Deutsch für Theologinnen und Theologen

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Ein Schnellkurs in fünfzehn Lektionen

Vorbemerkung: Dieses Papier soll helfen, gute Gedanken auch gut an den Mann und die Frau zu bringen. Es soll anregen und das Sprachbewusstsein schärfen. Es ist nicht die Bibel, jedeR kann es nach Bedarf korrigieren und ergänzen. Am besten wäre es, das Original zu lesen: Wolf Schneider, „Deutsch für Profis – Handbuch der Journalistensprache- wie sie ist und wie sie sein könnte“. Dieses Papier folgt in etwa dem Aufbau dieses Buches und versucht wesentliche Erkenntnisse der 270 Seiten zusammenzufassen und ist mit Unterlagen von Frank Seifert ergänzt. Die Beispiele sind nur z.T. von Schneider, inklusiver Sprachgebrauch ist für Schneider kein Thema. Dieses Papier ist keine wissenschaftliche Arbeit und verzichtet deshalb auf genaue Quellennachweise. Wenn irgendwas näher interessiert: Schlag nach bei Schneider!

Juni 1996/Dezember 2002, Katharina Gralla

 

1. Wider die Adjektivitis

„Misstrauen gegen nur schmückende Beiwörter und Argwohn gegen das Adjektiv überhaupt, mit der Nutzanwendung: den Text auf irgend entbehrliche Adjektive durchsehen, jedes gestrichene als einen Gewinn betrachten und ein schlechtes Gewissen über jeden Satz haben, der mehr als ein Adjektiv behält.“ (W. Schneider)

„Es ist eine abwegige Vorstellung, dass sich vor jedem Substantiv ein Hohlraum befinde, der unter allen Umständen gestopft werden müsse.“ (Mackensen)

SO NICHT:

(a) Doppelgemoppelt:
  • restlos überzeugt (Überzeugungen sind nur noch Meinungen, sobald sie einen Rest von Zweifeln enthalten)
  • dunkle Ahnungen (es gibt keine hellen)
  • steile Felswände (welche Wand ist flach?)
  • riesige Wolkenkratzer, schwere Verwüstungen, lautes Geschrei, gieriges Einheimsen, zunehmende Annäherung usw.

Aus einem Artikel über die Hilfe der ELKB für orthodoxe Klöster in Russland:

„Es begann schon 1989 mit der Einrichtung einer funktionsfähigen Druckerei…“ (Ev. Sonntagsblatt, 10.3.96). (Liefert die bayerische Landeskirche sonst Schrott?)

(b) Silbenvermehrung: (Bürokratendeutsch)

Niemand sagt: der kirchliche Vorstand, der schriftliche Steller,

wir lesen aber: das elterliche Haus, die gesellschaftliche Ordnung, die kirchliche Hierarchie, die atomaren Waffen usw.

also: zusammengesetzte Hauptwörter erhalten und nach adjektivlosen Lösungen suchen; z.B.:

  • statt: im schulischen Bereich: in der Schule
  • statt: ein landwirtschaftlicher Betrieb: ein Landwirtschaftsbetrieb oder einfach ein Bauernhof
(c) Komparative

„…entwichtigen das mit Bedacht gesetzte Eigenschaftswort und bringen Konkurrenz und Neid in die Sprache.“ (W.E. Süskind)

(d) Superlative,

…da sind sich die meisten Sprachfreunde einig, sind zu vermeiden.

Nicht steigern lassen sich Wörter wie dreiseitig, einzig, tot, aber auch alltäglich, eindeutig, rund und fast alle Wörter auf -los. Das Wörtchen „bisher“ führt jeden Superlativ ad absurdum.

Lassen sich zusammengesetzte Adjektive nicht vermeiden und sollen sie auch noch gesteigert werden, geschieht das am Ende.

 

Nota bene:

Adjektive sind nur erlaubt, wenn sie unterscheiden und aussondern:

z.B. die bayerische, nicht die nordelbische Kirche.

 

 

 

 

 

 


2. Lob des Verbs

„’Verben-verstecken’ ist das bei weitem dümmste Spiel, das man mit der Sprache treiben kann. Das Verb tritt immer an prominenter Stelle auf. Niemals sollten wir ein Substantiv verwenden, wo ein Verb denselben Dienst versieht.“   (W. Schneider)

 

„Die Hauptwörterei ist eine geistige Ermüdungserscheiung: die Menschen sehen die Welt nicht mehr in Bewegung, sondern in Erstarrung. Sie greifen nicht mehr zu dem beweglichen, kräftigen Element der Sprache, dem Tatwort, sondern gießen ihre Gedanken und Gefühle in die festgefrorenen Gebilde der ‚verbalen‘ Hauptwörter“. Der Ausdruck wird Schablone und der Inhalt auch.“ (L. Reiners)

 

Also:

Möglichst viel in Verben ausdrücken, mit Substantiven sparen.

Außerdem: Subjekt und Verb möglichst an den Satzanfang stellen!

 

 

Typen von Substantiven (nach Süskind, Schneider)
  • die „echten“, d.h. bildhaften und konkreten: Blitz, Baum, Wolke
  • die bildnahen: Treue, Neid, Liebe
  • die bildleeren, abstrakten, geblähten und „unechten“: alle Wörter auf -ung, -heit, -keit, -ät, -ion, -ismus, viele auf  -nis, -tum und -schaft
  • die lebenden Leichname : z.B. Zurschaustellung, Inaugenscheinnahme

Preisfrage: Welche Substantive sind zu vermeiden?

 

Beispiele:

Statt: Das Wissen, dass Trauungen Gottesdienste sind, ist weiten Kreisen abhanden gekommen.

Besser: Weite Kreise wissen nicht mehr, dass…

Statt: Geht es Ihnen auch manchmal so, dass Sie mit dem Begreifen von Wörtern Schwierigkeiten haben?

Besser: Fällt es Ihnen manchmal auch schwer, bestimmte Wörter zu begreifen?

Statt: Die Unmöglichkeit der direkten Begegnung mit Gott ist kein spezifisches Problem unserer Zeit.

Besser: Es ist unmöglich, Gott von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Das ist keine neue Erkenntnis.

SO NICHT:

Verben, bei denen die Alarmglocken schrillen sollten:

  • Verben, die im Verein mit Hauptwörtern auftauchen (Funktionsverben oder Streckverben genannt)

z.B. Bekenntnisse ablegen, Abhilfe schaffen, in Erwägung ziehen, Verzicht leisten,  Bedeutung beimessen, zum Vorwurf machen, den Sieg davontragen, Gefallen finden an, in Augenschein nehmen, zur Verteilung gelangen, in Betracht ziehen, in die Brüche gehen, in  Abrede stellen, seinen Anfang nehmen, sein Ende finden: alle diese Ungetüme können durch ein Verb ersetzt werden!

Ausnahme: Erfolg haben, jemand zur Verzweiflung bringen u.a.

  • Spreizverben: bewirken, bewerkstelligen, vergegenwärtigen, beinhalten
  • Vorsicht bei toten Verben (sich finden, liegen, gehören, es gibt…) und bei den Hilfszeitwörtern haben, sein und werden.
  • – Verben auf -ieren sind oft Imponierwörter: verbalisieren, thematisieren, tabuisieren, reflektieren usw.

 

SO GEHT’S:

Gut sind dagegen starke, anschauliche Verben, die sich eignen würden diese Reihe Schillers fortzusetzen: „Balken krachen, Pfosten stürzen, Fenster klirren, Kinder jammern, …“

Zeiten und Formen

Das Imperfekt bezeichnet eine in der Vergangenheit liegende und in der Vergangenheit abgeschlossene Handlung!

Das Plusquamperfekt ist sperrig, lässt sich manchmal nicht vermeiden, sollte aber so sparsam wie möglich gebraucht werden.

Das Passiv ist das Lieblingskind der Bürokratie. Es verschleiert die handelnden Personen, ist schwer verständlich und nur in einem Fall erlaubt: wenn die handelnde Person niemand interessiert: „Die Kirche wird um 18 Uhr geschlossen.“

Doppelte Infinitive sind hässlich; wenn sie eine bereits gemachte Aussage wiederholen, sind sie falsch („Die Fähigkeit, glauben zu können“).

3. Das treffende Wort

„Das treffende Wort kann nur jenes sein, das die Sache oder den Sachverhalt in ungetarnter, schlüssiger, allgemeinverständlicher Form benennt.“ (W. Schneider)

„Er sagt immer alles. Er hat nie gelernt, dass man als Schriftsteller von zehn beabsichtigten Wörtern nur eines schreiben darf und nicht elf.“ (Ludwig Thoma über Ludwig Ganghofer)

„Jedes selten gehörte und ungewohnte Wort sollst du fliehen wie ein Riff.“ (Cäsar)

„Silbenschleppzüge sind unanschaulich und schwerverständlich. Je kürzer ein Wort, desto rascher trifft es seine Sache und unseren Sinn“ (W. Schneider)

 

Logisch-bürokratische Sprache ist zwar „korrekt“, aber unverständlich und entspringt häufig einem starken Trieb, sich selbst zu zelebrieren und Nicht-Insider auf Distanz zu halten. Gesetzestexte sind nur die Spitze des Bürokratiebergs.

Vorsicht beim Verwenden von Tarnwörtern: Das sind Wörter, die im Interesse meist mächtiger Kreise Realitäten verschleiern oder schönschreiben: der schlanke Staat, Problemstoffdeponie, rationalisieren, flexibilisieren, Kostendämpfung, Leistungsanreize, Sozialverträglichkeit, Freistellungen, finaler Rettungsschuss usw. Tarnwörter nicht unkritisch übernehmen, sondern versuchen, deren Sachgehalt auszudrücken.

Zynische Wortwahl hat in christlicher Publizistik nichts verloren (z.B. Arbeitslosenflut, Lehrerschwemme, Theologenberg) oder Worte, die eng mit nationalsozialistichem Gedankengut verknüpft sind: total, Selektion, selektiv, durchführen, Endsieg, Endlösung usw.

Auch kriegerische Sprache ist zu vermeiden, auch wenn unsere Zeitungen voll davon sind, v.a. im Sportteil:

Hitze des Gefechts, Bombenstimmung, Volltreffer, Marschrichtung festlegen, rekrutieren, mobilisieren, Durchbruch erzielen, Gewehr bei Fuß stehen, Preiskrieg, wie eine Bombe einschlagen, ins Visier nehmen, Rüstzeit, Strategie, Manöverkritik, am Boden zerstört sein, Pulver verschießen, geballte Ladung, jemand in die Knie zwingen, Schützenhilfe, Schlachtenbummler, Stellung beziehen, wie aus der Pistole geschossen, eine Lanze für jemand brechen, zweischneidiges Schwert, attackieren, schlagfertig sein, Grabenkriege, Arsenal, Wortgefechte, kapitulieren.

(vgl.: Cornelia Kopsch: Schlag auf Schlag und Schritt für Schritt. Militärisches in der Alltagssprache, in: Frauen fordern eine gerechte Sprache, Gütersloh 1990)

 

4. Schwulst vermeiden
  • abstrakte Oberbegriffe vermeiden, sie beruhen meist auf mangelnder Detailkenntnis; also nicht Bäume schreiben, wenn Birken gemeint sind; Hühner, Gänse und Truthähne statt Geflügel, usw.
  • Phrasen und hohles Geschwätz vermeiden:

tiefgreifende Veränderungen, Strukturkrise, zielstrebige Verwirklichung, umfassender Gedankenaustausch, schöpferische Atmosphäre, vorrangiges Anliegen, eingehende Beratung, weitreichender Beschluss, unerschütterliches Vertrauensverhältnis, weltweite Anerkennung, unermüdliche Mitarbeit, alles erdenklich Gute, beste Gesundheit, unverzagtes Herz ; oder:

„Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass diejenigen Gemeinden die geringsten Verluste an Gottesdienstbesuchern hinnehmen mussten, die durch vorausschauende und zeitgemäße Maßnahmen im Gemeindeaufbau neues schöpferisches Potential schaffen und gleichsam neue ‚innere Kreise’ erschließen konnten. Das ist keine Absage an die Tradition, sondern die nüchterne Schlussfolgerung, dass Tradition im Bereich des Handelns dort ihren größten Wert erlangt, wo sie uns hilft, die Zukunft zu gewinnen.“ (Und was sagt uns das? Nichts!)

5. Das Fremdwort

ist nur willkommen oder mindestens erlaubt, falls es

  • verständlich und treffend ist (Kredit, Sex);
  • verständlich und auf dieser Stilebene nicht durch ein deutsches zu ersetzen ist (homosexuell);
  • keine einfache Entsprechung hat.

Vorsicht vor Anglizismen! (Sinn machen, ein Netzwerk bauen, für’s, in’s o.ä.)

6. Abkürzungen und Zahlen
  • Abkürzungen sollten eingeführt werden, wenn sie nicht zum allgemeinen Sprachgebrauch gehören, wie z.B. CDU, SPD, USA.. Vielen Lesern sind Ihnen gängige Abkürzungen nicht unbedingt vertraut.
  • Zahlen von eins bis zwölf ausschreiben.
  • Zahlen im Text, vor allem exakte, behindern die Verständlichkeit. Deshalb lieber eine Tabelle nebendran als ein Zahlensalat im Text.
7. Synonyme

In der Schule haben wir gelernt: Abwechslung im Ausdruck, aber:

Nicht Abwechslung, nur Wiederholung schafft Verständlichkeit (La Roche).

Man soll den Leuten nicht die vernünftige Erwartung austreiben, dass jemand, der etwas anderes sagt, auch etwas anderes meint ( Christoph Schwarze).

Das treffende Wort ist fast nie ein Synonym. (Wolf Schneider).

Schon in der Bibel heißt es deshalb nicht:

Im Anfang war das Wort,

es befand sich bei Gott,

und letzerer identifizierte sich mit ersterem,

sondern die allseits bekannte Redundanz.

Wiederholung statt Abwechslung ist besonders wichtig, wenn man fürs Hören schreibt. Die Hörerin kann nicht zurücklesen. (Der Leser will es nicht.)

8. Die Sätze
(a) Kurze Sätze

„Kurze Sätze sind meistens verständlicher und lesen sich oft angenehmer als lange Sätze – jedenfalls als solche Sätze, die verschachtelt und überfrachtet sind. Das Optimum an eingängigem und attraktivem Deutsch lässt sich durch lebhaften Wechsel von mäßig kurzen und mäßig langen Sätzen erzielen.“ (W. Schneider)

Nur jeder fünfte Erwachsene versteht einen Satz, der mehr als 14 Worte hat, beim ersten Hören. Kurze Sätze zu schreiben macht mehr Arbeit als lange. Denn kurze Sätze setzen voraus, dass man weiß, was man schreiben will.

Kurze Sätze können starke Einstiege sein:

Der Knabe war klein, die Berge waren ungeheuer. (Heinrich Mann, „Die Jugend des Henri Quatre“)

Ilsebill salzte nach. (Günter Grass, „Der Butt“)

Einmal Zukunft und zurück! (GEO, 11/81)

Lang- und Vielschreiber sollten sich folgende Übertreibung von Ludwig Wittgenstein über den Schreibtisch hängen:

„Alles, was man weiß, nicht bloß rauschen und brausen gehört hat, lässt sich in drei Worten sagen.“

(b) Die goldene Hauptsatzregel

Die Hauptsachen gehören in den Hauptsatz und die Nebensachen in den Nebensatz.

(c) Unser Feind, der Schachtelsatz

„Wenn es eine Impertinenz ist, andere zu unterbrechen, so ist es nicht minder eine solche, sich selbst zu unterbrechen.“ (Arthur Schopenhauer)

„Wenn der deutsche Schriftsteller in einen Satz taucht, dann hat man ihn die längste Zeit gesehen, bis er auf der anderen Seite seines Ozeans wieder auftaucht mit einem Verbum im Mund.“ (Marc Twain)

 

ZU VERMEIDEN SIND:

  • die Satzgirlanden: ein langgestreckter Hauptsatz, der immer wieder durch Zwischensätze unterbrochen wird: Die Kirche, die an der Straße nach Münnerstadt liegt, wird, noch vor den Sommerferien, neu gedeckt.
  • die  Schachtel in der Schachtel: die Einschachtelung eines Unterzwischensatzes in einen Hauptzwischensatz: Die Kirche, die an der Straße, die nach Münnerstadt führt, liegt, wird neu gedeckt.
  • Klemmkonstruktionen: Partizipialkonstruktionen (die an der Straße nach Münnerstadt liegende Kirche); zwei Präpositionen hintereinander (Wir halten nichts von unter Druck zustandegekommenen Konfirmationen)
9. Zum Verhältnis von Rede und Schreibe

„Versuchen wir beherzt, die Vorzüge des Mündlichen in die Schrift zu übernehmen: das Frische, Spontane, Saftige, Ungekünstelte. Doch machen wir uns klar, dass auch die Schriftsprache Vorzüge hat: Der Schreiber ist weniger geschwätzig und verhaspelt sich seltener“ (W. Schneider)

10. Das Dilemma

Gutes Deutsch ist oft schwerer verständlich als schlechtes.

Sprachklischees und Redensarten sind z.B. kein gutes Deutsch, aber oft anschaulich und unmittelbar verständlich (bettelarm, bitterkalt, stinkfaul, goldrichtig).

Optimal verständlich sind Texte, wenn sie geläufige Wörter verwenden, einen kleinen Wortschatz und wenig verschiedene Worte, gängige Redensarten, keine Ironie und vertraute Bilder. Gutes Deutsch zeichnet sich durch unverbrauchte Worte aus, einen großen Wortschatz, viele verschiedene Wörter, keine Redensarten, Ironie am rechten Platz und neue Bilder.

Was tun? Wolf Schneider empfiehlt: „Wortverbindungen von hohem Bekanntheitsgrad erleichtern das Verständnis. Das Optimum an Aufmerksamkeit und oft ein tieferes Verständnis lassen sich jedoch erzielen, wenn man die Erwartung von Hörern und Lesern mäßig verletzt und ihrem Verstand eine mäßige Anspannung zumutet.“

11. Nein, NEin, NEIN

Ein Durchschnittsmensch braucht um 48 Prozent mehr Zeit eine verneinende Satzaussage zu verstehen als eine bejahende. ( Psychology today, 9/1974)

Jede Verneinung ist ein Problem, die doppelte Verneinung ist eine Katastrophe.

 

12. Punkt, Punkt, Komma, Strich

Sparsam sei der Gebrauch

  • des Ausrufezeichens, das den eigenen Worten einen Tusch nachschickt (unerhört!),
  • von drei Punkten am Satzende, mit denen ein geheimnisvolles Nachhallen eingeläutet werden soll,
  • des Doppelpunktes (Ausnahmen s.u.),
  • der Klammer, die meist alle Nachteile eines Zwischensatzes hat und noch den dazu, dass der bloße Anblick von Klammern (wie die Parenthesen) viele, zumal weniger gebildete Leser irritiert.
  • der Parenthese, der nicht nur – wie die Klammer – alle Nachteile des Zwischensatzes und des optischen Ärgernisses anhängen, sondern noch ein Nachteil mehr: Anders als die Klammer teilt sie nicht mit, wo bei ihr vorn und hinten ist, und leicht kann sie mit dem einfachen Gedankenstrich verwechselt werden, der zu den erfreulichen Zeichen gehört.

 

Erfreuliche Satzzeichen:

  • ein Gedankenstrich kann eine Zäsur innerhalb eines Gedankens anschaulich machen oder zwei Hauptsätze auf dramatische Weise verbinden;
  • der Doppelpunkt, wenn er

–        wörtliche Reden einleitet,

–        ein Scharnier ist und der Entschachtelung von Schachtelsätzen dient,

–        deutlich macht, dass der zweite Satz eine Begründung des ersten ist;

  • Fragezeichen nicht nur bei direkten, sondern auch bei rhetorischen und indirekten Fragen;
  • das Semikolon als federnder Satzabschluss; sehr hübsch, aber 90 Prozent der Deutschen benutzen es nie, d.h. große Häufung in einem Text wirkt maniriert;
  • übrigens: im Duden stehen alle Interpunktionsregeln!

 

13. Prodesse et delectare

Ein interessanter Text, so meint Wolf Schneider,

  • teilt mir etwas Neues und mich Interessierendes mit; mindestens findet er zu einem altbekannten Thema einen überraschenden Aspekt;
  • teilt es mir auf kurzweilige Weise mit – was nicht Kabarett oder Mangel an Gründlichkeit bedeuten soll, sondern Freiheit von Langeweile (Nützen und Ergötzen);
  • ist ein anschaulicher Text, prall von Sinneseindrücken, von Menschen und von Beispielen;
  • beschreibt keinen Zustand, sondern einen Vorgang, nicht das Sein, sondern das Werden;
  • mündet im Idealfall in einer Aussage (ein Fazit, ein Aha-Erlebnis), die so eindeutig ist, dass sie sich in einem Satz erzählen lässt, und zugleich so faszinierend, dass es den Leser drängt, diesen Satz weiterzugeben.

 

14. Alles Männer, oder was?

Sprache bildet unsere Wirklichkeit ab, beeinflusst und bestimmt sie. So spiegelt sich im Sprachgebrauch die gesellschaftliche Stellung von Frauen, aber auch von religiösen, nationalen, sozialen Minderheiten. Solidarität beginnt beim bewussten Sprachgebrauch. Die Anregungen, die folgen, sind also nicht nur für den sprachlichen Umgang mit Frauen, sondern auch mit AusländerInnen (oder Migrantinnen?), Homosexuellen, Behinderten, religiösen und kulturellen Minderheiten usw. wichtig (s. auch oben: Das treffende Wort, zynische und kriegerische Sprache).

Beispiel: eine Sprache, die Frauen nicht gerecht wird, ist eine Sprache,

  • die Frauen nicht nennt und nur „mitmeint“,
  • die automatisch den Mann an erste Stelle setzt (Eva und Adam, Schwestern und Brüder),
  • die Frauen nur in Abhängigkeit vom Mann beschreibt (Pfarrfrauen, die Frau von xy),
  • die Frauen in den traditionellen Rollen mit den sogenannten weiblichen Eigenschaften und Verhaltensweisen darstellt (z.B.: Hausfrauenpficht statt Hausarbeit; oder, aus einem Gemeindebrief über den Arbeitsbeginn einer Gemeindeschwester: „Wir wünschen ihr bei ihrer Arbeit eine geschickte Hand und ein fröhliches Herz.“ Würde der Schreiber das auch dem neuen Diakon wünschen?)
  • die Frauen abwertet, degradiert und herablassend beschreibt (Karrierefrau statt erfolgreiche Frau, Skimädchen statt Skifahrerinnen)

 

Es gibt in der Diskussion um inklusiven Sprachgebrauch eine politische und ein sprachästhetische Seite.

Zur Letzteren: wenn ich Frauen nicht nur mitmeinen will, kann ich

  • sie neutralisieren; bei geschwisterlich statt brüderlich geht das gut, Studierende, Lehrende usw. sind schon weniger schön; meist geht es gar nicht: Kirchgehende, zu Beschulende? Bleibt nur das
  • Splitting: Der Verein der Vikarinnen und Vikare, Pfarrerinnen und Pfarrer z.A., Pfarrerinnen und Pfarrer. Das ist zwar politisch korrekt, aber sprachlich eine Zumutung, vor allem in längeren Texten mit Splittings in fast jedem Satz. Das große I ist, wenn überhaupt, nur in schriftlichen Texten eine Möglichkeit.

 

 

Was tun?

Frauenpolitische Anliegen kollidieren mit der Sprachästhetik. Deshalb: nach Kompromissen suchen, z.B. am Anfang eines Textes splitten, im Folgenden die Geschlechter abwechselnd erwähnen, Frauen wie Männer als Protagonistinnen von Beispielgeschichten einsetzen, auf korrekte Berufs-/ Funktionsbezeichnungen achten, Sprach- und Rollenklischees weiträumig umgehen und… (Platz für eigene Ideen)

Vor allem: sich darüber bewusst sein, dass Sprache Bewusstsein prägt.

15. Vertrauen ist gut

Die beste Methode, um zu überprüfen, ob ein Text gut zu lesen ist, ist das Hören. Schneider schlägt zur Arbeit am Text vor:

  • laut lesen;
  • dabei und danach: die meisten Füllwörter und möglichst viele Adjektive streichen; bei fahrlässigen Wiederholungen andere Wörter einsetzen; rote Schlangenlinien an Stellen des Missvergnügens machen;
  • den logischen Aufbau prüfen;
  • den dramaturgischen Aufbau prüfen;
  • alle Stellen überarbeiten, die eine Schlangenlinie bekommen haben;
  • die Passagen überarbeiten, die den Gegenlesern missfallen haben;
  • noch mal laut lesen.

 

Und jetzt: viel Spaß beim Schreiben!