Engemann, Joh 5, Streit mit Pharao

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Leben im Rückblick auf den Tod
1. Sonntag nach Trinitatis (Joh 5,39-47)
Es ist guter alter Brauch, daß man die Religion, in der man durch die eigene Tradition verwurzelt ist, als Basis und Ressour­ce für ein „gutes Leben“ verwendet. Mit gutem Leben ist in die­sem Zusammenhang nicht „Fettlebe“ gemeint, nicht üppiger Konsum oder exklusiver Lebensstil, sondern ein gelingendes, erfülltes Leben, dessen Maximen aus der Religion selbst gewon­nen werden. Eine in den USA durchgeführte Studie über den Zusammenhang von Religiosität und Lebensdauer hat immerhin ergeben, daß Menschen, die, wie es ganz neutral heißt, „eine Religion ausüben“, länger leben als Atheisten.
Christen empfinden ihr Leben nach eigener Aussage als „gut“, weil sie die Erfahrung machen, daß sie geliebt und willkommen sind. Weil sie ihr Leben Tag um Tag als ein Geschenk betrachten können, weil sie glauben, daß der Herr, der Israel führte, auch ihr Hirte ist (Psalm 23) – und weil sie das tägliche Brot nicht für eine Selbstverständlichkeit, sondern für eine Gabe Gottes halten. Sie haben erlebt, was es mit der Vergebung der Schuld auf sich hat, daß Verzicht Gewinn bedeuten kann, und daß man Entscheidendes verliert, wenn man alles festhalten will. Die immer neue Begegnung mit dem Evangelium hält in ihnen die Neugier auf das eigene Leben wach und fördert den achtsamen Umgang mit ihren Nächsten und mit sich selbst. – Ja, die Christen führen ein gutes Leben.
Schließlich gehen wir auch zum Gottesdienst, um uns etwas Gutes zu gönnen. Wir lassen uns auf bestimmte Formen unserer Religiosität ein, von denen wir überzeugt sind, daß sie uns gut tun. Dabei setzen wir uns mit der Glaubens- und Lebenserfahrung unserer Vorfahren auseinander, soweit sie sich in biblischen Texten niederschlägt. Mehr noch: Wir setzen uns dem Einfluß dieser Glaubens- und Lebenszeugnisse aus, weil wir wissen, daß das frommt, daß es unserem Leben etwas bringt, daß es uns ein Stück bereichert. – Und jedesmal hoffen wir, daß das auch für die Predigt gilt.
Stellen Sie sich einmal vor, jetzt würde uns jemand diese „religiöse Lebensart“ – unsere Art, auf der Basis unseres Glaubens ein gutes Leben zu führen – streitig machen, sie abwerten. Ironische Bemerkungen über die Quellen machen, die uns heilig sind, uns bedauern, daß wir, gerade weil wir Christen sind, unser Leben vertrödeln. Einen solchen Menschen würden wir nicht als Gastprediger einladen und wohl auch sonst nicht auf ihn hören.
Eine solche Art der Konfrontation jedoch erlebt eines Tages eine Gruppe von Juden, die auf den Straßen von Jerusalem mit Jesus zusammentrifft. Ich zitiere aus dem Johannesevangelium,Kapitel 5 (in einer eigenen Übertragung):
Diesen Vorwurf müßt ihr euch schon gefallen lassen: (39) Bei eurer Suche nach dem Leben konzentriert ihr euch allein auf die Schrift. Nur feste weiter so! Sucht nach Regeln, Ordnungen und Gesetzen. Glaubt weiter, daß ihr das ewige Leben damit einfangen könnt! – Gewiß, es ist in der Tat die Heilige Schrift, die auf mich hinweist; (40) aber das wollt ja nicht verstehen. Ihr mißtraut mir. Sonst kämt ihr zu mir und hättet das Leben, nach dem ihr sucht.
(41) Es geht mir ja nicht darum, daß ihr mir besondere Anerkennung zukommen lassen sollt. (42) Aber darin, daß ihr nicht auf mich hört, zeigt sich, daß ihr Gott nicht liebt und euch seiner Liebe entzieht. Das ist euer Problem. (43) Dabei bin ich im Auftrag meines Vaters gekommen. Dennoch wolltet ihr mich nicht annehmen. Jeden dahergelaufenen Wanderprediger aber, der euch aus bloßem Selbstdarstellungstrieb mit fragwürdigen Weisheiten unterhält, laßt ihr gelten. (44) Das ist überhaupt ein bedauernswerter Zug an euch, daß ihr so darauf aus seid, voreinander etwas zu gelten und euch durch eure religiöse Tradition Vorteile zu verschaffen. Gott beeindruckt ihr damit nicht; aber selbst das ist euch egal. (45) Doch genug meiner Vorwürfe. Mose jedenfalls
– auf dem eure ganze Hoffnung ruht – Mose selbst wird euch vor meinem Vater die Leviten lesen. (46) Wenn ihr
ihm wirklich glaubtet, müßtet ihr nämlich auch mir glauben; schließlich hat er von mir geschrieben. (47) Wenn ihr aber nicht einmal den Hinweisen der Bibel auf mich glaubt, wie solltet ihr meinen eigenen Worten glauben? (Kap. 6,1) Danach fuhr Jesus weg über das Galiläische Meer.
Da stehen sie nun, eine Handvoll Juden, und müssen sich anhören, daß ihre Art, religiös zu sein, nicht lebenstauglich ist und ihnen eine eigene Gottesbeziehung versperrt. Jesus geht ans Eingemachte, an die Schrift – und an die Interpretation der Schrift –, an den Kern einer Tradition, die für die Menschen um ihn herum die Lebensbasis ist. Er hält ihnen entgegen: „Ihr lebt ja gar nicht davon.“
Am Anfang war dieses Gespräch noch ein Dialog. Gegen Ende redet nur noch Jesus. Die anderen sagen nichts mehr. Sie werden u. a. mit Verweis auf Mose und ihre eigene Bibel in die Enge getrieben: Ihnen wird unterstellt, daß sie die Bibel nicht verstehen, weil sie Jesus darin nicht als Gottes Sohn wiedererkennen; ferner, daß sie ihr Leben aus dem Studium toter Buchstaben erwarten, daß sie Gott nicht lieben, weil sie ihn
– Jesus – nicht als seinen Sohn akzeptierten, ja, daß sie überhaupt in höchstem Maße unfrei seien, weil sie, statt allein auf Gott zu vertrauen, sich lieber auf die Kumpanei mit den Starken verließen.
So wird Menschen, die eigentlich ganz zufrieden mit ihrem Leben sind und dies mit ihrer Religion in Zusammenhang bringen, ihr gutes Leben madig gemacht. Bloß gut, daß uns das nicht betrifft.
II.
Gemeint sind wir mit diesen Anschuldigungen wirklich nicht. Die Polemik, die das vierte Evangelium in diesem Text auf die Spitze treibt, nimmt uns sogar in Schutz, zumindest, wenn wir es historisch lesen. Die vermeintlichen Feststellungen, die das
Johannesevangelium an dieser Stelle trifft, sind historisch gesehen Ausdruck des Überlebenskampfes christlicher Gemeinden in jener Zeit, in der das Johannesevangelium entstand. Die Christen waren eine immer noch vom Verschwinden bedrohte Minderheit mit Legitimationsproblemen. Sie wurden z. B. – wie wir heute sagen würden – sozial gemobbt. Aber auch in religiöser Hinsicht war man im Nachteil: Man hatte keine eigene, anerkannte Tradition und wollte sich auch gern auf die einzige Bibel berufen, die es gab: das Alte Testament.
Daß diese und andere Konflikte mit der herrschenden Religion zu Spannungen führten, liegt auf der Hand: Bei Johannes werden die historischen Spannungen zwischen Juden und Christen bis zum Gesprächsabbruch überzogen. Der erstaunten kleinen Gruppe von Juden wird der Holzweg „der Juden“ vorgeführt; danach geht Jesus von der Bühne. Aus der Sicht dieses Textes ist, was die Gotteserkenntnis angeht, bei den Juden Hopfen und Malz verloren. Sie verstehen ihr eigene Bibel nicht, aber wir Christen lesen sie richtig. Wir lieben Gott, und Gott liebt uns. Und all die Gesetze und Geschichten, die Mose und die Propheten überliefert haben, hatten nur den einen Sinn: Uns zu Christus zu führen, um uns den Durchbruch zu einem wahren, erfüllten Leben zu eröffnen. Und das hat ja funktioniert – oder etwa nicht? Also gehen wir nach Hause?
Bevor wir das tun, sollten zumindest in Erinnerung bringen, daß die Evangelische Kirche in Deutschland, also auch unsere Landeskirche, die johanneische Sicht der Dinge nicht in allen Punkten teilt. Es gibt mittlerweile eine Fülle grundsätzlicher Erklärungen und umfangreicher Broschüren, in denen dem Judentum sein eigener Weg mit Gott nicht nur nicht streitig gemacht, sondern festgehalten wird, daß wir an die Glaubensgeschichte Israels anknüpfen, wenn wir uns auf den
1
Gott einlassen, den Jesus seinen Vater nannte. Und die jüdische
1 „Christlicher Glaube wurzelt in der Glaubensgeschichte Israels: Die
Erfahrungen mit Gott des christlichen Glaubens beginnen nicht mit
Jesus von Nazareth, sie beginnen mit den Anfängen der Geschichte
Interpretation des Alten Testaments führt nicht zu einer zwangsläufig defizitären Erkenntnis Gottes, sondern ist – wie das Neue – Ausdruck für die Erfahrung seines Heilshandelns und seiner Liebe. Auch die anderen antijüdischen Vorwürfe in diesem Text könnten wir Stück für Stück kritisch relativieren.
Die in diesem Punkt „unjohanneische“ offizielle Haltung der Evangelischen Kirche war und ist für einige Christen immer wieder ein Grund, aus der Kirche aus- und in die „Partei bibeltreuer Christen“ einzutreten. Und ich bin durchaus versucht, an dieser Stelle – wie einst Johannes – eine Rede gegen diese Unart des Umgang mit der eigenen Religion und der Bibel zu halten, um den Parteigängern der Bibeltreuen Christen vorzuwerfen, daß ihnen das, was Johannes da schreibt, selbst gilt. – Aber dann wären Sie ja wieder nicht gemeint, nach dem Sie sich schon den Predigttext nicht zu eigen zu machen brauchten. Und wir hatten uns doch darauf eingestellt, uns mit diesem Gottesdienst etwas Gutes tun zu lassen.
Man muß sich wirklich fragen, weshalb die Kirche einen Text wie diesen auf dem Predigtplan läßt. Uns ist ja nicht wirklich geholfen, wenn wir uns daran erinnern, daß zwar Johannes an dieser Stelle überzieht, Jesus selbst aber gar nicht so radikal war, wie er hier dargestellt wird. Und daß es eben auch eine historische Tatsache ist, daß Jesus noch in seiner Kritik an Israel und an der Religion seiner Zeit für Israel da war – und daß er den Dialog mit seinem Volk nie abgebrochen hat.
Das hilft uns vermutlich, den Text nicht völlig mißzuverstehen; doch ist uns dadurch schon klar, was hier im Blick auf unser Leben auf dem Spiel steht? Nachdem wir die historische Welt des Textes betrachtet haben (jene Spannungen zwischen Juden und Christen), nachdem wir die in dem Text dargestellte Welt zur Kenntnis genommen haben (jene Vorwürfe und Unterstellungen, die den jüdischen Glauben als
seines Volkes“ (Gott hat sein Volk nicht verstoßen. Hauptvorlage zur Landessynode der Evangelischen Kirche von Westfalen, Bielefeld 1999, S. 34).
Gotteslästerung bezeichnen), könnten wir ja auch noch einen Blick in die erzählte Welt des Textes werfen. Bei allen Übertreibungen, Verschärfungen und Unterstellungen, mit denen dieser Text aufwartet – erzählt er nicht auch etwas von der Suche nach dem Leben, von notwendiger Konfrontation, von tragenden Beziehungen?
III.
Was wird erzählt? Hier wird erzählt, wie es einmal dazu kam, daß Menschen, die sich auf der Suche nach einem gelingenden Leben auf die Grundlagen ihrer Tradition beziehen und sich wie gewohnt „religiös betätigen“, auf zweifache Weise verunsichert werden:
Die erste Verunsicherung: „Ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, durch sie das ewige Leben zu haben.“ Hier wird erzählt, daß Menschen in der Bibel lesen, weil sie sie für eine Quelle des Lebens halten. Ist das nicht zu begrüßen? Auch ich bin mitdieser Überzeugung groß geworden: Psalm 118,25.50, 5. Buch Mose Kapitel 30, Verse 16-20, Sprüche 4,4 und 19,16 – ganz zu schweigen von Lukas 11,28: „Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren.“ In meiner Jugendzeit hieß das: Lesen – und mit Karteikärtchen das Wichtigste auswendig lernen. Hätte ich damals schon ein Sola scriptura-T-Shirt bekommen2 – und es tragen dürfen3 – hätte ich etwas Entscheidendes für meine Identitätsbildung tun können.
Doch was rede ich von mir: Auch andere konsultieren das in Druckerschwärze festgehaltene Wort wird bei jeder Frage, die das Leben mit sich bringt. Die einen durch tägliches Lesen, die
2 Die Fachschaft der Evangelisch-Theologischen Fakultät der
Universität Münster bietet seit einigen Jahren – gewissermaßen im
Interesse einer Stärkung der „corporate identity“ T-Shirts mit dem
Aufdruck „Sola-Scriptura“ an. 3 Der Vf. ist in der DDR aufgewachsen, in der das Tragen von
„religiösen Symbolen“ im öffentlichen Raum, v. a. in Schulen und
Betrieben, weitgehend untersagt war.
anderen auswendig, andere in der Form des Buchorakels, auch als „Bibelstechen“4 bekannt: Dabei wird unter Gebet eine Nadel zwischen die Seiten der geschlossenen Bibel gesteckt, dann wird die Seite aufgeschlagen und mit dem Finger blind auf eine Stelle getippt. Das ist dann das konkrete Wort Gottes in dieser Situation. Es gibt auch sehr viele Christen, die die Bibel selbst gar nicht lesen, aber dem Text gewordenen Wort Gottes ohne zu zögern höchste Autorität zuschreiben.
Im Internet findet man unter „Jahr der Bibel 2003“ zigtausend Hinweise, die man einfach vergessen hat zu löschen und die dem Leitspruch „Verbum manet in aeternum“ alle Ehre machen. Auf den entsprechenden Seiten werden Sie z. B. von mehreren Gemeinden dazu eingeladen, die Bibel zusammen mit anderen von vorn bis hinten abzuschreiben. Die Termine sind zwar längst verstrichen, aber es gibt wieder neue handgeschriebene Bibeln in Deutschland. Was so ein Buch doch bewegen kann!
Ist das nun gelebte Religion oder religiöse Betriebsamkeit? Das entscheidet sich daran, so wird im Johannesevangelium erzählt, ob die Menschen, die die Bibel für so wichtig halten, auch mitkriegen, inwiefern es dort um ihr eigenes Leben geht – und nicht darum, Texte für wahr zu halten, ihnen zuzustimmen und im übrigen den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen.
Auch wenn es so gut wie ausgeschlossen ist, könnte es ja sein, daß jemand unter uns ist – oder jemanden kennt, für den das ein bißchen zutrifft –, der den christlichen Kult zwar beherrscht, die Bibel kennt und auch sonst in der Geschichte des Christentums ganz gut zu Hause ist, der aber im Blick auf sein Leben nicht davon profitiert.
Es könnte ja sein, daß es vorkommt, daß jemand als Protestant so lebt, wie man leben würde, wenn man – sagen wir mal – zu einer Art Bibelverein gehören würde: „Die Bibel ist
4 Vgl. Horst H. Figge: Wörterbuch zur Psychologie des Magischen, Berlin 2004, 27-29.
wichtig.“ „Die muß man täglich lesen.“ „Dagegen darf man nichts sagen.“ „Sie ist unsere Identität.“ „Es lebe die Bibel“ usw. Wenn das in purer Vereinsmanier geschehen würde, könnte man das Wort Bibel auch durch Kaninchen- oder Bienenzucht ersetzen. Da gibt es was in unserem Leben, das finden wir alle gut.
Es könnte ja sein, daß es unter uns – oder unter denen, die wir kennen – jemanden gibt, für den die Teilhabe am christlichen Glauben zu einer Routine mit Streßqualität geworden ist. Jemanden, der schon wieder im 4. Buch Mose, Kapitel 3 abgebrochen hat, obwohl er in diesem Jahr die Bibel ganz durchlesen wollte. Wie auch immer: Bibelverse auswendig lernen, von Berufs wegen Texte auslegen oder sie gar nicht lesen kann den gleichen Effekt haben: Den, daß das Leben trotzdem ausbleibt, ein erfülltes Leben, das man Tag um Tag in Dankbarkeit empfängt, neugierig auf das, was kommt. . . . Wird jedenfalls erzählt. Man kann sich mit der Schrift beschäftigen und genauso unerfüllt leben, als würde man sie gar nicht kennen.
Was Johannes hier erzählt, läßt sich vielleicht mit einem Liebespaar vergleichen, das sich dazu verabredet hat, einen gemeinsamen Tag zu verbringen. Einer von beiden kann sich aber nicht aufraffen, weil ihn die Lektüre der Liebesbriefe nicht losläßt. Das ist alles so schön formuliert. Und schwarz auf weiß geschrieben. Da hat man etwas in der Hand. Da hat sich jemand festgelegt in seiner Haltung – oder was der Gründe noch mehr sein mögen. Von der Gegenwart des andern bekommt er nichts mit; aus dem gemeinsamen Tag heute wird nichts – aber eine platonische Liebe ist ja auch etwas besonderes. . .
Es gibt so viele Gründe, auf schlecht-protestantische Art und Weise religiös zu sein: Ich habe meine Bibelkärtchen damals in dem Bewußtsein gelernt, in der richtigen Gruppe und auf der richtigen Seite zu sein, zu wissen, was erlaubt und verboten ist – und was ich alles kriege, wenn ich mich an diese Sprüche halte: Vor allem „Fürsprache im Gericht“. Ganz analog jene Leute, mit denen Jesus im Gespräch ist: Es verschafft ihnen eine gutes
Gefühl, so wird erzählt, daß sie als Effekt der Bibellektüre Mose auf ihrer Seite wissen.
Jesus erklärt ihnen nun, daß das nicht nur unsicher, sondern überhaupt ein zweifelhafter Gewinn sei. „Ihr zitiert stolz die Geschichten vom Auszug mit Mose, davon, wie Gott euch als das Auserwählte Volk heil durch die Wüstenjahre Eures Lebens gebracht hat. Das hört doch jetzt nicht auf, bloß weil’s in der Bibel steht. Das geht jetzt weiter, der nächste Aufbruch wird euch zugemutet, und wieder geht es um euer Leben.
Mit anderen Worten: Nehmt die Texte nicht wichtiger als euer Leben. Euer Leben aber gründet in der Beziehung, die Gott zu euch unterhält, mit Schwerpunkt in der Gegenwart.
Die zweite Verunsicherung: Die Gesprächspartner werden nicht nur mit einem falschen Bibelgebrauch konfrontiert. Es wird erzählt, daß sie keine Ahnung von dem Leben haben, das Jesus „ewig“ nennt: Ein Leben, dem man nicht die Zukunft nehmen kann, ein Leben das sich nicht im Wieder-Hervor-Holen alter Erfahrungen erschöpft, sondern sein Erfahrungszentrum in der Gegenwart hat. Ein Leben, das, weil es immer auf ein Morgen zuläuft, neugierig macht auf die Fortsetzung. Die Menschen um Jesus müssen sich anhören, daß sie den „Hauptgewinn“ des Glaubens, nämlich das Leben, noch gar nicht wahrgenommen hätten. Gleichzeitig wird ihnen angeboten, ab sofort daran teilzuhaben.
„Leben jetzt“ ist die Devise – im Zweifelsfall gegen die eigene Tradition, wenn sie sich anschickt, das eigene Leben zu konservieren, statt selbst Konserve auf dem Weg zu sein, zum Gebrauch bestimmt, nicht als religiöse oder konfessionelle Trophäe. Kurz vor dieser Szene hat Jesus dargelegt, was er damit meint. Er meint ein Leben aus einer Kraft, nämlich aus der Kraft der Auferstehung von den Toten:
„Es ist wirklich so, wie ich euch sage: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben. Der hat keinerlei Gericht zu fürchten, sondern ist schon vom Tod zum Leben hindurch gedrungen. Es ist so,
wie ich euch sage: Es kommt die Stunde – und wir erleben
sie gerade – daß die Toten die Stimme des Sohnes Gottes
hören, und die sie hören, werden leben“ (Joh 5,24 f.).
Wenn Jesus vom Leben redet, geht es nicht um religiöse Kultur, nicht um Bücher und Texte, nicht um Liturgien oder Gesänge, nicht um Glaubensbekenntnisse oder das Vaterunser, es geht nicht um die Lebensmittel, sondern um das Leben selbst, um Dich und mich, um die Frage, was aus uns wird – mal abgesehen davon, daß wir zusammen an einer Universität arbeiten.
Und was immer aus uns wird, was immer mit uns und durch uns geschieht in den verschiedenen Phasen und Höhen und Tiefen unseres persönlichen Lebens: Wir sollen uns nicht davon abbringen lassen, unser Leben im Rückblick auf unseren Tod führen, und auch – die Angst davor saß bei den Menschen jener Tage besonders tief – im Rückblick ein Gottesgericht, das auf die Vernichtung unserer Existenz hinauslaufen könnte. Das haben wir hinter uns.
Ein Leben in der Kraft der Auferstehung und im Rückblick auf den eigenen Tod zu führen, könnte sich heute in der Erfahrung niederschlagen, nicht auf Geschichten des Scheiterns festgelegt zu sein und festzustellen, daß man sich auf einem neuen Weg befindet, daß die Angst vor Entscheidungen überwunden wird, die mit Risiken verbunden sind. – Leben in der Kraft der Auferstehung und im Rückblick auf den eigenen Tod – das ist auch: Erfahren, wie ein Leben, das einer Wallfahrt zum eigenen Grab glich, ein Ende findet, oder gar: daß der Deckel vom Grab genommen wird, in das man sich aus lauter Frustration zurückgezogen hat.
Jetzt sind wir wieder historisch geworden: Wir sind in unserer Geschichte, in unserer Gegenwart angekommen. Wie würde sich jene Szene der Auseinandersetzung zwischen Jesus und ein paar jüdischen Zeitgenossen anhören, wenn Johannes damit nicht die jungen christlichen Gemeinden stärken und nicht gegen „die Juden“ polemisieren wollte? Wenn er dagegen uns provozieren
und unsere protestantische Wort-und-Text-Tradition mit der Lebens-Tradition Jesu korrigieren und uns damit helfen wollte? Vielleicht so:
Ihr Lieben: Fixiert euch bei der Suche nach dem Leben nicht allein auf die Schrift. Wenn ihr mit eurem Leben nicht zurecht kommt, wenn ihr den Eindruck habt, wie unter eurer eigenen Grabplatte zu leben, so meint doch nicht, es liege daran, daß ihr die Texte nicht gut genug verstündet. Ihr versteht sie vollkommen richtig. Also: Wovor habt ihr eigentlich Angst: Ich lebe, und ihr sollt auch leben. Lebt wie ich, lebt als Auferstandene, lebt im Rückblick auf euren Tod. Beschwört nicht die alten Tage der Urchristenheit, als wäre eure Gegenwart keine Zeit des Heils. Freut euch auf Eure Zukunft, denkt selbst darüber nach, wie sie aussehen könnte. Haltet euer Leben nicht zurück, ihr könnt es nicht mehr verlieren. Amen.