Engemann, Kornbauer Erntedank

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Das Evangelium und die Kunst, zu leben – oder: Baustopp den Scheunen? Lukas 12,13-23 (Erntedank)1
Es waren einmal drei Goldsucher. Eines Tages entdeckten sie am Ufer eines Flusses eine Goldader; 60 Sekunden später waren zwei von ihnen nicht mehr am Leben, und der dritte steckt seinen Colt wieder in die Halfter. Es war einmal zufriedenes Ehepaar. Die Frau gewann im Lotto 1,7 Millionen Mark. Sie sagte ihrem Mann nichts davon, aber fing an, die Scheidung zu betreiben. Zwei Jahre nach der Scheidung war sie hoch verschuldet und bezog Sozial­hilfe. Es waren einmal drei Geschwister, die vertrugen sich wirk­lich gut und halfen einander, wo sie nur konnten, bis es eines Tages ans Erben ging. Wider Erwarten handelte es sich um ein Vermögen. Von da an gehörten Argwohn und Hinterlist zur Ta­gesordnung.
Warum ist das so? Was macht Menschen so verrückt? Daß Reichtum nicht glücklich macht, weiß man doch. In jedem dritten Märchen der Gebrüder Grimm kann man das nachlesen. Klassi­sche Romane und moderne Erzählungen haben diese Weisheit auch unter denen verbreitet, die keine Märchen kennen. Und wer gar nicht liest, weiß es aus Erfahrung: Unsere schönsten Tage und Jahre sind nicht die mit dem höchsten Kontostand. „Froh zu sein bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König.“ Stimmt. Das wissen wir.
Deshalb brauchen wir keinen Predigttext, der solche Lebens­weisheiten nur bestätigt. Eher einen, der uns hilft, jenes wider­sprüchliche und doch zutiefst menschliche ‚Verhalten im unerwar­teten Vermögensfall‘ etwas besser zu verstehen, einen Text, an dem man vielleicht auch studieren kann, wie man Lottogewinne und Erbschaften überlebt, einen Text der uns auch nicht gleich den
1 Der Text Lk 12,13-21 gehört zu den Predigttexten des Erntedankfestes und ist zugleich das Evangelium dieses Feiertags. Die vorliegende Predigt wurde jedoch, unabhängig vom Kirchenjahr, im Sommerse­mester 2002 Rahmen einer Reihe von Gleichnispredigten an der Universitätskirche zu Münster gehalten. Deshalb wird nicht direkt auf den Kasus „Erntedank“ Bezug genommen.
Spaß an der Freud’ verdirbt, sondern uns statt dessen ein paar Hinweise gibt für die schwierige Kunst, zu leben.
I.
Ein in diesem Sinne beispielhafter Text ist die Geschichte vom ebenso reichen wie törichten Kornbauern. Obwohl – es gehört schon eine ordentliche Portion Besserwisserei dazu, diesen Mann einfach einen „ebenso reichen wie törichten Kornbauern“ zu nennen. Wir sind in bezug auf diese Geschichte allein deshalb im Vorteil, weil wir wissen, wie sie ausgeht. Deshalb – nach so vielen Begegnungen mit dieser Geschichte – klingt der weltberühmte Monolog des Kornbauern schon ironisch, wenn er ihn nur an­stimmt: Wir wissen, er wird es nicht schaffen. Wir sehen ihn scheitern schon in dem Moment, wo er vor seinem inneren Auge die größeren Scheunen entstehen läßt. Aber – wenn wir das Gleichnis nicht kennten? Wir können ja einmal so tun als ob. Aber zuvor sollten wir einmal um diese Geschichte herum spazieren und uns wappnen. Nachher sind wir nämlich plötzlich drin und kommen so einfach nicht mehr heraus.
Also: Der Evangelist Lukas macht hier eine Momentaufnahme aus der Lehrtätigkeit Jesu. Der Rabbi hat gerade davon gespro­chen, daß jeder einzelne sich darauf verlassen kann, daß Gott ein Auge auf ihn hat. Und zwar nicht aus einem mißtrauischen Kon­trollbedürfnis, sondern aus einer Sympathie heraus, die er nicht unterdrücken kann, aus soviel Sympathie, daß jedem einzelnen Haar auf dem Haupt eines Menschen seine ungeteilte Aufmerk­samkeit gilt.
Gott erscheint hier als jemand, der dem Menschen gegenüber in eine Aufmerksamkeitsanomalie verfällt. In Aufmerksamkeits­anomalien verfallen Menschen vor allem dann, wenn sie anfangen zu lieben. Die Augen, die Gedanken, alle Sinne sind auf den ande­ren hin orientiert. „So ist es mit Gott im Blick auf euch“, macht Jesus den Umherstehenden deutlich. Er will gerade wieder aufbrechen, da wendet sich einer aus der Menge mit einer Bitte an ihn: „Meister, sage doch meinem Bruder,
er solle gefälligst das Erbe mit mir teilen!“ (Lk 12,13) – Was war das? Jesus hatte gerade versucht, seinen Zuhörern klarzumachen, daß der Gott, den er verkündet, sich für den Menschen selbst interessiert, daß er sein Wohlwollen ihm gegenüber nicht von korrektem kultischen Verhalten abhängig macht (vgl. Lk 11,37­54). Der Meister hat eben dargelegt, daß Gott interessiert, wer ein Mensch ist, nicht, was er hat – ganz gleich auf welchem Gebiet: ob in materieller Hinsicht oder im Blick auf religiöse Spitzenlei­stungen. Nun schlußfolgert einer: „Na, dann regle doch mal meine Erbschaftssache. Davon hängt nämlich ab, wer ich sein kann: Ich kann derjenige sein, den ich mir leisten kann, wenn ich das ent­sprechende Geld dazu habe. Ich kann viel sein, wenn ich viel Geld habe. Dann kann ich nämlich wählen, wer ich sein will. Und wer und was ich alles sein könnte! – Wenn nur dieser sture und hin­terhältige Bruder nicht wäre!“
Jetzt sind wir drin in der Geschichte. Ich setze fort, indem ich aus Lk 12 zitiere bzw. übertrage:
(14) Mensch, fuhr ihn Jesus an, wer hat mich zum Richter oder Notar über euch gesetzt? (15) Und zu allen gewandt fuhr er fort: Nehmt euch in acht und hütet euch vor dem „Mehr-Haben-Wollen“. Denn Besitz gibt kein Leben, auchdem nicht, der Besitz im Überfluß hat. (16) Dann erzählte er ihnen ein Beispiel: Ein reicher Mann hatte eben eine gute Ernte eingebracht. (17) Nun überlegte er: Was soll ich tun? Ich habe nicht genug Lagerraum für meine Frucht. (18) Hm
– ah! Ich weiß, was ich tue: Ich reiße alle meinen Scheunen ab und baue größere, und in ihnen sammle ich meinen Wei­zen und alle meine Güter. (19) Und dann, dann sage ich zu mir selbst: Nun hast du einen Vorrat für viele Jahre. Laß dir’s wohl sein, iß, trink und sei fröhlich. (20) Aber Gott sprach zu ihm: Du Tor, in dieser Nacht wird man dein Le­ben von dir nehmen. Wem wird dann dein Vorrat gehören? [. . .] Und Jesus fügte hinzu:] (22) Darum sage ich euch: Sorget nicht um euer Leben, indem ihr nur das Essen im Blick habt, auch nicht um euren Leib, indem ihr euch um
eure Kleidung Gedanken macht. (23) Das Leben ist nämlich
mehr als die Speise, und euer Leib mehr, als ihr je mit Klei­
dung aus ihm machen könnt.“
Diese Geschichte ist zumindest in dreifacher Hinsicht ein Bei­spiel:
                  für die Schwierigkeiten mit der Kunst namens Leben,

für eine empfehlenswerte Haltung in dieser Sache. (Jede Kunst, jedes Handwerk, braucht eine Einübung in bestimmte Haltun­gen, um das Kunstwerk auch gelingen zu lassen.)

Schließlich ist die Geschichte ein Beispiel für die Art und Weise Gottes, das Seine zu diesem Werk beizutragen.

 

II.
1. Schwierigkeiten mit der Kunst namens Leben
Die Geschichte vom Kornbauern stellt uns das Konzept eines Menschen vor, der nichts anderes versucht, als sein Leben zu leben. Die diese Geschichte hören – heute z.B. wir –, bekommen die Möglichkeit, sich bei ihrem eigenen Versuch, das Leben zu leben, über die Schulter zu schauen. Solche Geschichten sind kostbar.
Der arme reiche Kornbauer hat ein Problem. Angesichts der unvorhergesehen großen Ernte und des sich damit wieder einmal vermehrenden Reichtums potenzieren sich seine Möglichkeiten, etwas mit dem Leben anzufangen. Diese Möglichkeiten gilt es auszuschöpfen. Aber wie? Darüber kommt er ins Grübeln. Sich freuen – das will er sich für später aufheben, für jene Zeit, in der er auf die noch zahlreicheren und noch größeren Scheunen blicken kann: „Dann, dann sage ich zu mir selbst: Jetzt hast du einen Vorrat für viele Jahre. Laß dir’s wohl sein, iß, trink und sei fröh­lich.“ „Dann sage ich: Jetzt. Aber erst muß ich diese unerwartet dazugekommenen Schäfchen noch ins Trockne bringen.
Der Mann ist nicht mehr ganz da, nicht wirklich präsent, nicht bei sich selbst, obwohl er die ganze Zeit ins Gespräch mit sich selbst vertieft ist. Da ist die latente Unruhe eines Menschen, noch nicht alles getan zu haben, um den maximalen Gewinn herauszu­holen aus dem, was ihm das Leben bieten kann.
Damit liegt der Reiche im Trend: In der Sozialpsychologie kennt man den verstörten Gegenwartsbezug des modernen Men­schen auch. Nur bringt man ihn weniger mit seinem Reichtum, als vielmehr mit seinem Zeitdruck in Verbindung. Der besteht darin, in einer begrenzten Lebenszeit möglichst viel aus seinem Leben herauszuholen. „Es ist ein Grundzug unseres Lebens, daß wir den Verdacht nicht loswerden, immer auf der falschen Party zusein, die kostbare Zeit immer mit Uneigentlichem zu verplempern, während irgendwelche beneidenswerten anderen, die den richtigen Riecher hatten, zur rechten Zeit am rechten Ort sind, das Leben in vollen Zügen ausschlürfen, den Rahm abschöpfen, ihr Leben als erfolgreiche Schnäppchenjagd absolvieren.“2 Und am Kranksein ist das Schlimmste, daß einem die Zeit gestohlen wird, weil man
– im Bette liegend – für einige Zeit nicht im Rennen ist. Tränen, Kummer, gar in Mitleidenschaft gezogen zu werden durch andere, alles das ist verlorene Zeit, ist Nicht-Leben.
Darin stimmen der ‚frühchristliche‘ und der moderne Tor über­ein: Sie erwarten ein lebenswertes, weil genießbares Leben von einer Steigerung ihrer Möglichkeiten, das Leben auszukaufen. Viel Besitz oder – wenn der sich in Grenzen hält –, wenigstens ein langes Leben, ein Leben ohne widrige Zwischenfälle und Belästi­gungen durch andere, wird gleichgesetzt mit den Chancen, sein Leben zu konsumieren. Ein kurzes Leben bedeutet demnach eine substantielle Einschränkung der Lebensqualität. Und weil es ja in der Tat so viele Möglichkeiten gibt, sich etwas zu gönnen – die waren noch nie so vielfältig und zugleich so wahrscheinlich wie heute –, deswegen ist es ja so tragisch, daß das Leben so kurz ist. Das Leben wird zur Lebensspanne. Die Frage nach seiner Qualität
2 Marianne Gronemeyer: Das Leben als letzte Gelegenheit, in: Lebenunter Zeitdruck. Über den Umgang mit der Zeit vor der Jahrtausend­wende, hg. v. Michael Schlagheck, Katholische Akademie „Die Wolfburg“, Mühlheim 1998, 34-53, 41 f.
wird zu einer Frage nach der Quantität, zu einer Frage nach der Menge der Güter oder der Länge des Lebens – also doch wieder zu einer Frage nach der Menge an Möglichkeiten, unter unzäh­ligen reizvollen Gütern das Beste für das eigene Leben auszuwäh­len. „Du Narr, in dieser Nacht wird man dein Leben von dir neh­men.“ – Warum nur? Wo liegt das Problem?
Je genauer man diese Geschichte ließt, um so deutlicher wird, daß hier weder Reichtum noch Besitz problematisiert werden, auch nicht großer Reichtum oder viel Besitz, sondern die Absicht, davon leben zu wollen. Problematisiert wird die Maxime: Habeo ergo sum. Viel Haben muß doch endlich in ein bißchen Sein um­schlagen! Wird aber nicht.
Das Dilemma des Kornbauern besteht auch nicht darin, daß es ihm zu gut ginge. Kann es einem „zu gut“ gehen? Der Gott, den das Alte und Neue Testament bezeugen, legt den Menschen gera­de in dieser Hinsicht grenzenlose Aussichten nahe. Vielleicht mußte der Kornbauer beim Anblick seiner reiche Ernte an die Verheißung denken, daß in seinem Land Milch und Honig fließen sollen, vielleicht auch an die Ansicht des Predigers, daß es näm­lich nichts Besseres gebe als fröhlich zu sein und sich gütlich zu tun in seinem Leben. „Denn ein Mensch, der da ißt und trinkt und hat obendrein guten Mut bei allen seinen Mühen, das ist eine Gabe Gottes“.3
Aber der Bauer tut ja nicht einmal das. Essen, trinken, guten Mutes sein. „Später.“ Erst kommen noch die Scheunen. . . oder noch die eine Publikation, oder vielleicht auch zwei? Erst muß ich einen anderen Job haben und vorher natürlich noch die Promotion einfahren. Dann werd’ ich aber auf mich anstoßen. Dann habe ich das Spektrum meiner Möglichkeiten, jemand zu sein, um einiges erweitert. Torheit?
Es ist keine Torheit, sein Leben über den Tag hinaus zu beden­ken und eine Vorstellung von der eigenen Zukunft zu haben. Dies ist Bestandteil der Kunst zu leben, wie sie uns auch seitens der christlichen Tradition nahegelegt wird. Als savoire vivre schätzen
3 Pred 3,12 f.
sie unsere französischen Nachbarn und denken dabei an die nötige Gelassenheit im Hinblick auf unerwartete, unwillkommene Er­eignisse, sie meinen damit ein bißchen Distanz zu sich selbst, die Fähigkeit, über sich lachen zu können, auch mal alle Fünfe gerade sein zu lassen und vor allem: sich nicht von den vielen Möglich­keiten überfordern zu lassen.
Das Problem des Kornbauern ist, daß er von alldem nichts verstanden hat. Er wird mit einem Geschenk überrascht und weiß nichts zu erwidern. Da sagt jemand: Ich meine dich damit, und er verfällt in einen sorgenvollen Monolog, der sich um das dreht, was er hat. „Haschen nach Wind.“ Er hat den Prediger nicht zu Ende gelesen.4
2. „Scheunen bauen“ – eine christliche Tugend
Was hätte denn der gute Mann wissen können, was er nicht wußte. Wie anders hätte sein Monolog lauten können, wenn wir einmal gelten lassen, daß man sich überhaupt Gedanken machen darf darüber, wie das eigene Leben mittelfristig aussehen könnte? Nun, einige Tips stehen im Evangelium selbst: „Niemand lebt davon, daß er viele Güter hat“ (Lk 12,15). Und: „Sorget nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Speise und der Leib mehr als die Kleidung?“ (Mt 6,25) Oder: „Wer meint, sein Leben für sich allein sichern zu müssen, der wird es verlieren; wer sein Leben im Vertrauen auf mich nicht zurückhält, der wird es neu finden“ (Mt 10,39). „Wer sein Leben
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tätschelt , dem wird es abhandenkommen; wer sein Leben da­gegen nicht nach allen Seiten abschirmt und zuläßt, daß es sich verbraucht, der wird es behalten. Und Gott schenkt es ihm neu für die Ewigkeit“ (Joh 12,15).
4 Vgl. Pred 2,1.10. 5 Das Verbs N48,< wird auch in Kontexten benutzt, in denen das
Lieben kritisch gesehen wird. „Lieben“ kann z.B. in hohem Maße
egoistisch sein:: Man liebt es, am Tisch einen Ehrenplatz einzuneh­
men. Man liebt es, sich Rabbi nennen zu lassen usw. (vgl. Mt 23,6 f.).
Wenn man auf dieselbe Weise sein Leben liebt, tätschelt man es.
Hatte der reiche Bauer niemanden, der ihm solche Sprüche hätte vorsagen können? Und – hätte er sie vernommen – hätten sie ihm geholfen? Wenn man einmal nachliest, wie die eben aufgerufenen biblischen Lebensmaximen in der christlichen Auslegungstraditi­on gedeutet werden, kann man das bezweifeln. Da wird nämlich unversehens eine neue Art von Schätze-Sammeln kreiert, da wer­den neue Scheunen angelegt, da treten die Großbauern der guten Taten und Großpächter der Barmherzigkeit auf.
Und wie einig sie sich darin sind, daß jetzt noch kein Grund zur Freude bestehe. Bei soviel Entsagung? Keine Rede von Glück, und keine Spur von ‚Wohllebe‘. Vorerst wird nachgefolgt, und das heißt dann zumeist: Abschied von der vagen Vermutung, die frohe Botschaft könne frohe Menschen hervorbringen, die auch deshalb froh sind, weil sie etwas von der Kunst zu leben verstehen.
Gewiß: Später, in der Zeit der Erfüllung, gibt’s ein „endzeitli­ches Mahl“, das aber nicht umsonst „eschatologisch“ genannt wird, weil es eben so spät kommt und im Fluchtpunkt der Zeiten liegt. Vorerst wird – auch wenn’s schrecklich weh tut – geteilt, vorerst muß man sich verbrauchen und in der verbleibenden Le­bensspanne möglichst viele Pluspunkte einheimsen. Gott erscheint vielen Christen als unersättlicher Großbauer mit riesigen Lager­hallen, der allein auf die Taten der Nächstenliebe und Früchte der Selbstverleugnung erpicht ist. Als könnte er einfach nicht genug bekommen – aber (so hofft man) er zählt wenigstens mit, was man so im Laufe eines Lebens in seinen Scheunen deponiert. . . Ein, zwei Scheunen will ich ihm noch füllen, dann habe ich „Vorrat auf viele Jahre“, ach was: Vorrat bis in alle Ewigkeit, dann, später, irgendwann – da werd’ ich mir von ihm voll einschenken lassen.
– Darauf hätte der Großbauer nur antworten können: Sag’ ich doch.
Wollen wir mit ihm streiten? Der Mann ist doch ein verbohrter Korn- und Gütersammler, während wir ganz andere Vorräte anle­gen. Was aber unterscheidet diese Lebens- und Zukunftseinstel­lung von jener? Das Fazit lautet doch in beiden Fällen: „Weh’ dem, der nichts im Depot hat! Das darf nicht geschehen“ Und: Ohne gefüllte Lager kein Fest! Schon der Gedanke daran, nichts anbieten zu können, vermag Menschen Angst zu machen. Deshalb
sollte man sehen, daß man nicht nur in den irdischen Häusern, sondern auch in den himmlischen Wohnungen irgend etwas Vor­zeigbares liegen hat.
Ich erinnere mich an eine Bildergeschichte aus dem Kinder­gottesdienst. Sie stellte das Leben des reichen Kornbauern in zwölf Szenen dar. Das letzte Bild war am faszinierendsten: Es zeigte das Gesicht dieses Mannes im Moment des Entsetzens. In diese Lage wollte ich nie kommen. Deshalb ließ ich mich beraten und fing schon als kleiner Junge an, Lager anzulegen, erst kleine, dann größere. In diesen Lagern brachte ich unter, wovon ich glaubte, daß Gott ein großes Interesse daran haben müßte: Früchte des Gehorsams, der Disziplin, der Demut, der Nächstenliebe, des Verzichts – und vor allem, Früchte der radikalen Wahrheit, die ohne Liebe auskommt. Freude hat mir das nicht bereitet, aber darauf kam es ja auch nicht an. Training in Sachen christlicher Lebenskunst? – Unmöglich. Aber was nun? So kann es doch nicht weitergehen.
3. Christliche Lebenskunst – und was Gott damit zu tun hat
Es ist anstrengend, die Lager immer voll zu haben, und es schlägt einem auf den Lebensmut, von Gott vor allem zu erhoffen, daß er einem bloß nichts tut. Die Menschen, denen Jesus die Geschichte mit dem Kornbauern erzählt, werden eines Besseren belehrt: Es ist nicht nur absurd, den Sinn des Lebens im Anlegen eines Vorrats zu sehen, von dem die einen ein erfülltes Leben auf Zeit, und die Unbescheideneren gleich die Ewigkeit erwarten. Es ist vor allem töricht, mit sich und seiner Seele – die materiellen oder geistlichen Früchte-Speicher im Blick – auf die Zukunft anzustoßen.
Der Gott, den Jesus verkündet, hat es darauf angelegt, in unsere Gegenwart einzubrechen. Nicht damit wir erschrecken – wie der Kornbauer erschrocken ist – sondern weil er nicht bis zum Jüngs­ten Tag warten will, bis er ein Verhältnis mit uns hat. Um das zu erreichen, füllt er uns bald die Scheunen, bald nimmt er uns, was wir glaubten für immer zu besitzen, bald schickt er uns Menschen, die uns in Frage stellen, bald jemanden, der mit uns rechnet und
uns braucht. Deshalb versucht er fortwährend, sein „Tischlein-Deck-Dich“ mit Brot und Wein unter uns aufzustellen, auch wenn wir ihm wenig Spielraum dafür lassen. Und das alles, damit wir nur nicht auf den Gedanken kommen, mit unserer Seele durch­zubrennen, in jene abgeschottete Welt, in der es nichts gibt außer uns, unserer armen Seele und gewaltigen Vorratslagern, die keiner braucht. „Ihr mögt euch“, zitiert Jesus seinen Gott, „um eure materiellen oder geistlichen Vorratslager sorgen; meine Sorge gilt euch. Deswegen ist der Tisch gedeckt. Und ich habe schon Platz genommen. Brot und Wein stehen bereit.“
Hat die Sache nicht doch einen Haken? Ist es nicht ein Risiko, sich darauf zu verlassen? Um bei dem Bild vom gedeckten Tisch zu bleiben: Die Freundschafts- und Festmähler Jesu mit den Zöll­nern, Sündern und Jüngern waren in der Tat kleine Risiko-Gesell­schaften. Sie hatten etwas Anrüchiges. Ihre Tischregeln wurden mit Hohn und Spott bedacht. Selig sind die Armen – Risiko! –, das Reich Gottes gehört ihnen. (Bezeichnenderweise werden in den Seligpreisungen nach Matthäus auch die an „Pneuma“ Armen, also die geistlich Armen selig gepriesen. Das sind die, die keine Lager für die Früchte ihres Geistes anlegen und auf eine Buchfüh­rung über gute Werke verzichten. – Risiko!) Selig die Sanftmüti­gen – Risiko! –, sie werden das Erdreich besitzen. Selig die Barm­herzigen – Risiko! –, sie werden Barmherzigkeit erlangen. Und so weiter.
Das Leben, von dem zu träumen sich lohnt, ist ohne Risiko nicht zu haben. Vor dem Hintergrund der Geschichte vom reichen Kornbauern geht es um das Risiko, die Trinität aus mir, meiner Seele und meinen Vorratslagern aufzulösen. Jesus preist sie alle glücklich, die dieses Risiko nicht scheuen. Selig sind sie.
Die Seligpreisungen Jesu stehen nicht für einen programmati­scher Abschied vom „glücklichen Leben“, wie man die christliche Nachfolge oftmals dargestellt hat. Jene glückversprechenden Risiken sind Ausdruck dafür, daß unter Nachfolge kein freudloses Scheunenfüllen zu verstehen ist, sondern die Kunst, sich zu riskie­ren, genauer gesagt, sich auf die Risiken einzulassen, die Jesus für zumutbar hält. Anders können wir unserer eigenen, im tieferen Wortsinn zu verstehenden Gastrolle nicht gewahr werden; anders
haben wir es schwer, den gedeckten Tisch zu sehen – und den Gastgeber, der schon Platz genommen hat und darauf wartet, daß wir uns zu ihm setzen.
Das Gegenteil zu der uns zugespielten Gastrolle – ein Ausdruck christlicher Lebenskunst – ist die risikolose Stippvisite, eine Schnuppertour durch die Welt, konzentriert auf die herausragen­den Events, auf die vielversprechendsten Erlebnisangebote, frei von der Aufdringlichkeit jeglichen Leids, ohne Ansprüche an die eigne Zeit und Kraft, ohne wirklichen Bedarf an der eigenen Per­son. Wie soll man auf diese Weise je erfahren, wer man ist, außer jemand mit kleinen oder großen Lagern? Um dieser Gefahr ein wenig entgegenzuwirken, zum Schluß ein Tip von Eva Zeller:
Postskriptum
Was ich noch sagen wollte Wenn ich Dir einen Tip geben darf Ich meine Ich bitte Dich um alles in der Welt und wider besseres Wissen: Halte Dich nicht schadlos Zieh den Kürzeren Laß Dir etwas entgehen.6
6 Zeller, Eva: Unveränderliche Kennzeichen. Ausgewählte Erzählungen und Gedichte, Berlin 1983, 200.