Engemann, Hand am Pflug, Lk 9

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Wer die Hand an den Pflug legt. Die Erfahrung der Freiheit
Lukas 9,57-621
I Geschichten von einem Ruck – Erfahrungen von Freiheit
Wenn wir jemandem erzählen wollten, wie es kommt, daß wir heute diesen Semestereröffnungsgottesdienst besuchen, müßten wir weit ausholen; denn der Weg, den wir bis hierher gegangen sind, ging nicht immer geradeaus. Es war vor zehn, vor fünf Jah­ren, vielleicht nicht einmal vor einem Jahr abzusehen, daß wir uns heute in dieser Zusammensetzung hier begegnen. Da gab es eine Reihe schwieriger Entscheidungen zu treffen, Risiken zu bedenken, Alternativen in Betracht zu ziehen. Und hin und wie­der mußten wir uns einen gehörigen Ruck geben, dem notwendi­gen Schwebezustand des Abwägens ein Ende setzen und einen Schritt in diese oder jene Richtung gehen.
Dabei haben wir uns manchmal selbst überrascht. Eine Stu­dentin erzählte mir dieser Tage, wie es dazu kam, daß sie auf großen Umwegen in Münster erst ein Jurastudium aufgenom­men hat, sich dann aber nach drei Semestern trotz bester Noten dazu entschloß, ihren Weg – zum Entsetzen der Eltern – als Theologiestudentin an der Evangelisch-Theologischen Fakultät weiterzugehen. Und da ist ein gelernter Bankkaufmann, der 22 von 27 Jahren seines Lebens mit Leidenschaft Violine und Kla­vier gespielt hat, aber dennoch – aus Gründen, die ihm heute nicht mehr klar sind –, über viele Jahre die Immobilien einer Stadtsparkasse gehütet hat. Vor 12 Jahren hat er in einem Ko­penhagener Konzerthaus ein Klavierkonzert von Sergej Rach­
1 Dieser Predigttext gehört nach der Ordnung der Predigttexte zum Sonntag Okuli (3. Sonntag der Passionszeit). In diesem Fall wurde er aus Gründen einer thematischen Schwerpunktsetzung für den Semestereröffnungsgottesdienst der Universität Münster im WS 2005/2006 verwendet.
maninow mit Swiatoslaw Richter gehört. An diesem Abend bzw. in jener Nacht wurde ihm klar, daß er die Musik zum Beruf machen wird. Heute vormittag sitzt er als Musikprofessor im Semestereröffnungsgottesdienst in der Leipziger Nikolaikirche.
Es gibt in unserem Leben Momente, da wissen wir endlich ganz genau, was wir wollen. Diese Klarsicht überfällt uns nicht aus dem Hinterhalt. Klarheit in bezug auf anstehende Verände­rungen in unserem Leben, eine innere Überzeugung in bezug auf das, was wir wollen, ist in der Regel der Endpunkt oder die Zwischenstation einer langen Geschichte, in der sich unsere Vorstellungen von einem erfüllten Leben allmählich entwickelt und eben auch verändert haben. Irgendwann fängt es an, in uns zu arbeiten, bewußt und unbewußt. Wir empfinden wachsenden Klärungsbedarf, wenn z. B. die Spannungen zwischen dem Le­ben, das wir führen, und dem, was wir als richtig erkannt haben, zu stark werden. Und so entwerfen wir Bilder, Szenen, Situatio­nen von unserem Leben, ringen plötzlich mit Entscheidungen und nehmen war, daß Veränderungen im Gange sind.
Wir spüren das an bestimmten Wünschen, die wir an uns ent­decken, an Tagträumen, die uns aufsuchen oder daran, daß wir uns grundsätzlicher als sonst mit der Frage befassen, welche Art Leben zu uns paßt, welche Zukunft wir uns wünschen. Und an bestimmten Tagen, deren Datum wir uns manchmal merken, wissen wir es. Dann sind die ratsuchenden Gespräche mit den Freunden zu ende, die schlaflosen Nächte vorbei. Wir wissen dann, was wir wollen, treffen eine Entscheidung, geben uns je­nen Ruck. Dabei machen wir etwas mit uns. Wir werden jemand Bestimmtes: Jemand, der nach Münster geht, jemand, der stu­diert, jemand, der Jahrzehnte seines Lebens an einer Universität arbeitet, jemand, der eine Partnerschaft eingeht oder eine Schei­dung will.
Solche Erfahrungen – so schwierig und schmerzlich sie sein mö­gen – sind ein Ausdruck unserer Freiheit. Und zwar nicht nur, weil es ein Zeichen von Unfreiheit ist, nicht zu wissen, was man will. Sondern mit solch einem Ruck, den wir uns am Ende einer Urteilsbildung, einer Entscheidungsfindung geben, nehmen wir
Einfluß darauf, wie wir leben und wer wir sein wollen. Wir neh­men Einfluß auf unsere Identität. In solchen Momenten erleben wir unser Leben besonders intensiv, sind ganz präsent. Wir wer­den konkret, leben leidenschaftlich und spüren, wie die Neugier auf unsere Zukunft wächst – eine Eigenschaft, die wir uns bei­nahe abgewöhnt hätten.
II Leben in Freiheit oder Stagnation?
Auch Christen müssen sich in dieser Freiheit bewähren, müssen Entscheidungen abwägen, sie eine Zeitlang in der Schwebe hal­ten können, eine Wahl treffen, sich einen Ruck geben. Um her­auszufinden, worauf sie mit ihrem Leben aus sind, lassen auch sie Zukunftsbilder, Visionen und Hoffnungen auf sich wirken – und setzen sich hin und wieder ganz bewußt einem Gottesdienst aus.
Und sie haben in dieser Sache auch die gleichen Probleme wie alle andern. Das heißt: Oft funktioniert „es“ nicht. Das Le­ben stagniert. Der eine Schritt erweist sich als schwierig. Und da es scheint keinen Unterschied zu machen, ob ein Studium lockt, oder ein geliebter Mensch auf eine Erwiderung wartet, ob der ersehnte Berufswechsel plötzlich möglich wird – oder ob jene alte Kunde von der Freiheit – Evangelium genannt – uns damit lockt, in dieser Welt unter den Bedingungen des Himmelreichs zu leben. Manchmal will jener Ruck einfach nicht gelingen.„Eigentlich“ ist alles klar. Überdeutlich steht uns vor Augen: „Wann, wenn nicht jetzt?“ Aber dann reden wir doch über das Wetter oder greifen nach der Zeitung, gehen fein Essen oder ins Kino – oder machen uns einfach wieder an die Arbeit. Ein biß­chen traurig zwar, ein bißchen resigniert, aber doch nicht zu sehr, denn demnächst, morgen bestimmt, spätestens übermor­gen, werden wir alles ändern. Nur nicht jetzt. Und unversehens ziehen Jahre ins Land, in denen es uns wie jenen Männern gehen kann, die Lukas im 9. Kapitel seines Evangeliums portraitiert. Drei Szenen aus dem Wanderleben Jesu:

 

 
(57) Und es begab sich, da sie auf dem Wege waren, da sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wo du hingehst.

 

(58) Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.

 

(59) Zu einem andern aber sprach er: Du, folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, daß ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. (60) Doch Jesus spra­ch zu ihm: Laß die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!

 

(61) Wieder ein andrer sprach: Herr, ich will dir nach­folgen; nur, erlaube mir, daß ich   zuvor Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind. (62) Jesus aber spra­ch zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

 

Diese Szenen vergegenwärtigen in drastischen Dialogen, was im Blick auf die kleinen und großen Entscheidungen unseres Le­bens auf dem Spiel steht: Unsere Freiheit. Der erste der Dreien träumt nur davon. Er hält sie für eine schöne Idee. Er findet sie schick und denkt, er will sie auch. Aber er legt das Projekt ohne zu zögern beiseite, als sich abzeichnet, daß er seine Kuschelecke verlieren könnte. Der Zweite hat sich bislang noch keine Gedan­ken über seine Freiheit gemacht. Sein „Na gut, aber. . .“ zeigt, wie er seine Prioritäten setzt. Der Dritte scheint sich mit dem Gedanken der Freiheit schon seit geraumer Zeit befaßt zu haben und nun so weit zu sein. Deshalb ist es ja auch nur ganz wenig, nur ein klitzekleines Tschüß, das ihn davon abhält, zu sagen „Wann, wenn nicht jetzt!“
Über die historische Radikalität dieser Wahrheit können wir trefflich diskutieren; aber da bleibt so viel Wahrheit übrig, wie sich historisch nicht bändigen läßt. In diesen Sätzen steckt die Erkenntnis, daß wir unfrei sind und mit unserem Glauben nichts gewonnen haben, wenn wir unser Leben vorzugsweise in der Schwebe halten, sorgsam darauf bedacht, uns jederzeit alle Möglichkeiten offen zu halten, statt konkret zu werden. Wir
haben als Christen wenig gekonnt, wenn wir von unserem Glauben so wenig halten, daß wir ihn nicht ernst nehmen und Schritt um Schritt erkunden, was es heißt, daß der Weg der Nachfolge auch in unserem Fall ein Weg der Freiheit ist. Wir kommen in unserem eigenen Leben nicht an, wenn wir immer zwei Schritte zurücktreten, statt den einen Schritt nach vorn zu tun, uns einen Ruck zu geben, und unseren Fuß auf jenes Territorium zu setzen, das Lukas „Reich Gottes“ nennt. Wir sollen nicht die Füße heben, wenn wir schon einmal mitbekommen, wie dieser Lebensraum Meter um Meter auf uns zu wächst.
Kurz gesagt: Wir sind unfrei – so der Evangelist – wenn wir uns von unserer inneren Seßhaftigkeit davon zurückhalten lassen, unser Leben unter anderen Bedingungen kennenzulernen als unter denen, die wir uns selber ausgerechnet haben. Glaube ist mit dem Risiko verbunden, daß das eigene Leben in Umstände gerät, denen von außen nicht anzusehen ist, daß sie eine befreiende Wirkung haben. Was für seltsame Nachfolge-Regeln werden da auch als Regeln erfüllten Lebens ausgegeben! „Wer sein Leben für sich allein haben will, der wird’s verlieren; wer zulässt, dass es sich verbraucht, der wird’s gewinnen“ (Joh 12,25). Kann man sich darauf verlassen? Einsichten wie diese sollen eine Rolle spielen, wenn man einmal nicht genau weiß, ob man sich einen Ruck geben soll oder nicht?
III   Nachfolge als Lebensart der Freiheit
Daß es beim Thema Nachfolge um den Königsweg erfüllten Lebens und um die Lebensart der Freiheit geht, ist in dem zitierten Predigttext reichlich verschlüsselt formuliert. Einladend, motivierend ist es nicht, was da steht. Wer gibt sich schon einen Ruck, wenn ihm in Aussicht gestellt wird, danach obdachlos zu sein? Und überhaupt: Daß von irgend einem Reich behauptet wird, man könne dafür getrost alles opfern, was einem lieb und teuer ist, ist nicht sonderlich originell. Solche Reiche sollten uns eigentlich gestohlen bleiben. Aber schauen wir
genauer hin. Man muß ein bißchen an der Patina dieses Textes herumkratzen, um ihn nicht genervt auf die Müllkippe der Ideologien der Weltgeschichte zu kicken.
Das Szenario dieser Überlieferung stammt aus einer Zeit, in der die Bewegung, aus der sich einmal das Christentum entwickeln sollte, auch radikale Anhänger gefunden hatte. Sie lebten in dem Bewußtsein, daß die Tage dieser Welt gezählt sind. Wenn vom „Kommen des Reiches Gottes“ die Rede war, dachten sie an den Abbruch und das Ende aller irdischen Verhältnisse, ob nun im Blick auf persönliche Beziehungen, die gesellschaftliche Wirklichkeit oder die Machtverhältnisse in der Welt. Weil es sich für sie nicht mehr lohnte, sich in irgend einer Weise einzurichten, war die Straße ihr Zuhause. Wenn Jesus in die Nachfolge rief, so konnte das für sie nur bedeuten, aus den ganz real bestehenden Lebensumständen aufzubrechen, und das eigene Leben nicht länger davon bedingen zu lassen, daß man eine Heimat oder ein Haus oder eine Familie oder soziale Verpflichtungen hat. Es geht aufs Ende zu – was sollen da noch Küsschen und Umarmungen zum Abschied!
Heute sind wir mit der Geschichte unseres Glaubens an einem anderen Punkt angekommen: Daß wir Christen sind, hält uns nicht nur nicht davon ab, sondern bestärkt uns darin, Beziehungen zu pflegen, unser Leben mit anderen zu teilen und anderen ein verläßlicher Partner, Freund oder Vater zu sein. Wir bauen uns Häuser, nehmen ein Studium auf oder fangen an, ein neues Buch zu schreiben – in der Gewißheit, daß es auch noch gelesen werden kann.
Trotzdem ist die Praxis der Nachfolge durch zwei Jahrtausende hindurch weiter als das Kennzeichen christlicher Existenz und als Basis der Freiheit verstanden worden. Aber heute fühlt sich diese Freiheit anders an als damals bei den Radikalen: Verbunden mit der Aussicht auf ein Leben im kontinuierlichen Miteinander, mit guten Gewohnheiten, erstrebenswerten Zielen und einer im besten Sinne stets offenen Zukunft wird Nachfolge nicht nur als „Freiheit von“, sondern stärker als „Freiheit zu“ erfahren: das heißt als eine Leben
eröffnende Freiheit, die zum Leben im Hier und Heute ermächtigt, eine Freiheit, die sich auch Ausdruck verschafft in der Fähigkeit eines Menschen, sich zu binden, eigene Urteile zu bilden und Entscheidungen treffen. Es ist eine Freiheit, die den Menschen neugierig sein läßt auf sein Leben, auf seine Zukunft, auf sich selbst. Es ist eine Freiheit, die es ihm sowohl erlaubt, sich verunsichern und hinterfragen zu lassen, als auch, klare Entscheidungen zu treffen, sich einen Ruck zu geben und das Leben gegebenenfalls in eine andere Richtung fortzusetzen.
D. h., Nachfolge führt nicht jeden Menschen in die gleiche Richtung, wie man denn auch nicht sagen kann, das Himmelreich sei hier oder da. Der eine wird in der Nachfolge Jesu Sozialarbeiter bei den Straßenkindern Brasiliens, einen anderen bringt sie dazu, Theologie zu studieren, und wieder einen anderen veranlaßt sie dazu, sich von bestimmten Menschen oder Dingen zu trennen – grad so, wie es in den von Lukas geschilderten Szenen angesprochen wird. Eines haben diese Schritte jedes Mal gemeinsam: Sie sind Schritte, mit denen sich Menschen in dem, was die wollen, binden – und sind zugleich Ausdruck ihrer Freiheit.
Es gibt noch weitere Zusammenhänge zwischen den Nach­folge-Erfahrungen damals und heute: Es geht um Schritte in unserem Leben, die deshalb heikel sind, weil sie unsere Existenz berühren, um Schritte, die mit einem Wechsel in andere, neue Lebensumstände verbunden sind. An einem bestimmten Punkt im Leben angekommen, genügt ein Schritt. Danach leben wir unter veränderten Verhältnissen. Jesus erklärt: Ihr könnt zu den Bedingungen des Reiches Gottes leben. Jetzt. Merkmal dieses Lebens ist nicht radikale Unabhängigkeit, nicht rigorose Frömmigkeit, nicht blinder Gehorsam, nicht Endzeitstimmung, sondern eine bedingte Freiheit, Freiheit, die bedingt ist von Möglichkeiten, die euer Glaube als gegeben erkennt.
In jedem Fall führt der Weg der Nachfolge nicht an unserem Leben vorbei, sondern in es hinein. Erfülltes Leben, ein Leben, das ich leidenschaftlich lebe, das ich mit Hingabe lebe, in dem ich meine innere Seßhaftigkeit verliere, ist die Folge davon, daß ich mich von Lebensumständen bedingen, beeinflussen,
motivieren lasse, von denen ich gar nicht wußte, daß sie bestehen!
IV. Erfülltes Leben in Freiheit
Und dazu braucht es einen Ruck? Wann, wenn nicht jetzt, sollten wir uns dieses Leben gönnen!? Nun gut, die Vorstellungen des Evangeliums von einem erfüllten Leben in Freiheit und die landläufigen Vorstellungen von einem lebenswerten Leben ergänzen sich nicht einfach, sondern stehen oft quer zueinander. Denken wir an den reichen jungen Mann, der mit seiner Traurigkeit in die Weltliteratur eingegangen ist. Er kommt zu Jesus als jemand, der im Begriff ist, sein Leben zu ändern, als einer, der anfängt klar zu sehen und ahnt, daß – modern gesprochen – seiner Identität die Komponente Freiheit fehlt. Er spürt, daß er nicht weit entfernt ist von dem Leben, nach dem er sich sehnt, von einem Leben, das nicht mehr allein von den Bedingungen seines Reichtums bestimmt wird. Und Jesus gibt ihm recht: Es fehlt wirklich nicht viel. Nur ein Schritt. Jener erste Schritt, der ihn von seiner bisherigen Existenz trennen wird. Es geht! „Faß dir ein Herz!“ – Doch er geht traurig davon. Er geht zurück. Die Freiheit, die ihm sein Reichtum ermöglicht, ist auch nicht ohne. Aber ich denke, er kommt wieder; denn daß er überhaupt gekommen ist, und daß er traurig davon geht, zeigt, daß sein Leben in Bewegung geraten ist. Es ist anscheinend schon in der Schwebe. Es zieht ihn in die Freiheit. Er will jemand anders werden, nicht der von seinem Reichtum gefangene Mensch bleiben.
Der Mann in der letzten Szene des Predigttextes hat seinerseits Feuer gefangen. Schon seit langem beobachtet er mit Sympathie, Bewunderung und etwas Wehmut die Lebensweise und den Lebensstil jener religiösen Wanderkommune. Vielleicht hat er die ganze Nacht wach gelegen und sich vorgestellt, wie es wäre, wenn: Wenn er einfach zu jener Gruppe hingehen und sagen würde: „Ich will es auch! Ich will meine Kraft nicht
länger für einen möglichst komfortablen Alltag aufbrauchen. Ich will riskieren, einen Weg zu betreten, der mich verändern könnte. Ich will Abschied nehmen von dem falschen Selbstbild, das ich mit mir umhergetragen habe. Ich will frei werden von der Sorge, zu kurz zu kommen. Ich will die Freiheit haben, mit meinen Grenzen zu leben und gleichzeitig jene Wege kennenlernen, von denen es heißt, sie entstünden, indem man sie geht. – Ja! Herr, ich komme mit. Aber du verstehst, daß ich erst Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind.“
Doch Jesus sprach zu ihm: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geeignet für das Reich Gottes.“ Gleichzeitig Losgehen-Wollen und Innehalten geht nicht. Gleichzeitig unter neuen Bedingungen und in alten Verhältnissen leben, geht nicht. Wir machen uns etwas vor, wenn wir glauben, beliebige Male hinter die Entscheidungspunkte unseres Lebens zurückkehren zu können, als wäre nichts geschehen, als wären wir inzwischen nicht andere geworden. Wieviel schlaflose Nächte brauchen wir noch, und – vor allem – wie viele Abschiede? Die haben es nämlich in sich! Wieviel Klarheit muß uns noch umleuchten?
Wir können nicht übers Wasser gehen und uns gleichzeitig daran erinnern, daß wir das gar nicht gelernt haben. Wir können nicht Berge versetzen und gleichzeitig so tun, als seien wir zu schwach, eine grade Furche über den Acker unseres geglätteten Alltagslebens zu ziehen. Wer die Hand an den Pflug legt, kann nicht gleichzeitig zurückschauen, sondern sieht das Weizenfeldschon mit vollen Ähren sich im Winde wiegen. Der schmeckt schon die Früchte, die auf diesem Boden erst noch wachsen. Der weiß um den Schatz im Acker und steht schon mitten im Himmelreich. Es fehlt ihm nichts – auch wenn die Arbeit erst beginnt.
Daß auch wir auf diesem Acker stehen und uns mit unseren Pflügen in der Hand heute hier versammelt haben, ist aber nichtallein Ausdruck unseres Überlebenswillens. Der vorbereitete Pflug, das bereitgestellte Saatgut, der fruchtbare Acker – das sind Fingerzeige einer Nachfolge besonderer Art: Er, der mit seinem ganzen Leben zur Nachfolge in die Freiheit aufgerufen
hat, hat das Feld unseres Handelns durch die Praxis seiner Freiheit vorbereitet und sich dabei als unser Bruder erwiesen. In dieser Sache verhält es sich mit der Beziehung zwischen Jesus und uns wie mit der zwischen älteren und jüngeren Geschwistern: Die jüngeren haben es in bestimmter Hinsicht leichter, denn die älteren haben ihnen einen gewissen Spielraum geschaffen. Die größten Kämpfe sind ausgefochten. Wenn unser Lebensmut an Grenzen stößt, wenn wir den Pflug aus der Hand legen wollen, wenn die Frage, was wir tun sollen und wer wir sind, wieder in die Schwebe gerät, sind wir auf diese Art der Wegbereitung angewiesen.
Und der Wunsch, daß uns in dem vor uns liegenden Semester der eine oder andere „Ruck“ gelingen möge und daß wir in der Aneignung unsere Freiheit wachsen, hat gute Chancen, in Erfüllung zu gehen.