Erträge einer Gottesdienst-Werkstatt „Bestattung“

 

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„Der Herr segne Deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit“

Neue Herausforderungen und Versuche der Gestaltung im Umgang mit Trauerfeier und Beisetzung

– Erträge der Gottesdienst-Werkstatt „Bestattung“ im Oktober 2007

 

  1. Bibelarbeit:

Vor allem wenn die neutestamentlichen Autorinnen und Autoren vom Tod reden, dann ist ihr Reden immer geprägt davon, den Adressaten die Bedeutung des Todes und der Auferstehung Jesu Christi als dem „Erstling aller Entschlafenen“ (1. Kor 15,20; Röm 8,11; Kol 1,18; 1. Thess 4,14) näher zu bringen. Die Perspektive, unter der der Tod betrachtet wird, ist die seiner Überwindung. Dazu sind besonders die die Auferweckungswunder in den Evangelien (z.B. Joh 11, Lazarus) aussagekräftig. Die Sorge um die Toten wird angesichts des Kommens des Reiches Gottes relativiert (Luk 9,59f.) Die Überwindung des Todes und die Überwindung der Sünde hängen zusammen. So wird der Tod mit der Sünde eng verknüpft (Paulus in Röm 5,12: Tod als Folge der Sünde [Adams]). Das Todesverständnis wird dadurch eher theologisch als biologisch, z.B. Röm 8,6: „Aber fleischlich gesinnt sein ist der Tod und geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede“. Das hat zur Folge, dass die Verfasser wenig Interesse an Sterben, Bestattung und Trauer herrscht.

Aber: narrative Texte handeln auch im NT vom Umgang mit dem/ der Toten und den Angehörigen. In alttestamentlichen Texten ist die Sorge um die Toten durchaus ein Thema. An diesen Texten lohnt es sich zu arbeiten unter folgenden Fragestellungen:

 

Wie wird eigentlich in der Bibel getrauert und/ oder bestattet?

Von welchen Orten und Zeiten ist die Rede, welche Körper (tote und lebendige, männliche und weibliche) und welche Kleider spielen eine Rolle?

Wie wirkt dies im Gegenüber zu der Art, wie heute Orte und Zeiten der Trauer wahrgenommen werden? Welche Rolle spielen Körper und Kleider heute?

 

Die Erträge lassen sich so zusammenfassen:

Altes Testament:

Das Alte Testament ist insgesamt durchzogen von einer Hochschätzung des Begräbnisses und großem Respekt auch vor den leiblichen Überresten eines Menschen. Sie werden als unrein angesehen (Lev) aber in Ehren gehalten. Die Leichname oder Gebeine wichtiger Persönlichkeiten werden überführt (Saul, Jakobs Gebeine). Nicht begraben zu werden gilt als ein Fluch oder eine Strafe (1.Kön 13,22; Jer 22,19; Hes 29,5). Totenklage und Trauerriten sind von hoher Bedeutung. Ihr Fehlen ist Ausdruck gesellschaftlicher Unordnung und Unfriedens.

 

Gen 23, 1 – 20                 Abraham erwirbt in der Fremde ein Familiengrab und begräbt Sara

Der Text schildert, wie Abraham in der Fremde, bei den Hetitern in Hebron, einen Ort bzw. eine Höhle als Grabstätte (Erbbegräbnis) für seine Frau Sara erwirbt, die sog. Höhle Machpela. Sie ist zugleich das erste eigene Land Israels. Die Hetiter bieten Abraham eines ihrer Gräber an, jedoch besteht Abraham auf ein eigenes, nicht geschenktes, sondern bezahltes Grab. Abrahams Erbbegräbnis ist das Vorbild eines klassischen, über Generationen bestehenden Familiengrabes, wie es auch heute noch in ländlichen Regionen existiert. Die Ewigkeit dieses Grabes, das ein unantastbarer Ort ist, steht im Kontrast zu den kurzen Liegezeiten auf den Friedhöfen heute, die nicht einmal anderthalb Generationen umfassen. Widerspricht dies nicht der jüdischen (auch christlichen?) Erinnerungskultur?

 

  1. Sam 1,19 – 27 David singt ein Klagelied für Saul, Jonathan und Abner

Eines der wenigen, in der hebräischen Bibel überlieferten ausgeführten Totenklagelieder. Totenklage gehörte zur rituellen Trauer, evtl. war sie sogar einer eigenen Berufsgruppe vorbehalten (2. Chr. 35,25 Sänger und Sängerinnen, nach Geschlechtern getrennt; Am 5,16; Prediger 12,5 „ Der Mensch geht dahin und die Klageleute gehen umher auf der Gasse“, Jer 38,22 Klage der aus Jerusalem weggeführten Frauen). Im Klagelied werden die Helden betrauert und ihre Taten gerühmt. Besonders interessant ist auch die Geschichte dazu: Auf dem Gebirge Gilboa wird Saul von Bogenschützen der Philister schwer verletzt und fordert seinen Waffenträger auf, ihn zu töten. Als dieser sich weigert, begeht Saul Selbstmord, infolgedessen auch der Waffenträger, die Söhne kommen wohl in der Schlacht um. Als die Leichen in die Hände der Feinde fallen, werden ihre Rüstungen als Trophäen genommen und Saul wird geköpft. Sie werden ausgestellt. Die Bewohner von Jabesch nehmen die geschändeten Leichen an sich, salben sie und begraben sie unter einer Tamariske. Die Leichnahme der königlichen Familie haben offensichtlich große Bedeutung. Auch nach ihrer Schändung werden die toten Körper geehrt und versorgt.

 

Hiob 2,11-13                   Hiob trauert und wird von seinen Freunden besucht

Der in einem himmlischen Pakt zur Prüfung ausgesetzte Hiob wird vom Verlust seiner Kinder und von Krankheit heimgesucht. Er selbst setzt sich nieder auf die Erde und ritzt sich, was Ausdruck körperlicher ritueller Trauer ist. Seine Freunde erfahren von seinem Leid und dem Sterben seiner Kinder, reisen an und sitzen 7 Tage schweigend auf der Erde. Der Zeit-Aspekt ist interessant: Das alltägliche Leben wird (auch im schiwa-sitzen des heutigen Judentums) für eine Zeit unterbrochen, in dieses Ritual ist auch der soziale Kontext eingebunden. Dies steht im Gegensatz zu unserer Zeit, wo die Aktivierung des sozialen Kontextes im Trauerfall nicht mehr selbstverständlich ist und auch die Trauernden selbst oft ihre Arbeit und ihren Alltag kaum unterbrechen können.

 

Jer 16, (1-4) 5-9 (10-13) Gott verbietet Jeremia, Trauerriten zu vollziehen

Jeremia prophezeit das Aufhören der Trauerriten: keine Klage um die Toten, kein Kahlscheren, kein Ritzen, keine Speisung mit Trauerbrot und Tränenbecher. Es fällt auf, dass die Bestattung der Körper der Toten im eigenen Land ein wichtiges Anliegen ist und die Körper der Lebenden, viel stärker als heute, von der Trauer gezeichnet sind. Das Aussetzen der Bräuche, das hier angedroht wird, ist in modernen westlichen Gesellschaften zur Normalität geworden

Dass Jeremia im Auftrag Gottes aufhört, sich an Trauerriten zu beteiligen, steht im Kontext seiner Unheilsprophetie. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass der soziale Frieden gestört ist. Rituelle Trauer und Bestattung sind Zeichen einer Gesellschaft, die mit sich und ihrem Gott im Reinen ist.

 

Hes 24, 15 – 24               Ezechiel klagt nicht um seine Frau

Ähnlich wie Jeremia. Hier kommt noch der Aspekt hinzu, dass das Nicht-Trauern Ezechiels öffentlich wahrgenommen wird. Welche Bedeutung kommt dem Ausdruck von Trauer in unseren Gesellschaften heute noch zu? Traditionelle Trauerkleidung ist als soziale Kommunikationsmöglichkeit praktisch verschwunden, Hautritzen wird als Krankheitssymptom psychischer Störungen angesehen.

 

Exkurs: Trauer als rituelle Sequenz (Bail)

Die hebräische Wurzel Safad beschreibt rituelle Trauer. Dazu gehört (mit verschiedenen Variationen):

Zerreißen der Kleider, Anlegen des Saq (Trauergewand), Ablegen der Schuhe, Gesicht verhüllen, kahl scheren, kein Waschen, kein Salben, Erde/ Asche auf den Kopf streuen, im Staub wälzen, in Asche setzen. U. Bail fragt, ob unser Begriff von Trauer dem überhaupt angemessen ist?

Safad beschreibt im Sinn kein „Gefühl“. Bei uns wird dagegen Trauer heute als individuell empfundenes Gefühl konzipiert und erlebt, dass auch allein durchlebt werden muss. Tod und Trauer werden zur Privatsache (Ariès, Geschichte des Todes). Das rituelle Trauern beschreibt dagegen dass Nach außen – wenden einer Minderungs- bzw. Verlusterfahrung (auch im Fall von Vergewaltigung (Tamar) und militärischer Niederlage), ausgedrückt durch Handlungen/ Riten, die allesamt Modifikationen des Körpers sind. Der Körper ist Bedeutungsträger!

Interessant ist eine Überprüfung unseres Gefühlskonzeptes in Bezug auf den Umgang mit Trauernden:

Werden extreme Formen der Äußerung von Trauer, die durchaus auftreten können, toleriert oder pathologisiert (> Lammer, Trauerbegleitung)

Welche Ausdrucksmöglichkeiten werden zugelassen und/ oder sind gesellschaftlich akzeptiert?

 

Tobit                                        Begräbnis als gutes Werk

Durch das ganze Tobitbuch zieht sich wie ein roter Faden das Begraben. Tobias begräbt vor allem, auch heimlich (2,3ff) die Körper derer, die durch Gewalt umgekommen sind (1,18). Dies gilt als Ausdruck der Barmherzigkeit und Gottesliebe der Heiligen und Gerechten. Seine Freunde schimpfen aus Angst um ihn: „Der König wollte Dich aus demselben Grunde töten und nun begräbst Du schon wieder einen Toten!“ Gott hat ihn aber dafür lieb gehabt (12,2).

 

Sir 38, 16-21                                      Ratschläge für Trauer

Dies ist ein später Text, aber auch hier werden Trauer und die Traurigkeit des Herzens (s.o.) unterschieden. Der Text spiegelt in etwa die Position des rabbinischen Schrifttums wieder:

 

16 Mein Kind, wenn einer stirbt, so beweine ihn und klage wie einer, dem großes Leid geschehen ist, und verhülle seinen Leib, wie es ihm zukommt, und bestatte ihn mit Ehren. 17 Du sollst bitterlich weinen und von Herzen betrübt sein und Leid tragen, wie er es verdient hat, 18 etwa einen Tag oder zwei, damit man nicht schlecht von dir redet; und tröste dich auch wieder, damit du nicht allzu traurig wirst. 19 Denn vom Trauern kommt der Tod, und die Traurigkeit des Herzens schwächt die Kräfte. 20 In der Anfechtung bleibt die Traurigkeit, und ein Leben in Armut tut dem Herzen weh. 21 Laß die Traurigkeit nicht in dein Herz, sondern weise sie ab und denk ans Ende und vergiss es nicht; 22 denn es gibt kein Wiederkommen. Du hilfst ihm nicht, und dir tust du Schaden. 23 Denke daran: wie er gestorben, so musst du auch sterben. Gestern war’s an mir, heute ist’s an dir. 24 Weil der Tote nun seine Ruhe hat, so höre auch du auf, ihn zu beklagen, und tröste dich wieder, weil sein Geist von ihm geschieden ist.

 

Dieser Text ist anschlussfähig für die Position der energetischen Seelsorge (Josuttis, Segenskräfte), die in der Trauer tendenziell eine zu vertreibende Macht sieht, der die Gegenwart Christi entgegengesetzt werden kann, vgl. EG 396,6 „Weicht ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister Jesus tritt herein…“ – Hätte eine solche Sichtweisen Folgen für unser Begräbnisritual?

 

Neues Testament:

 

Joh 11, 3 – 19                 Lazarus Krankheit und Tod

Die Geschichte schildert das bekannte Auferweckungswunder. Auffällig findet sich auch hier die Aktivität des sozialen Kontextes der Trauernden. Maria und Martha sind umgeben von Juden, die gekommen sind um sie zu trösten, als sie von Lazarus Tod gehört haben. Zwischen Jesus und den Jüngern und den beiden Frauen sind immer wieder wechselnde Zeitebenen im Spiel. Die irdische Zeit, in der Lazarus krank war und gestorben ist und eine ewige Zeit, in der von Schlaf und Auferweckung die Rede ist. Zwischen diesen Dimensionen schwankt die Geschichte hin und her. Im Text findet sich eine interessante Zahlensymbolik: Jesus wartet vier Tage, dann ist der Leichnam den dritten Tag bestattet (und stinkt schon), wird dann am siebten Tag auferweckt. Als Assoziation kam in der Gruppe auf, dass es die Tradition gibt, vor dem Wochenende zu begraben.

 

Mk 15, 42 – 16, 2             Jesus wird begraben

Obgleich Jesus im Horizont der Verkündigung des Reiches Gottes die Sorge um die Toten relativiert hat (Lasset die Toten ihre Toten begraben! Mt 8,22; Luk 9, 60), wird er selbst begraben. Josef von Arimathäa stellt wohl sein eigenes Felsengrab zur Verfügung (ein begehbares Höhlengrab, verschlossen mit einem Stein (Schiebestollengrab) Mk 15par). Er ist ein angesehener Ratsherr, so kann er von Pilatus den Leichnam erbitten, kauft ein Leintuch, legt ihn in die Grabeshöhle. Wird das Begräbnis Jesu so ausdrücklich erzählt, um das Wunder der Auferstehung vorzubereiten? Frauen kommen, weil sie ihn salben wollen. Wie in allen orientalischen Ländern wird Jesus noch am selben Die Versorgung der Toten war prinzipiell Aufgabe der Angehörigen. Hier treten Menschen aus der Nachfolge Jesu, Jüngerinnen und Jünger in diese Rolle als Familie Jesu ein. Dies hat sich wohl auch in den jungen Gemeinden gehalten.

 

Apg 5, 1 – 11                  Hannanias und Saphira fallen tot um und werden von der Gemeinde begraben

Die Leichname werden von jungen Männern aus der Gemeinde begraben. Es fällt noch auf, dass der Schuldaspekt, der ihren Straf-Tod ausgelöst hat, nicht weiter thematisiert wird. Weder wird um die Vergebung ihrer Sünde gebeten, noch ihnen eine Form von Vergebung zugesprochen. Sie werden nicht beklagt oder betrauert, wie dies z.B. bei Stephanus sehr wohl der Fall ist, der sogar von den Gottesfürchtigen beklagt wird (Apg 8).

 

Apg 9, 36 – 43                Tabita, die Witwen und Petrus

Der Leichnam der Tabita wird offensichtlich von Gemeindegliedern versorgt, sie wird im Obergemach aufgebahrt und Witwen sind bei ihr. Ihre Wichtigkeit fü die Gemeinschaft bringen die Frauen zum Ausdruck, indem sie Petrus ihre Kleider zeigen. Auch hier ist von Frauen und Männern die Rede, die bei der Versorgung der Toten Aufgaben haben. Interessant ist das Ehrenamt der Witwen: Welches Solidarprinzip liegt ihm zugrunde (die Witwen werden von der Gemeinde versorgt, Apg 6) ? Ist es möglich, daraus auch heute noch ein Modell für die Gemeindemitarbeit im Feld Tod und Bestattung abzuleiten?

Aristides, Apologet, Anfang 2. Jh.:

„Wenn ein Gerechter von ihnen aus der Welt scheidet, so freuen sie sich und danken Gott und geben seiner Leiche das Geleit, als zöge er nur von einem Ort zum andern“

Die christlichen Gemeinden haben nahezu als Bestattungsvereine auch einen Teil ihres Erfolges der Sorge um die Toten zu verdanken. Wie kann man dieser Verantwortung heute nachgehen, und trotzdem als Gemeinde ein Ort der Lebenden bleiben?

 

Es lässt sich aus den biblischen Texten keine Präferenz für einen festen Ort oder eine feste Begräbnisform ableiten. Die in den biblischen Texten geschilderten Zeiten, Orte und Körper unterscheiden sich enorm von den heute erlebten Orten und Zeiten der Trauer. Ein besonders auffälliger Unterschied ist, dass der soziale Kontext der Familien und auch der Gemeinden an den Trauerprozessen immer beteiligt ist. Außerdem findet in der rituellen Trauer das Widerfahrnis der Minderung und des Verlustes körperlich sichtbaren Ausdruck. Dadurch wird Innerliches veräußert und kann abfließen und es findet eine soziale Kommunikation des Verlustes statt.

Ich halte es für eine Aufgabe christlicher Gemeinden und ihrer Pfarrerinnen und Pastoren, dafür zu sorgen, dass es noch Schutzräume, Orte gibt, in denen eine Unterbrechung der Zeit in der Trauer möglich ist, an denen Gefühle zum Ausdruck kommen und abfließen können. Zugleich sollte eine Öffentlichkeit ermöglicht werden, in der das soziale Umfeld, die Chance hat, von dem/ der Toten Abschied zu nehmen (z.B. öffentliche Trauerfeiern). Die Unterstützung der Trauerden durch das familiäre und gemeindliche Umfeld ist im Sinne der biblischen Schriften Zeichen des Gleichgewichtes und der Ordnung in einer Gesellschaft. Eine würdelose Entsorgung der Körper der Toten kann, betrachtet man die Hochschätzung auch des toten menschlichen Körpers im Alten Testament, nicht in Frage kommen.

 

  1. Wandel im Bestattungswesen/ in der Bestattungskultur heute

Der heutige gesellschaftliche Wandel im Bestattungswesen wurde in der Literatur vielfach bereits ausführlich beschrieben (siehe EKD- Diskussionspapier, 2004). Die Bestatterin und Pastorin (im Ehrenamt) Anette Link informierte und darüber, dass die Änderungen des Bestattungsgesetzes (Beerdigung wird nicht mehr von der Krankenkasse übernommen) zu immer stärkerer Konkurrenz unter den Bestattern führt. Die Angebotspalette bei Begräbnissen, sowohl was den Körper des Toten (Aussegnung ja oder nein, Einbalsamierung, verschiedene Särge usw.), als auch was die Trauerzeremonie (Pfarrer, Redner) und den Ort angeht (Kapelle, Kirche, Bestattungsunternehmen, Wald, See) wird immer vielfältigerr und unübersichtlicher. Die Angehörigen sind gezwungen, zu wählen bzw. Menschen beschäftigen sich schon Zeit ihres Lebens damit, wo und wie sie bestattet werden sollen und wollen. Die Pflege der Gräber auf den Friedhöfen ist keine Selbstverständlichkeit mehr und alte Familiengrabstätten werden immer seltener. Immer wieder haben wir den gegenwärtigen Wandel diskutiert. Einen Schwerpunkt bildeten dabei die noch neuen Waldbestattungen. Die folgende Thesen- und Fragenreihe hält einige Ergebnisse fest.

 

  1. Die Kirchen müssen sich mit den Motiven beschäftigen, die Menschen bei der Wahl ihrer Bestattungsformen und ihrer Bestattungsorte leiten! Nur so ist es möglich, auf dem „Markt“ „konkurrenzfähig“ zu bleiben und Menschen hilfreich beratend zur Seite zu stehen.
  2. Die Kirchen haben aufgrund ihrer Position in der Gesellschaft und ihrer seelsorgerlichen und rituellen Kompetenzen Gestaltungsmöglichkeiten, die andere nicht haben[1].
  3. Wenn Pfarrerinnen/ Pastoren für das Thema ansprechbar sind, müssen sie dies im Gemeindebrief oder durch Veranstaltungen zum Ausdruck zu bringen versuchen. Wer weiß z.B. heute noch, dass die Pastorin gerufen werden kann, wenn jemand stirbt und man nicht sofort den Bestatter rufen muss?
  4. Wenn sie sich öffentlich zum Anwalt des Themas machen, wird das in der Regel von vielen Beteiligten (Betroffenen, Kommunen etc.) dankbar angenommen[2].
  5. Könnte die Kirche mehr Menschen helfen, Entscheidungen über „ihre letzten Dinge“ zu treffen und die Niederlegung dieser Entscheidungen ermöglichen?
  6. Man kann nicht über alternative Bestattungsformen (z.B. Wälder) reden ohne über die Friedhofskultur in den Städten und Dörfern zu reden.
  7. Kirchliche Friedhöfe haben in begrenztem Umfang die Möglichkeit, eigene Standards zu setzen. Muss es „bei uns“, z.B. was die Liegezeiten anbetrifft, genauso zugehen wie auf staatlichen Friedhöfen?
  8. Wenn auf kirchlichen oder kommunalen Friedhöfen Angebote geschaffen werden, die den Motiven entgegenkommen, die Menschen z.B. auf den Ruheforst ausweichen lassen (z.B. keine Grabpflege, Asche wird nicht mehr angetastet), dann werden diese in der Regel gerne angenommen, weil es für Menschen wichtig ist, einen erreichbaren Ort zu haben.
  9. Eine bessere Zusammenarbeit mit den Bestattern, im Wissen um gegenseitige Zwänge und Probleme könnte die Möglichkeiten bei der Gestaltung gelungener Abschiede für die Angehörigen beträchtlich erweitern.

 

Zum Schluss noch ein praktisch-theologischer Allgemeinplatz J: gelungene Sterbebegleitungen, Aussegnungen, Trauerfeiern sind sowohl für die Pfarrer und Pastorinnen eine Quelle beruflicher Zufriedenheit (vgl. Fechtner, Kirche von Fall zu Fall) als auch von hoher Bedeutung für die Trauernden und Angehörigen. Manchmal wird auch auf diese Weise wieder eine Bindung an die Kirche geknüpft, wo sie vorher nicht mehr lebendig war.

 

  1. Gestaltungsmöglichkeiten

 

In einem dritten Schwerpunkt arbeiteten wir an der konkreten Gestaltung des Ritus der Verabschiedung des/ der Toten. Wie ergeben sich theologische Themen aus dem Gespräch mit den Angehörigen für die Ansprache und welche Gedanken sind den verschiedenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern besonders wichtig? Wie kann man die rituellen Elemente der Trauerfeier gut gestalten? Ein besonderer Schwerpunkt war hier die Urne, die für viele im Umgang eine besondere Herausforderung darstellt

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3.1. Ansprache

Was ist die Aufgabe einer Traueransprache? Wie kann vom Tod gesprochen werden und wie kann die Hoffnung auf Auferstehung zur Sprache gebracht werden?

  • Der Tod ist eine Grenze, an der menschliches Handeln endet. Diese Grenze ist hart und schrecklich (H. Luther)
  • Aber der Tod ist auch ein Übergang…

 

Wir haben theologische Themen und Motive aus eigenen Bestattungsansprachen gesammelt und weitergedacht:

  • Gegenüber dem gelebten Leben und der eignen Deutung hilft es, sich die Einsicht des Paulus immer wieder bewusst zu machen: Wir sehen jetzt nur bruchstückhaft, das Ganze können wir nicht sehen (aber wir hoffen darauf, dass es bei Gott bekannt ist).

Gott wird das Unvollendete vollenden.

  • „Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist.“
  • Das Erzählen vom konkreten Leben des einzelnen Menschen (die Biographie) ist nicht nur ein bürgerliches Ritual sondern es hält dem Tod als dem großen Gleichmacher das unverwechselbare individuelle Leben entgegen (im Anschluss an Henning Luther)
  • Das Ganze dieses gelebten Lebens (auch in seinem fragmentarischen Charakter) darf vor Gott sein, so wie es ist, „denn Gott sah an alles, was er gemacht hatte und siehe es war sehr gut.“
  • Gott suchen bei den (Über)- Lebenden – dabei bleibt die Frage: Wo ist Gott bei den Toten, wo sind die Toten bei Gott?
  • „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen…“ Gott hat Lebensräume von denen wir nichts wissen…
  • Wie geht man mit dem gelebten Leben um? Deutet man es? Beschreibt man es? Man kann doch nicht darüber urteilen… Es geht wohl darum, das gelebte Leben zu würdigen. Um eine Kultur der Wertschätzung! Das ist nicht Schönreden! Nicht wir reden diesen Menschen schön, sondern er/ sie ist schön.
  • Es geht nicht darum, das Leben zu be- oder gar verurteilen oder zu rechtfertigen, sondern darum, sich auf die Suche zu begeben nach Gott in diesem Leben, in der vorfindlichen Situation: Wo ist das Ja Gottes darin zu finden? Die eigene Perspektive als Theologinnen und als geistliche Menschen einzubringen ist unsere Aufgabe. Zielrichtung ist Leben und Zukunft.
  • Vielleicht kann Polkinghornes von der Physik beeinflusste Idee von der individuellen Formel eines/ einer jeden Einzelnen bei Gott helfen, die leibliche Auferstehung zu denken…

Ein weiterer thematischer Bereich befasste sich mit den engeren liturgischen Problemen, d.h. besonders räumlicher und musikalischer und ritueller Gestaltung der Trauerfeiern, mit Sarg oder mit Urne.

 

3.1. Folgende (über die klassischen Liturgien hinausgehenden) Ideen kamen dabei zur Sprache:

  • Die Liturgin kann im Eingangsteil oder zum Abschluss eines Gebets oder der Aussegnung „in“ der Gemeinde stehend allein einen Psalm oder Choral singen. Die Stimme verändert den Raum und vermag Spannung und Gefühl anders aufzunehmen als nur das gesprochene Wort
  • Im Eingangsteil ist es möglich, die Passivität der Gemeinde zu durchbrechen durch eine Kerzenschale am Fussende des Sarges, in der jede und jeder der mag, eine Kerze anzünden kann.
  • Für die Trauansprache kann evtl. mit mitgebrachten Symbolen gearbeitet werden, die mit den Angehörigen zum Thema geworden sind.
  • Nach der Aussegnung des Sarges außen, am Grab kann es tröstlich sein, wenn beim Herablassen, was ein sehr wichtiger und zugleich verletzlicher Moment ist, „Christ ist erstanden“ intoniert wird und die Gemeinde einstimmen kann.

 

3.2. Besondere Aufmerksamkeit braucht Umgang mit der Urne, va. bei der Aussegnung, für den noch keine befriedigenden Lösungen gefunden sind.

 

Problemfelder

  • Tot ist tot – insofern macht es keinen Unterschied, ob es sich um einen toten Menschen im Sarg handelt oder um die Asche in der Urne.
  • Es soll für die Trauergemeinde nicht der Eindruck entstehen, dass es einen qualitativen Unterschied zwischen Urne und Sarg gibt, z.B. indem die Pastorin den Sarg beim Aussegnen grundsätzlich berührt, die Urne aber nicht.
  • Ästhetisch und emotional bleibt ein Problem, dass die Urne kein „menschliches Maß“ mehr hat und dadurch schwer als ein Gegenüber anzusehen ist, das man segnen kann. (Protestantisch: Segnung von Menschen, nicht Dingen!)
  • Durch die Aussegnung der Urne soll das gelebte Leben des verstorbenen Menschen in seiner Einmaligkeit noch einmal aufgerufen und Gott darüber angerufen werden, dessen Möglichkeiten, Leben, Zukunft und Hoffnung zu geben alles übersteigen, was wir angesichts des Sarges oder der Urne noch denken können.
  • Empfänger/ Empfängerin des Segens ist die Person des Verstorbenen, die für die Angehörigen und auf eine kaum noch denkbare Art und Weise auch im Raum anwesend ist. Das Problem liegt in der Lokalisierung dieser Anwesenheit. Damit verbunden ist die Frage, wohin sich die Segensgeste richten soll.

 

Ein Vortragekreuz oder ein Bild helfen, das Bild der einzeln dastehenden, kleinen Urne (ob Schmuck oder nicht), um die Andeutung einer Person (im menschlichen Antlitz oder in der Erinnerung an den Gekreuzigten und Auferstandenen) zu ergänzen. Das hilft ästhetisch und im Hinblick auf die „Lokalisierung“ der Präsenz des Verstorbenen.

 

Für die Einleitung der Aussegnung haben wir verschiedene Möglichkeiten gesammelt. Möglicherweise ist es hilfreich, das Unwohlsein mit der Urne zu benennen:

 

Es ist möglich, die Gestalt der Urne sozusagen zu neutralisieren mit einem Pauluswort von der (Un-) Verweslichkeit (Ute):

„Denn dies Verwesliche muss anziehen das Unverwesliche und dies Sterbliche anziehen das Unsterbliche.“

 

Oder auch frei einzuleiten

 

 

Für die Aussegnung haben wir unter anderem folgende Möglichkeiten durchgespielt:

Beschreibung von Position, Geste, Blick und Worten:

 

Jan- Eric steht hinter der Urne, beide Hände seitlich auf die Urne aufgelegt (oben ist sie oft geschmückt und es entsteht schnell die Assoziation eines Kopfes), Blick konzentriert auf die Urne, Namensnennung und Segenswort: Gott behüte deine Seele, er behüte deinen himmlischen Leib, Gott behüte Deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit; Kreuz schlagen;

Kein Unterschied zur Aussegnung des Sarges.

 

Claus steht seitlich, die Hände schweben segnend über der Urne, trinitarisches Aussegnungswort (Erinnerung an die Taufe); Valetsegen:

„Es segne dich Gott, der Vater, der dich nach seinem Ebenbild geschaffen hat.

Es segne dich Gott, der Sohn, der dich durch sein Leiden und Sterben erlöst hat.

Es segne dich Gott, der Heilige Geist, der dich zu seinem Tempel bereitet und geheiligt hat.

Der dreieinige Gott sei dir gnädig im Gericht und schenke dir das ewige Leben.“ (abgeschlossen mit dem Kreuz)

Roger: hinter der Urne, Hände seitlich aufgelegt, mit einer Einleitung:

„N.N. (Blick Urne) – von Erde bist du genommen, zu Erde sollst Du werden – dein (einzigartiges) Leben (aber) legen wir in die Hände des lebendigen Gottes“; Hände nach oben öffnen (Blick heben), „Gott segne deinen Eingang und Ausgang von nun an bis in Ewigkeit“, abgeschlossen durch das Schlagen des Kreuzes.

Hermann steht hinter der Urne, fasst sie auch seitlich mit beiden Händen, zuerst Blick zur Urne, stilles Gebet, Segen mit erhobenen Händen, „Gott der Herr segne deinen Ausgang aus unserer irdischen, vergänglichen Welt und deinen Eingang in seine herrliche Welt in Ewigkeit“ (Formulierung umstritten), der Segen wird abgeschlossen mit einem Kreuz.

Carina: Hinter der Urne, Hände oben seitlich,

N.N. Gott segne Dich und Dein Leben über den Tod und das Vergehen hinaus, Gott segne deinen Ausgang und Eingang in alle Ewigkeit, (Hände lösen, Blickkontakt mit der Trauergemeinde), Amen.

 

Friederike: ein Beispiel für eine Aussegnung draußen, am Grab. Die Bestatterin trägt die Urne und hält sie am Grab. Die Leute werden dicht rangeholt,

Segen über der Urne: „ N. N. – Der Herr segne deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.

Geh hin (Kreuz) im Frieden!“

Wir legen die Asche von N.N. in Gottes Erde…“

(wobei wir gestritten haben, ob der Imperativ „Geh hin“ an den/ die Tote hier noch angemessen ist! Eine Alternative wäre „Friede sei mit Dir“)

 

[1] Man beachte dazu den Friedwald auf dem „Schwanberg“ in Bayern bei der Kommunität Casteller Ring, der fast alle kritisierten Nachteile eines Bestattungswaldes nicht hat (Einsamkeit, Abgeschiedenheit, Ort- und Haltosigkeit der Trauer)

[2] Dies gilt z.B. auch für das Personal auf den „neuen Friedhöfen“. Kirchliche Mitarbeiter könnten den Bedarf, der bei ihnen an seelsorglicher Ausbildung und Begleitung enstehen wird, decken.