abgesehen vom Singen) andere einfache Rezitationsformen:

 

  • Man kann den Psalm auf einem Ton zu sprechen, um die Besonderheit des Textes und zugleich eine „stimmige“ Communio zum Ausdruck zu bringen. Das klappt hervorragend, sogar bei Konfirmandengruppen. Dann lösen sich überraschend viele Probleme der Pausengestaltung und des Tempos. Der Atem fließt beim Sprechgesang ruhiger und gleichmäßiger, und der Ein-Ton entbindet alle von ihrer individuellen Sprechweise. Dieser Sprechgesang ist die ursprüngliche Form unseres Chor-Sprechens.
    Freilich muß der Vorsprecher ein Sensorium dafür haben und auch den Mut, zu einem kollektiv akzeptierten Sprechton zu finden. Die Befürchtung, das klinge „unnatürlich“ ist unnötig.  Ausprobieren!
  • Der Psalm wird von einem Menschen vorgelesen, und jeweils die 2. Hälfte einer Doppelzeile wird von der Gemeinde ohne Buch nachgesprochen, gewissermaßen nachkauend memoriert.
  • Ein gesungener Kehrvers der Gemeinde unterbricht das Psalmgebet der leitenden Person in gewissen Abständen. Kein aufgeschlagenes Buch nötig.
  • JedeR liest einen Vers, das heißt, der Psalm wird einfach ganz der Gemeinde (oder dafür Vorbereiteten) ‚übergeben’. Anfangs habe ich diese Form mit 4-6 Menschen geübt, die in der Gemeinde sitzen und das ganze anführen.
  • Menschen aus der Gemeinde lesen vom Platz aus laut je einen Vers, einen Satz, ein Wort, – was sie anspricht und frei in den Raum. Die Reihenfolge ist gleichgültig, Pausen sind erlaubt. Es entsteht eine ‚wilde’ Collage aus Worten und Satzfetzen mit überraschend neuen Zusammenhängen.
    Dann lesen wir den Psalm alle gemeinsam, und jedeR findet das eigene Lieblingsstück im Kollektiven Sprechen wieder aufgehoben. Bei den ersten Malen habe ich 4-6 Menschen darauf vorbereitet. Sie führen.

 

Diese Formen sind keine Kopfgeburten, sie sind alle mehrfach erprobt.

Ein Tipp:

Verwenden Sie wochenlang den gleichen Psalm (gern auch in verschiedenen Variationen) – je nach Kirchenjahreszeit. Also nicht immer brav den Psalm nehmen, der vorgeschlagen ist. Zunächst ist es wichtiger, dass die Gemeinde mit einigen Psalmen übers Jahr ‚warm’ wird. Später kann man differenzieren. Viele empfohlene Psalmen sind seltsam und prägen sich nie im Leben ein.

 

 

4. Kyrie und Gloria

verstehen sich für die meisten Menschen nicht von selbst. Unsere Gesänge sind im Grunde Rahmenstücke für das aktuelle Beten (ich erkläre das natürlich nicht mitten in der Liturgie.):

Ich füge also echte gesprochene oder gesungene Gebete ein ins Kyrie und zwischen Kyrie und Gloria. Das Gottesdienstbuch bietet dafür etliche Beispiele.

Eine thematische Liturgie-Predigt erzählt vom Sinn dieses Teils und übt – während der Predigt – gleich Alternativen dafür  ein.

 

 

5. Weitere Anweisungen im Gottesdienst

Im Gottesdienst Anweisungen zu geben, die verständlich und knapp sind, ist eine feine Kunst, für Einzelne, erst recht für Gruppen. Gutgemeintes geht oft unter in einem Schwall von Anweisungen, verlegene Gruppenmitglieder stehen vor ratlosen Gemeindegliedern. Bevor die Gemeinde vollziehen kann, was geplant ist, wird ihr bisweilen erklärt, wie sie es empfinden und verstehen soll, weil die Gruppe Angst vor Widerstand hat.

Viele Anleitende ertragen es nicht, dass immer ein Teil der Gemeinde solchen Versuchen nicht folgen mag. Das ist aber normal und hinzunehmen wie das Wetter.

Daher ist es wichtig, solche Anweisungen für Bewegung oder Handlung sorgsam (z.B. in einer Gruppe) vorher zu üben und vor allem im Anweisen freigiebig zu bleiben: Man kann, muß aber nicht.

Drücke ich aber alle Absichten langatmig und zu vorsichtig aus („Sie müssen auch nicht,  aber vielleicht versuchen Sie es doch einmal, aber vielleicht auch nicht.“), dann erhöhe ich die Schwelle, weil alle denken, es drohe nach so viel voreilender verbaler Rücksicht etwas Weltstürzendes.

 

a. Die Richtung der Ansage oder der Handlung:

Wer von vorn zur Gemeinde hin etwas ansagt, zelebriert oder vorführt, ‚verdeckt’ durch seine Frontstellung zur Gemeinde die Region hinter sich (z.B. den Altar), weil er/sie die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Das gilt besonders für Gruppen, die bisweilen in einer Phalanx aufgereiht vorn stehen (Chöre, Vor-BeterInnen usw). Das macht nur Sinn, wenn es um Darstellung geht und um Rede/Predigt oder Musik zu den Menschen hin.

Wer z.B. betet, wer also stellvertretend etwas tut, was auch alle anderen tun könnten, sollte jedoch den Raum zum Altar hin freigeben und sich selbst ausrichten, zusammen mit allen (Credo, Fürbitte usw.). Deshalb beten Menschen mit dem Rücken zu den anderen. Das ist nicht zu verwechseln mit Desinteresse. Diese Haltung  bedeutet eine Konzentration auf das Heilige – zusammen mit den anderen.

Wenn Menschen z.B. vom Platz aus beten, in eine szenische Lesung hineinsprechen oder singen, ist die Gemeinde deutlicher mit hinein genommen ins Geschehen, als wenn ihr ein ‚Gebet vorgeführt’ wird von vorn  (was in sich unsinnig ist, aber oft geschieht).

 

b. Wenn Gruppen etwas einleiten, sollen nur die erscheinen, die auch sprechen. Sonst stehen die anderen verlegen umher.

 

c. Der beliebte Ausdruck ‚Wir wollen (z.B. beten)’  für Aufforderungen setzt von seiner grammatischen Logik her eine aktuelle Vereinbarung voraus. Die gibt es nicht. Selbst wenn Menschen freiwillig in den Gottesdienst kommen, so überlasse ich es ihnen doch von Moment zu Moment, was sie zu tun bereit sind und verwende daher die unübertroffene Aufforderung ‚Laßt uns (z.B. beten)’. Der kann man sich widersetzen. Dem ‚wir wollen’  nicht, weil es im Vorwege vereinnahmt.

 

d. Wenn ich anweise, erkläre ich nicht, was dabei zu fühlen sei (z.B. ‚das wird Ihnen bestimmt gefallen!’ oder ‚Dies Lied macht uns alle frei!’). Das überlasse ich den Menschen selbst.

 

e. Die besten Anweisungen für Handlungen sind die, die Schritt für Schritt vorgehen und immer nur so viel erklären, wie im Moment für den nächsten Handlungsschritt nötig ist, damit sich die Gemeinde nicht so viel auf einmal merken muss.

 

Ein Beispiel:

“Heute beschließen wir den Gottesdienst in anderer Weise als gewöhnlich. Ich möchte mit Ihnen nach alter kirchlicher Weise in einer kleinen Schreit-Prozession aus der Kirche ziehen. Dafür bitte ich alle, die das können aufzustehen und in den Mittelgang zu treten. Wer sitzen bleibt, schaut zu.”

Gemeinde folgt zu 80%.

“Nun bitte ich Sie, sich in eine lange Reihe hintereinander zu stellen, die Gesichter zum Altar gerichtet.”

Gemeinde tut dies. Es dauert, bis es sich fügt, die Vorbereitungs-Gruppe befindet sich zwischen den Leuten und steuert auch von dort aus.

“Greifen Sie nun bitte je eine Hand vorn und hinten, aber nicht die eigene.”

Gemeinde schmunzelt und reagiert.

“Die Orgel spielt nun gleich in ruhiger Weise. Nach ihrem Rhythmus schreiten wir in einer kleinen Prozession um den Altar und dann nach draußen. Ich gehe vorn und leite an. Sie können nichts falsch machen, kommen Sie einfach mit. Draußen vor der Tür erwartet uns ein kleiner (Sekt)Empfang.”

Ich gehe langsam los, die Gruppe denkt und geht mit, die Gemeinde hineinnehmend.

 

 

6. Nach der Predigt

… kann man gut schweigen. Ich mag – selbst wenn nichts Berauschendes gesagt wurde – gern meinen Gedanken noch einen Moment lang nachhängen. Die Katholiken habe  die Pause in der Messe nach ihren Predigten (wie auch nach der Austeilung des Abendmahls)  eingeführt. So entsteht Platz für Nachhall – woran immer der sich orientiert. Kollektiv vereinbartes Schweigen kann entlasten und ist sehr selten im gesellschaftlichen Leben.

 

7. Die Abkündigungen

Nie am Anfang. Der Beginn des Gottesdienstes ist ein empfindlicher Abschnitt. Ich will als Besucher geistlich beginnen und nicht mit Zahlen, Namen und Daten, die ich mir nicht merken kann.

Viele Gemeinden legen Zettel zum Mitnehmen aus mit den Daten der Woche, ggfs auf der Rückseite noch ein Lied oder der Psalm. Das ist viel wirksamer.

 

Ich verzichte auf die langatmige Selbstdarstellung der Gemeinde durch Ankündigung der Kreise und Gruppen. Was in der Woche besonders ist, soll aber vorkommen. Gern auch mal etwas mit kommunalem Belang. Es gibt ja nicht nur uns auf der Welt.

 

Nach der Predigt hat der Gottesdienst in der Regel einen dramaturgischen Tiefpunkt (s.o.). Nun ist vieles gesagt, und man kann ausruhen und auch Organisatorisches sagen.

Am besten hier (nach einem Schweigen z.B.) nur die Daten und den Kollektenzweck.

 

Die Kasualien kündige ich direkt vor der Fürbitte ab. Ich kann das in die Abkündigungen pflichtgemäß eingefügte Schnell-Gebet für die Kasualien nicht ernst nehmen – es ist eine Karikatur. Die Fürbitte hat Atem und Raum zum Einschwingen und Mitmachen beim Gebet.

 

 

8. Die Ansage der Lesung

Ich sage: Wir hören aus dem Evangelium nach Matthäus im 12. Kapitel.

Keine Versangabe, die überkorrekt wirkt und niemandem nützt.

 

 

9. Die Rahmenstücke zu den Lesungen

Das Halleluja nach der Epistel ist traditionell eigentlich der vorbereitende Gesang für das Evangelium. Das ist uns etwas verrutscht.

Dies üblicherweise einmalig gesungene ‚Halleluja’ ist das Rahmenstück zu einem gesungenen Psalmvers, der sich mit der Kirchenjahreszeit ändert. Es klingt schöner, wenn jemand den auch wirklich singt, und es gibt der Gemeinde die Chance, das Halleluja 2x zu singen – dann kommt sie hinein.

 

eg 320, Str. 8

Erhalt uns in der Wahrheit,

gib ewigliche Freiheit,

zu preisen deinen Namen

durch Jesus Christus. Amen.

ist auch eine Möglichkeit die Epistel zu beschließen.

 

Die Rahmenstücke des Evangeliums (‚Ehre sei dir, Herre’ und ‚Lob sei Dir, o Christe’) sind in der gesungenen Form auf ein gesungenes Evangelium abgestimmt. Sie wirken daher immer ein wenig deplaziert, wenn normal gelesen wird. Auch hier ist zu überlegen, wie man nach der Lesung des Evangeliums eine lobende Antwort der Gemeinde einsetzt, die den rituellen Jubel deutlicher werden lässt.

Auch hier könnte eine Choralstrophe helfen wie z.B. der Anfang des Liedes eg 289:

Nun lob mein Seel den Herren, was in mir ist den Namen sein.

Sein Wohltat tut er mehren, vergiß es nicht, o Herze mein.

Oder auch etwas Modernes, das fröhlich und niveauvoll wirkt.

 

Man sollte auf Gesprochenes sprechend antworten, auf Gesungenes singend.

Manche Leitende im Gottesdienst haben regelrecht Angst vor einer Sprechantwort der Gemeinde, weil sie fürchten, sie blieben im Regen stehen – keiner habe in der Gemeinde den Mut, wirklich zu antworten. Ihre Art zu sprechen lädt dazu nicht ein, weil sie den Kopf gesenkt halten und am Schluss auch noch die Stimme senken, statt sie gehoben zu lassen. Sie laden nicht ein zur Antwort.

 

Wer gelesen hat, sagt das Credo an, geht auf seinen Platz und spricht es mit wie alle anderen. Ist der Weg zu weit, richtet er, sie sich zum Altar aus und beginnt (mit dem Einatmen und Lossprechen).

 

 

10. Antworten muss man lernen und lehren

Themenpredigten zu den liturgischen Teilen (z.B. zu den Wort-und-Antwort-Stücken wie Salutatio, Entlassung, Wechselgebeten usw.) erlauben eine Deutung und Übung dieser Stücke. Von selbst ändert sich nichts. Wer will, dass die Gemeinde respondiert muss ihr im Gottesdienst in der Predigt (nicht an der Stelle, wo das Stück gesprochen wird) zeigen, wie es und warum es so geht. Kleine Übungen gehen uach gut vor Beginn des Gottesdienstes.
Verantwortlich dafür, dass es klappt sind einzig die, die Gottesdienste leiten. Das Jammern über die träge Gemeinde ist ein Vorwand. Man drückt sich vorm Proben. Wo in Gemeinden Liturgie geübt wird im oder vor dem Gottesdienst, da klappt das Respondieren seit Jahren.

 

Ein Problem gibt es ja immer noch mit dem Beginn gemeinsam gesprochener Texte. Der Pastor fordert z.B. auf: „Wir bekennen unseren christlichen Glauben“. Dann aber folgt das Chaos: Keiner weiß in der Gemeinde, wann er auf den fahrenden Zug aufspringen soll, besonders, wenn der Pastor ohne Pause „loslegt“.  Ungeordnet besteigt die ratlose Gemeinde die Trittbretter, in der Hoffnung, nicht zurückzubleiben.

Das gilt auch für das Vaterunser und andere Texte, z.B.  „Herr, ich bin nicht wert….“). Entweder wir sprechen alle zusammen von Anfang an mit (was voraussetzt, daß der Liturg in diesen Vorgang so einschwingt, daß alle mit einstimmen können) – oder er spricht den Anfang allein und läßt die Gemeinde dann geschlossen fortsetzen. Das sollte verabredet und ggf. geübt werden.

 

Eine übliche nichtverbale Aufforderung zum gemeinsamen Sprechen oder Singen ist der Atem: Der, die Leitende hat etwas angesagt und fordert alle zum Loslegen auf, indem er, sie stark und sichtbar einatmet. Dann geht’s los.

 

 

11. Haltungen beim Beten

Warum muss ich eigentlich stehen beim Beten? Warum müssen alle die gleiche Haltung haben beim Beten? Das Gebet ist in der Kirche ein kollektives Geschehen, indem eineR (oder mehrere) für alle sich Gott zuwenden.

Die Bänke disziplinieren schon genug. Nun werde ich auch noch ein einem Bereich reglementiert, der zu meinem eigensten gehört, dem Gebet. Wenn ich das Vaterunser mitbete, stehe ich gern auf, weil wir dort alle gemeinsam sprechen und uns dabei in eine Haltung begeben. Aber Eingangs- und Fürbittgebete sind auch Zeiten des eigenen Gebets mitten in der Gemeinschaft. Das möchte ich in der Haltung tun, die mir eigen ist. Bleibe ich sitzen mitten in einer Schar gehorsam Stehender, so bin ich nur mit dieser Differenz beschäftigt (geht das jetzt? Störe ich? Warum stehen die alle?).  Warum kann nicht bei der Aufforderung zum Gebet jemand freigiebig sein mit den Worten: „Laßt uns beten. Dafür möge jede und jeder die Haltung einnehmen, die ihm vertraut ist.“? Was ist daran so schlimm, wenn einige stehen, andere sitzen oder knien? Reicht es nicht, dass uns die Bänke nach vorn hin disziplinieren? Reicht es nicht, dass wir bei Lesungen, Chorälen, Einsetzungsworten und anderen Gelegenheiten einheitlich stehen?

Zum Gebet wünsche ich mir Freiheit in der Haltung. Die Erfahrung zeigt, dass die Verschiedenheit der Menschen – beim Beten im Raum gleichzeitig vollzogen – sehr schön aussehen kann. Sie zeigen, wie sie diesen Aufruf für sich annehmen.

 

 

12. Nach dem Segen

Ich nehme Abschied aus meiner Rolle als Liturg, indem ich mich noch einmal kurz betend, dankend zum Altar/nach Osten wende – wahrscheinlich habe ich das am Anfang auch getan.

Ich verzichte auf alle Verlegenheitssprüche wie „schönen Sonntag noch“ und dergleichen. Nach dem Segen ist Schluss mit meinem öffentlichen Reden. Das Kirchencafe ist während der Abkündigungen avisiert. Nachdem ich am Altar verweilt habe, wende ich mich den Leuten im Einzelnen zu. Dann bin ich frei zum Gespräch, aber eins zu eins und auf Augenhöhe, das mögen sie auch viel lieber.

Oder ich gehe ohne Worte aus der Kirche und erwarte die Menschen am Ausgang oder im Rückraum.

 

Über diesen Punkt gibt es verschiedene Ansichten.

Flotte Sprüche nach dem Segen empfinde ich als Auflösung der Spannung, die im Segen aufgebaut wurde. Dies Geschehen ist vergleichbar mit dem dauernden Klatschen nach jedem Musikstück bei Konzerten. Viele Menschen können die Konzentration nicht halten und müssen sie wegklatschen oder wegreden. Es ist ein Wert, wenn nach einer eindrucksvollen Geste (z.B. Segen) ein Moment der Stille einkehrt und alle die Gelegenheit haben das nachwirken zu lassen. Kirche ist ein Ander-Ort, der die Dauer-Moderation und das Gequassel unseres Lebens unterbricht und Gelegenheit zum heiteren oder gemessenen Ausstieg gibt.

 

 

13. Einführung von neuen Liedern, Kehrversen usw

Bevor der Gottesdienst beginnt ist Zeit zum Üben. Die Glocken sind noch nicht verklungen, aber so leise im Raum zu hören, dass man darüber sprechen und singen kann.

Andernfalls warte ich die Glocken ab und leite dann in den Übungsteil ein. Das ist nicht der Beginn des Gottesdienstes.

Wird ein Lied geübt, hilft ein Ansinge-Chor am besten, wenn er in der Gemeinde sitzt. Vorn leitet jemand alle an.

 

Wenn ich der Gemeinde einen Sing-Vers für den Psalm oder das Fürbittengebet beibringen möchte, erkläre ich gar nichts vorweg. Ich singe einfach los. Dann werden alle still. Ich wiederhole dann den Vers, bis er geläufig ist und sage am Ende: Dies ist der neue Kehrvers für den Fürbittenteil. Schluß.

Ich lasse auch keinen Verlegenheits-Spruch fahren (wie z.B. ich wünsche uns nun einen schönen Gottesdienst’  oder Wetterberichte: ‚wie schön die Sonne heute wieder herein scheint’). Der Gottesdienst beginnt von selbst mit Musik (z.B. Orgel). Ich gehe wortlos an meine Platz.

Wieder mache ich damit deutlich, dass ich Spannung und Aufmerksamkeit im Raum halten und nicht zerreden will.

 

 

14. DU und SIE

In allen liturgischen Teilen gilt das ‚liturgische DU’. Z.B. ‚Laßt uns beten.’

Das ist symbolische (An)Rede, die der Bibel entlehnt ist.

Gott sagt ja auch nicht: ‚Ich habe Sie bei Ihrem Namen gerufen, Sie sind mein.’

 

In den Teilen, die nicht symbolische Rede enthalten, also z.B. bei den Abkündigungen, in der Predigt  oder in der Begrüßung, wo ich die Menschen direkt anrede, dort verwende ich die gängige Höflichkeitsform ‚Sie, Ihnen’. Manche KollegInnen haben das Charisma, dass sie auch dort die Menschen mit ‚Du’ anreden können -,  und man findet es angemessen. Das muss man für sich erforschen.

 

 

15. Ausgetretene Sprach-Pfade

Es gibt eine Reihe von Sprüchen, die nur bei kirchlichen Leuten zu hören sind, dort aber in einer Häufung, dass es manchmal schmerzt. Eine kleine Aufzählung als Anfang einer Liste von Worten, die zu vermeiden sich lohnt:

 

  • immer wieder neu (was man beschwört, weist immer auf einen Mangel des Beschworenen hin: z.B. die Aufschrift ‚ofenfrisch’ bei Aufback-Brötchen in der Plastikfolie.)
  • ich möchte Sie einladen (vielleicht sage ich gleich, was ich will – das wirkt auf den ersten Blick ein wenig ruppiger, aber auf Dauer ist es viel klarer und barmherziger als der Weichspüler, der mich als Hörer nervt.)
  • ich möchte Sie ermutigen (weichgespülte, versteckte Form der Moral. Meist folgt ein Appell.)
  • ein Stück weit (völlig entbehrliche Verlegenheits-Minimierung)
  • ganz persönlich (Beschwörung)
  • wir wollen (Vereinnahmung)
  • mit allen Sinnen (Beschwörung durch die Repräsentanten von Wort- und Kopf-Kirche, während man im Gottesdienst nur sitzt und hört)
  • Gemeinschaft (oft eine Beschwörung)
  • sich einmischen
  • ins Gespräch kommen
  • Aber als Christen wissen wir… (es besser?)
  • Begegnung
  • Sollten wir nicht…  … auch, … lieber, … alle (Vereinnahmung, Suggestion, Moral)
  • lebendig (Beschwörung)
  • Leben
  • lebendiges Leben (doppelt hält besser?)
  • Unser Predigttext des heutigen Sonntags
  • dabei ist mir  … eingefallen (besser gleich die Geschichte erzählen)
  • Kirche (ohne Artikel)
  • die Menschen
  • zutiefst (Beschwörung)
  • aber/vielleicht/auch…
  • Gott hat uns längst erkannt
  • Gott/Jesus lädt uns ein
  • wir dürfen gewiss sein, wir dürfen uns Gott anvertrauen
  • wie Gott uns gemeint hat/wie wir von Gott gemeint sind
  • Jesus war da ganz anders.
  • Mir fällt dazu eine Geschichte aus der Bibel ein.
  • Gott/Jesus weiß um uns.
  • Auch Jesus, (Paulus, Gott, der bürgernahe Polizist) weiß um unsere Schwächen
  • Jesus will uns Mut machen.
  • Gott lädt uns ein, den Weg in die Zukunft im Vertrauen auf seine zugesagte Liebe zu gehen.
  • Wir werden durch diese Botschaft in die Pflicht genommen.
  • Jesus ist uns hier einen großen Schritt vorangegangen. Wir sind aufgefordert, ihm zu folgen.
  • Gottes Zuneigung wächst in unsere menschliche Existenz hinein.
  • In Jesus Christus (im Tod am Kreuz)  hat Gott dem Tod die Macht genommen. (gut, dass es noch mal gesagt wurde, wir wussten das nicht.)
  • Gott will, dass wir uns in Freiheit auf sein Angebot der allumfassenden einenden Liebe einlassen. (Was wir alles so von Gott wissen … )
  • Gottes endgültiger Friede, Gottes ewige Treue, Gottes unerschöpfliche Gnade, Gottes grenzenlose Barmherzigkeit.
  • Gott will uns einladen, damit wir mit Vertrauen und Zuversicht bereit sind, uns dem undurchsichtigen Alltag zu stellen, er will uns durch Jesus Christus Hoffnung machen und uns durch die Gnade der Vergebung auf seine Freiheit und Gerechtigkeit verweisen. Auch in unseren Verfehlungen dürfen wir gewiss sein, daß er uns durch Leid und Not begleitet, so wie Christus uns Bruder geworden ist und uns in seiner Heilszusage auf das Reich Gottes einstimmt und uns in seiner Güte auf unserem Wege leitet. (so viel Abstrakt-Schmalz und Wort-Getöse auf einmal ist schon eine Leistung)

 

16. Wohin mit den Händen??

Etliche Leitende im Gottesdienst leiden unter ihren Händen. Am liebsten würden sie sie vorher abgeben, vergraben oder verstecken, damit sie nicht ‚rumhängen’. Das Problem sind nicht die Hände, sondern es ist die Scham. Niemand hat ein Problem in der Gemeinde, wenn vorn jemand steht, die die Hände ruhig neben dem Körper hängen läßt. Ich schwöre, niemand! Nur die Akteure. Weil sie ihre Frontseite bedecken möchten, weil sie Angst haben, weil sie schüchtern sind, weil sich ihre (Über)Spannung besser ‚halten’ lässt durch Hände, die sie vor den Schamteilen verkreuzen. Wie beim Freistoß oder am Nacktbadestrand. Das sieht schrecklich verlegen und verschlossen aus. Wie einer, der abwartet, bevor Schlimmes geschieht. Oder es riecht nach Langeweile.

Bitte ab heute nie mehr!

Die Hände hängen in der ‚Grundstellung’ neben dem Körper. Oder sie liegen direkt über dem Bauchnabel locker ineinander gefügt mit den Handflächen nach oben offen. Auch, wenn sie vorn stehen und noch nichts oder nichts mehr zu tun haben. Mehr Grundhaltungen gibt es nicht. Von hier aus können Sie alles tun, segnen, gestikulieren, grüßen usw..

Dazu stehe ich mit beiden Beinen auf der Erde – hüftbreit. Das ist stabil und lässt jede Bewegung zu.

 

17. Kirchenmusik und Liturgie

a. Präludium: Keine große (Bach/Reger-Literatur), sondern sonntagsgebundene Klangtür. Das Postludium kann länger sein.

 

b. Choralbegleitung: Angemessene Atempausen zwischen den Strophen. Meist atmen die Organisten nicht mit.

 

c. Das Credo-Lied „Wir glauben all an einen Gott“ sollte nach Ankündigung ohne die übliche Intonation der Orgel sofort beginnen. Der Zusammenhang zwischen Lesung und Credo sollte gewahrt bleiben. (Das gilt natürlich nur, wenn das Credo dem Evangelium direkt folgt.)

 

d. Das Lieder-Singen während der Austeilung des Abendmahls riecht nach Beschäftigungstherapie für die sitzende Gemeinde. Es teilt sie überdies in zwei – in Kommunizierende und Singende. Also entweder Orgel-, Chor- oder Instrumentalmusik. Oder schweigend. Oder Wiederhol-Gesänge (Taizé, Ansverus-Psalter), die auch von den Kommunikanten mitgesungen werden können.

 

Ein Problem dabei ist die Koordination von oft zu lauter Musik und der von Liturgen gesprochenen „Entlassung“ der Abendmahlstische. Das Schreien gegen die Musik entwertet beide. Wer an der Orgel improvisiert und in den Orgelspiegel schaut, kann sich nach dem „Tisch-Rhythmus“ richten und den Raum freigeben für das Entlassungswort der Liturgin. Beides – Musik und Wort – behielten so ihre Würde.

 

e. Neuer Versuch, der sich bewährt hat: Das Agnus Dei (oder einen entsprechenden Gesang) als Prozessionsgesang beim Gang zum Altar singen. Das würde die Annäherung an das Mahl ein wenig rhythmisieren und tragen. Der Friedengruß folgt darauf – bei denen, die schon vorn stehen wie bei allen anderen.

 

f. Das so verbreitete Taizé-Kyrie (EG 789.6) zum Fürbittengebet  ist eigentlich kein Fürbitt-Kyrie, sondern ein Eröffnungskyrie. Seine etwas triumphalistische Gestik – vor allem mit strahlender Oberstimme – paßt nicht so gut in das viel stillere Fürbittengebet.

 

 

Weitere Hinweise zu liturgischen Details finden Sie auf unserer Webseite (‚Veröffentlichungen’), die wir ständig ergänzen und

in dem Buch   Ein evangelisches Zeremoniale, Gütersloher Verlagshaus

sowie in dem Buch Gottesdienst verstehen und selbst gestalten, Vandenhoeck

und bei Thomas Kabel, Liturgische Präsenz, Gütersloher Verlagshaus

 

 

Thomas Hirsch-Hüffell, www.gottesdienstinstitut-nek.de