Bibelarbeit zum Abendmahl von Prof Cornehl

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Peter Cornehl

Bibelarbeit über 1.Kor.11,17-34

auf dem Sprengelkonvent Holstein-Lübeck in Segeberg am 26.05.04

 

 

In den Vorbereitungspapieren steht die Bibelarbeit unter der Überschrift „Hören“. Wir wollen hören, was Paulus der Gemeinde in Korinth über die Praxis beim Herrenmahl schreibt. Genau besehen, geht es um Hören und Sehen, um eine Art szenische Wahrnehmung. Lassen Sie uns besonders auf die Vorgänge achten: Was geschieht beim Abendmahl? Wie sind die Vollzüge? Was kritisiert Paulus an der Mahlpraxis in Korinth? Unsere Leitfrage aber sollte sein: Wie sieht die positive Vision von Abendmahl und Gemeinde aus, die dem Apostel bei aller Kritik vor Augen steht? Eröffnen sich da Perspektiven, Einblicke und Durchblicke, die unsere eigene Mahlpraxis inspirieren können und sie in größere biblische Zusammenhänge rücken?

 

Hören wir zunächst den Text aus 1.Kor.11,17-34. Ich habe die Luther-Übersetzung zugrunde gelegt (mit einigen kleinen sachlichen und sprachlichen Veränderungen). Ausgangspunkt ist also der bekannte Wortlaut, er ist liturgisch vertraut (bes. V.23ff.), aber zugleich (ab V.27) auch belastet durch die Aussagen über das „unwürdige“ Essen und Trinken „zum Gericht“.

 

(17) Wenn ich schon Anweisungen gebe: Ich kann’s nicht loben, dass ihr nicht zu eurem Nutzen, sondern zu eurem Schaden zusammen kommt.

(18) Zum ersten höre ich: Wenn ihr in der Gemeinde zusammenkommt, gibt es Spaltungen [σχηματα] unter euch; und zum Teil glaube ich es auch.

(19) Denn es müssen ja Parteiungen [αιρεσεις] unter euch sein, damit sichtbar wird, wer sich bewährt.

(20) Wenn ihr nun zusammenkommt, so ist das, was da gefeiert wird, gar nicht das Mahl des Herrn.

 

Und dann richtet sich Paulus an die reichen Christen in der Gemeinde:

 

(21) Denn ein jeder nimmt beim Essen sein eigenes Mahl ein, und so ist der eine hungrig, der andere betrunken.

(22) Habt ihr denn nicht Häuser, wo ihr essen und trinken könnt? Oder verachtet ihr die Gemeinde Gottes und beschämt die, die nichts haben?

Was soll ich euch sagen? Soll ich euch loben? Hierin lobe ich euch nicht.

 

(23) Denn ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch auch weitergegeben habe:

Der Herr Jesus, in der Nacht, da er ausgeliefert worden ist, nahm er (das) Brot,

(24) dankte und brach’s und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis!

(25) Ebenso nahm er auch den Kelch nach dem Abendmahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, so oft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.

(26) Denn so oft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.

 

(27) Wer nun unwürdig [αναξιως] von dem Brot isst oder aus dem Kelch des Herrn trinkt, der macht sich schuldig am Leib und Blut des Herrn.

(28) Jeder prüfe aber sich selbst, und dann esse er von diesem Brot und trinke aus diesem Kelch.

(29) Denn wer so isst und trinkt, dass er den Leib nicht achtet, der isst und trinkt sich selbst zum Gericht.

(30) Darum sind auch viele Schwache und Kranke unter euch, und nicht wenige sind entschlafen.

(31) Würden wir uns selber prüfen, so würden wir nicht gerichtet.

(32) Wenn wir aber vom Herrn gerichtet werden, so werden wir gezüchtigt, damit wir nicht mit der Welt zusammen verdammt werden.

 

(33) Darum, meine lieben Geschwister, wenn ihr zusammenkommt, um zu essen, so nehmt einander an!

(34) Hat jemand Hunger, so esse er daheim, damit ihr nicht zum Gericht zusammenkommt.

 

Das ist kein einfacher Text, er klingt ernst, fast drohend. 1.Kor.11,23-25 war zuletzt Predigttext am Gründonnerstag. Vermutlich haben sich viele von Ihnen darüber gepredigt und sich damit auseinandergesetzt und wissen von daher: Die Exegese ist bis heute kontrovers, die Literatur kaum überschaubar. Ich habe ziemlich viel gelesen, weil mich die Sache sehr interessiert hat, und versucht, mir – was die Rekonstruktion der Geschehnisse angeht – ein eigenes Bild zu machen.

 

Was geschieht beim Herrenmahl? Wie haben wir uns die gottesdienstlichen Versammlungen in Korinth vorzustellen? Ich denke, etwa so:

 

Die Gemeinde traf sich jeweils am sog. Herrentag (dem Tag nach dem Sabbat, vgl. 16,2), abends nach der Arbeit, in einem Privathaus, und dort wohl in einem der größeren Räume. Da der Speisesaal, das Triclinium, nur etwa Platz für 9-12 Personen hatte, wurde vermutlich das Atrium bzw. das Peristylium mit einbezogen, so dass etwa 30-50 Personen teilnehmen konnten. Man saß bzw. lagerte sich auf Sitzpolstern, wahrscheinlich an mehreren niedrigen Tischen, so dass sich im Raum auch verschiedene kleinere Tischgemeinschaften bilden konnten. Gottesdienstliche Gemeinschaft war Mahlgemeinschaft – so war es Brauch in jüdischen Häusern, in den Familien am Sabbat oder beim Passa, und bei den Zusammenkünften der verschiedenen religiösen Gruppen und Gemeinschaften, ähnlich auch bei den Gastmählern griechisch-römischer Vereine zu jener Zeit. Und bei den Christen.

 

Der Ablauf eines solchen Mahls nach jüdischem Vorbild folgte dem Geschehen, das Paulus in V.23ff. in Erinnerung bringt, wo er die „Paradosis“, eine alte Überlieferung von der Einsetzung des letzten Mahls Jesu, im Wortlaut zitiert: Zu Beginn der Feier nahm der Gastgebende – der Hausvater, der Gemeindeleiter oder die Person, bei der die Gemeinde zu Gast war, das waren – wie wir wissen – z.T. auch Frauen! Also, argumentiert z.B. Ute Eisen (Amtsträgerinnen im frühen Christentum, 1996), warum sollte dann nicht auch eine Frau die Herrenmahlfeier geleitet und die entsprechenden liturgischen Handlungen vollzogen haben? -; also er oder sie nahm einen Fladen Brot in die Hände, sprach darüber ein Dankgebet („Eucharistia“)üü

bzw. einen Brotsegen (jüdisch eine „Beracha“), brach das Brot und reichte es den Teilnehmenden, die davon abbrachen, es weitergaben und aßen. Ein schöner sprechender Ritus, der die Anwesenden zu einer Gemeinschaft zusammen schloss! Beim christlichen Abendmahl war das vielleicht (das ist umstritten) schon damals verbunden mit der Rezitation der Einsetzungsworte Jesu über dem Brot, die in der Paulustradition so lauten: „Das ist mein Leib, der für euch [ergänze: in den Tod] gegeben wird. Das tut zu meinem Gedächtnis!“ Danach folgte das Sättigungsmahl. An dessen Ende stand der entsprechende Ritus über einem mit Wein gefüllten Kelch (Becher), der vorher übrig gelassen worden war, über dem ebenfalls ein Dankgebet, ein Segensspruch gesprochen wurde, vielleicht wiederum in Verbindung mit dem Becherwort Jesu, das hier den Wortlaut hat: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, so oft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis!“ Damit dürfte das Mahl zu Ende gewesen sein. Das Mahl, aber vermutlich nicht die Versammlung.

Denn es spricht eine Menge dafür, dass sich – nach einer Pause, in der abgeräumt (und wahrscheinlich viel gesungen) wurde – eine Art charismatischer Wortgottesdienst anschloss, so wie ihn Paulus wenig später in 1.Kor.14 beschreibt: mit Lobgesängen, Psalmen, freien Gebeten, vielleicht mit biblischen Lesungen und Auslegungen, mit vielstimmigen pneumatischen Zeugnissen aus dem Kreis der Gläubigen („Prophetie“ und „Glossolalie“), die sich möglicherweise wechselseitig gesteigert haben und vielleicht in einer großen gemeinsamen Anrufung des Kyrios Jesus mündeten (wie wir es aus Phil.2 kennen). Insgesamt ein dynamisch bewegtes, z.T. wohl auch etwas chaotisches Geschehen.

 

Zurück zum Sättigungsmahl (δειπνον). Hier entstand der Konflikt. Wodurch? Ich nehme an, Sie kennen die These von Gerd Theißen, die er schon 1974, also vor 30 Jahren aufgestellt hat (und die sich in der Exegese – soweit ich sehe – mehrheitlich durchgesetzt hat): Danach hatten die Spaltungen beim Mahl, von denen in V.18ff. die Rede ist, in erster Linie soziale Ursachen.

Die von Paulus gegründete junge christliche Gemeinde war – soziologisch gesehen – ein gemischtes Gebilde. Sie setzte sich aus Menschen unterschiedlicher gesellschaftlicher Schichten zusammen. Es gab einige wenige Angehörige der Oberschicht, Menschen mit Vermögen, Bildung, Geschmack, Ansehen, Einfluss. Sie besaßen z.T. Häuser, in denen sie Räume für die Gemeindeversammlungen zur Verfügung stellten. Außerdem haben sie großzügig gespendet, z.B. für die Kollekte zugunsten der Not leidenden Christen in Jerusalem, aber wohl auch für das gemeinsame Essen beim Abendmahl.

 

Die meisten Christen, Männer wie Frauen, aber waren arm. Sie waren Sklaven, Diener, Lohnabhängige oder Freigelassene und stammten aus den unteren sozialen Schichten. Eine Besonderheit der christlichen Gemeinde im Unterschied zu vielen anderen religiösen Gemeinschaften und Kultvereinen, die es in Korinth damals gab, war, dass sich die Christen nicht aus einer sozial homogenen Schicht, aus einem einzigen Milieu rekrutierten. Die Gemeinde Jesu war wesenhaft eine Gemeinschaft der Verschiedenen. Darin lag ihre besondere Anziehungskraft für Außenstehende. Voraussetzung war allerdings, dass es gelang, diese Integration der Verschiedenen in der Praxis der Gemeinde überzeugend zu leben. Das war nicht leicht und brachte eine Menge Probleme mit sich.

 

Die bekannte Formel in Gal.3,36ff., die wohl aus der Tauftheologie stammt, nennt die wichtigsten Unterschiede, welche die alltägliche Lebenswelt der Menschen bestimmten, in der Gemeinde, also „in Christus“, aber nicht mehr gelten sollten: der soziale Status (Sklaven und Freie), die religiöse Herkunft (Juden und Heiden), die Geschlechterdifferenz (männlich/weiblich). Ein solches Integrationsmodell war nicht spannungsfrei. Spaltungen und Parteibildungen machten sich bemerkbar, auch und besonders in den gottesdienstlichen Versammlungen. Der Rahmen der gottesdienstlichen Feier war ein Mahl, gemeinsames Essen und Trinken. Mahlgemeinschaft aber war in der Antike religiös und gesellschaftlich eine ebenso elementare wie sensible Angelegenheit, weil man sich hier so nahe kam wie sonst nirgendwo! So war der Gottesdienst ein Spannungsfeld ersten Ranges, bei dem die Unterschiede und Grenzen, die Menschen trennen, eine große Rolle spielten: z.B. die durch die Geschlechter gegebenen Hierarchien (dürfen sich Frauen im Gottesdienst wirklich gleichberechtigt äußern? 1.Kor.11,2ff.; 14,34ff.), z.B. Reinheitsfragen (dürfen Juden und Heiden, Beschnittene und Unbeschnittene wirklich zusammen essen und das Herrenmahl feiern? Vgl. Gal.2,11ff.), nicht zuletzt auch die Frage nach der gerechten Verteilung der Speisen während des Mahls. Denn an dieser Stelle wurden die Unterschiede zwischen Armen und Reichen öffentlich sichtbar.

 

Das Sättigungsmahl bestand ja nicht nur aus Brot und Wein, sondern auch aus der sog. „Zukost“, die während der Mahlzeit verzehrt wurde. Brot war nur die Basis. Dazu kamen z.B. Gerstebrei, Gemüse, Obst (Datteln, Feigen, Trauben), Eier, Fisch, gelegentlich Fleisch, außerdem Wein und Wasser (z.T. gemischt). Diese Zukost (von der in unserem Text nicht ausdrücklich die Rede ist, die aber vorausgesetzt werden muss) wurde von Einzelnen mitgebracht oder von den Gastgebenden gespendet. Und natürlich konnten die Reichen mehr mitbringen als die Armen. Ebenso natürlich scheint es für die Reichen gewesen zu sein, dass sie vor allem für sich selbst sorgten. Paulus hatte wohl entsprechende Nachrichten, möglicherweise auch Beschwerden erhalten. Seine Phantasie reichte aus, sich die Szenen auszumalen. Er kannte seine Leute: z.B. Gaius (Hausbesitzer und Gastgeber), Krispus (ehemaliger Synagogenvorsteher), Stephanas, Erastos (kommunaler Beamter, später sogar eine Zeitlang Ädil, also so etwas wie städtischer Finanzsenator) oder Priska und ihr Mann Aquila (bei denen er anfangs gewohnt hatte), Chloe und ihre Leute. Ich stelle mir vor, Paulus sieht, während er seinen Brief diktiert, wie sie auf bevorzugten Plätzen sitzen, in einer auserlesenen kleinen Tischrunde für sich, und es sich gut gehen lassen; wie sie ihre leckeren Mitbringsel für sich behalten und unter sich verteilen; wie sie dort auch fröhlich dem Wein zusprechen und die Becher kreisen lassen, während die anderen, die Habenichtse, sich mit dem Wenigen begnügen müssen, was übrig blieb, und wohl ebenfalls unter sich sitzen.

Nur nebenbei: Es ist umstritten ist, ob man annehmen soll, dass die Reichen bereits vorzeitig mit dem Sättigungsmahl begannen, bevor die anderen von der Arbeit kamen. In diesem Fall müsste man in V.21 und V.33 temporal übersetzen: „vorwegnehmen“ bzw. „wartet auf einander“ – so viele Übersetzungen und viele Ausleger. Mich hat das nicht überzeugt. Ich übersetze stattdessen mit Matthias Klinghardt in V.21 „einnehmen“, „zu sich nehmen“ bzw. in V.33 „nehmt einander an!“ Klinghardt hat sich in seiner hochinteressanten Monographie „Gemeinschaftsmahl und Mahlgemeinschaft“ von 1996 sehr detailliert mit den Argumenten auseinandersetzt. Ich finde sein Ergebnis sehr einleuchtend: Es gab wahrscheinlich in Korinth nur ein einziges integriertes Mahl, an dem alle teilnahmen, wenn auch in unterschiedlicher Weise. Wie auch immer:

 

Es ist unwahrscheinlich, dass die Reichen in ihrem Verhalten ein ernsthaftes Problem sahen. Sie praktizierten im Gottesdienst ja nur das, was auch sonst, im Privatbereich, üblich war. Vielleicht haben sie sich auch gesagt: Die sakramentalen Handlungen, das Essen des gesegneten Brotes und das Trinken aus dem gesegneten Becher, sind doch für alle da (und der anschließende Lobpreis auch) – und das ist doch entscheidend! Die reichen Christen hatten also vermutlich kein Unrechtsbewusstsein. Es fehlte ihnen an Einfühlungsvermögen in das Befinden ihrer ärmeren Brüder und Schwestern.

 

Die Polemik des Paulus ist hart: Ihr beschämt die Geschwister, stellt sie bloß in der Öffentlichkeit der Versammlung und d.h.: Ihr „verachtet“ die Gemeinde! „Jeder nimmt beim Essen sein eigenen Mahl ein, und so ist der eine hungrig, der andere betrunken“, sagt er drastisch! Für Paulus ist das ein Skandal. „Wenn ihr zusammenkommt (ein fester Begriff für die gottesdienstliche Versammlung), so ist das, was da gefeiert wird, nicht mehr das Herren-Mahl“, sondern jeder feiert statt dessen sein privates Ego-Mahl. Statt κυριακον δειπνον – ίδιον δειπνον. Das verkehrt den Sinn des Mahls Jesu in sein Gegenteil und macht aus der Gemeinde Christi eine Ansammlung von religiösen Ich-AGs!

 

Das Urteil ist hart:. Die reichen Christen beschämen ihre armen Geschwister, aber nicht nur das: In V.27ff. geht Paulus noch einen Schritt weiter: Wer in dieser Weise „unwürdig“ isst und trinkt, wird mitschuldig am Tod Christi. Die, die so essen und trinken, dass sie den Leib nicht achten (gemeint ist wohl: den Leib Christi, die Gemeinde), die essen und trinken sich selbst zum Gericht! Das gibt der ganzen Sache eine ernste, todernste Zuspitzung. Mit einer durchaus problematischen Wirkungsgeschichte: Die Warnung vor dem unwürdigen Essen und Trinken hat lange Zeit die evangelische Abendmahlsfrömmigkeit belastet. Erst durch die neuere Exegese hat sich ein anderes Verständnis durchgesetzt. Man sieht heute, dass es in der Selbstprüfung, die hier angeordnet wird, nicht mehr eine individuelle Erforschung persönlicher Würdigkeit vor dem Angesicht Gottes geht, sondern dass sich die „Prüfung“ auf das eben geschilderte Verhalten gegenüber den Geschwistern bezieht. αναξιως hat dann die Bedeutung von „unsolidarisch“ (so heißt es in der Kirchentagsübersetzung 1999). Das verlagert das Gewicht und zielt stärker auf die soziale Verantwortung der Gemeinde. Dennoch ist die hier geforderte Selbstprüfung nicht weniger ernst.

 

Paulus ist durch das, was er gehört hat, tief beunruhigt und urteilt scharf. Gelingt es uns, hinter seinen Worten nicht nur die Drohung, sondern vor allem die Verheißung zu entdecken? Was für eine positive Vision verbindet Paulus mit dem Herrenmahl, und was ist für ihn eigentlich Gemeinde?

 

Der Apostel entfaltet seine Vision von Gemeinde im nächsten Kapitel seines Briefes in einem wunderbaren Bild, und man muss 1.Kor.12 hinzunehmen, um die positive Bedeutung des Herrenmahls zu ermessen: Die Gemeinde Jesu Christi, sagt er, ist ein großer Organismus, ein Leib, genauer: der Leib Christi. In diesem Organismus haben Rangordnungen, Hierarchien keine Geltung. Alle sind gleich wertvoll, gerade diejenigen, die sonst im Leben wenig gelten, wenig Ansehen haben, werden in der Gemeinde umso mehr anerkannt und geehrt. Die Gemeinde als Leib Christi ist eine Solidargemeinschaft, in der alle für einander da sind. Sie ist „sharing community“, wie es in der Ökumene heißt: eine Gemeinschaft des Teilens, in der Glieder des Leibes Leid und Freude mit einander teilen, was man hat und was man ist, jeder nach seinem/ihrem Vermögen. Eben dies wird im Abendmahl sichtbar und erfahrbar. Und weil das zusammen gehört: materielle und geistliche Gaben, Essen und Trinken, Singen und Beten, Loben und Danken, Hören und Bekennen, sich austauschen, am Leben der Geschwister Anteil nehmen, Fürbitte halten und Kollekte Sammeln – deshalb ist das Herrenmahl, in dem dies alles geschieht, die angemessenste Form der gottesdienstlichen Versammlung. Ein Kapitel vorher, in 1.Kor.10,16, hat Paulus das in Frageform den Korinthern vor Augen geführt: „Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? Ja, weil es ein Brot ist, deshalb sind wir, die vielen, ein Leib, weil wir alle an dem einen Brot Anteil haben.“ Brot brechen und Leben teilen: Das ist die eucharistische Vision von Gemeinde, die aus dem Herrenmahl lebt.

 

Eine großartige, inspirierende Vision! Wenn wir sie uns vor Augen führen, tut sich noch ein weitere Perspektive auf, es gibt einen weiteren Durchblick: Wir schauen durch die Szene vom gemeinsamen Mahl hindurch und sehen andere biblische Szenen, hören andere Worte: z.B. die prophetische Mahnung Jesaja 58: „Brich mit dem Hungrigen dein Brot!“, Jesu Seligpreisungen der Armen, der Hungrigen und Dürstenden und seine Verheißung: „Sie sollen satt werden!“, die Geschichten vom Manna in der Wüste, vom erschöpften Elia unterm Ginster, den der Engel mit Brot und Wasser stärkt; die Szene von der Speisung der Fünftausend und die Berichte von den Mahlgemeinschaften Jesu mit seinen Jüngern und Jüngerinnen, mit Zöllnern und Sündern, Verlorenen und Wiedergefundenen, und Jesu Erwartung der kommenden endzeitlichen Tischgemeinschaft im Reich Gottes, die er in der Gegenwart schon vorweg nimmt.

 

Paulus selbst hat beim Diktieren besonders eine Szene im Blick, die er mit der Paradosis, die er in V.23ff. zitiert, in Erinnerung ruft: das letzte Mahl Jesu mit den Seinen in der Nacht, in der verraten ward bzw. ausgeliefert wurde, in der Nacht vor seinem Tod.. Sie ist die Urszene des christlichen Abendmahls und wird in jeder Eucharistiefeier vergegenwärtigt. Auch da ist die Einheit von Wort und Handlung, leiblichem Geschehen und geistlicher Bedeutung charakteristisch. Achten wir noch einmal auf die Vollzüge: Jesus nimmt das Brot in die Hände, spricht darüber ein Dankgebet, bricht das Brot und reicht es den Seinen mit den Worten: „Das ist mein Leib, der für euch (in den Tod) gegeben wird.“ Und sie nehmen, geben weiter, essen. Ebenso am Ende der Mahlzeit die Handlung über dem Kelch (Becher): Jesus nimmt ihn und reicht ihn herum mit den Worten: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut (also: der in meinem Tod besiegelt wird). Das tut, sooft ihr davon esst bzw. daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis“ – ein Gedächtnis, das zugleich Erinnerung und Vergegenwärtigung ist. Und alle nehmen den Becher, trinken daraus und reichen ihn weiter.

 

Dazu heißt es in der alten Überlieferung: „Wenn ihr das tut, dann verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.“ In diesem Tun, in diesen Handlungen, im Vollzug dieses Mahls geschieht die Proklamation des heilsamen Todes Jesu für uns.

 

Die Feier des Sakraments verbindet uns im Glauben in geheimnisvoller Weise, die bei allem Bemühen, dem Geschehen theologisch-gedanklich gerecht zu werden, nie vollständig zu erfassen ist, untereinander und mit Christus.

 

Achten wir auf die Vorgänge, auf Worte und Gesten, dann steht im Zentrum die Aussage „für euch“, eine Aussage, die zugleich Zusage und Zueignung ist. „Mein Leib, mein Leben – für euch in den Tod gegeben“. Das sind mehr als „Deuteworte“. „Für euch“: In dem Augenblick, in dem einer dem anderen Brot und Becher reicht, wird daraus eine ganz persönliche Zueignung: „Für dich“. Für dich geschieht die Hingabe Jesu in den Tod. Dessen darfst du gewiss sein!

 

Für Paulus ist an der Paradosis vieles wichtig. Ich glaube, die beiden Worte „für euch“ (für euch gegeben, für euch vergossen [Luk.22,20]) sind vielleicht das Wichtigste. Für euch – für dich: Darin verdichtet sich die Heilsbedeutung des Todes Jesu und des Sakraments. Jesus war „der Mensch für andere“ (Bonhoeffer). Sein Dasein, seine Praxis, sein Tod am Kreuz war „Proexistenz“, Lebenseröffnung, Lebenshingabe für andere, für uns – damit wir aus dem bloßen Kreisen um uns selbst befreit werden zur Gemeinschaft mit den Geschwistern. Befreit von Schuld, befreit aus der Verlorenheit, durch den Blick der Liebe, durch das Geschenk der Vergebung werden wir frei, die anderen zu sehen und wahrzunehmen als solche, die wie wir von Gott geliebt, gemeint, gesucht werden.

 

In diesem „für euch – für dich“, liegt der positive Sinn des Abendmahls. Und wir verstehen auf einmal, warum für die frühe Christenheit das Herrenmahl, in dem das Gedächtnis des Todes Jesu im Mittelpunkt steht, bei allem Ernst keine bedrückende Angelegenheit war, sondern ein Fest der Befreiung, ein Mahl der Versöhnung, das voller Freude und Dankbarkeit, mit großem Jubel gefeiert wurde.

 

Und wir verstehen auch, warum sich in diesem Mahl die Zeithorizonte verschränken. Die eucharistische Feier, die eucharistischen Gebete, die Einsetzungsworte verbinden Erinnerung und Hoffnung, das Gedächtnis der großen Taten Gottes in der Geschichte Israels und die Erwartung, dass der gekreuzigte, auferstandene und im Mahl gegenwärtige Christus wiederkommen wird. Das war in Korinth so, und das gilt auch für unsere heutige Abendmahlsfeier: „So oft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn – bis er kommt“, heißt es in V.26. Das Herrenmahl steht in der Spannung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Christi. Deshalb gehört auch der alte aramäische Ruf „Maranatha!“: „Ja, Komm, Herr Jesus!“ zur frühchristlichen Abendmahlsliturgie (vgl. 1.Kor.16,22). Die Christen, die im Herrenmahl als Gäste am Tisch ihres Herrn versammelt sind und von ihm Speise und Trank als Zeichen seiner Gegenwart empfangen, blicken hoffnungsvoll nach vorn und rufen sehnsüchtig: „Maranatha! Amen. Ja, Komm, Jesus, komm!“ (Offb.22,20)

 

Gehört das nicht diese eschatologische Ausrichtung eigentlich stärker als bisher auch heute in unsere Abendmahlsliturgie? Und wäre es nicht angemessen, leidenschaftlicher zu beten: Komm Jesus, komm endlich! Verwandle Krieg in Frieden, Hass in Liebe! Komm und überwinde Angst und Terror! Heile, was krank ist! Gib uns den aufmerksamen Blick für die Geschwister, für die vielen, die Hunger haben und Durst leiden! Komm, Jesus, mach uns zum Werkzeug deiner Gerechtigkeit! Wisch die Tränen ab, tröste die Trauernden! Zerstöre die Macht des Todes und führe dein Reich herauf! Maranatha! Ja, komm, Herr Jesus!

 

 

Kleiner Nachtrag in zwei Anmerkungen:

 

Anmerkung 1:

Wenn die Verbindung von Sakrament und Mahlzeit im frühchristlichen Gottesdienst so wichtig war: warum ist es dann zur Trennung von Eucharistie und Sättigungsmahl gekommen?

 

Wir wissen es letztlich nicht genau. Die Quellen schweigen. Wir wissen nicht einmal, wann das geschehen ist. Es gibt begründete Vermutungen, dass die Verbindung von Sakrament und Mahlzeit noch lange, bis ins 3.Jahrhundert hinein die Regel war (so Matthias Klinghardt).

 

Wahrscheinlich spielten äußere Gründe eine Rolle: Die Gemeinden wuchsen rasch, und auch die Gottesdienstgemeinden wurden größer, die Räume zu klein. Und ist so ein richtiges Sättigungsmahl nicht doch eher eine Sache kleiner, überschaubarer Gruppen? Vielleicht braucht Tischgemeinschaft Zeit und eine gewisse Intimität.

 

Dazu kam eine theologische Entwicklung: In dem Maße, wie die Bedeutung des Sakraments sich auf die Elemente Brot und Wein konzentrierte, in dem Maße, in dem die Kategorien von Opfer und Wandlung in den Vordergrund traten, verlor der kommunikative Charakter der Mahlgemeinschaft an Relevanz. Aus dem Herrenmahl wurde die Messe.

 

Allerdings ging das Wissen, dass die Messe einmal eine Mahlzeit war, nicht völlig verloren. Die Erinnerung an das letzte Mahl Jesu ist dem Bildgedächtnis der Christen unauslöschlich eingestiftet. Das und das Vorhandensein der kanonischen Texte und Mahlgeschichten hat immer wieder in der Liturgiegeschichte dazu geführt, dass der Wunsch aufkam, Eucharistie und Tischgemeinschaft erneut mit einer realen Mahlzeit zu verbinden.

 

Seit über 30 Jahren gibt es dafür in der Ökumene Modelle und Versuche. Diese Verbindung wird nicht der Regelfall werden. Es braucht besondere Bedingungen, und es ist manches zu bedenken, damit es das Mahl des Herrn bleibt und nicht zum Ego-Mahl der Experimentierer wird. Aber ich glaube, es kann, verantwortlich und liebevoll gestaltet, auch eine Bereicherung sein. Offenbar war das der Impuls bei der Vorbereitung des heutigen Tages.

 

Anmerkung 2:

Der die Thematik Abendmahl abschließende Vers 1.Kor.11,35 gehört nicht mehr zum Text dieser Bibelarbeit.

 

Paulus schreibt dort: „Weitere Anordnungen werde ich treffen, wenn ich komme.“ Nun, der Bibelarbeiter ist nicht der Apostel und hat – Gott sei Dank – keine Anordnungen zu erteilen. Alles weitere zur Abendmahlspraxis verhandeln wir gleich in den Arbeitsgruppen. Vielleicht gibt der Text uns dafür Anregungen.