Gottesdienst – normal und liebevoll

Ein Beispiel: Schilderung eines Gottesdienstes wie er sein könnte, wenn man ihn mit Humor und Liebe gestaltet 

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Es muß ja nichts Besonderes sein, nur normale Kost – aber die von Herzen.

Was ich vor Augen habe ist gewachsen in etlichen kleinen Versuchen. Man kann ja Gottesdienst nicht einfach hinstellen. Freiheit und Leichtigkeit entstehen über die Jahre wiederholten Handelns.

Ich stelle mir vor, ich komme zur Kirche, da steht schon eine brennende Fackel vor der Tür. Mitten im Hamburger Regen. Schön, so ein Feuer im Grau, und man fühlt: Irgendwas ist hier los. Also reingehen, Glocken im Rücken, Kerzen im Gesicht, im Eingang ein wuchtiger Feldstrauß, beschienen von einem Licht, dazu eine freundliche Konfirmandin, die mir ein Gesangbuch darreicht, den Eintretenden schüchtern nach vorn verweisend, wo die, die vor mir gekommen sind, Lieder singen. Also man kommt, und es ist schon etwas da. Ich bin vielleicht auf Stille eingestellt gewesen, aber so ist es jetzt recht. Wenn vorn etwas ist, mag ich auch nach vorn gehen, selbst wenn ich den Leib sonst eher halblinks mittig im Kirchenschiff placiere. Vorn ist Platz, weil Menschen mit freiem Sinn die ersten Bankreihen weggeräumt haben. Rechts und links stehen sie noch längs des Kirchenschiffs Spalier, da kann man dann alles von der Seite sehen und bei der Predigt quersitzen. Aber was passiert, passiert auf dem neu entstandenen Platz, umrahmt vom Halbrund der Stuhlreihen. Plötzlich fühlt sich dann alles viel einladender und offener an. Ein kleiner Altar steht da auch, weil es Brot und Wein immer hier gibt, bei den Leuten, nicht von ihnen weg.

In den hinteren Bankreihen darf man liegen. Wer schnarcht, wird geweckt. Ich lege mich zur Probe ab, höre den Singsang, vermesse die Kassettendecke der 50er schmunzelnd mit Auge und Herz und finde mich gleich gut zurecht in der Waagerechten. Aber vorerst erinnert es mich noch zu sehr an meinen Zustand von vor 2 Stunden, also stehe ich wieder auf und beschließe, dort erst bei der Predigt zu verweilen.

Ein Musikant leitet zum Singen an, Neues und Bekanntes, den Kindern ein extra Lied. Er stellt uns frei zu stehen beim Singen oder zu sitzen, man darf sogar auf- und abgehen. Wichtig ist, daß man sich frei fühlt und atmen kann. Immernoch kommen welche, dann sind wir 77 oder 47, Kinder dabei, die Glocken gehen zur Ruhe, der Musikant an die Orgel, wir sitzen, es wird stille, ein Gong tönt satt, und wenn er verklungen ist, spielt der Musikant einen Sonnenaufgang auf der Orgel. Oder ein Präludium. Oder beides. Das kann er. Endet dann im Eingangslied, von dem wir alle Strophen singen, damit es uns warm wird.

Nun kommt die Geistlichkeit; sagen wir, heute eine Frau im Talar mit schönem Kragen. Sie stellt sich hin, wartet, bis es so still ist, daß man aufhorcht, sagt: „Unsere Hilfe steht im Namen Gottes -“, wir sagen „der Himmel und Erde gemacht hat.“ Dann sagt sie: „Wir sind hier bei Gott zuhause.“ Pause. „Das hat keinen erkennbaren Zweck, aber es ist so wichtig wie Atmen, Küssen und Heimkommen. Wir feiern jetzt im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“- „Amen.“ sagen wir. Oder sie sagt was anderes, aber keine Vereinsbegrüßung mit Datum (‘heute ist der 23. nach Trinitatis’), Tagesordnung, Wasserstandsmeldungen oder Wetterbericht.

Ein Kreuz schlägt sie, knapp und klar, und ich weiß, wo ich bin: In der Kirche. Ich mag es, wenn man mir von außen sagt, was ist und wo wir sind. Ich muß mir schon so viel selber sagen sonst. „Wir sind einen Moment lang still und zeigen Gott, was in uns ist – was auch immer.“ Sie setzt sich so schlicht wie sie gekommen ist. Angenehm. So wenig kann genügen.

Nun ist stille Zeit für die eigenen Gefühle. In der Kinderecke mit dem Sandkasten in der Kirche raschelt es leise, der Betreuer faltet die Hände, einige Kinder tun das auch, andere lassen es rieseln. Ich denke an meinen Vater. Er ist schon alt. Ich habe ihn besuchen wollen. Er mochte nicht. Vielleicht muß ich einfach so hinfahren ohne zu fragen.

Der Gong holt uns zurück. Die geistliche Frau steht da mit dem Gesangbuch, sagt: “Wir beten einen Psalm. Nummer 733.“ Alles raschelt. „Ich bete mit Ihnen im Wechsel auf einem Ton und beginne.“ – dreht sich zum Altar, legt die Hände flach darauf und singt los. Das geht also: Betend singen – auf einem Ton. Das ist doch etwas anderes als Sprechen. Es fließt viel mehr. Und es hebt. Wir antworten auch auf einem Ton. Auf dem gleichen, klar. So geht es hin und her. Daß wir ein bißchen lahm sind, stört sie nicht. Sie hält ihr Tempo. Alle singen das „Ehre sei dem Vater …“, dann sie das Kyrie, beim Gloria breitet sie die Arme aus, und ihr Stimme kriegt ein Register dazu, die Orgel antwortet im Wiener Walzer: „Allein Gott in der Höh sei Ehr …“ – es juckt fast in den Beinen. Wenn sie das „Gott sei mit euch“ singt, diesen Gruß, dann hat man das Gefühl gemeint zu sein, und dann meint man sie auch gern bei der Antwort: „Und mit deinem Geist !“

Die Kinder sind immer noch erstaunlich still in ihrer Sandkiste. Manchmal schauen sie auf, aber meist sind sie beschäftigt mit Malen, Rieseln und Formen.

Die biblische Lesung aus der Apostelgeschichte mit den ersten Christen, die sich alle so einig waren, ist besonders, weil sie zweimal gelesen wird; erst normal und dann von dreien aus dem Kirchenvorstand gleichzeitig, aber durcheinander. Einer fängt hinten an und liest Satz für Satz rückwärts, eine Frau von vorn und ein Dritter liest einfach laut einzelne Worte aus dem Text hinein, die ihm wichtig sind. Das ist nicht schwer, scheint mir. Aber sehr wirkungsvoll, weil sich lauter neue Wort-Kombinationen ergeben, ein Volksgemurmel mit Akzenten. Man erahnt Gemeinschaft in ihrer Vielstimmigkeit. Kleine Idee mit großer Wirkung. Man horcht auf.

Das Glaubensbekenntnis singen wir. Gesprochen klingt es ja oft wie eine Schulübung. Und was über den eigenen Verstand hinausgeht, wird sowieso besser gesungen.

In der Predigt ist die geistliche Frau klar und einfach. Sie gibt Gott nicht zu schnell recht, dem Idyll der ersten Christen auch nicht, sagt aber, was sie ersehnt und was wohl der Funke war zu der Zeit. Der hat ja etwas angestoßen, das bis heute reicht. Dies erkundet sie ohne Pathos. Oder sie hat vorher jemanden gebeten, einen von den ersten Christen zu spielen. Also, sich vorn hinzusetzen und Fragen der Menschen zu beantworten – was denn nun wirklich war. Eine Art Interview. Anfangs fragt keiner, weil man sich nicht traut, aber dann wollen die Leute immer mehr wissen: Was Paulus eigentlich für ein Typ war, woran er damals geglaubt hat, ob es stimmt, daß er Epileptiker war und woran die anderen glaubten und was eigentlich noch Gründe waren, sich zu den Christen zu halten. Ob es nicht auch Streit gab – davon sei ja kaum was zu hören in der Bibel. Was das besondere Gefühl war der ersten Zeit, diese Aufbruchsstimmung undsoweiter. Ein Kind fragt, ob es Spielplätze gab. Es wird jemand mit Phantasie sein, der sich das fragen läßt, besser zwei, eine Frau und ein Mann, ja, sie erzählen, und wir fragen – fragen uns in diese verschleierte Vergangenheit hinein, und während die beiden Auskunft geben, entwickelt sich in ihnen ein dichtes Gefühl von dem, was gewesen sein könnte. Und in uns allmählich auch. Spannend und auch wieder einfach. Vertiefende Auskunft. Sicher wird nicht alles auf einmal aufgeboten – also Predigt einfach und besondere Lesung oder Lesung einfach und Interview. Nicht zu viel auf einmal. Gott sei Dank gibt es ja noch ein paar Gottesdienste dies Jahr.

Manchmal möchte ich auch hin- und hergehen – wie die Orthodoxen bei ihren Gottesdiensten. Raus und wieder rein – wie im Leben. Dann wäre der Gottesdienst für mich nicht wie eine Kasernenübung im Stillsitzen.Wir müssen nicht singen nach der Predigt. Da spielt eine Querflöte oder ein Regenrohr. Vielleicht auch die Orgel. Und wenn wir beten, also bitten für andere und danken und stänkern, dann setzt sich die geistliche Frau hin, weil sie da zu uns gehört. Oder sie kann am Altar stehen, dann trägt sie unseres von da zum Himmel – auch recht. Aber sie wird diskret den Mund halten. Beten tun wir selbst. Sie kann doch nicht wissen, was wir bitten wollen. Wenn sie was auf dem Herzen hat, soll sie es sagen, aber eingereiht. Und wenn es still ist, wird eben still gebetet. Zwischen den Gebeten singen wir alle etwas Kurzes, damit aufsteigen kann, was wir auf dem Herzen haben. Gesang steigt immer auf und nimmt etwas mit.

Der Altar wird von den Kindern gedeckt, wir singen ein frisches Abendmahlslied.

Die Priesterin führt es alles schön ein wie immer, aber das Besondere ist, daß sie es in ganz normalem Ton tut, schon singend und betend, aber eben wie ein Tischgebet – da vergeht man ja auch nicht vor Ehrfurcht. Abendmahl ist hier ‘täglich Brot’ und übliche Wegzehrung – man muß nicht so ein Brimborium darum machen. Wir sitzen oder stehen um den Altartisch, die Kinder auch. Wenn sie die Worte spricht, mit denen Jesus zu seinen Freunden sprach, dann sieht sie etwas vor dem inneren Auge – das sieht man. Und dann sehe ich auch etwas. So einfach kann Gegenwart von Vergangenem sein.

Vielleicht sprechen wir hin und wieder die Einsetzungsworte auch alle gemeinsam.

Natürlich gibt es Wein und echtes Brot. Wer keinen Wein will, kriegt Most. Wer sich in der Gemeinde schämt, keinen Alkohol, sondern Most zu wollen, ist am falschen Ort. Und die Gemeinde, die nicht erlaubt, daß jemand offen den Alkohol meidet muß sich fragen lassen: Wo soll sich denn einer frei zeigen können, wenn nicht unter Christen ? Es verhindert Vergebung und Annahme, wenn man Unterschiede vertuscht. Wenn wackere KirchenvorsteherInnen obendrein Schwache schützen wollen, gehen sie einfach auch zum Most. Dann weiß man: Die müßten nicht, stehen aber zu denen, die müssen.

Also: Kein bürgerlich-verschämtes Saft-Diktat zur Vermeidung von Wahrheit, sondern Wein, Most und echtes Brot, und man wählt offen selbst.

Wenn 77 Abendmahl haben wollen, dann können sie noch im Kreis stehen, und zwar in einem großen. Der geht dann vielleicht durch die ganze Kirche, aber das tut ja nicht weh. Wenn sich alle sehen können, finde ich das immer erhebend. Diese Menschen, die sich nähren lassen, sind mir ebenso Nahrung wie Brot und Wein. Wir zeigen ja, indem wir zu Tisch treten, daß wir Gott brauchen, und indem wir das gemeinsam tun, macht diese offene gemeinsame Bedürftigkeit schon ein bißchen satt und kräftig. Deshalb freue ich mich auf den Kreis und die Gesichter. Ich stelle mir dann vor, wie sich Gott in diese Menschen eingezeichnet hat, in die Gebeugten, die Kleinen, die Vergrämten, die Glitzernden und Frechen. Er schaut ja auch aus diesen Gesichtern heraus, nicht nur aus Brot und Wein.

Das wird also ausgeteilt, eine Seite bekommt Brot zum Weitergeben, auf der anderen geht die geistliche Frau herum und teilt aus, bei den Älteren. Das mögen die lieber so, sie weiß das. Beim Wein geht es ebenso. Kirchenvorsteher Adomeit, ‘Anonymer Alkoholiker’, teilt den Most aus; wer will, hebt die Hand. Manche tauchen ihr Brot ein, andere nicht, einige Kinder bekommen Brot und Most von Papa, andere direkt, eins will nicht und soll einen Segen kriegen, den will es auch nicht, alle lachen, eine Frau gibt Brot und Kelch weiter, ohne zu nehmen, will aber im Kreis nicht fehlen, ein Spätaussiedler streckt die Zunge vor, damit die Priesterin ihn füttert, sie tut’s mit leichter Hand, Herr und Frau Schneider-Lützgendorf knieen auf der kalten Erde, gegenüber ein Konfirmand desgleichen – und alles ist recht wie es ist. So kann Abendmahl sein. Kommen, da sein wie man ist und genährt werden. Nicht nur darüber reden, sondern es auch tun. Das heilt. Danach ist es still, Brot und Wein werden von den Kindern eingesammelt, (restliches Brot verteilen sie am Ausgang, den Wein gießen sie später auf den Acker, woher er genommen,) und wir stehen im Kreis, still und satt.

Das Gebet folgt, auch ein auswendiges Lied, das alle über die letzten Wochen gelernt haben, und den aaronitischen Segen spricht sie ohne Mätzchen. Sie muß nichts mehr dazuerfinden – die bisherige Form des Gottesdienstes ist so reich, daß es genügt. Die Originalität lag im Detail und in der warmen Ausführung, nicht in hochgestochenen Erklärungen. Verstehen tut sowieso niemand, was wir getan haben. Indem man es ganzen Herzens tut, versteht es sich von selbst.

Also, es muß nichts Exzeptionelles sein, aber es können weiterhin Elemente dazukommen, die mich auch immer erwärmen, wenn ich sie erlebe: Die Möglichkeit Segen zu bekommen mit Handauflegung, das Gebetbuch zum Mitschreiben am Eingang, aus dem in der Fürbitte verlesen wird, die Tauferinnerung mit dem Wasserkreuz in die Hand, wenn jemand getauft wurde, das gemeinsame Rufen des Täuflings-Namens, der kleine Prozessionsschritt nach dem Segen aus der Kirche heraus und manches andere. Aber das sind Sahnehäubchen. Wenn es so zugeht wie oben beschrieben – und das gibt es -, dann bin ich schon ganz froh.

 

Thomas Hirsch-Hüffell . Pfarrstelle für Gottesdienstberatung . Rahlstedter Str. 223 . 22143 Hamburg . tel 040.6771830 . fax 6771834 . hirsch-hueffell@web.de . www.gottesdienstberatung.de