Eine schöne Beerdigung

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Manchmal habe ich Sehnsucht nach einer richtig schönen Beerdigung. Nicht, daß ich ins Tote vergafft wäre, nein, es geht mir um das Leben, das man spüren kann, wenn wir unsere Toten geleiten.

Näherungsweise habe ich schon saftige und lebendige Bestattungen erlebt, aber das Normale in der Großstadt ist doch die Ödnis der Trauer-Garagen auf den großen Friedhöfen, die Ängstlichkeit und daher die große Distanz von Gästen, Verstorbenen und Zelebrierenden.

Auffällig ist auch die Scheu im Umgang mit Symbolen unter uns Protestanten. Wir machen Worte, und wenn sie uns ausgehen, machen wir noch mehr Worte.

Andere (Katholiken) machen zB auch Rauch. Das versteht man nicht gleich, aber eine wortfernere Ebene des Menschseins stimmt instinktiv zu und erklärt sich – viel später dann – dies merkwürdige Symbol: „Ja, steigt auf, der Rauch, verraucht, wie der Mensch, den wir ziehen lassen müssen – und ist doch ganz gegenwärtig. Geist Gottes, der hinaufträgt ?“. Andere zünden Kerzen an. Wieder andere bewegen sich bei der Bestattung, umkreisen den Sarg, tanzen gar oder machen eine kleine Prozession.

 

 

Einen richtig schönen Beerdigungs-Gottesdienst kann ich mir sogar vorstellen:

Der Gottesdienst (man nennt das sonst ‘Trauerfeier’) findet natürlich in der Kirche statt, bei freundlichem Wetter gern auch draußen.

Vor Beginn wird (vor der Kirche oder abseits des Gottesdienstplatzes) ein Choral gesungen, jemand spricht einen Psalm und sagt, was jetzt dran ist. Jemand sagt laut, in wessen Namen wir zusammen sind, und da gilt auch der himmlische, denn die Toten sind nicht alles im Leben. Jedenfalls nicht einfach hineingehen, sich abständig hinsetzen und dann erstmal die nackte Ödnis regieren lassen. Nein, langsam annähern. Im Windschatten der alten und großen Worte und Klänge. Vielleicht sogar singend auf den Sarg zugehen. Beieinander bleiben, sich nicht vereinzeln lassen. Denn das will er ja, der Teufel, im Angesicht des Todes. Er will vereinzeln. Nein, wir nehmen uns vielleicht sogar bei den Händen, und kaum hereingekommen, versammeln wir uns um den Sarg. Wir spüren die Angst vor dem Tod, je dichter wir stehen, und merken gleichzeitig – daß wir leben. Also: Heran an den Sarg. Anfassen, das Holz, den toten Menschen ahnen, nahe sein, nicht weglaufen. Sich abwenden und gehen kann man immer noch, aber nur dann, wenn man nahe war. Was einem nicht nah war, wird man auch nicht los.

 

Beim Hinsetzen zünden wir im Vorübergehen eine Kerze an, die bereitliegt und stecken sie in eine Schale mit Sand. Nun sitzend blicken wir auf ein kleines Lichtermeer aus lebendigen Flammen. Sie züngeln wie unsere Gemüter.

Still ist es geworden, und man ist froh, daß nichts gesagt werden muß.

 

Wenn die Stille gesättigt ist, wird gesungen. Laut singen wir. Wir singen von der Schöpfung, die sprießt, vom ‘Freudenmeister’ oder von unserer Trauer, die wir himmelwärts schicken.

Denn wir beugen uns dem Teufel nicht, der es gern hätte, wenn wir alle Regungen herunterschlucken – er sähe mit Vergnügen zu, wenn nur eine elektrische Orgel wimmernd unsere private Innerlichkeit abschirmen würde. Damit alles so versteckt bleibt wie immer. Nein, wir Christen öffnen die Münder und tönen heraus, was innen ist. Aber nicht formlos; denn da wir unter unseren Toten viele Dichter und Komponisten als Freunde und Freundinnen haben, sind wir reich an Beistand in der Stunde, da uns die Worte ausbleiben.

 

Dann sagt jemand etwas. Er oder sie wird sprechen mit der Geste des Nicht-Wissens, wissend, daß es in der Stunde des Todes keine Erklärungen gibt. Er oder sie wird nicht von ‘paulinischer Auferstehungs-Hoffnung’ reden, sondern konkret sagen, wo es in diesem vorfindlichen, grade beendeten Leben so hell war, daß es bleibend hinüberleuchtet. Und diese Helligkeit wird er oder sie in Bezug setzen zu der Helligkeit Gottes und Christi in seinem Leben unter uns. Denn was wir erkennen an Gutem im Leben, das ist ein Wiedererkennen der Güte Gottes. Und es wird nicht verborgen, was im Himmel an diesem Leben noch der Ergänzung bedarf.

 

Vielleicht wird dann eine Stimme ein kleines Lied singen, oder mehrere zwei Gospels, oder alle einen kreisenden Kanon, oder ein mutiges Saxophon weint und lacht.

 

Jemand zündet Weihrauch an, und einfache Fürbitten steigen himmelwärts, von den Plätzen aus, und man nimmt jede von ihnen singend auf. Wir haben Zeit.

Und wenn es still ist, ist es still. Dann raucht es nur. Was jetzt aufsteigt, weiß der Himmel.

 

Und wer hat eigentlich verboten, nun das Abendmahl zu halten ? Das Abschiedsmahl, das den Tod überwindet, indem es ihn feiert. Dieser Gestus Christi, der zum Schluß das einzige verschenkt, das er je hatte: Sich selbst. Was gibt es für ein größeres Ziel als zu lernen sich herzugeben und dabei den Tod zu überwinden ? Und was liegt näher, als diesen Christus und in ihm den Verstorbenen unter Brot und Wein aufzunehmen.

Also feiern wir Abendmahl.

Da ist er unter uns. Gegenwärtig in den Gaben der Schöpfung und auf den Gesichtern aller Anwesenden. Der Sarg ist eingereiht in unseren Abendmahls-Kreis, und wir merken die Gegenwart der Toten unter uns. Und die Gegenwart des einen auch, der den Tod geschmeckt hat.

 

Wir sprechen die Aussegnung gemeinsam.

Gesungen wird wieder aus Leibeskräften.

 

Die Prozession zum Grab ist grundmusikalisch. Das Akkordeon geht vorweg und intoniert ‘Christ ist erstanden’, wir singen hinterm Sarg. Wir gehen gern mit und möglichst lange, denn dieser Weg erleichtert uns. Gehend geleitet es sich besser. Wenn wir nicht singen, reden wir mit dem Nachbarn. Oder wir schweigen.

 

Am Grab sparen wir uns Dogmatik und Ethik, wir betonen nichts mehr, denn nun ist alles gesagt. Nun geben wir her. Vielleicht steigt wieder Rauch auf am Grab. Sicher wird noch einmal gesungen. Wir werden eng beieinander stehen, damit wir nicht verfliegen. Und trotzdem wird abseits stehen dürfen, wer es so möchte. Wir hören aus der Bibel, wohin es geht, woher wir kommen, wir spüren die Natur – gleich in welchem Zustand, sind einen Moment still, eine Posaune (die letzte) könnte etwas spielen. Unsere Hände greifen den Sand, der den Sarg im Grab bedeckt. Vielleicht gibt es einige Spaten für die, die mehr tun wollen – auch das kann trösten.

 

Nachher treffen wir uns beim Leichenschmaus, dem Mahl, das dem Abendmahl so eigentümlich verwandt ist. Da sind der Phantasie nun kaum Grenzen gesetzt. Das ist auch nicht automatisch Sache der Kirche, aber ich wundere mich, daß dies ‘Hinterher’ auch bei der Bestattung kirchlich naher Menschen so völlig privatisiert verläuft. Was ließe sich alles erzählen, wenn der gemeindliche Zusammenhang beim Essen den oft engen privaten Kreis weiten würde – welch erweitertes Bild erhielten Angehörige, wenn sie spürten, welche Bedeutung ihr/e Liebste/r für andere in der Gemeinde hatte ? Die Kirchengemeinde kann doch zum Dank für gute Zusammenarbeit eine einfache Feier ausrichten und gestalten.

Zum Schmaus gehören Erzählchens, kleine Einlagen, Erinnerungen, es wird nicht stumm gemampft. Man erzählt doch auch bei der Konfirmation und der Hochzeit. Weint jemand, so wird man wissen, warum. Und es wird gelacht, über das Leben und über den Toten.

 

Und über’s Jahr nutzen wir den TotenEwigkeitsSonntag zur kleinen und ersten Nachlese.

Der Sonntag wird gestaltet in der Kirche. Namen werden verlesen, Kerzen entzündet für die Verstorbenen, man kann wieder nach vorn gehen und selbst die Kerze entzünden für den Menschen, den man verloren hat. Es wird nicht alles vor-zelebriert, man legt auch selbst Hand an und erinnert sich gleichzeitig an die Bestattung mit den Kerzen. Steigt Rauch auf ?

Jedenfalls hören wir wieder eine Posaune.

Psalmen werden gemeinsam gesungen und gesprochen.

Choräle sowieso.

Es wird Stille sein zum Verweilen und Sinnen.

Jemand wird sprechen vom Weg, den die Toten nehmen und wie man sich vorstellen kann, wo sie ankommen.

 

Genug des Entwurfs.

Bei alldem hört man den Gegenruf: „ Ja, das geht aber bei uns nicht.“

Ich habe nahezu alles Beschriebene selbst mit guter Resonanz erprobt, sogar in den Hamburg-Öjendorfer ‘Trauer-Garagen’, nie alles auf einmal, aber etliches einzeln oder kombiniert.

Es geht, auch mit Fremden. Und es wirkt. Über Jahre. Die Trauergemeinde ist bereit sich führen zu lassen, wenn wir es denn wollen. Aber wir wissen nicht, wie das geht oder wie es sich anfühlt. So geraten uns die Bestattungen oft zu Schablonen, und die Erwartung von ferner und gleichgültiger Kirche wird bedient.

Dabei wäre jede Bestattung unsere Chance zu überraschender Nähe, zu erstaunlich einfachem und lange wirksamem Trost und damit auch zur klugen und gemütvollen Präsentation christlicher Kirche.