Das Vorbereitungsgebet im Gottesdienst

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A. Allgemeiner Hinweis:

 

In vielen Gemeinden ist das Vorbereitungsgebet ganz entfallen, weil man den Menschen am Anfang des Gottesdienstes das steile ‚mea culpa’ ersparen wollte, das ursprünglich ja auch nur zum priesterlichen Rüstgebet, also zu dessen eigenem Reinigungsritual gehörte.

Aber damit ist die Chance vertan, Menschen ankommen zu lassen in Stille und einfachem Dasein – bzw. unsere Abständigkeit von dem, was heilt wahrzunehmen. Vor aller geformten Liturgie, vor allem Nachsprechen und Mitsingen ist es gut, wenn man sich einfinden und in einem Gestus des ‚Hinhaltens’ Gott zeigen darf, was gerade anliegt, jedeR für sich – synchron mit den anderen. Das ist nicht immer Sündhaftes. MancheR ist nur gelangweilt oder vergnügt – auch das hat seinen Ort in der Stille. Und wenn jemand nichts zu zeigen hat, kann sie eben ‚nichts’ hinhalten.

Wir kennen diese Geste aus gesellschaftlichen Zusammenhängen: Wer eingeladen ist und mit starken Gefühlen ankommt, die nichts mit der Einladung zu tun haben, wird gut daran tun, etwas davon zu sagen, damit das nicht im folgenden zwischen Gastgeberin und Gast steht. Das gilt auch für den Gottesdienst.

 

 

Das Vorbereitungsgebet kann an drei Stellen des Gottesdienstes stehen:

  1. Direkt nach der Begrüßung/Eröffnung vor dem Psalm
  2. Vor dem Kyrie (mehr in der EKU geläufig) – mit dem Gnadenzuspruch
    nach dem Kyrie
  3. Vor dem Abendmahl

 

Ad 1: Hier wird empfohlen, das Vorbereitungsgebet (in seinem Charakter als Sündenvergebung) zu verbinden mit der Möglichkeit, die Menschen aus ihrer Situation des Ankommens ‚abzuholen’. Bevor weitere Text und Lieder an die Gemeinde kommen, darf sie erst einmal dessen innewerden, wie sie sich menschlich und geistlich vorfindet.

Die Konfrontation mit Ihrer Sünde, verbunden mit dem Zuspruch der Vergebung am Anfang des Gottesdienstes wird von Menschen traditionell als wichtig empfunden. Andere erleben diesen Ritus als ‚Ohrfeige’, kaum dass sie die Kirche betreten haben. Zwischen diesen Polen bewegen sich die Meinungen. Es ist gut, auf die Reaktionen der Gemeinde zu horchen. Die rechte Dogmatik tut es an dieser Stelle nicht allein.

Die dialogische Form dieses liturgischen Stückes hält es lebendig. Mit der Wortwahl wird entschieden, wohin es gehen soll: Eher in ein ‚Abholen aus der Situation’ , verbunden mit Selbstbesinnung oder mehr als ausdrückliche Form der Sündenvergebung.

 

Ad 2: Ist das Vorbereitungsgebet mit dem Kyrie-Ruf verbunden, so wird das gesamte Kyrie ‚eingefärbt’ von dem Zweck der Reinigung. Der Psalm hat mit seinem eigenen Thema die Menschen angesprochen, ehe sie zu sich gekommen sind. Die Gottesanrufung des Kyrie wird etwas eingeschränkt und zugespitzt auf den Wunsch nach Sündenvergebung.

 

Ad 3: Das Vorbereitungsgebet direkt vor der Abendmahlsfeier verstärkt den Sündenvergebungscharakter des Mahls und die Frage nach seinem ‚würdigen Empfang’. Hier muß die Gemeinde entscheiden, welchen Akzent sie dem Abendmahl geben will. An bestimmten Tagen kann der o.g. Akzent sinnvoll sein, aber immer … ? Es ist auch möglich, im Abendmahls-Gottesdienst das Vorbereitungsgebet ganz am Anfang des Gottesdienstes – gewissermaßen für dessen ganze Gestalt – zu sprechen.

 

 

B. Vorschläge für ein Vorbereitungsgebet

zu Beginn des Gottesdienstes

 

1. Vorbereitungsgebet mit Akzent auf Sündenvergebung

Lied oder Gruß, dann

 

L steht vor dem Altar mit dem Rücken zur Gemeinde betend

oder

L steht in der ersten Reihe bei der Gemeinde als Teil von ihr

zum Altar hin betend

 

L: Wir sind hier zusammengekommen Dein lebendiges Wort zu hören, zu singen und feiern. Wir sind hier, wie wir sind: Gesegnet und begabt, bedrückt und halb erlöst. Aus uns wissen und können wir viel – aber wir wissen auch: Deine Liebe muß ergänzen, was fehlt.

Laßt uns einen Moment in der Stille Gott hinhalten, was uns jetzt bewegt.

 

L setzt sich selbst hin

oder nimmt stehend mit dem Rücken zur Gemeinde teil an der Besinnung

(vermeidet den Gegenüberstand während der Stille, der missverständlich als Kontrolle ausgelegt werden kann und reiht sich sichtbar ein in die Menge der Erlösungsbedürftigen)

 

Stille, 60-90 sec

L steht vor dem Altar mit dem Rücken zur Gemeinde

oder

L steht in der ersten Reihe bei der Gemeinde als Teil von ihr

oder

L setzt sich an den Platz

 

Gebet zum Altar hin

L: Gott, der du uns Vater und Mutter bist,

du gewährst den Frieden der Seele und den Frieden der Welt.

Wenn du uns anblickst, erkennen wir dein Gesetz,

wenn du uns anblickst, werden wir frei vom Gesetz des Todes.

Wenn du uns anblickst, werden wir schön.

Deine Güte gebiert unsere Güte,

Deine Gnade ruft unsere Gerechtigkeit ins Leben.

Wir bitten Dich um Deinen Zuspruch, damit Friede und Klarheit in unser Leben einkehrt.

 

G und L: Gott erbarme sich unser.

Gott vergebe uns und rücke zurecht, was verdorben ist.

Gott lasse an uns leuchten, was gelungen ist

und führe uns zum ewigen Leben.

 

L wendet sich zu der Gemeinde, spricht zu:

 

L: Gott hat sich unser erbarmt. Sünde und Härte sind vergeben.

Wir sind frei vom Gesetz des Todes und frei vom Zwang zur Selbsterlösung.

Was gut ist an uns soll reifen.

Wir können leben durch den Zuspruch Jesu Christi und aufatmen in der Gegenwart seines Geistes.

 

G: Amen

—- folgt Psalmgebet

2. Vorbereitungsgebet mit Akzent auf Ankommen, einfacher

 

 

Gruß oder Lied, dann

 

(s. Gottesdienstbuch S. 499, oberes Gebet)

 

L steht zur Gemeinde gewandt

 

L: Wir sind angewiesen auf Gott,

der die Menschen liebt und ihnen nahe sein will.

Darum sind wir hier.

Die einen mit Dank und Freude,

die anderen besorgt oder ängstlich.

In der Stille können wir jetzt Gott sagen, was uns bewegt.

 

L wendet sich von der Gemeinde ab – hin zum Altar, 60-90 sec Stille, sitzend, stehend, in der Nähe der Gemeinde oder vorn am Altar

 

L: Gott, du bist uns Vater und Mutter.

Höre uns und sprich zu uns,

dass wir Mut fassen und deine Güte spüren.

 

G: Amen

 

– folgt Psalmgebet

 

weitere Entwürfe im Gottesdienstbuch S. 493 ff.

Dort stehen auch liturgiedidaktische Hinweise zum Thema.

 

Es ist nicht sinnvoll, diese Formen ständig zu wechseln. Wer eine einführt, sollte sie eine Weile durchhalten. Kirchenjahreszeitlich bedingt kann mehr Buße oder mehr einfaches Dasein im Raum bei Gott im Vordergrund stehen.