Gebet zu zweit

Erfahrung mit Gebet und Chance zu erweitertem Gebetsverständnis – Geistes Gegenwart als heilsame, entlastende Triangulierung und Grundierung

 

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Kirchenversierte wie kirchenfernere Menschen fragen manchmal danach, wie man betet oder wie man das lernt. Kirchliche Profis suchen nach neuer Unschuld und einem originalen Ton im Gebet. Die Suchenden fragen nach schlichter und wiederholbarer Praxis; dies gern ohne hohe Schwelle, die sie bei kirchlichen Akten fürchten. Öffentliches Gebet im Gottesdienst gebärdet sich oft genug wortreich und gespreizt. Das ist für Suchende kein ernstzunehmendes Vorbild und im Grunde auch für Eingefleischte nicht.

Also: Wer oder was lehrt uns beten?

Im folgenden eine kleine Übungsanleitung, die sich über 15 Jahre in der spirituellen Arbeit bewährt hat. Sie ist gut verwendbar für Seminare, Hauskreise, Glaubenskurse usw..

Ich beginne mit der praktischen Anleitung und gehe dann ein paar Schritte auf Abstand und schaue auf die Theorie und das Gottesbild, das diese Praxis hervorbringt. Ich versuche damit eine Form von Theologie, die an etwas anschließt, das man tun und erleben kann.

 

  1. Die Praxis

Zwei Menschen sitzen nebeneinander und schauen auf einen dritten Punkt ihrer Wahl (Fenster, Landschaft, Kreuz, Kerze …). Ort nach eigener Wahl, am besten ungehört und ungestört, also eher nicht zusammen mit anderen in einem Raum.

Erste Halbzeit

Sie stehen auf und geben gegenseitig den Friedensgruß. Das ist ein Ritual. Sie sagen nur das, weiter nichts, keine Privatheiten.

Sie setzen sich.

A beginnt mit einem ‚öffentlichen’ Gebet vor den Ohren von B, die eine personale Gegenwart und die Gegenwart Gottes repräsentieren.

Dies Gebet von A besteht lediglich darin, alles, was aufsteigt zu sagen – mit der Vorstellung es in der Gegenwart des Geistes zu sagen: ‚Gott schaut mich freundlich an bei allem, was ich aufsteigen lasse.’ Assoziationen, Gedanken, Bilder, Schweigen, Unlust, Unsinn usw. – wenn A etwas sagen möchte, aber es nicht sagen will vor den Ohren von B, dann sagt A z.B. „Mir liegt etwas auf dem Herzen, aber das kann ich noch nicht sagen.“ – keine Verrenkungen in Richtung Offenheit, aber auch keine falsche Scheu. Sagen, was ist.

Im Lauf wiederholen Tuns verändert sich die Atmosphäre oft. Meist in Richtung auf selbstverständliche Offenheit (vor Gott und einem Menschen).

B hört zu und sagt nichts, außer einem gelegentlichen ‚hm’ oder einem Zeichen, dass er, sie noch da ist und Anteil nimmt.

Wenn etwas unverständlich ist, bleibt es unverständlich.

Die Hand kann mal in den Rücken von A wandern, wenn ein Kummer aufsteigt oder sonstige Anteilnahme verlangt ist. Aber stumm.

Das geht 10 Minuten.

B achtet auf die Zeit und gibt ein Zeichen, wenn sie abgelaufen ist

Fürbitte

In der 11. Minute wendet sich B selbst an Gott und betet für A.

B nimmt dabei etwas von dem auf, was sie gehört hat und hält es Gott gewissermaßen hin, damit es dort aufgehoben ist.

Dann stehen beide auf, geben sich gegenseitig den Friedensgruß, setzen sich wieder. Sagen sonst nichts.

 

Zweite Halbzeit

Rollentausch:

B spricht, seufzt, schweigt. A hört zu wie vorher B.

Nimmt die Zeit genau so wie vorher B – 10 min.

In der 11. Minute wendet sich A selbst an Gott und betet für B.

A nimmt dabei etwas von dem auf, was er gehört hat und hält es Gott gewissermaßen hin, damit es dort aufgehoben ist.

Abschluss wie vorher durch den Friedensgruß.

Danach: Keine Kommentare, keine Meta-Ebene wählen, nichts zerreden („Ach, wie offen du gesprochen hast.“ ö.ä.)!

Nichts an Dritte weitertragen. Auch nicht zueinander außerhalb der Gebetszeit auf das zurückkommen, was dort angesprochen wurde. Diese Gebetszeit ist eine ‚Insel’ ohne Verbindung zum sonstigen Reden. Was dort gesprochen wird, wird nur dort gesprochen und gehört.

  • Die Übung ist effektiver, wenn sie mindestens zweimal innerhalb eines Seminars oder Treffens möglich ist. Aber auch bei einmaligem Gebet sind Menschen nachhaltig von dieser Möglichkeit beeindruckt.
  • Gute Zeiten dafür sind der Morgen und/oder der Abend.

 

  1. Sinn und Perspektive der Übung

Das ganze kann eine Vorübung für eigenes stilles Gebet sein, das sich an eine Adresse wendet, die mir gewogen ist. Wer in Gegenwart eines Menschen und des Geistes so frei geredet und gebetet hat, wird es vielleicht auch allein tun können – es kann eine Hilfe sein, wenn die andere (menschliche) Gegenwart miterlebt und im eigenen Gebet mitempfunden wird. Dann ist es unter Umständen leichter, sich auch allein in die Gegenwart des Lebendigen zu stellen. Der Körper erinnert die Gegenwart des Mitbetenden.

Außerdem wird eingeübt, das freie Aufsteigen der elementaren Gedanken und Gefühle auch als Gebet zu verstehen. Viele Menschen denken, sie müssten bestimmte Wörter verwenden oder dürften nur existenziell Bedeutsames vorbringen, damit es sich (für Gott) lohnt. Damit erhöhen sie die Schwelle für Gebet, installieren Zulassungsbeschränkungen und beten unter Umständen gar nicht mehr, eingeschränkt oder nur formelhaft.

Diese Gebetsweise ist kein Widerspruch zum geformten oder formulierten Beten. Es ist dessen Rück- oder Innenseite. Die kirchlichen Hochgebete (zb Psalmen und Choräle) haben mit Seufzen und Assoziationen angefangen (man hört zb den großen Seufzer in der Melodie von ‚O Haupt voll Blut und Wunden’). Sie sind erst im Lauf langer Zeit und Erfahrung zu der jetzigen Form geronnen.

Diese Praxis des Zweiergebets kann eine Vorform der Beichte sein.

 

  1. Geistliche Einstellung

Die Grundhaltung beider ist:

Wir halten uns auf in der Gegenwart Gottes.

Ich halte mich auf in der Gegenwart Gottes.

Ich rede oder höre – immer in der Gegenwart.

Für mich als Hörender ermöglicht es, das Gehörte an Gott weiter zu geben und Gotteskraft an den Sprechenden zu weisen. Ich bin Durchlass in beide Richtungen. Ich befinde mich selbst wach in einer Art Gebetszustand. Dabei bin ich präsent für den anderen Menschen neben mir in einer Art schwebender Aufmerksamkeit, wissend, dass ich nicht das einzige Gegenüber des anderen bin. Was vom sprechenden Menschen kommt, bleibt nicht allein in mir hängen, sondern fließt ab – dauernd. Insofern bin ich gemeint und zugleich nicht.

Hilfreiche innere Sätze für diesen Zustand können zb sein:

„Schau auf uns, Gott.“

„Ich gebe es Dir, Gott.“

„Nimm hin, was wir sind.“

„Wandle es zum Guten.“

 

Mir als Sprechendem ermöglicht es, mich im Sprechen und Sinnen im Licht einer anderen Instanz (in der Gegenwart Gottes) vorzufinden. Gleichzeitig berge ich mich in die geschwisterliche Gegenwart des anderen Menschen. Wer neben mir sitzt, ist er selbst und gleichzeitig symbolisch ‚das Ohr’ der anderen Gegenwart.

Letztlich sind alle Beteiligten sie selbst und darin durchlässig auf das Andere. Das ist ein Paradox und die Basis für Menschsein. Es ist urbildlich vorgelebt in der großen Verbundenheit Jesu zu seinem Ursprung, den er ‚Vater’ nennt. In allem, was er tut, spürt man noch etwas anderes. Auf geheimnisvolle Weise gehört er sich nicht und wird dadurch erst original zu dem, was ihn ausmacht.

Es kann sein, dass die beiden Sitzenden im Verlauf dieser Praxis ihrerseits von einem anderen Geist, dem Geist der Geschwisterlichkeit (in Gott) berührt oder erfasst werden. Der wird nicht allein aus dem ‚sym-pathein’, dem Mitfühlen, der Sympathie gespeist. Es kann sich eine eher existenziale Gleich-Schwingung in und vor der dritten Instanz einstellen, die tiefer verbindet, ohne dass man sich privat mögen muss. Das macht auch die Partnerwahl für diese Übung einfacher – es ist nicht so wichtig, ob man zueinander Vertrauen hat. Es ist wichtiger, dass beide auf Gott trauen.

 

  1. Ur-Verbundenheit als Bild für Gott

Gott wird hier nicht als ‚Gegenüber’ oder als ‚Objekt’ verstanden, das ein Objekt ist wie ein Tisch oder ein Bild. Dass wir uns gemeinsam (wie in einer Kirche im Gottesdienst) in eine dritte Richtung wenden und nicht einander gegenübersitzen, will lediglich zeigen, dass wir miteinander ausgerichtet sind. Wir richten uns aus auf das, was uns seinerseits verbindet.

Gott, hier als Geistes Gegenwart angenommen, ist im Grunde der Gesprächsraum. Wir betreten ihn. Der war schon immer, er ist da und bleibt da. Er begründet und ist damit unser Reden und Hören. Sinnvolles Verstehen ist wie alles Wesentliche nicht herstellbar, sondern ‚es findet sich‘. Klappt die Verbindung zwischen Menschen, dann wird sie vom Gemüt in der Regel nicht als Leistungslohn erlebt. Sie ‚tut sich auf‘. Dafür kann man etwas tun, klar. Aber wenn es gelingt, ist doch wie geschenkt oder wie eröffnet. Das sagt etwas darüber, wie vorausgehend Verbundensein immer schon da ist. Und wie selbstverständlich wir immer schon in diesem Raum leben. Das Reich ist unter uns. Was wir ersehnen, kennen wir längst.

Um diese Ur-Verbundenheit wissen Menschen also immer schon irgendwie. Sie können unterhalb ihrer Tagesform einen tiefen Gleichklang erleben, den sie nicht jeweils neu herstellen, sondern der sie ihrerseits trägt, aus dem sie neu geboren werden – quasi ‚zu sich entbunden‘ durch das liebende Gegenüber. Freundschaften und Partnerschaften leben davon. Es gibt aber auch kurze, neue Begegnungen, die eine Verbindung auftun, die eigentlich nur aus langem Miteinander stammen kann. Man kennt sich eine halbe Stunde, hat aber das Gefühl, man habe schon ein halbes Leben miteinander verbracht.

Diese Verbundenheit weist hin auf das christliche Gottesbild. Oder umgekehrt: Unsere Verbundenheit findet sich wieder im Bild einer viel ursprünglicheren Gottes-Verbindung, die in vielen Religionen Thema ist. Christen sehen sie an Jesus. Der ist deswegen so eindrücklich, weil man all seinen Reden und Aktionen noch eine andere Gegenwart abspürt. Er ist eigentlich immer ‚zu zweit‘ unterwegs. Er redet selbst davon – z.B. im Johannes-Evangelium: „Ich und der Vater sind eins.“. Er lebt aus einer anderen großen Kraft.

So wie man im Haus einer guten und bewährten Partnerschaft gerne zu Gast ist, so wie man im einen Partner einer Freundschaft oder Partnerschaft den anderen mitspürt, so wie man einem Menschen abnimmt, dass er etwas unbedingt liebt, eine Idee oder ein Handwerk – so ähnlich kann man aufgehoben sein in der Nähe Jesu, weil man merkt: da ist noch etwas, das mit ihm geht. Und damit auch mit mir.

Das Faszinierende ist also nicht nur der eine ‚für sich existierende‘ Mensch, sondern der Mensch, der verbunden ist mit anderen, mit der Erde, mit Gott und in der Folge mit sich selbst in tiefster Weise. Das heißt, eigentlich ist niemand nur bloß ‚er oder sie selbst‘, sondern sie ist, was all die Verbundenheiten aus ihr gemacht haben und machen. Jeder Mensch ist ein wandelndes Netzwerk. In das kann man eintreten wie in einen Raum.

Das christliche Gottesbild enthält genau diese Polarität. Die Bibel und die kirchliche Tradition sprechen vom ‚Vater‘ und vom ‚Sohn‘. ‚Sohn‘ meint Jesus, der von seiner Herkunft – ‚Vater‘ – inspiriert lebt.

Das Dritte, das so eigentümlich sicher beide trägt, nennt die christliche Rede den ‚Heiligen Geist‘. Er geht nach dem Nicänischen Glaubensbekenntnis ‚aus dem Vater und dem Sohn‘ hervor, er erscheint allen und in allen zu Pfingsten. Er trägt dort die Menschen von innen her. Er leuchtet aus ihnen heraus wie aus Jesus – daher das Bild der Flammen auf den Köpfen. Er trägt unser dialogisches Sein. Er ist der Dialog, das heißt: Gott ist unser Dia-Logos (s. Joh 1).

 

Wir werden in diesen Raum des Dialogischen hinein geboren …

  1. … als PERSONEN, die gleichzeitig Räume sind

Wir alle sind das Ergebnis einer dialogischen Zeugung. Wir wachsen auf im Raum der Zweiheit von Vater und Mutter. Wir binden allein durch unser Geborensein als Baby unsererseits Vater und Mutter aneinander, wir ‚machen‘ sie zu einem Vater und zu einer Mutter (– selbst wenn sie sich trennen). Wir suchen die Zweiheit lebenslang wieder auf.

Wir spielen dabei alle Positionen durch, die die christliche Theologie ‚in Gott‘ denken kann: Wir sind Zeugende wie Gott, denn wir setzen Dinge, Ideen, Werke, gar Menschen in die Welt. Wir sind Geborene wie Jesus, wir erben Haltungen und müssen das Erbe antreten und verwandeln wie Jesus. Wir müssen und dürfen unsere Abstammung leben. Wir sind Verbindende und Verbundene wie der Geist. Wir lernen am anderen, wer wir sind. So entsteht das Wort ‚ein-ander‘. Wir tragen die Gestalt Gottes, die gleichzeitig unsere Lebensgestalt ist, in uns aus wie Maria. So werden wir Geschwister Jesu und mit ihm Gottes Kind.

Alles, was wir an Beziehung erleben, läßt sich an unserem trinitarischen Gottesbild ablesen: Gott wird beschrieben als der Schöpfer-Gott, der eine Welt aus sich entlässt wie eine (Gebär)Mutter. Er bleibt der gewährende Raum für Leben.

Der gleiche Gott inspiriert die Welt und rüttelt an ihr wie ein Spender von Samen, die aufgehen wo sie wollen (zbvor Jesus Christus in der Botschaft der Profeten). In Gott sind beide Pole miteinander im permanenten Dialog. Man könnte diese Seiten mit menschlichen Bildern als ‚väterlich-männlich‘ und ‚mütterlich-weiblich‘ bezeichnen.

Gott wird beschrieben als schaffende unsichtbare Macht (Gott-‚Vater‘-Schöpfer) und gleichzeitig als leidender Mensch (Jesus-‚Sohn‘). Als Jesus Christus erträgt der schaffende Gott die Folgen dessen, was er in der Schöpfung freigesetzt hat ‚am eigenen Leib‘. Als Jesus Christus reagiert er wiederum schöpferisch und Leben schützend.

Gott wird beschrieben als Geist, der diese Paradoxa offenhält und verbindet. Der Geist geht nach dem Nicänum ‚aus dem Vater und dem Sohn hervor‘. Übersetzt heißt das: Wo Geist ist, sind immer beide Pole – Schaffende Kraft und Geschaffenes ertragende Kraft/Männliches und Weibliches/usw. gegenwärtig.

 

Jeder Mensch als Bruder und Schwester Christi enthält in sich alle drei Seiten. Das ist das Skelett seiner sog. ‚Gott-Ebenbildlichkeit‘.

  1. … in RÄUMEN, die gleichzeitig aus Personen bestehen

Vielleicht ist eine Theologie des göttlichen Raums demnächst tragfähiger als die Theologie, die in der Zeitachse zu beweisen versucht, dass die göttliche Heilsgeschichte über Schöpfung, Profetie und Jesus am Ende zum Guten führt. Die großen Kriege haben diese Theologie zu nachhaltig erschüttert, als dass Menschen sie tragfähig erleben.

In den Raum der Verbundenheit in Gott lassen sich unsere komplexen Beziehungen einleuchtender einzeichnen. Aber man muss dafür einen Gott denken mögen, der in sich dynamisch und immer mit sich und uns im Gespräch ist. Er ist Gegenüber, aber er spricht auch aus uns heraus – beides. Wir sind in ihn hineingeraten, und man ist auch nirgends vor ihm sicher. Das ist neu, prozesshaft, vielleicht gar etwas unheimlich und stößt sich manchmal an herkömmlichen Gottesbildern.

Vielleicht hat die technisch vernetzte Welt da schon etwas vorausgenommen, was Christen in ihrem eigenen Gott entdecken können – nur originaler und menschlicher, als es ‚das weltweite Netz‘ je sein wird.

Diese kleine Übung des Betens zu zweit will also etwas inszenieren. Sie will den Gottes-Raum nachstellen, in den hinein wir geboren sind. Zweisam das immer schon Gemeinsame vergegenwärtigend. Sich darauf zweisam verlassen. Auch wenn man allein betet, dies immer mit ahnen. Denn allein heißt ja auch all-eins.

 

 

Das andere Gottesbild

Schöpfung als Konspiration der Ur-Dyade: Dia-Logos.

Zitat:

Was zur Debatte steht ist Adams auserwählte Hohlheit. Zu denken gibt uns seine Gefäßnatur, seine resonante Verfasstheit, seine bevorzugte Eignung dazu, Kanal für Einblasungen durch den Inspirator zu sein. Bei konventioneller Betrachtung könnte sich auch heute das geschichtsmächtig gewordene Vorurteil wieder einstellen, dass zwischen Schöpfer und Geschöpf ein unüberwindliches Gefälle – eine ontologische Differenz – herrschen müsse. Wie könnte es anders sein, als dass die Kreatur, auch wenn es um den Menschen im Verhältnis zum Menschenmacher geht, in einem an Nichtigkeit grenzenden Abstand von seinem Urheber steht? Sogar der erstgeschaffene Mensch erscheint in diesem Licht für immer als das keramische Objekt, das unter den Händen seines souveränen Handwerkers aus einem tonigen Nichts willkürlich heraufgestaltet wurde, um irgendwann wieder, Erde zu Erde, in seinen Lehmgrund zurückzufallen.

Erst auf den zweiten Blick drängt sich ein weniger herrschaftliches Bild von dem Bezug zwischen dem Schöpfersubjekt und seinem angehauchten Werkstück auf. Nun machen wir uns klar, dass zwischen dem Inspirator und dem Inspirierten unmöglich ein so scharfes ontologisches Gefälle herrschen kann wie zwischen einem seelenhaften Herrn und einem unbeseelten Werkzeug. Wo der pneumatische Akt zwischen dem Hauchgeber und dem Hauchnehmer in Kraft tritt – wo also die kommunikative oder kommunionale Allianz sich einschwingt – , bildet sich bipolare Innigkeit aus, die mit bloß herrschaftlicher Verfügung eines Subjekts über eine manipulierbare Objekt-Masse nichts gemein haben kann. Mögen sich der Hauchende und der Angehauchte auch zeitlich wie Erstes und Zweites gegenüberstehen, so tritt doch, sobald die Eingießung des Lebensatems in die androide Form vollzogen ist, eine reziproke, synchron hin und her gespannte Beziehung zwischen den beiden Polen der Hauchung in Funktion. Es scheint der wesentliche Teil von Gottes Trick zu sein, bei der Hauchung sofort einen Gegenhauchung in Kauf zu nehmen: Man könnte geradewegs sagen, der sogenannte Urheber ist dem pneumatischen Werk nicht präexistent, sondern erzeugt sich synchron mit diesem selbst als inniges Gegenüber von seinesgleichen. Ja, vielleicht ist die Rede von einem Urheber nur eine irreführende, konventionelle Umschreibungsfigur für das Phänomen der ursprünglich sich einspielenden Resonanz. Einmal eingerichtet, lässt sich der von endlosen Doppelechospielen erfüllte Beseelungskanal zwischen Adam und seinem Herrn nur als Zweiwege-System begreifen. Der Herr des Lebendigen wäre nicht zugleich der Gott der Antworten, als der er in seinen frühen Anrufungen erscheint, wenn nicht vom Beseelten her sofort Bestätigungen seiner Hauch-Impulse zu ihm zurückströmten. Der Hauch ist also von vornherein konspirativ, respirativ, inspirativ; es atmet, sobald es überhaupt Atem gibt, zu zweit.

Wo die Zwei am Anfang steht, wäre es abwegig, eine Aussage darüber zu erzwingen, welcher Pol im Innern des Duals angefangen hat. Natürlich muß der Mythos sagen wollen, wie alles begann und wer der Erste war – hier wie überall. Aber indem er dies im Ernst versucht, muß er nun auch von einem ursprünglichen Hin und Her reden, bei dem es keinen ersten Pol geben kann. Dies ist der Sinn der biblischen Rede von Ebenbildlichkeit. Sie wird nicht meinen, dass der Schöpfer ein mystischer Solo-Androide gewesen wäre, der irgendwann der Laune erlag, seine Erscheinung – wem denn erscheinend? – auf irdische Körper durchzupausen; dies wäre ebenso absurd wie der Gedanke, der Gott könne sich nach der Gesellschaft von nicht-ebenbürtigen formalähnlichen Lehmfiguren gesehnt haben. Nicht die hohle Menschenpuppe ist es, was die Erschaffung von Subjektivität und gegenseitiger Beseeltheit meint. Ebenbildlichkeit ist nur ein steif optisierender, ein dem Kunstwerkstättenjargon verhafteter Ausdruck für ein Verhältnis von pneumatischer Gegenseitigkeit. Das intime Kommunizierenkönnen in einem primären Dual ist Gottes Patent. Es deutet nicht so sehr auf eine visuell erfahrbare Ähnlichkeit zwischen Urbild und Abbild hin als vielmehr auf die ursprüngliche Ergänzung Gottes durch seinen Adam und Adams durch seinen Gott. Hauchwissenschaft kann nur als Theorie der Paare in Gang kommen.

… Wer Schöpfer sagt, ohne Adams vorgängige Koexistenz mit ihm zu betonen, hat sich bereits in einem ursprungsmonarchischen Irrtum verlaufen – …

Peter Sloterdijk, Sphären I, 39 ff

 

Thomas Hirsch-Hüffell

www.gottesdienstinstitut-nordkirche.de