Die Versöhnung – Ablauf einer Einzelbeichte

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Beichte wird hier als Form der Versöhnung verstanden. Ein Mensch findet zu Gott, zu sich, zu den anderen und zur Welt zurück, wenn er sich der Zuwendung Gottes neu erinnert und dabei auch der Abwege und Gräben (‚Sund’ heißt ‚Graben’ – daher das Wort ‚Sünde’), die in all seinen Bezügen aufgetaucht sind.

Im Vollzug der Versöhnung spricht ein Mensch zu Gott in das Ohr eines anderen Menschen. Insofern ist Beichte eine Form des Gebets. Der Hörende begleitet dies Gebet durch Fragen und Unterstützung. Er oder sie weiß die ganze Zeit um die Gegenwart Gottes und spricht im Namen Gottes Segen oder Freispruch zu, wenn das gewünscht wird.

Beichte mit Freispruch ist dann sinnvoll, wenn eine Verstrickung oder eine Schuld im Leben des Menschen auftaucht, die aus eigener Kraft nicht zu lösen ist.

Wer hört, sollte durch die ganze Begegnung hindurch führen, damit der, die Sprechende frei ist, sich auf sich selbst und die Beziehung zu konzentrieren, ohne Verhaltensregeln oder Abläufe bedenken zu müssen, die vielleicht sowieso unbekannt sind.

Die Mischung von objektiven, also vorgeformten Worten (Psalm, Vaterunser usw) und eigenen Formulierungen (Gespräch, spezieller Segen usw) ist eine feine Kunst. Wer sich stark öffnet im Gespräch, kann gut objektive Formeln und Rituale vertragen, die wie ein Geländer in unbekanntem Gelände das Gehen sichern. Wird das übertrieben, so erstarrt der Vollzug uU. Geht es zu formlos zu, kann man sich verloren vorkommen in der Beliebigkeit privater Äußerungen. Die natürliche und gelöste Form, die warm zelebriert wird, wäre ein Ideal. Hier ist etwas Sinn für die Wirkung des Ritus und für das Gegenüber gleichzeitig nötig.

 

Zum Ablauf:

  1. Den Ort bestimmen und gestalten.
    Insofern Versöhnung in der Beichte als Gebet verstanden wird, ist es sinnvoll, wenn sich beide zu einem dritten Ort hinwenden (Ikone, Kreuz, Kerze), also Seite an Seite in die gleiche Richtung schauen. Es ist sinnvoll, für sich zu klären, an welcher Seite ich als Hörender einen anderen Menschen besser vertrage, links oder rechts von mir.
  2. Worte aus dem 139. Psalm eignen sich gut am Anfang des Gesprächs. Einfach kommentarlos vom Hörenden vorgelesen, gebetet, geben sie dem Sprechenden Raum für eigene Phantasien, fürs Ankommen im Raum und für die Ausrichtung. Es ist dann von vornherein klar, wohin das Reden geht: Im Gebet zu Gott. Das entlastet beide.
    Ein Beginn könnte also wie folgt aussehen:
    Begrüßung mit Friede sei mit dir.
    Sitzend: Ich bete ein altes Gebet, einen Psalm: Herr, du erforschst mich und kennst mich, …
    (Ps 139 in Auszügen, gern mind. 10 Verse).
  3. Ein Gebet, das wie ein Kollektengebet im Gottesdienst die zu vermutenden Gefühle einfängt, einsammelt, die jetzt im Raum sind, ergänzt in eigener Sprache die objektive Sprache des Psalms und greift auf, was vielleicht an Ängsten und Besorgnissen da ist. Ein solches Gebet kann etwa so lauten:
    Gott, wenn du uns anblickst, erkennen wir dein Gesetz,
    wenn du uns anblickst, werden wir aber auch frei vom Gesetz des Todes,
    wenn du uns anblickst, werden wir schön.
    Deine Güte gebiert unsere Güte,
    deine Gnade ruft uns ins Leben.
    Gott, der du uns Vater und Mutter bist,
    wir wissen nicht, was wir sagen sollen und sind doch hungrig nach der Liebe, die nicht abbricht.
    wir kommen heute zu dir und möchten dir hinhalten, was uns bewegt.
    Hilf uns beim Sprechen und Hören.
    Amen.
  4. Das Sprechen und Hören kann jetzt beginnen. Ein kurzer Satz eröffnet das, evtl.:
    Was brauchst du/Was brauchen Sie ? oder

Nun ist Zeit zu sprechen und zu hören.
Wenn anfangs Schweigen herrscht, ist das normal. Wer hört, kann ermuntern, auch das Unfertige auszusprechen – es wird sich schon eine Form zeigen.
Wer hört, sollte in sich zwei Blickwinkel aufmerksam wahrnehmen:
a. Wo liegt die Gabe Gottes in diesem anderen Menschen ?
b. Wo liegt seine ‚Wurzelsünde’, dh, wo verfehlt er/sie sich und andere immer wieder auf die gleiche Weise, auch wenn es äußerlich jeweils anders aussieht.

Fragen sind gestattet, die Unverständliches klären. Dedektivischer Sinn mit Spekulation über die Motive des anderen oder bohrende Nachfrage ist nicht angebracht. Der, die andere soll den eigenen Weg zur verlorenen Beziehung finden. Der ist manchmal langsamer und umständlicher als Hörende es gern hätten. Nichts beschleunigen wollen, sondern die Lebensgestalt der, des anderen innerlich Gott hinhalten und um Klärung bitten. Gelassenheit üben im Begleiten. Ich werde nichts bewegen, aber im Hören und durch die liebende Aufmerksamkeit können Bewegungen im anderen ausgelöst werden, die weit größere Wirkung haben als ein Ratschlag.
Nach einer Weile wird oft von selbst sichtbar, ob es eine Beichte mit dem Wunsch der Absolution oder eine Aussprache mit dem Zuspruch des Segens werden wird. Man kann kurz innehalten und das klären, damit die Richtung deutlicher wird und man sich gemeinsam einstellt.

  1. Ist das Sprechen beendet, ist erneutes Gebet empfehlenswert. Das kann auf zweierlei Weise geschehen:
    a. Der, die Hörende bietet an, für den, die andere/n das Wichtigste aus dem Gehörten im ausgesprochenen Gebet vor Gott zu halten und tut das. Dann ist – wie beim Gebet am Anfang, s. Punkt 3. – das ‚Wir’ eine günstige Form des Sprechens, weil es den, die Hörende/n einbezieht in die Erlösungsbedürftigkeit.
    b. Der, die Hörende fragt den, die andere/n, ob er oder sie selbst das, was bewegt und herausgekommen ist, noch einmal vor Gott halten möchte im Gebet.
    Solch ein Gebet zeigt erneut, dass es um die (Wieder-)Aufnahme der Gottesbeziehung geht und übt gleichzeitig das Beten aus dem offenen Herzen. Wenn jemand hier selbst formulieren kann, was wichtig ist, wird er oder sie es vielleicht auch später für sich allein können.
    Auch wenn der, die Hörende stellvertretend betet, wird klar, dass man Innerstes Gott hinhalten kann ohne vorgeformte Worte und Kenntnisse. Dieser Akt kann Menschen einen Zugang zum Beten (wieder) eröffnen.
    Beim Beten kann man knien oder sitzen.
  2. Nun ist zu klären, was der, die andere braucht:
    a. Brauchst du, brauchen sie Freispruch von dem, was belastet ?
    Manchmal kann man das nahe legen – besonders dann, wenn die Verstrickung unlösbar scheint; aber man beachte: Nichts ist prekärer als Vergebung, die nicht erwünscht war.
    b. Brauchst du/brauchen Sie Gottes Zuspruch, einen Segen für Ihren Weg ?
  3. Wird Zuspruch oder Absolution gewünscht, so sollte stehen oder knien, wer das empfängt. Die Hände werden mit klarem und entschiedenem Kontakt auf den Kopf gelegt.
    a. Vor der Absolution ist der Auftrag Jesu an die Seinen zu zitieren, Sünden zu vergeben. Auch muß klar sein, dass man im Namen des dreieinigen Gottes losspricht.
    Und drittens wird Sünde und Vergebung im Spruch benannt. Also etwa so:
    “Glaubst Du, dass die Vergebung, die ich zuspreche, Gottes Vergebung ist, so antworte ‚Ja’“. – Antwort: „Ja.“
    “Wie Jesus die Seinen beauftragt hat, Sünden zu vergeben, so handle ich gemäß seiner Weisung an Dir: Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes – Dir ist alle deine Schuld vergeben, die bewusste und die unbewusste. Die Last der Vegangenheit ist abgetan. Gott setzt heute in deinem Leben einen neuen Anfang. Du bist frei.“b. Wird statt Vergebung einfacher Zuspruch gewünscht, gibt es einen Segen mit oder ohne Handauflegung.
  4. Vaterunser und Dankgebet beschließen die Beichte. Vielleicht möchte der, die andere selbst beten – sonst übernimmt es der, die Hörende.
  5. Wer Absolution erhalten hat, bekommt hier noch einen Segen.
  6. Der Abschied lautet wie die Begrüßung: Friede sei mit dir.

 

Nachher:

Was mit Absolution gebeichtet wurde, ist vergeben und vergessen. Von allen Beteiligten. Das betrifft selbst Straftaten. Nichts wird mehr davon angesprochen, auch nicht gegenüber der Person, die gebeichtet hat. Selbst bei einer folgenden Beichte mit der gleichen Person spricht, wer zuhört, von sich aus nicht von dem, was ehemals gebeichtet wurde.

Wer gebeichtet hat, schweigt darüber auch.

Was im seelsorgerlichen Gespräch ohne Absolution anvertraut wurde, unterliegt dem Stillschweigen gegenüber Dritten, kann aber in weiteren Gesprächen mit der gleichen Person Thema sein – auch vom Hörenden aus.

Sollten Straftaten vorliegen, die fortdauern, so kann man sagen: „Wenn Sie weiter diese Taten begehen, kann ich darüber nicht mehr schweigen.“

Wer hört, sollte vergessen. Wo das schwer fällt, hilft das Gebet oder Hilfe durch seelsorgerlichen Rat. Wer fortlaufend Beichte oder Seelsorge betreibt, sollte das auch selbst an sich praktizieren lassen.

 

Thomas Hirsch-Hüffell, Rahlstedter Str. 223, 22143 Hamburg, 040. 677 18 30