Engemann, Joh Täufer – Gerücht

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Ein Gerücht, das alles verändert
3. Sonntag im Advent (Matthäus 11, 2-6)
Heute geht es um ein Gerücht. Gerüchte sind eine ganz besondere Form der Verbreitung von Informationen. Sie haben u.a. zwei Qualitäten: Einerseits kolportieren sie Begebenheiten von einer gewissen Brisanz, die daher rührt, daß man das, was angeblich vorgefallen ist, nicht erwartet hätte. Deshalb eignet Gerüchten immer auch ein Schuß Unerhörtheit. Das macht sie interessant, unter Umständen sogar unterhaltsam. Andererseits weiß man bei Gerüchten nie so recht, was denn nun wirklich der Fall ist. Fama est – „Man erzählt sich“ halt dies und das. Außerdem hat die Botschaft von Gerüchten – zumindest auf den ersten Blick – kei­nen klaren Absender, keine konkreten Adressaten.
Wirklich aufregend ist ein Gerücht nur für die Menschern, die es in irgendeiner Hinsicht selbst betrifft: Sei es, weil sie in den Gerüchten als redende und handelnde Personen erscheinen, sei es, weil das Gerücht etwas erzählt, was von weichenstellender Bedeu­tung für sie ist und worüber sie sich deshalb Klarheit verschaffen müssen. Diese Menschen werden dem Gerücht, dem sie begegnen, auch persönlich engagiert auf den Grund gehen: Zum Beispiel die Mitglieder jener Theologischen Prüfungskommission im livlän­dischen Dorpat: Da soll doch ein Student – so hört man – zum zweiten Examen ein Plagiat eingereicht haben, nämlich eine fast wortgetreue Kopie der von ihm im Archiv entdeckten Examens­katechese Adolf von Harnacks. Oder jener Professor XY, der – so hört man – durch Massenaufkäufe und Bibliotheksdiebstähle mit allen Mitteln versucht haben soll, eines seiner Bücher wieder aus dem Verkehr zu ziehen, weil er es für grottenschlecht hielt. Und ab nächstem Jahr – sagt man – sollen doch tatsächlich alle Vikare wieder zu 100 %. . . Und Münster soll – hört man – wahrschein­lich mit Sicherheit europäische Kulturstadt im Jahr 2005 werden. Und der jüngste Tag soll auch nicht mehr weit sein. Ganz im Ernst.
Welches Gerücht könnte Sie in Aktion setzen? Daß die Bank, bei der Sie ihr Geld deponiert haben, kurz vor der Pleite steht? Daß
ein Touristik-Unternehmen in Münster in dieser Woche New York-Reisen zu 20% des Normalpreises anbietet? Daß der Him­mel unter uns ausgebrochen sei? – Gerüchte können, je nachdem, ob sie bei uns Angst auslösen oder unserer Hoffnung Aufwind ge­ben, zerstörerische und produktive Krisen nach sich ziehen. Man muß dann, um die Krise bewältigen zu können, unbedingt wissen, wie es sich nun wirklich verhält – ganz gleich, ob am Ende eine gute oder eine schlimme Wahrheit steht.
I.
Wollen wir wirklich wissen, was es mit dem Gerücht vom Kom­men des Himmelreiches auf sich hat? Oder wie wollen wir jenes Gerücht sonst betiteln, das in jedem Jahr zum dritten Advent die Runde macht? Etwa „Alles wird gut – aber erst wird’s ernst?“ – Noch ernster? Oder nennen wir das Gerücht „Gott kommt uns mächtig gewaltig entgegen, wir müssen uns bloß wachhalten, bis er mit seinen himmlischen Heerscharen komplett angekommen ist“? Sind wir interessiert, zu wissen, was an diesem Gerücht ist?
Daß es ein Gerücht ist, daran sollten wir uns nicht stoßen. Denn wir wissen von dem Anbruch jener Ereignisse, deren positive Wirkung angeblich bis in unser Leben hineinreichen soll, formal gesehen wie von einem Gerücht: Die Informationen darüber ver­danken wir primär nicht den offiziellen Verlautbarungen einer Institution. Wir haben sie nicht aus den Schlagzeilen einer Zei­tung. Worauf wir unsere Hoffnung setzen, geht historisch nicht auf die Autorität amtlicher Verlautbarungen zurück. Dazu ist das Gerücht von einem Herrscher, der die Gewaltigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht, viel zu subversiv. Es ist gerüchte­weise in Umlauf gekommen, auf unkontrollierbaren Informations­kanälen, basierend auf dem Weitersagen einer inhaltlich anstößi­gen Nachricht, die noch nie auf das Interesse einer größeren Öf­fentlichkeit setzen konnte.1 Dieses Gerücht ist beim Hören-Sagen
1 Vgl. Manfred Josuttis: Die Öffentlichkeit der Verkündigung. Prokla­
mation in der Predigt oder Information durch die Massenmedien? In:
Ders.: Praxis des Evangeliums zwischen Politik und Religion, Mün­
im Kern erhalten geblieben, aber in immer neuen Anwendungen wieder erzählt worden. Menschen haben, indem sie das Evangeli­um weitererzählt haben, ihre eigene Geschichte mit dem Evangeli­um miterzählt. Das war ja auch der Sinn der Sache! Am Anfang die Hirten, dann einzelne, die mit Jesus zu tun hatten, dann die Frauen am Ostermorgen, und über Paulus und unzählige andere ist das Gerücht, daß der Himmel im Kommen ist, auch bis in diese Kirche gedrungen.
Im Laufe der Zeit – wie sollte es anders sein – hat es immer wieder Menschen gegeben, die von diesem Gerücht nur gelang­weilt waren, andere haben sich buchstäblich die Hölle heiß ma­chen lassen von der Frage, ob’s stimmt oder nicht, andere haben dieses Gerücht ernst genommen, haben geglaubt und so getan, als stimmte es, und daraufhin erlebt, wie ihr Leben sich verändert.
Im Scheinwerferlicht des heutigen Predigttextes sehen wir einen Menschen, der diesem Gerücht auf den Grund gehen will, daß Jesus aus Nazareth – wie man hört – den Anbruch des Reiches Gottes ausgelöst und unumkehrbar gemacht habe. Es ist Johannes der Täufer. Seine Möglichkeiten, das Gerücht selbst zu prüfen, sind eingeschränkt, denn Herodes hat ihn in Ketten gelegt. Jo­hannes hat zwar selbst noch eine Zeitlang mitbekommen, wie Jesus auftrat, wie er redete, was er tat. Aber er hat sich keinen stimmigen Reim auf das Ganze machen können.
Wir erinnern uns: Er, Johannes, hatte in starken Worten auf ein bevorstehendes Gottesgericht hingewiesen, zu radikaler Umkehr aufgerufen. Und er hatte noch eins draufgesetzt: Niemand soll glauben, daß er damit schon vor dem Zorn Gottes sicher sei. Jesus war den Menschen anders gegenübergetreten. Er hat sie aufge­richtet, ohne sie vorher rhetorisch zugrundezurichten. Er hat Men­schen ins Leben zurückgerufen und sie befähigt, Gott zu vertrau­en, ohne ihnen vorher mit ihrer Vernichtung zu drohen. Etwas vereinfachend gesagt: Johannes pflegte den Menschen den Kopf zu waschen; nun tritt einer auf die Bühne, der den Menschen die Füße wäscht.
chen, 41988, 41-69, hier bes. S. 57-59.
Jetzt denkt Johannes über diesen Programmwechsel nach. Unterdessen reißen die Gerüchte nicht ab, daß dieser Jesus so weitermacht. Johannes’ Jünger, die die Möglichkeit haben, ihren Lehrer gelegentlich zu besuchen, bestätigen ihm das. Jetzt will Johannes es genau wissen. Wir lesen bei Matthäus im 11. Kapitel:
„Als Johannes der Täufer im Gefängnis hörte, was Christus tat, sandte er einige seiner Schüler mit der Frage zu ihm: ‚Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir weiter auf einen andern   warten?‘ Jesus gab zur Antwort: ‚Gehet hin und berichtet Johannes, was ihr seht und hört: Blinde begin­nen zu sehen und eben noch Gelähmte gehen auf eigenen Beinen, vom Aussatz Befallene werden heil und Taube hören und Tote werden auferweckt und – Armen wird das Evangelium gepredigt. Und: Glücklich schätzen kann sich,wer nicht Ärgernis nimmt an mir.‘“ (Mt 11,2-6)
Wie wird diese Antwort bei Johannes angekommen sein? Ob Johannes lieber etwas anderes gehört hätte? Seine Nachforschun­gen lassen immerhin auf Irritationen schließen: „Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir weiter auf einen andern   warten?“ So muß man nicht fragen, wenn die kursierenden Geschichten den eigenen Vorstellungen entsprechen. Hinter dieser Frage steht also weniger ein „Ich-Denke-Schon“, als vielmehr ein „Doch-Wohl-Nicht!“ Es muß doch alles seine Ordnung haben! Man kann doch nicht Perlen vor die Säue werfen! Das Reich Gottes kommt doch nicht auf die weiche Tour! Das kommt doch unter den Bedingun­gen von Buße, von Zerknirschung, unter den Bedingungen des Gerichthaltens und dadurch, daß Menschen endlich tun, was sich gehört, nämlich den Willen Gottes. Wenn das Gerücht stimmte, daß das Himmelreich unter uns ausgebrochen ist, wenn es stimmt, daß sich die Verhältnisse, unter denen wir jetzt leben, so beginnen zu ändern, daß alles auf die Herrschaft eines gütigen Gottes hin­ausläuft, und wir mittenmang, dann ist das doch am Ende nichts für Asketen, nichts für Einsiedler, nichts für Leute mit besonde­rem Durchhaltevermögen, nichts für religiöse Vorturner, sondern
etwas für „Zöllner und Sünder“. . . – aber das ist ja nur ein Ge­rücht.2
II.
„Gehet hin und berichtet Johannes, was ihr seht und hört: Blinde beginnen zu sehen und eben noch Gelähmte gehen auf eigenen Beinen, vom Aussatz Befallene werden heil und Taube hören und Tote werden auferweckt und – Armen wird das Evangelium ge­predigt.“ Johannes und anderen Menschen, die dieses Gerücht in damaliger Zeit erreicht, klingen die Ohren. Für sie ist das brisant, denn diese Auskunft spielt auf die in der jüdischen Tradition verankerte Erwartung einer Zeit an, in der sich das Blatt wenden wird für die Armen, Kranken, Deportierten und für dem Tod
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ausgelieferte Menschen. Das sind wirklich schöne Geschichten.Aber Johannes wollte eigentlich etwas anderes wissen. Ja oder Nein: Läuft jetzt der Countdown für den Jüngsten Tag oder nicht? Bist du autorisiert, den Menschen zu sagen, wie der Fahrplan zur Abwicklung dieser Welt aussieht, oder soll ich für den, dem das zusteht, weiter Vorarbeit leisten?
Statt mit einer klaren Antwort kommen seine Jünger mit un­glaublichen Geschichten zurück. Sie fangen gar damit an – ent­sprechend instruiert – Johannes zu berichten, was sie selber „gese­hen und gehört haben“, nämlich: Wo dieser Jesus auftaucht, än­dern sich Lebensläufe, Gaunerkarrieren finden in Freundschafts­mählern ihr Ende. An Krankheit und Armut gescheiterte Existen­zen sprechen plötzlich in aller Öffentlichkeit persönliche Glau­bensbekenntnisse, bevor wir sie taufen konnten – erklären ihm die Jünger. Kinder wagen sich neuerdings in den Tempel und krakee­
2 Am Rande bemerkt – das war wirklich Teil eines Gerüchts. Wir finden
es in dem selben 11. Kapitel des Matthäusevangeliums aufgezeichnet.
Und Jesus zitiert selbst, was man sich über ihn erzählt: „Man sagt vom
Menschensohn, dieser Kerl habe eine ausschweifende Lebensweise,
er sei ein Fresser und Weinsäufer, und obendrein ein Kumpan von
Betrügern, Ausbeutern und Sündern“ (vgl. Mt 11,19). 3 Vgl. Jes 26,19; 35,5 f.; 61,1.
len fromme Gassenhauer auf ihren Jesus. Ein ehemaliger Spitzel der Staatssicherheit der DDR, der bis zur Wende in Hamburg gearbeitet hat, hat sein ganzes Vermögen einer Kirchgemeinde inMecklenburg vermacht, nur weil eine Ärztin, deren Familie er früher observiert hat, ihm „im Namen Jesu“ vergeben hat. Jetzt wird er am Heilig Abend das Weihnachtsevangelium in dieser Gemeinde verlesen.
Das gibt Ärger. Und das gibt Mecker. Immer wieder. Bei Za­chäus war das so, bei dem Blindgeborenen, bei den Kindern im Tempel – und so wird es gewiß im Heilig-Abend-Gottesdienst in einem kleinen mecklenburgischen Dorf sein. Und wenn von seitendes Johannes nicht mit Ärger zu rechnen gewesen wäre, hätte Jesus nicht hinzuzufügen brauchen: „Glücklich, wer sich nicht über mich ärgert.“ Aber warum ärgern? Daß man sich über das Kreuz ärgert, das kann man ja noch verstehen. Und man kann angesichts der Leidensbereitschaft Jesu Angst bekommen, weil man ahnt, daß einem so etwas auch bevorstehen könnte. Aber über das Evangelium? „Kommt her, nehmt und eßt, ihr dürft. Und eure Schuld? Laßt sie hier? Die ist gewiß ein Problem für euch und euer Gewissen und im Blick auf andere, die euretwegen in Schwierigkeiten geraten sind. Aber Gott macht euch aus eurer Schuld kein neues Problem.“
Heißt die uns geläufigere Formel nicht: „Du darfst – du muß nur erst. . .?“ „Jesus steht vor der Tür – du mußt ihm nur auf­machen?“ „Gott liebt dich – du muß ihn nur mögen?“ „Gott kann dich retten – du mußt die ausgestreckte Hand nur ergreifen?“ „Gott sucht dich – du mußt dich nur finden lassen?“ „Das Him­melreich kommt auf dich zu – du mußt nur den schmalen Weg erwischen, der da hineinführt?“ Wo immer solche Sätze kursieren, wird stillschweigend darauf bestanden, daß es mir relativ leicht
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möglich ist, das Geforderte zu erbringen. Da kann kann man wastun. Da hat man ein Programm. Daran kann man sich halten. Da braucht sich auch niemand aufzuregen.
4 Vgl. M. Josuttis, Die Predigt des Gesetzes nach Martin Luther (1962),
in: Ders.: Gesetz und Evangelium in der Predigtarbeit. Homiletische
Studien, Bd. 2, Chr. Kaiser, Gütersloh 1995, 22-41, hier bes. 35, 40.
Ärgerlich wird es dann, wenn jemand behauptet, daß das, was Gott durch diesen Jesus für mich in Gang gesetzt hat, in überhaupt gar keinem Verhältnis zu dem stehe, was ich zuwege bringe. Das bedeutet nämlich: Das Himmelreich kommt auf dich zu und du bist schon längst mittendrin. Es fragt sich nicht, wie du hinein-, sondern wie du wieder herauskommst angesichts eines Gottes, der ein Verhältnis mit dir will, ob’s dir recht ist oder nicht. Er begnügt sich auch nicht damit, seine Hand auszustrecken und darauf zu warten, ob wer danach greift: Mit beiden Armen hebt er Menschenaus dem Schlamassel. Öffnet und schließt Türen. Er schiebt die Kulissen, um uns wieder Spielraum zu verschaffen. Wir können sogar Rollen wechseln, auch solche, von denen andere meinten, sie seien uns auf den Leib geschrieben. – Nein, im Blick auf die Voraussetzungen dazu gibt’s nichts zu tun oder zu erfüllen. Da tut sich, da er erfüllt sich etwas für uns.
III.
In einer anderen Angelegenheit ist unsere Beteiligung nun al­lerdings gefragt. In einer Sache, bei der wir vielleicht gerade nicht auf Selbstbeteiligung bestehen würden. Der Evangelist Matthäus geht davon aus, daß man – wie soll man das bezeichnen – den Iststand des Durchbruchs des Reiches Gottes im Blick haben kann. Auf die ihm übermittelte Frage, „Bist du’s“, antwortet Jesus den Jüngern: „Sagt ihm doch, was ihr seht und hört.“ – Hat ein Messias, wird sich Johannes gefragt haben, derartige Umwege nötig, um sich verständlich zu machen? Was sollen diese Wahr­nehmungsübungen, wenn es doch um nichts anderes geht, als daß dieser Jesus endlich seine Rolle durchzieht? Er soll doch die Jünger aus dem Spiel lassen.
Das tut er aber nicht. Sie sollen sehen, was geschieht; schließ­lich geschieht es zu ihren Gunsten. Daß die Ausbreitung der Herr­schaft Gottes Menschen zugute kommt, verstand und versteht sich bis heute nicht von selbst. Vom Himmel wird immer noch geredet, um Kindern zu drohen, sie kämen nicht hinein, wenn sie nicht dies oder das täten. Menschen kann man immer noch locken und ängs­
tigen mit der Gewissensfrage, ob sie wohl gut genug für den Him­mel sind. Die Jünger, die zu Johannes zurückgeschickt werden, sehen und hören, daß diese Frage anachronistisch ist. Es ist so­weit. Und die Blinden, Lahmen, Aussätzigen usw. werden nicht aus dem Spiel gelassen, wenn Jesus – um diese Formulierung noch mal aufzunehmen – seine Rolle durchzieht. Als die Johan­nesjünger zu ihrem Lehrer zurückkommen, werden sie dem Täufer selbst zu Zeugen.
Wir brauchen uns nicht durch religiöse Übungen, durch dasÖffnen virtueller Herzenstüren, durch ein bißchen religiöses Ge­schick, durch ein bißchen mehr christliche Geduld, durch eine Portion mehr guten Willens für eine göttliche Endabrechnung fit zu machen. Das beste, was wir tun können, ist: Sehen und Hören, was geschieht, mitbekommen, daß es soweit ist! Denn: Blinde sehen. Lahme gehen. Aussätzige werden heil. Tote. . .
So steht es jedenfalls im Neuen Testament. Das kann ich nicht berichten. Ist es am Ende Ironie oder eine Art Agitation, daß Jesus den Jüngern gleich selber sagt, was sie sehen und hören? Lauter schöne Sachen nämlich!
Berichtet Johannes, was ihr seht und hört? Bitte: Ich hörte, wie Sharon den Rückzug aus den besetzten Gebieten versprach und Arafat die Bekämpfung des Terrors; und ich sah Tote auf Seiten der Israelis und Palästinenser. Ich höre, daß der Weihnachtsum­satz des Einzelhandels gegen alle Erwartungen boomt; und ich sehe, wie ein Obdachloser des nachts in einem Geschäftseingang in der Rothenburg liegt und fast erfroren ist. Ich höre, daß sich die Vereinigten Staaten dazu berufen fühlen, den Kampf gegen ‚das Böse an sich‘ zu führen. Ich sehe Harald Juhnke geistesabwesend mit Teddibärchen auf dem Sofa sitzen und höre, daß 82 % der deutschen Schüler Pisa mit „ie“ schreiben würden, daß auf der Welt noch nie so viele Menschen verhungert sind wie im letzten Jahrzehnt und daß man bald auch in Osteuropa Butterberge und Milchseen besichtigen kann. –   Berichtet Johannes, was ihr seht und hört? Man sieht und hört so eine ganze Menge. Aber was soll ich gelten lassen von dem, was ich sehe und höre. Und erst recht: Was soll ich daraus schließen? Ein Gott, der von mir verlangte,
ich solle das Gute auf seine Rechnung gehen lassen und das Schlechte auf die einer finstern Gegenseite, machte es sich zu leicht.
Aber so leicht macht es sich der Gefragte nicht. Auch Leid, Krankheit, Schmerzen, Verfolgung, Verzweiflung, Tod gehören für ihn zu den Umständen, unter denen die Gottesherrschaft sich ausbreitet. Daß die Lahmen gehen und die Blinden sehen ist für ihn Ausdruck dafür, auf welcher Seite Gott zu finden ist. Das geht auch aus jener Steigerung hervor, mit der die detaillierte ‚Beobach­tungsreihe‘ abgeschlossen wird: Aussätzige werden rein, Tote werden lebendig – und das Größte: Denen, von denen man sonst gar nichts hört und sieht, denen wird das Evangelium gepredigt. Daß sie wieder Mut finden zu leben, daß sie von ihren Lebens­gräbern aufbrechen, daß ihre Gegenwart eine Zukunft bekommt. Dies führt zu kleinen und großen Geschichten, die man hören und sehen kann, und von denen wir glauben, daß sie Bestandteil einer Heilsgeschichte sind.
Berichtet weiter, was ihr seht und hört. Wir brauchen nichts wegzulassen und nichts hinzuzufügen. Erst recht brauchen wir uns nicht erklären zu lassen, daß wir vielleicht falsch erlebt hätten. Es bleibt unser Part, das Vordringen des Reiches Gottes in die Zeit, in der wir leben, in den Raum, den wir betreten, und in die Ge­schichten, die wir durchleben, wahrzunehmen und weiterzusagen. Es bleibt unser Part, die Bilder und Geräusche, die das Vordringen der Herrschaft Gottes verursacht, zu sehen und zu hören, in Ge­schichten zurückzuverwandeln und in Umlauf zu bringen, gerüch­teweise, und indem wir sie nachspielen. Was Letzteres heißt, mag eine kleine Legende verdeutlichen.
Als Rabbi Baruka eines Tages auf dem Marktplatz spazieren ging, erschien ihm der Prophet Elia. Baruka fragt Elia: „Gibt es unter den vielen Menschen hier einen, der an der kommenden Welt teilhaben wird?“ Der Prophet kann keinen einzigen nennen. Da kommen zwei Männer vorbei. Elia zeigt auf die beiden und sagt: „Die werden Anteil an der kommenden Welt haben.“ Darauf­hin wendet sich der Rabbi an die beiden Männer und fragt sie nach ihrem Beruf. „Wir sind Clowns“, antworten sie. „Wenn wir jemanden sehen, der traurig ist, heitern wir ihn auf. Sehen wir
zwei Menschen, die sich streiten, versuchen wir, sie zu versöh­nen.“