Geistlicher und geistvoller Wohnen – Raumerkundung für den Gottesdienst

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Geistlicher und geistvoller Wohnen –

Raumerkundung für den Gottesdienst

(in kleiner Form)

 

Eine Behauptung zur Lage

Wenn 3-8 kommen, ist es absurd, wenn sie sich im Kirchenschiff in homogener Dichte verteilen – wer fromm sein will, braucht nicht eine ganze Bank für sich allein. Singen, Blickkontakt, Ansprache der Menschen, Wahrnehmung der Gemeinschaft – das alles ist so kaum noch möglich. Man wird zb einen Stuhl-Halbkreis im Altarraum, vielleicht auch einmal um die Taufe aufstellen, nicht zu eng, nicht zu dicht am Altar, denn wir (zumindest die Älteren) sind auf Distanz zum Heiligen hin erzogen. Wir dürfen uns beim Beten in den Augenwinkeln sehen. Das ist gar nicht so schlimm wie befürchtet. Man muss auch nicht ausschließen, dass etliche, die zuerst befremdet waren, das nach einiger Zeit ganz gern haben.

Ist der Altarraum zu klein, werden auf Dauer die ersten 2-4 Bankreihen entfernt. Da sitzt sowieso kaum jemand. Dann entsteht Raum für uns. Und für die Kinderkirche auf Teppichen, Stuhl-Anordnungen oder für anderes, was dort einfallen möchte.

Ein Halbkreis braucht einen kleinen Fokus in seiner Mitte. Z.B. eine Sandschale für Kerzen, die man im Gottesdienst anzündet.

Wer am Raum nichts ändert für den kleinen Gottesdienst und die paar Leute sitzen lässt wo sie wollen, wird als kommunikations-orientierter Mensch an der Verlorenheit und Absurdität des Arrangements auf Dauer scheitern.

Wer vom Typ her eher auf Distanz im Gottesdienst angelegt ist, wird nichts vermissen. Aber die Generation der Gemeindeglieder, die strikt so – jeder für sich mit viel Zwischenraum – feiern möchte stirbt aus.

 

Verfahren mit flexibler Raumordnung am Sonntag

Ich entscheide – wenn ich dafür Zeit habe – vor dem Eintreffen der Menschen nach Intuition, ob ich die kleine oder die große Variante feiere – wo also der Gottesdienst im Raum stattfinden soll. Ein paar Stühle dazustellen kann ich immer noch, wenn es mehr werden. Ich stehe vor Beginn am Eingang, begrüße und weise nach vorn, damit jedeR weiß, wo heut Gottesdienst stattfindet.

Wenn ich mehrere Gottesdienste hintereinander leiten muss und nur knapp von einem zum anderen komme, werde ich zeitlich bei der Predigt sparen, nicht bei der Liturgie.

Weil ich in den Gemeinden verschieden viele Menschen erwarte und unsicher bin, mit welcher Zahl ich zu rechnen habe, habe ich mit denen, die oft kommen ein Seminar zur Sitzordnung und die Theologie des Raums gehalten. Die Anwesenden fühlen sich seitdem für die Raumordnung des Gottesdienstes verantwortlich und gestalten sie nach 2-3 Mustern (Bankreihen, Halbkreis, Stühle bereithalten usw) selbständig. Wir haben alle Varianten durchgespielt, die eintreten können. So finde ich eine Entscheidung vor und muss sie nicht allein herstellen. Das ist mein Kompromiss zwischen Zeitnot bei mehreren Gottesdiensten und meinem Gestaltungswillen.

Auf Dauer werden wir nicht an einer strukturellen Entscheidung vorbeikommen, wie viele kleine Gemeinden wir in sinnvoller Form ‚bedienen’ können und wollen. Man kann sich auch an die rasende Verwaltung einer Hohlform gewöhnen und so werden unter Umständen Ausführende und Gottesdienste verschlissen, ohne dass man es merkt.

 

Raum-Erkundung zusammen mit GottesdienstbesucherInnen, Vorstand und Interessierten

Wenn Sie Menschen, die in den Gottesdienst kommen beteiligen am Raum-Konzept, dann sind sie auch bereit etwas Anderes mitzumachen als bisher. Wenn Sie ihnen kurz vor dem Gottesdienst etwas befehlen, dann werden sie zu Recht unwillig sein. Wenn Sie also im Raum anders sitzen wollen bei kleiner Teilnehmenden-Zahl, dann braucht es dafür etwas hartnäckige Umstellungs-Arbeit.

Besonders einfach lässt sich so etwas einleiten, wenn Sie sowieso im Winter die Kirche verlassen und in einen beheizbaren Gemeinderaum ziehen. Dort versuchen Sie andere Sitzordnungen, und diese Erfahrungen können Veränderungen im Kirchraum vorbereiten.

Sie können zunächst selbst Ihren Kirchraum erkunden und herausfinden, wo Sie sich – alternativ zum Sitzen in den Bänken – gern betend und singend aufhalten mögen. Erfahrungen zeigen, dass es wider Erwarten schön sein kann, auch in einer Seitenkapelle oder hinten Gottesdienst zu feiern. Kleine Umstellungen geben einen neuen Raum frei und ermöglichen mehr Konzentration als vorher.

Im Folgenden Tipps für Raum-Erkundungs-Stunden, zu denen Sie alle einladen, die am Gottesdienst und an der Kirche interessiert sind.

 

  1. Raumerkundung 1 – mal alles anders (2-3 Stunden) – s. auch Punkt d.

Wer den Raum einmal ganz neu stellen will, beginnt sofort damit und braucht in der Regel dafür einen ganzen Abend, einen Nach- oder Vormittag. .

Wem es ernst ist mit einer Veränderung des Raumes, muss ernsthaft erwägen, die frontale Bankordnung als Standard aufzuheben.

Wenn ich auf Veränderung aus bin, dann schraube ich alle Bänke oder Stühle los und eröffne das Experiment, mit vereinten Kräften einmal ganz andere Ordnungen zu stellen. Küster, die Küsterin habe ich vorher dafür gewonnen und als mit-leitende Person ins Geschehen integriert. Gottesdienst-BesucherInnen, Teile des Kirchenvorstandes sind dabei, evtl auch andere Interessierte. So wird das Meinungsbild repräsentativer, und ich kann bei folgenden Entscheidungen auf die Erfahrungen des Treffens zurückgreifen.

Ich halte einen extra Tisch-Altar bereit, falls die Kirche nur über einen Hoch- oder Fernaltar verfügt. Den kann man in die Mitte einer neuen Anordnung geben, wenn diese sich nicht auf den Fernaltar bezieht.

Wir können uns beim realen Ausprobieren im veränderten Raum hierhin und dahin setzen und Vor- und Nachteile jeder Ordnung am eigenen Leib erfahren. Das bringt die eindrücklichsten Ideen. Am Tisch darüber zu reden ohne realen Eindruck bringt nur fruchtlosen Streit.

Ich halte etwas zum Essen und Trinken bereit, denn diese Arbeit macht hungrig.

Ich sorge dafür, dass jede neue Stellung von Bänken und Stühlen ‚besessen’, empfunden, bedacht und abgeschlossen wird, bevor die nächste Form entsteht. Das ist eine Art vergleichender Forschung.

Jemand protokolliert den Verlauf mit Skizzen oder sogar mit Foto und Video !

Am Schluss wird entweder alles wieder hingestellt wie vorher oder man einigt sich auf eine Aufstellung ‚zur Probe’ für die nächsten 8 Wochen. Im ersten Fall braucht es eine Vereinbarung, was mit den Erkenntnissen des Tages geschehen soll, damit es auch zur Tat kommt. Im zweiten Fall wird beim nächsten Gottesdienst am Eingang jemand stehen und die neue Anordnung erläutern, damit niemand vom Stuhl fällt.

 

Ein Beispiel: Die Ellipse (Schaubild nur im Download)

 

  1. Raumerkundung 2 – Raum- und Selbst-Wahrnehmung (20-30 min)

Auch wenn wir nichts wesentlich ändern können oder wollen am Raum, so lohnt es sich doch, das Empfinden und Verhalten von Menschen in ihm kennen zu lernen.

Für die TeilnehmerInnen des Treffens ist es wichtig, wahrzunehmen, welche Präferenzen sie selbst haben, was der Raum nahe legt und dann darüber zu sprechen, was ihre Platzwahl bedeutet. Das geht am besten, wenn sie aus der Position heraus reden, in der sie gern sitzen. Die entsprechende Anleitung dafür wäre:

 

  1. RAUM- UND SELBSTWAHRNEHMUNG:

Die Gruppe steht im Eingangsbereich. Ich leite an:

“Bitte setzen Sie sich spontan dahin, wo Sie in dieser Kirche am liebsten sitzen möchten. Nehmen Sie wahr, was an diesem Ort für Sie besonders angenehm ist.“

Bitte nehmen Sie sich einen Moment Zeit und vertiefen Sie sich an Ihrem Ort.”

(Der Blickwinkel spielt oft eine Rolle,

das Gefühl, wer hinter einem sitzen kann oder nicht sitzen sollte,

die Akustik (der Sprechanlage bzw. des Raumes),

der Lichteinfall,

die Bevorzugung der Predigt,

die Ansammlung einer ganzen Gruppe (Altenkreis z.B.),

die Möglichkeit der Anonymität,

der Wunsch, außerhalb des Geschehens zu sein und trotzdem im Raum (KonfirmandInnen z.B.),

der Abstand zum Altar,

der Abstand zur Pastorin, zum Pastor.)

3 min Stille

“Bitte sprechen Sie nun so laut, dass wir es hören können, was Ihnen Ihr Ort bedeutet. Bitte sagen Sie dann, was er ermöglicht und was er verhindert.“

Verschiedene Voten werden laut.

“Bitte schauen Sie sich um und stellen Sie fest, welchen Ausschnitt der gesamten Sitzfläche wir im Raum als ganze Gruppe gewählt haben, welche Felder nicht besetzt sind und wo Schwerpunkte liegen.”

Wahrnehmung

 

  1. PERSPEKTIVEN-WECHSEL:

“Nun bitte ich zwei oder drei von Ihnen nach vorn an einen Ort, von dem aus Sie sich vorstellen, vorzulesen oder zu beten oder etwas anzusagen.”

Es kommen mehrere und positionieren sich. Bitte an die vorn:

“Sprechen Sie mal ein paar Sätze, die Ihnen einfallen, wenn Sie da stehen!”

Sätze

“Wie ist das – so zu reden von da vorn ?”

Antworten

“Dies ist die übliche Position von Pastorinnen und Pastoren vorn.

Bitte wechseln Sie wieder nach hinten – weitere drei kommen nach vorn, gehen vielleicht auch zum Altar, sprechen mal von da, was ihnen ein- und auffällt.”

Entsprechende Voten, bis alle, die mögen, einmal den Raum und die Entfernung zu den Menschen von vorn mit Blick und Stimme ausgemessen haben.

 

  1. DEN RAUM IM RAUM KENNEN LERNEN:

“Jeder Raum hat einen Bereich, innerhalb dessen noch so viel Energie ist, dass man sich ‚innerhalb des Geschehens’ fühlt. Jeder Raum hat auch Zonen, in denen ist man schon ‚draußen’, obwohl man noch im Raum ist.

Bitte stehen Sie jetzt auf und gehen so weit, dass Sie gerade noch das Gefühl haben im Geschehen ‚drin’ zu sein. Gehen Sie nach vorn und nach hinten, ggfs zu den Seiten, um die Grenze auszuloten. Nehmen Sie sich Zeit dafür.”

Die Gruppe verteilt sich, schaut sich um, positioniert sich an den selbst gewählten Stellen, bleibt dort. Wahrnehmung.

“Die Zone, die Sie umgeben, ist vermutlich das Feld, innerhalb dessen sich Menschen instinktiv gern hinsetzen – es sei denn, sie wollen (wie die Konfis) eigentlich nur halb oder gar nicht dabei sein. Innerhalb dieses Feldes lohnt es sich auch, über (alternative) Sitzordnungen nachzudenken.“

 

  1. AUSTAUSCH:

Evtl zunächst zu zweit.

Die Gruppe setzt sich dann zusammen und spricht über die Wahrnehmungen.

Es ist wichtig, dass alle mal vorne gestanden haben und die Perspektive der Leitenden kennengelernt haben. Auch diese Position soll bewertet werden, nicht nur die des ‚Verbrauchers’. Das sollen auch Menschen der älteren Generation tun, denn sie bestehen am ehesten auf einem Abstand, den sie als Handelnde nie ertragen würden.

Das alles kann nur jedeR einzelne für sich entdecken. Es gibt keine Einigung auf eine bestimmte Meinung.

 

Erfahrungen:

  • Frauen wollen oft mehr Nähe zur Gemeinde, Männer können tendenziell mit dem Abstand von Handelnden und Feiernden in normalen Gottesdiensten ganz gut leben.
  • Kriterium für produktive Nähe ist oft, ob man die Augen der Menschen noch sehen kann.
  • Manche sagen, sie beteiligen sich nicht selbst an der Gottesdienst-Gestaltung, wenn diese Distanzen weiter bestehen, möchten aber als Gottesdienst-BesucherInnen gern sitzen, wo sie wollen. Über diesen Zwiespalt muss gesprochen werden.
  • Der Perspektivenwechsel und die Wahrnehmung des Üblichen bzgl. der Platzwahl ist für viele Menschen neu und überraschend, aber produktiv, weil sie unbewusste Entscheidungen sichtbar werden lässt.

 

  1. Raumerkundung 3 –

Sitzordnungen ausprobieren und deuten (2 Stunden)

Sitzordnungen haben eine theologischen Inhalt, der auch spricht, wenn niemand dort sitzt.

Wenn wir in geprägten geistlichen Räumen mit Gott und den anderen Menschen kommunizieren wollen, müssen sie entsprechend eingerichtet sein.

Wenn Sie einen Gemeinde-Raum mit Stühlen haben, dann lassen sich dort am besten exemplarisch verschiedene Sitzordnungen nachstellen im Kleinen. Die jeweilige Form wird aufgestellt und dann ‚besessen’ und gedeutet.

 

Ablauf bei jeder neuen Aufstellung:

  1. Anordnung aufstellen mit allen Requisiten (Altar, Lesepult uw)
  2. Von außen betrachten: Was sagt diese Anordnung aus, ohne dass da jemand sitzt?
  3. Auf Lieblingsplatz setzen, wahrnehmen, was hier ermöglicht und was verhindert wird. Dies in den Raum sprechen.
  4. erproben, wo von nach wo am besten kommuniziert wird in diese speziellen Anrodnung.
  5. Zusammenfassung

Dafür hier Andeutungen zur theologischen Bedeutung verschiedener Formen:

  • Angemessene Bestuhlung: Viele Kapellen oder Kirchen sind mit Bänken/Stühlen voll gestellt, obgleich die sehr selten alle gebraucht werden. Das erweckt den Eindruck von ‚leerer Kirche’, wenn weniger als 15 Menschen da sind. Wir sind wenige an einem Ort, wo eigentlich noch viele andere sein sollten. Das ist nicht angenehm.
    Man kann stattdessen so viele Sitzgelegenheiten aufstellen wie Menschen erwartet werden plus 20% als Reserve.
    Das bedeutet theologisch: Die Gemeinde gibt sich zufrieden mit ihrer Größe, sie findet sich ein und zentriert sich auf Wort und Sakrament – das genügt. Sie schielt nicht überheblich nach Expansion (vielleicht werden wir ja doch viele…?), sie lässt sich nicht depressiv herunterziehen durch die Vielzahl der leeren Stühle, sie findet sich ein im Vorhandenen und nimmt es an, so wie sie immer schon angenommen ist, egal in welcher Größe. Das heißt, sie realisiert ihr Angenommensein von Gott in der Form, in der sie sich vorfindet.
  • Der frontale Aufbau der Sitzanordnung inszeniert das Ausstehen des Heils. Im Osten (eigentlich draußen) wird der auferstehende und wiederkehrende Christus erwartet. Das provoziert den Gestus seiner Erwartung in Gesang, Anbetung und Ausrichtung ‚nach vorn’ oder gar nach draußen in die Unendlichkeit/Ewigkeit. Die Kirche wird zum Wartehaus. Der, die Einzelne ist ganz nach vorn, innen oder oben gerichtet und hat mit den anderen nichts zu tun. Er, sie setzt fort, was auch sonst gilt für westeuropäische Frömmigkeit: Sie geschieht im Verborgenen, jedeR ist für sich und auch im öffentlichen Raum intim. Individuation als Absetzung von anderen und Meditation sind hier praktisch dasselbe. Das bringt Menschen zu sich, aber miteinander haben sie in dieser Anordnung nichts zu tun und sind füreinander auch nicht spürbar heilswirksam. Das führt zu einer Zentrierung auf die leitenden Menschen. Wenn die gut führen, kann sinnvolle Meditation entstehen, aber kaum Miteinander. Diese Anordnung inszeniert Abstand. Deshalb setzen sich Leute in solche Kirchen separat und nach hinten. Sie folgen damit präzise der Inszenierung des Raumes.
  • Der Aufbau im Halbkreis bedeutet die Präsenz des Heils (meist durch den Altartisch bezeichnet) in unserer Mitte – bei offener Haltung hin zum Unverfügbaren dahinter (Kruzifix, Fenster usw). Das inszeniert Halbdistanz. Das Heil ist unter uns, es steht nicht aus, wir warten nicht darauf, es ist angekommen, wenngleich nicht verfügbar. Wir umgeben es und lassen uns jetzt durch die nähere Mitte fokussieren wie in der Frontalstellung durch die ferne Wir nehmen einander dabei aus den Augenwinkeln wahr. Das erhöht die Bedeutung der Gemeinde für den Glauben des Einzelnen. Wer leitet, wird eher eingereiht und kann auch vom Platz aus sprechen und beten. Die Dimension des Ausstehenden wird dadurch symbolisiert, dass man die 2. Hälfte des Kreise nicht schließt, sondern offen lässt hin zur gewohnten Ausrichtung in die Ewigkeit. Menschen reagieren auf das Angebot des Sitzens im mehr-reihigen Halbkreis instinktiv, indem sie sich annähern.
  • Der Kreis feiert das Heil in unserer Mitte, fokussiert uns und hält das Unverfügbare quasi über uns offen – meist durch einen Lichtschacht oder dergl. symbolisiert. Hier ist die Mitte am bestimmensten. Die Gemeinschaft nimmt sich am deutlichsten wahr. Der Gesang hat neue Chancen. Das inszeniert Nähe, aber manchmal auch Furcht vor Vereinnahmung und Irritation wegen mangelnder Ausrichtung in die Ferne, die den Blick in die Ewigkeit bzw. ins Innere erlaubt.
  • Die Ellipse (s. Skizze oben) hält die Spannung offen zwischen rechts und links, vorn und hinten. Altar und Ambo auf den Brennpunkten der Ellipse zeigen die Polarität und Einheit von Wort und Sakrament. Wechselgebet, Gesprächspredigt, Kreisgesänge usw sind gut möglich. Menschen, die auf Tagungen oder sonst länger miteinander umgehen, mögen die Anordnung, weil Nähe und Gespräch miteinander dort eingeübt sind. Diese Anordnung inszeniert Spannung und Dialog innen und außen.

 

Allgemeine Hinweise für die Erkundung

Gottesdienst im Altarraum ist manchmal zu dicht am ‚Heiligen’. Man will dem lieben Gott nicht auf dem Schoß sitzen. Besser die ersten 2-3 Bankreihen rausnehmen; Bänke auf Probe einlagern (in einer Scheune zb) – so entsteht Nähe zueinander und zum Altar – und dabei noch respektvoller Abstand.

Alle Änderungen immer ‚auf Probe’ ausweisen. Nach 3-6 Monaten kann etwas oder alles revidiert werden, wenn die Gemeinde es nicht will. Solange wird erprobt. Dagegen kann man nichts sagen. Danach Bilanz mit den Betroffenen (zb im Kirchencafe). Dann erst Entscheidung für oder gegen die Maßnahme.

 

  1. Raumerkundung 4 –

Situative Angebote für die Raumordnung ausprobieren (60-90 min) – siehe auch Punkt a.

Finden Sie gemeinsam heraus, welche Anlässe im Gottesdienst die Gemeinde zeitweise bewegen könnte, ihren Platz zu verlassen und sich gemeinsam an einen bestimmten Ort zu begeben, wo etwas Besonderes geschieht.

Finden Sie heraus, welche Art Einladung und welche Art von Anlaß in Ihrer Gemeinde geeignet erscheint, solch einen Prozeß anzuregen.

Die Einladung dazu, den Platz zu verlassen, kann im Ernstfall gleich am Anfang erfolgen oder mitten im Gottesdienst. Sie ist einladend, charmant und humorvoll – nie befehlend.

Beispiele dafür:

  • Taufe am Taufbecken wird von allen (nicht nur Kinder) stehend umgeben (‚Wolke der Zeugen’)
  • Taufbecken steht im Mittelgang oder wird gehalten. Taufe dort, alle stehen in den Bänken und wenden sich der Taufe zu
  • Zum Einüben eines neuen Liedes werden alle nach vorn oder in die Mitte gebeten
  • Zum Betrachten einer Ikone oder dergl. werden alle nach vorn oder in die Mitte gebeten
  • Eine Prozession führt in oder durch die Kirche
  • Einladung (nur) bei der Predigt nach vorn zu kommen

 

Übung für das Erkundungsseminar:

Proben Sie gleich den Ernstfall! Ich bilde zwei bis drei Paare/Gruppen, jede denkt sich einen Anlass spontanen Bewegung im Raum aus und eine verbindliche Einladung dazu. Die anderen spielen jeweils Gemeinde und reagieren so wie sie die Anweisung verstehen. Präsentation.

Dann sofort die Frage: Wie hat es gewirkt? War es mühsam, unpassend? Ist der Anlass einleuchtend genug? Wurde so eingeladen, dass man gern gefolgt ist? Wie kann man einfacher, treffender, freundlicher einladen – welche Sätze braucht es, welchen Ton schlägt man an?

 

Erfahrung:

Viele Anleitende ertragen es nicht, dass immer ein Teil der Gemeinde solchen Versuchen nicht folgen mag. Das ist aber normal und hinzunehmen wie das Wetter.

Daher ist es sehr wichtig, solche Anweisungen für Bewegung oder Handlung sorgsam in einer Gruppe vorher zu üben und vor allem darin freigiebig zu sein. Man kann, muss aber nicht folgen.

 

Merkposten für Ansagen und Regie:

  1. Die Richtung der Ansage oder der Handlung: Wer von vorn zur Gemeinde hin etwas ansagt, zelebriert oder vorführt, ‚verdeckt’ durch seine Frontstellung zur Gemeinde die Region hinter sich (z.B. den Altar), weil er/sie die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Das gilt besonders für Gruppen, die bisweilen in einer Phalanx aufgereiht vorn stehen (Chöre, Vor-BeterInnen usw). Das macht Sinn, wenn es um Darstellung geht und um Rede oder Musik zu den Menschen hin.

Wer z.B. betet, wer also stellvertretend etwas tut, was auch alle anderen tun könnten, sollte jedoch den Raum zum Altar hin freigeben und sich selbst ausrichten, zusammen mit allen. Deshalb beten Menschen mit dem Rücken zu den anderen. Das ist nicht zu verwechseln mit Desinteresse. Diese Haltung bedeutet eine Konzentration auf das Heilige – zusammen mit den anderen.

Wenn Menschen z.B. vom Platz aus beten, in eine szenische Lesung hineinsprechen oder singen, ist die Gemeinde deutlicher mit hineingenommen ins Geschehen, als wenn ihr ein ;Gebet vorgeführt’ wird von vorn (was in sich unsinnig ist, aber oft geschieht).

  1. Wenn Gruppen etwas einleiten, sollen nur die erscheinen, die auch sprechen. Sonst stehen die anderen verlegen umher.
  2. Wer anweist, soll nur anweisen und nicht erklären, was dabei zu fühlen sei. Das überlässt man den Menschen selbst.
  3. Die besten Anweisungen für Handlungen sind die, die Schritt für Schritt vorgehen und immer nur so viel erklären, wie im Moment für den nächsten Handlungsschritt nötig ist, damit sich die Gemeinde nicht so viel auf einmal merken muss.

Ein Beispiel:

“Heute beschließen wir den Gottesdienst in anderer Weise als gewöhnlich. Ich möchte mit Ihnen nach alter kirchlicher Weise in einer kleinen Schreit-Prozession aus der Kirche ziehen. Dafür bitte ich alle, die das können aufzustehen und in den Mittelgang zu treten. Wer sitzen bleibt, schaut zu.”

Gemeinde folgt zu 80%.

“Nun bitte ich Sie, sich in eine lange Reihe hintereinander zu stellen, die Gesichter zum Altar gerichtet.”

Gemeinde tut dies. Es dauert, bis es sich fügt, die Vorbereitungs-Gruppe befindet sich zwischen den Leuten und steuert auch von dort aus.

“Greifen Sie nun bitte je eine Hand vorn und hinten, aber nicht die eigene.”

Gemeinde schmunzelt und reagiert.

“Die Orgel spielt nun gleich in ruhiger Weise. Nach ihrem Rhythmus schreiten wir in einer kleinen Prozession um den Altar und dann nach draußen. Ich gehe vorn und leite an. Sie können nichts falsch machen, kommen Sie einfach mit. Draußen vor der Tür erwartet uns ein kleiner (Sekt)Empfang.”

Ich gehe langsam los, die Gruppe denkt und geht mit, die Gemeinde hineinnehmend.