Christvesper am Heiligen Abend

Download

 

Klaus Eulenberger über Lukas 2

 

Liebe Gemeinde!

Wir sind gekommen, wir haben gehört: die alte Geschichte, die immer neu bleibt und immer neu wird. Sie ist uns gut und will uns wohltun. Die Weihnachtsgeschichte ist ein weiter Raum, der uns erwartet. Wir können in ihn eingehen, können mitnehmen, was in uns und an uns ist, der weite Raum wird uns aufnehmen und annehmen. Wir sind nicht die Ersten, die hineingehen. Die vor uns darin waren, haben anderes dort gefunden als wir. (Und auch wir werden jetzt nicht alle dasselbe darin finden.) Vielleicht hat der Autor der Geschichte (wir können ihn auch ihren Finder oder Erfinder nennen) etwas sehr Bestimmtes mit ihr im Sinn gehabt. Aber das verhindert nicht, daß alle, die sie später gehört und gelesen haben, einen neuen Sinn in ihr gefunden, sich einen anderen Reim auf sie gemacht haben. In ihrem Wortlaut ist die Geschichte festgelegt, nicht aber in ihrer Bedeutung. Sie ist fertig, und zugleich ist sie unvollendet. Gerade sie, die Weihnachtsgeschichte. (Es könnte sein, daß meine Predigt am Heiligen Abend Sie nur ablenkt von dem, was Ihnen selbst an dieser Geschichte jetzt wichtig ist – und daß Sie sich nicht ablenken lassen wollen. Dann ist es auch gut.)

Wir haben gehört, daß ein Gebot ausging von dem Kaiser Augustus, daß alle Welt geschätzt würde. Eine allgemeine Mobilmachung könnte man das nennen. Denn auf den Befehl hin setzen sich überall im Römischen Reich Leute in Bewegung, ein jeder macht sich auf in seine Stadt. Wozu das Ganze? Augustus, der Erhabene, will Überblick gewinnen. Er möchte wissen, wie viele Bürger des Römischen Reiches, „seines“ Reiches, ihm Abgaben schulden und wie viel. Es ist der Versuch, Ordnung in ein ziemlich großes und schwer zu überschauendes Gebilde zu bringen. Dies ist der Wille des absoluten Herrschers, und die Einzelnen, die es betrifft, werden nicht gefragt, ob sie bereit sind, das Gewollte zu tun. Sie setzen sich in Bewegung, sie machen sich auf.

Wenn wir uns vorstellen, wir säßen in einem Hubschrauber, der in fünfhundert oder tausend Metern Höhe über dem Heiligen Land steht, so sähen wir jetzt tief unter uns alles in Bewegung. Die Wege und Straßen sind voller Reisegruppen aus Familien, Verwandten, Nachbarschaften, Menschen mit ähnlicher Herkunft und gemeinsamem Ziel. Frauen, Kinder, Männer, Heranwachsende, Alte. Solche, die gut zu Fuß sind, und andere, denen der Weg sauer wird. Viele, die einen Schritt vor den anderen setzen, einige auf Eseln oder Maultieren reitend (das sieht für unsere Augen selbst aus einiger Höhe lustig aus), sehr wenige, die in Wagen fahren. Jeder der vielen hat ein Ziel. Die Männer gehen an den Ort ihrer Geburt, die Frauen und Kinder gehen mit. Wenn sie angekommen sind, wird man sie in Steuerlisten eintragen, und dann werden sie wieder umkehren und sich auf den Heimweg machen. Und wenn das alles vollendet ist, wird der Erhabene wissen, auf welcher Grundlage er den Staatshaushalt ansetzen lassen kann.

Innerhalb der allgemeinen Mobilität gibt es besondere, ja gegenläufige Bewegungen, und auf ihnen liegt mein Augenmerk jetzt. Schon im Vorwege kommt es zu eigensinnigen Lebensäußerungen, die nicht durch das kaiserliche Gebot ausgelöst sind und sich darum nicht kümmern. Maria, die Schwangere, hat sich aufgemacht zu ihrer Verwandten Elisabeth: „Übers Gebirg Maria ging“. Und als die beiden Frauen sich begegnet sind, da hat das im Leib der Elisabeth heranwachsende Kind einen Freudensprung getan, erzählt Lukas. Maria hat ein übermütiges Lied gesungen, das seinerseits voller Bewegung ist, und darin von Gott gesagt: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.“ Von diesem Lied und von den Regungen in den beiden Frauen weiß Augustus nichts. Vielleicht ist er klug genug, auch nichts davon wissen zu wollen; die menschlichen Verhältnisse entziehen sich der Kontrolle, und wenn der Erhabene wirklich ein souveräner Herrscher ist, dann nimmt er das hin und versucht es nicht zu ändern. Es könnte auch sein, daß der Gedanke ihn anfällt: Das Wichtigste steckt in dem, was ich nicht ordnen und nicht kontrollieren kann, und das ist höchst beunruhigend. – So oder so: Der Kaiser hat die Macht, in einer bestimmten Hinsicht Ordnung herzustellen, aber er hat nicht die Macht, sich das Leben zu unterwerfen. Der Kaiser kann eine allgemeine Mobilmachung anordnen, aber er wird nicht verhindern, daß Menschen innerhalb dieser großen Bewegung ihre eigenen Bewegungen vollziehen. Ich kann auch sagen: Augustus wird Gott nicht handlungsunfähig machen. Während der Kaiser seinen Willen durchsetzt, wird Gott das Seine tun. Ja, Gott wird das Gebot des Kaisers in Rom sogar dafür nutzen, um zu seinem eigenen Ziel zu kommen.

Nämlich so. Während alle unterwegs sind, steuern zwei – oder soll man sagen: drei? – ein Ziel an, das sie noch nicht kennen. Sie wollen nach Bethlehem, gut. (Denn der Heiland „muß“ dort geboren werden, wo tausend Jahre zuvor der zur Welt kam, der dann der König David wurde.) Maria und Josef werden in Bethlehem keinen Raum in der Herberge finden, das ist bekannt. Auch, daß das Kind, sobald es geboren ist, in eine Krippe gelegt wird. Dies aber ist bedeutungsvoll. (In der Weihnachtsgeschichte ist nichts zufällig oder auch nur beiläufig gesagt.) Der Prophet Jesaja hat vor langer Zeit ausgerufen: „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt’s nicht, und mein Volk versteht’s nicht.“ (Jesaja 1,3) Was die Tiere wissen, das wissen die Menschen nicht. Sie, so wird viel später der Wandsbeker Matthias Claudius dichten, sie „spinnen Luftgespinste / und suchen viele Künste / und kommen weiter von dem Ziel“. Aber einmal, in dieser Geschichte, gehen zwei – oder drei – Menschen geradewegs auf das Ziel zu. Das Ziel ist der Stall, oder die Höhle, in der eine Krippe steht. Maria und Josef stehen für Israel, das Volk Gottes. Die Krippe wird, indem die Mutter das Neugeborene hineinlegt, zur Krippe seines Herrn. Aber nicht nur das Volk Gottes – in Gestalt von Maria und Josef – ist diesmal am richtigen Ort, auch Gott selbst findet sich dort ein; er ist ja das Kind in der Krippe. Und wer das Zeichen zu deuten versteht, weiß es. Die Hirten, wenn sie von dem Engel aufgeklärt sind, werden es wissen: „Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ Sie werden wissen, daß Gott in diesem Kind zur Welt kommt, und sie werden wissen, daß es der Heiland ist, den sie sehen.

Mitten in einer großen Völkerwanderung, wo zeitweise niemand mehr am rechten Ort ist, trifft etwas zusammen, ja: alles trifft zusammen Himmel und Erde, Gott und Menschen. Einmal ist die Klage grundlos geworden, die die für Gott Entflammten in Israel immer wieder erhoben haben: daß das Volk nicht weiß, wohin es gehört, und Gott täglich verfehlt. Nun kann man sagen: Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn, und Israel weiß seinen Ort auch und findet sich verständig dort ein. Maria und Josef wandern nach Beth­lehem. In der Stadt Davids finden sie Raum für sich und das Kind, das geboren wird. Die Krip­pe bezeichnet den Ort, der sonst Ochs und Esel, nun aber Menschen anzieht. Die Engel kommen zu den Hirten, und die Hirten sagen zueinander: „Laßt uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist.“ Sie setzen sich nicht in Bewegung, weil der römische Imperator es so angeordnet hat, sondern, weil sie neugierig sind. Sie werden ohnehin nirgends erwartet. Sie sind ohne Herkunft und ohne festen Ort. Aus freien Stücken wol­len sie nun wissen, was ihnen angesagt worden ist.

Der Kaiser Augustus, der seine Ordnung durchsetzen wollte, hat (ohne daß er es wüßte) eine ganz andere Ordnung in Kraft gesetzt: eine, die er nicht kennt und an der ihm nichts liegt. Er hat dafür gesorgt, daß eine Frau und ein Mann in Zeiten der Unterdrückung an den richtigen Ort gelangen, an jenen Ort, wo sich in Gestalt eines Neugeborenen auch Gott einfindet. Die Krippe wird das Zentrum der Welt – und nicht nur des Römischen Reiches. In Rom hat Augustus, der Erhabene, Bethlehem zur heimlichen Hauptstadt werden lassen, und er weiß es nicht.

Es ist eine besondere Geschichte – und auch wieder nicht. Denn sie trägt sich jeden Tag überall zu. Jeden Tag nämlich wird sichtbar, daß Ordnung das halbe Leben ist. Nur das halbe eben. Ursprünglich ist der Satz – Ordnung ist das halbe Leben – anders gemeint: Wenn du Ordnung schaffst in deinen Angelegenheiten, hast du das Leben schon halb gewonnen. (Die andere Hälfte, das ist nach diesem Entwurf wohl: Mühe und Arbeit.) Die Weihnachtsgeschichte, wenn wir sie so lesen wie hier probiert, setzt den Akzent anders: Ordnung ist (nur) das halbe Leben. Die andere Hälfte sitzt in dem, was sich jeder Ordnung entzieht. Vom Standpunkt des Augustus betrachtet, ist es durchaus nicht verkehrt und auch nicht sinnlos, Ordnung zu schaffen. Er wird wissen, was an Einnahmen aus aller Welt er zu erwarten hat, und wird die Ausgaben für das Militär, für den Straßenbau, für öffentliche Einrichtungen und für den kaiserlichen Hof dazu in Beziehung setzen können. Das ist nicht wenig. Aber wir Späteren wissen, daß, was als Haupteffekt gemeint war, auf lange Sicht ein Nebenaspekt geblieben ist. Unsere Aufmerksamkeit konzentriert sich nicht auf Rom, sondern auf Bethlehem. Und was man zu des Augustus Zeiten sagte – daß man es nun nicht mehr als einen Nachteil betrachten müsse, geboren zu sein –, das hängt nicht mehr an diesem Kaiser, es hängt an dem Kind in der Krippe. Weil Gott an diesem bedeutungsvollen Ort in diesem Kind zur Welt gekommen ist, haben Menschen zu sagen begonnen: Dies ist die Mitte der Zeit, und von nun an ist es kein Unglück mehr, auf der Welt zu sein. Und immer noch ist es dies, was viele sagen – bei uns und auf dem ganzen Erdkreis.

Ordnung ist das halbe Leben. Die andere Hälfte ist durch keine Ordnung zu gewinnen, sie kann aber auch durch nahezu keine Ordnung zerstört werden, weil sie, diese andere Hälfte, ihre eigene und unabhängige Vitalität hat. Dieser Teil des Lebens ist unberechenbar. Wir kriegen mit ihm zu tun in unseren Träumen, in den Launen, die über uns kommen, in Phantasie und Inspiration. In dem, was über uns hereinbricht, dem Beglückenden wie dem Erschreckenden. Manchmal kommt es uns so vor, als sei diese andere Hälfte des Lebens ungleich bestimmender, einflußreicher und unwiderstehlicher als die Ordnung, die wir errichten können. Und wahrscheinlich ist es so, daß die Energie des Lebendigen vor allem in jenem Teil (von uns selbst und von allem) steckt, den wir nicht kontrollieren können. Er ist beängstigend und aufregend, erschreckend und wunderbar. Dies ist die Zweideutigkeit alles Ungeordneten. Das Chaos ist schöpferisch und verschlingend zugleich, alles steckt in ihm, und niemand weiß, was aus ihm werden wird. Aber ohne das Chaos ist die Schöpfung nicht zu denken. Sie geht aus ihm hervor und bleibt ihm verwandt, sie läßt es nie endgültig hinter sich. Das Chaos liegt auf dem Grund jeder Ordnung, und immer wieder drängt es an ihre Oberfläche. Der Versuch, es zu beseitigen, muß als aussichtslos bezeichnet werden.

Die Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium hat uns auf diese Spur gesetzt. Wir folgen ihr noch einen Augenblick und probieren die folgende Überlegung: Gott selbst ist etwas anderes als ein Ordnungsprinzip. Keineswegs ist er der Ordnung feind, aber er geht nicht in ihr auf. „Die Welt gründet in der unergründlichen Daseinsfülle Gottes. Deshalb bleibt sie in ihren Daseins- und Beweggründen unaufklärbar. Von Gott ‚ausgedacht’, fügt sich die Welt nicht in die menschlichen Denk- und Ordnungssysteme“ (Otto-Paul Hessel, in: Christ in der Gegenwart Nr. 48/02, S. 397). Wenn es so ist, dann ist Gott selbst der Grund dafür, daß alle Versuche, Ord­nung in das ganze Leben zu bringen, nicht gelingen können. Wir wissen dann nicht nur, daß es hoffnungslos ist und „keinen Sinn hat“, Ordnung auf ganzer Linie durchsetzen zu wol­len, sondern auch, daß dieses vergebliche Bemühen gegen Gott selbst gerichtet wäre.

Denn Gott hat Chaosanteile in sich selbst, und er hat sie auch in die Schöpfung und alles Lebendige gesetzt. Wenn das Chaos abgezogen würde, bliebe nicht Ordnung, sondern: der Tod.

Friedrich Nietzsche, der Philosoph des 19. Jahrhunderts, hat in seiner kecken, hochfahrenden Sprache etwas sehr Kostbares über das Chaos gesagt. „Man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“ Das Symbol vom tanzenden Stern mag nun wirken, was es will, in uns allen verschieden. Dieser Stern wird von einem anderen angezogen, den wir über dem Ort (dem Stall, dem Haus) stehen sehen, wo das Kindlein war. Wenn wir genau hinsehen, bemerken wir, daß er nicht steht, sondern daß er tanzt. Und er wird dort, an diesem höchst bedeutungsvollen Ort, nicht stehen bleiben; er wird sich weiterbewegen. Wir wissen es aus einer irgendwo gefundenen Anekdote (Adolf Muschg, Geschichtenweihnacht. Eine Predigt, 1981, in: Es begibt sich aber zu der Zeit, Stuttgart 1989, S. 318), aber wir wissen es ja auch aus uns selbst:

„Als die drei Könige, von ihren Gaben entlastet, wieder aus dem Stall traten, hielt Kaspar erschrocken inne.

Der Stern, sagte er.

Was ist mit ihm? fragte Melchior.

Er ist weitergezogen! sagte Kaspar.

Hast du jemals einen Stern stillstehen sehen? fragte Balthasar.“

Amen