Erschließung des Abendmahls

Ein Beitrag zur Methodik der Erschließung des Abendmahls für verschiedene Altersgruppen

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1. Abendmahl ist fremdes Land für alle

 

a. Abendmahl – der ‘heiße Brei’

Abendmahl  ist heiliges  und fremdes Land, man geht da eigentlich nicht hin, und die hingehen, tun es voller Ehrfurcht, oder sie denken ständig, sie machten etwas falsch. Manchmal, wenn man zusieht, wie sie gehen, denkt man, sie gingen zur Strafe. Normale ‘unkirchliche’ Menschen haben meist mit Abendmahl nichts im Sinn, schon gar nicht, wenn sie den Insidern in der o.g. Weise der Annäherung zuschauen. Zu normalen unkirchlichen Menschen rechne ich Kindergarten-Eltern, Konfirmanden-Eltern und Konfirmanden, Chormitglieder, manchmal die Hälfte des Kirchenvorstands. Wenn es um Gottesdienst geht, um die Riten, die die Praxis der Christen prägen, dann sind die meisten unbeleckt, bis auf ein paar Leute in den gutbürgerlichen Gemeinden, die sehr informiert sind und vieles (besser)wissen.

Die starke Fixierung auf den Sprechakt in der Mitte des Gottesdienstes hat weitergehende Erwartungen auf Berührung im Ritual (z.B. Abendmahl) gelöscht. Nahrung und Weisung meint man durch Worte zu erhalten.  Liturgie ist ‘Rahmenprogramm’.  So ist das oft, und  davon muß man ausgehen. Man kann also nicht einfach Abendmahl ‘erklären’, und dann klatschen alle in die Hände und kommen. Etliche Frauen sagen, sie wollten mit Jesu Blut nichts zu tun haben, Männer wissen oft eh nicht, was sie in der Kirche sollen. Ganz kraus wird es meist, wenn theologische Debatten entstehen: Wer sich wofür opfert und was wir davon haben oder was Gott davon hat, wenn Jesus im Wein zu Blut wird und solche Dinge.

 

b. Handfeste Einübung und gezielte Reflexion mit der ganzen Gemeinde

Wo nicht Abendmahl in der Gemeinde handfest über längere Zeit Thema war, wo man nicht einmal auf einer Gemeindefreizeit oder am Gründonnerstag Tischabendmahl gefeiert oder dies Sakrament Menschen leibhaft nähergebracht hat, da bleibt es einfach ein von Vorurteilen besetzter und eigentümlicher Fremdkörper. Da helfen auch keine Einzelkelche oder umständliche hygienische Regelungen mit Saft, Wischtuch und Regieanweisungen. Wer den Menschen diesen alten und ungeheuer vielschichtigen Ritus nicht mit etwas Liebe nahe bringt, wird nichts bewegen. So etwas dauert in der Regel 1-2 Jahre und erfordert etwas pädagogischen und liturgischen Eros. Eine gezielt eingesetzte Praxis verändert Vorstellungen mit der Zeit von selbst, auch wenn man nicht alle theologischen Hintergründe versteht. Wo kämen wir hin, wollten wir alles verstehen ? Reflexion lohnt sich oft erst parallel zu neuen Erfahrungen mit dem Abendmahl. Wer vorher jeglichen Zweifel ausräumen und alle auf einen Nenner bringen will, steht schon auf der Autobahnauffahrt im Stau.

In einzelnen Interessengruppen der Gemeinde ist das Thema nach gemeinsamer Praxis zu erarbeiten, aber auch im Plenum, beim Gemeindeausflug, bei der Gemeindeversammlung oder wo sonst sich mal alle treffen – also nicht im Gottesdienst allein. Themenpredigten können ergänzen. Aber die persönlichen Zugänge der Menschen sind zu erörtern und miteinander zu vergleichen. Die biblische Grundlage der Einsetzungsworte und der Liturgie ist offen zu legen. Man kann ihnen aber auch nicht nur Abendmahlstheologie vor die Nase halten – in der Hoffnung, sie würden anbeißen. All das ist ein Gewöhnungsprozess, der Verstehen und Erleben, Einzelne und Gemeinschaft zueinander bringen soll. Wer hier nicht Phantasie und Zeit investieren kann, sollte es vielleicht lassen wie es ist.

Zur Katechese gehören sicher Gespräche, aber es gehört dazu auch positive Erfahrung von alternativen Abendmahlsformen. Die erschließen weitere Aspekte. Die sollen im Gottesdienst nicht das ersetzen, was ist, sondern ergänzen.

Die Alten haben die Ehrfurcht vor der Begegnung mit dem Heiligen gelernt – mit der Gefahr, Ehrfurcht mit Angst zu verwechseln. Auch war jedeR – nach dem guten Grundsatz ‚meinen Jesum lass ich nicht’ – ganz konzentriert auf den würdigen Einzel-Empfang von Brot bzw Wein in bilateraler Beziehung Himmel – Individuum. Daß jemand neben einem steht, war für die Vermittlung des Heils zweitrangig, wenn nicht gar störend. Ihrer Auffassung entspricht die etwas abgehobene und angestrengte Abendmahls-Praxis vieler Gemeinden. Die Isolation der Abendmahls-EmpfängerInnen auch. Der Wunsch nach ‚existenzieller Nahrung’ für jede und jeden ist aber ernst zu nehmen.

Die Jungen haben die Nähe zueinander und zum Mahl gesucht und in den Feiern der Kirchentage gefunden. Damit ist mehr Lebensfreude und Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Abendmahl gewonnen – mit der Gefahr der Banalisierung dieses alten Aktes. Ihnen geht es bisweilen ‚irgendwie um Gemeinschaft’. Aber dem Abendmahl geht es ja doch um mehr.

Beide haben recht und beide verfehlen etwas – das muß eine Gemeinde ausbalancieren.

 

Vertrauen hat auch mit Gewöhnung zu tun. Wenn Abendmahl nur alle 4 Wochen gefeiert wird, bleibt es die Ausnahme. 3mal im Monat sollte es selbstverständlich sein. Dazu gehört, daß Abendmahl allen gewährt wird, auch Kindern. Von ihrer heiteren Ernsthaftigkeit im Umgang mit dem Abendmahl können alle lernen. Die Behauptung, Kinder verstünden nichts von der Komplexität des Mahls, entstammt oft der Unsicherheit der Großen. Sie verstehen eigentlich auch nicht, was da passiert oder fühlen sich unsicher im konkreten Umgang damit. Kinder begreifen sehr wohl, wie in einem Stück Brot ein Mensch enthalten sein kann – vielleicht besser als wir, weil ihre Welt noch nicht so in Subjekt und Objekte aufgeteilt ist wie unsere. Kinder wollen aber auch an den Großen sehen, wie man nimmt, was Leben spenden soll. Wenn die Großen beim Abendmahl nur ‘mit eingezogenem Schwanz’ (Zitat eines katholischen Priesters) kommunizieren, werden es auch die Kleinen so tun oder sich gar nicht nähern. Gelassener Respekt im Umgang mit dem Sakrament ist sinnvoll, Verklemmung ist nicht gemeint.  Es gibt eine lebendige und natürliche Würde. Wenn wir die nicht wiederfinden, werden unsere Gottesdienste immer verschrobener und menschenferner.

Also: Lernen müssen auf diesem Gebiet alle.

 

2. Abendmahl kann man üben und erschließen

– ein Vorschlag für den Einstieg

Es gibt eine Fülle von katechetischen Vorschlägen zur Erschließung des Abendmahls. Etliche Gemeinden haben sich auf den Weg gemacht. Sicher ist der Gottesdienst selbst nicht der geeignete Ort für Einübung. Wer hier zu viel experimentiert, bevor etwas gereift ist in Gruppen, wird baden gehen. Wer nur auf ‘events’ setzt, die außerhalb des normalen Sonntagsgottesdienstes ‘das ganz andere’ wagen, ändert im Grunde auch nichts. Es bleibt die Ahnung, daß es auch anders ginge – aber im Regelfall geht es ja dann doch nicht anders. Es geht um den Sonntag, den ganz normalen und unsere Praxis dort. Was sich hier tut, hat Wirkung auf Dauer, weil erst die Wiederholung vertieft, was gesund macht.

 

An dieser Stelle sei eine kleine, praktische Methodik genannt, die einen Zugang zum Abendmahl erschließen kann. Sie erfaßt nicht den ganzen Sinn, aber einen wichtigen Aspekt. Es geht um die Frage, wie in einem Gegenstand (Brot und Wein z.B.) ein Mensch enthalten sein kann. Das beschäftigt viele Menschen bis hin zu der Frage, was sie da eigentlich essen und trinken.

Diese einfache Übung ist ca. 60mal erprobt mit Erzieherinnen, Kindern, KonfirmandInnen, Konifrmanden-Eltern usw.

 

Die Gruppe (minimal 6 – maximal 15, sonst Teilplena bilden) sitzt als Erzählrunde ohne Tische beieinander im Kreis. Es ist allen gesagt worden, daß es ums Abendmahl geht und dass wir es auch in ganz einfacher Form feiern werden. ½ Kilo Knete oder Ton liegt bereit. Ebenso das Abendmahlsgerät, Brot und Wein bzw. Saft an der Seite – noch nicht in der Mitte. In der  Mitte eine freie Fläche von 1 qm (Tuch, Holzplatte).

Die Eröffnung könnte ungefähr lauten: „Es geht um unser Abendmahl und unser Verständnis davon. Die Fragen und Auffassungen dazu sind sehr verschieden. Wir werden es nachher in einfacher Form miteinander feiern. Vorher werden wir einander erzählen. Etwas aus unserem Leben, eine Einzelheit. Es geht um Ihre Erinnerungen, die verbunden sind mit Menschen und Geschenken.

Sicher haben auch Sie einen Gegenstand in ihrer Wohnung, der sie an etwas erinnert, an ein Erlebnis mit einem Menschen z.B.. Um solche Gegenstände geht es. Ich bitte Sie jetzt, sich etwas Knete zu nehmen und in der Hand  zu wärmen und geschmeidig zu machen.“

Menschen nehmen Ton oder Knete und reiben das Material.

„Während Sie das Material formbar machen, gehen Sie im Geiste Ihre Wohnung durch und suchen nach einem Gegenstand, den Sie einmal von einem Menschen zum Abschied geschenkt bekommen haben. Zum Abschied – das heißt nicht unbedingt Tod. Das kann es auch sein. Aber es gibt ja auch Abschiede vor dem Tod. Ortswechsel, Freundschaften, die zuende gehen, Reisen usw..

Wenn Sie etwas sehen, dann formen Sie diesen Gegenstand so gut Sie können jetzt nach. Es geht dabei nicht um Perfektion – es genügt die Andeutung der Form mit der Knete. Sie haben ein paar Minuten Zeit dazu.“

In der Stille formen alle, auch der Anleiter, die Anleiterin.

Wenn ersichtlich ist, daß die meisten fertig sind, beginnt die Erzählrunde, eingeleitet etwa mit den Worten: „Wenn Sie noch nicht ganz klar sind, formen Sie gern weiter, während wir schon erzählen. Lassen Sie uns beginnen: Sie zeigen uns einfach Ihren Gegenstand und erzählen die Geschichte dazu, erzählen auch von dem Menschen, an den Sie dabei denken. Wir anderen hören hin. Wem etwas unklar ist, der darf gern nachfragen.

Erste Person erzählt. AnleiterIn fragt nach, vertieft, wenn die Darstellung zu kurz gerät, wenn man keine Bilder vor Augen hat und mäßigt ein wenig, wenn die Darstellungen zu lang geraten oder sich in allgemeine weltanschauliche Betrachtungen verlieren. Auch der/die AnleiterIn erzählt. Vielleicht gleich am Anfang, dann sehen alle, wie es geht. Es reicht meist, wenn jedeR max 5 min erzählt. Wichtig ist die Aufmerksamkeit der Gesprächsleitung für den oder die Menschen, die mit dem Gegenstand verbunden sind und durch die Schilderung gewissermaßen ‚in den Raum kommen’. Wichtig ist auch, dass alle Berichte gleich ernst genommen werden.

Wer erzählt hat, stellt seine geformte Figur in die Mitte auf ein Tuch oder einen flachen Tisch.

Wenn alle oder auch fast alle (keinen Zwang ausüben – manchen geht das schon so nah, daß sie nichts sagen möchten, aber gern zuhören) erzählt haben, nimmt die/der AnleiterIn Brot und Wein, Kelch und Schale (möglichst die, die auch im Gottesdienst verwendet werden), und erzählt, wie Jesus mit seinen FreundInnen und Freunden nach Jerusalem gekommen ist, einen Raum zum Feiern gesucht und gefunden hat, wie er sich vielleicht dabei gefühlt hat, wie die anderen sich befanden, was es für ein Raum war und was sie da gemacht haben, gegessen, geredet, Judas dabei, andere Impressionen und wie Jesus an einer bestimmten Stelle zu ihnen gesagt hat: ‘Das bin ich – das ist mein Leib.’, als er Brot bzw. Wein nahm. Bis zum Ende des Mahls wird erzählt incl. der Einsetzungworte, die Sie am besten im tradierten Wortlaut sprechen. Dann könnte sich ein Satz anschließen wie:

„So wie wir Menschen gewissermaßen durchs Erzählen in den Raum geholt haben, Menschen, die gar nicht hier sind, vielleicht gar nicht mehr leben, wie wir Menschen an einem Gegenstand wiedererkannt haben – so geht es auch mit dem Abendmahl: Jesus hat gehofft, sie würden ihn wiedererkennen nach seinem Tod und ihn in ihren Herzen spüren, wenn sie das Mahl feiern. Er hat ihnen ein Abschiedsgeschenk übergeben mit den Gegenständen, die sie immer verwenden, mit Nahrungsmitteln sogar, und hat damit gesagt: ‘Wenn ihr das eßt, dann habt ihr mich bei euch – so nah wie Essen und Trinken.’ Und für die Freunde war es nach Jesu Tod  – so erzählt die Bibel – immer wieder so, daß sie Jesus bei sich hatten, indem sie taten, was sie immer in seiner Gegenwart taten: Brot brechen, Wein trinken. In einem Gegenstand kann also – wie in unseren, die hier stehen – ein Mensch ‘enthalten’ und plötzlich gegenwärtig sein. Wir waren nicht selbst bei Jesus dabei, aber wir sind in seine Geschichte hineingenommen, wenn wir Abendmahl feiern.

Und durch unser Erzählen haben wir etwas aus unserem Leben miteinander geteilt, waren darin den anderen Bereicherung und wissen mehr voneinander.

(Solche Deutung können Sie weglassen, wenn Sie den Eindruck haben, die Szene erklärt sich selbst.)

Laßt es uns jetzt einfach tun: Brot und Wein herumgeben mit den Worten, die Euch vertraut sind oder ohne Worte. Jesus ist mitten unter uns.“

Ein Gebet kann folgen, ein Lied, Teile der gewohnten Liturgie oder andere.

Dann gehen Brot und Wein/Saft im Kreis herum, und es gibt einen Abschluß mit einem Satz oder Gebet. Kelch und Schale werden zu den anderen geformten Gegenständen gestellt. Man setzt sich und schaut das Arrangement einen Moment still an. Erklärungen sind hier nicht mehr angebracht. Was man sieht, wirkt für sich.

Danach kann ein kleiner Austausch folgen, der Eindrücke aus diesem Treffen kurz benennt, aber nicht zerredet (max. 15 min).

 

Die Erfahrung mit dieser kleine Arbeitseinheit zeigt:

  • Menschen können einen eher fremden rituellen Zusammenhang an eigenes Erleben anknüpfen – das erleichtert ihnen meist den Zugang zum Abendmahl, es garantiert keine Begeisterung. Die kann erst entstehen, wenn eine Gruppe/ Gemeinde im Vollzug ihres Lebens feiert.
  • Man kann sich so mit Menschen dem Abendmahl annähern, die uU weit davon entfernt sind.
  • Mit leichten Veränderungen (z.B. mit ihren Schmusetieren o.ä.) geht diese Übung auch mit Kindern ab 5 Jahren.
  • Der dogmatisch komplexe Sachverhalt der ‘Realpräsenz’ ist meist nur denkgeschulten Menschen zu vermitteln. Einfacher denkenden Menschen erschließt sich mit der
    Übung eine Ahnung von diesem Topos.
  • Die Erzählgemeinschaft übt das konkrete menschliche Teilen von Eigenstem mit anderen und erweist im Tun den Reichtum, der entsteht, wenn man nicht an sich hält. Dies ist eine emotionale, theologische und existentielle Grundlage für das Verstehen den Abendmahls.
  • Ein Ansatz zur Symboldidaktik besteht darin, dass Sache (Abendmahl), Personen (Jesus, schenkende Person des eigenen Bekanntenkreises, ich) und Erlebnis  (Abschied, Gegenwart des anderen im Gegenstand) erfahrungsorientiert verbunden werden. Darin zeigt sich ein wesentliches Merkmal des Symbols: Es wirkt, weil es Person, Sache und Ereignis in sich verbindet. Dies aber nur, wenn Menschen zu der Sache mit ihrer eigenen Person in Beziehung treten und in der Sache Beziehung zur Person (hier Jesus und die Erinnerung an Personen aus dem eigenen Lebenskreis) und dem Vorgang darin treten. Sonst bleibt es ein hohles Objekt.
  • Man kann das ganze in großen Gruppen vollziehen, wenn man Erzählgemeinschaften in Untergruppen einrichtet. So erprobt mit bis zu 150 Menschen (z.B. Konfirmanden-Eltern und Konfirmanden mit vorgezogenem Abendmahl vor der Konfirmation. Wenn die Konfirmanden für die Eltern ein Essen bereitet haben, das im Anschluß an diese katechetische Abendmahlsfeier gereicht wird, dann kann das für alle ein eindrückliches Erlebnis guter Kirche werden, uU sinnvoller als ein verklemmt wirkendes Abendmahl mit vielen Unvorbereiteten bei der Konfirmation selbst.)

 

Thomas Hirsch-Hüffell . gottesdienst institut nordelbien . Rahlstedter Str. 223 . 22143 Hamburg . tel 040.6771830 . fax 6771834 . hirsch-hueffell@web.de . www.gottesdienstberatung.de