heart view – Herzblick

Download

 

Dass das Auge Gottes alles sieht ist auch bei nichtkirchlichen Menschen allgemeiner Stand der Vermutungen. Das ‚große Auge’ war früher immer wieder eine passende Drohung gegen ungebührliches Benehmen bei Tisch oder unter der Bettdecke. Manche sind durch solche Vorstellungen nachhaltig abgehalten worden sich dem christlichen Leben zuzuwenden. Ich finde das richtig, weil dieserart Idiotie niemanden zum Christentum verleiten sollte. Es könnte sein, dass er enttäuscht würde: das Auge sieht gar nicht alles, es straft nicht, auch meine Kinder nicht, wenn ich nicht weiter weiß. Dieser Züchtigungs-Weg ist – Gott sei Dank – versperrt.

 

Aber den allwissenden Blick haben wir nun begonnen selbst zu übernehmen.

Während ich diese Kolumne schreibe, kann ich im Netz Ihr Haus betrachten, von oben, gern auch von vorn. Vielleicht winken Sie mir grade durch Ihre Küchengardine zu oder säubern Ihren Rasenmäher? Ich trinke grade unverfänglichen grünen Tee. Einige Verschämte haben – so hört man – bereits ihr Häuschen abreißen lassen um es vor dem Kamera-Auto zu verbergen. Andere sind froh über die preiswerten Fernreisen am Bildschirm durch die Vorstadt von Castrop-Rauxel oder den Grand Canyon.

Seien wir ehrlich: Das Schauen ist ein großes Glück. Gleichzeitig überall sein zu können auch. Die große Welt im kleinen Zimmer zu haben sowieso. Diese Sehnsucht macht das große Such-Auge stark, das vorgibt uns auf dem Laufenden zu halten. Alle wollen alles sehen und wissen. Und werden dabei in einem bislang ungeahnten Umfang gesehen und registriert.

Der Unterschied des technischen Auges zum himmlischen Auge ist: Das technische verfolgt Zwecke, es suggeriert allen Wissen zu geben und zieht aus unseren Wegen und Daten alleinwissend Schlüsse, die wir nicht kennen. Das heißt, es legt uns fest auf unsere Gewohnheiten, Kaufwünsche und Reiseziele.

Das himmlische Auge freut sich auf das, was wir sein werden, wenn wir diese Gewohnheiten verlassen – oder auch beibehalten. Es ist neugierig auf unsere kleinen und großen Geburten: es weiß eben nicht, was kommen wird. Es sagt vielleicht „Wenn möglich bitte wenden.“ Aber es geht auch mit, wenn wir nicht wenden und hält die dazugehörige Hand auf wenn wir stürzen. So stell ich’s mir vor.

 

Thomas Hirsch-Hüffell