Der Engel im Fels

Er zeigt sich erst auf den zweiten Blick.Engel-im-Fels

Über dem abgründigen Wasser scheint er zu schweben.
Um ihn gewölbt ist eine Art Aura, die aussieht wie ein Zuckerhut.

Was die Natur sich bisweilen erlaubt uns zu zeigen, das sprengt unsere Vorstellungskraft. Still
und seit Hundertausenden von Jahren lagert diese Figur im Verborgenen, bis das Wasser sie freiwäscht. Bis ein Mensch kommt und etwas wieder erkennt, was er kennt: dass da mitten in
der scheinbar namenlosen Natur eine Gestalt auf ihn wartet. Die zeigt, wie wir eines Tages empfangen werden, wenn wir ankommen: Mit offenen Armen. Die ahnen lässt, was auch zu Lebzeiten gilt: Ich bin da, komm her zu mir. Die schon da war, bevor es uns gab und die uns überdauern wird.

Dass wir etwas erkennen in diesem Fels, das rührt daher, dass wir schon vorher etwas aus Erfahrung wissen. In uns eingeschrieben sind die Arme der Eltern und Ahnen, die uns
aufgefangen haben, die selbstverständliche Gegenwart des Freundes, der mit uns war, als wir sprachlos saßen. Und in alldem die Große Gegenwart, die mit jedem unserer Atemzüge mitgeht. Wir erkennen im Fels, was wir auch in den Menschen sehen: die andere Liebe, die wir uns selbst nicht geben können. Die unverdrossene Bereitschaft, die sagt: Kommt her zu mir, die ihr gebeugt und gestoßen seid, ich hauche euch Leben ein wie am Tag der Schöpfung. Das stimmt auch, wenn wir so etwas nicht erlebt haben – unsere Sehnsucht lässt nicht ab von diesem Bild. Sie kennt es irgendwo her, und sei es aus dem Mutterleib, wo alles noch um uns war und wir mittendrin. Diesen Einklang, diese Heimat ersehnt man und lässt nicht davon, bis es wenigstens manchmal eintritt. Das ist auch der Grund, warum Christen Kirchen bauen. Sie geben diesem Engel und uns eine Hülle, ein Seelenhaus, damit wir die Chance haben einander zu finden – mit ausgebreiteten Armen.

Aber manchmal ist Kirche irgendwo – mitten im Fels oder neben Dir.

 

Thomas Hirsch-Hüffell – www.gottesdienstinstitut-nordkirche.de