Beteiligung der Gemeinde im Gottesdienst: Fürbitten

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Sabine Bäuerle

 

 

Die Fürbitten im Gottesdienst werden in der Regel vom Pfarrer oder der Pfarrerin gesprochen, manchmal mit einem Kyrie-Ruf oder einem Liedvers der Gemeinde. Die eigenen Anliegen der Gemeindemitglieder finden, sofern es in der Liturgie vorgesehen ist, im Stillen Gebet ihren Ort oder müssen ins Vaterunser integriert werden: „Alles, was uns am Herzen liegt, legen wir in das Gebet, das Jesus uns gelehrt hat …“

 

In Gottesdiensten mit vielen an der Liturgie Beteiligten gibt es daneben die Möglichkeit, dass die verschiedenen Fürbitten von mehreren Personen gesprochen werden. Hier sollte darauf geachtet werden, dass der Gemeinde nicht kleine Kurzpredigten zugemutet werden, oder dass durch den Wechsel der Personen der Eindruck entsteht, Gebete würden nur abgelesen, aber nicht gebetet.

 

Eine weitere Variante, die häufiger in Familiengottesdiensten oder in anderen sog. alternativen Gottesdiensten vorkommt ist, dass Fürbitten auf Zettel geschrieben und eingesammelt werden. Dies erfordert eine große liturgische Kompetenz und Geistesgegenwart derer, die die Fürbitten dann vortragen. Hilfreich ist, wenn die Liturginnen und Liturgen die Gelegenheit haben, die Fürbitten auf den Zetteln davor zu sichten.

Problematisch ist, wenn Fürbitten nicht einfach so übernommen werden, wie jemand sie aufgeschrieben hat, sondern wenn sie „gedeutet“ werden, ohne den Hintergrund einer Fürbitte zu kennen. Beispiel: „Ich bete für meinen Vater, dem es gesundheitlich sehr schlecht geht.“ Deutung: „Wir beten für einen Vater, dass er wieder gesund wird.“ Das ist gut gemeint, aber was, wenn es gar nicht darum geht, gesund zu werden, sondern sterben zu dürfen?

 

In manchen Gemeinden gibt es auch freie Gebete der Gemeindemitglieder, aber das geht (noch) nicht überall, ist für eine volkskirchlich geprägte Gemeinde ungewohnt und auch nicht in jedem Gottesdienst möglich.

Eine berechtigte Sorge ist die Frage nach Intimität und Anonymität: „Und dann beten wir noch für unseren lieben (Bruder) N.N., der …“ Wo ist die Grenze? Darf man namentlich beten für eine bevorstehende Operation? Für Eheprobleme? Das ist ein schwieriges Feld und erfordert von allen Beteiligten viel Gespür für den jeweiligen Kontext.

Bei Gottesdiensten mit kleinen Zahlen kann auch gefragt werden, wofür der Pfarrer oder die Pfarrerin beten soll und die Anwesenden formulieren ihre Anliegen.

 

Schön und kraftvoll ist eine Form der Fürbitte vor, an der sich verschiedene Gemeindemitglieder beteiligen können. Sie ist von der Form sehr einfach, kann immer wieder variiert, aktualisiert und neu formuliert werden, sie bedarf keiner Vorbereitung der Betenden und geschieht spontan im Gottesdienst.

Die Fürbitte kann in dieser Form in jedem ganz normalen Gottesdienst gesprochen werden.

Am Eingang wird (zusammen mit dem Gesangbuch) ein Blatt an alle ausgeteilt, auf dem alle Fürbitten stehen (nicht je eine Fürbitte für je eine Person). Ein Muster für ein solches Blatt s.u.

Vor dem Fürbittengebet bittet die Pfarrerin die Gemeinde, dass einzelne eine Fürbitte übernehmen – mit der Entlastung: „Wenn es heute niemand tut, dann spreche ich die Fürbitten.“ So können alle, aber niemand muss. Und wer betet, tut es vom eigenen Platz aus, geht nicht nach vorne ans Mikrophon.

Zwischen den Fürbitten wird der Vers gesungen: „Nimm du dich ihrer an, nimm dich ihrer an, darum bitten wir dich: Amen.“.

 

Da der Vers sehr eingängig ist, braucht er nicht abgedruckt zu werden. Spätestens bei der dritten Fürbitte können alle sicher mitsingen.

 

Erfahrungen mit dieser Form der Fürbitte zeigen: Viele trauen sich sehr schnell, eine Fürbitte zu übernehmen und suchen auch aus, welche. Kommt die Reihenfolge einmal durcheinander, regelt sich auch das meist selbst. Und ist eine Gemeinde mit der Form vertraut, trauen sich die Gemeindemitglieder mit der Zeit auch, andere, eigene Fürbitten zu ergänzen.

Die Stärke dieser Form der Fürbitte liegt darin, dass alle für das beten können, was ihnen am Herzen liegt. Dabei ist die ganze Gemeinde beteiligt: Eine betet für ihren kranken Schwager und seine Frau, die beide nicht mit seiner schweren Diagnose fertig werden. Und alle beten singend für die beiden, obwohl niemand sie kennt: „Nimm du dich ihrer an!“

Einer betet für seine Tochter, die heute Geburtstag hat. Und alle denken an das Mädchen und singen für sie: „Nimm du dich ihrer an!“ Ein sehr kraftvolles Geburtstagsgeschenk!

So kommt die Kraft des Gebets der ganzen Gemeinde zum Tragen.

 

Im folgenden finden Sie zwei Vorschläge, die Sie je nach Ihrer Situation variieren können:

 

 

Fürbitten I

 

Liturg/in                    Was uns am Herzen liegt,

worum wir uns sorgen,

Menschen, zu denen unsere Gedanken gehen –

im Gebet lasst uns Gott hinhalten, was uns bewegt.

Zwischen den einzelnen Fürbitten: „Nimm du dich ihrer an, nimm                                  dich ihrer an. Darum bitten wir dich. Amen.“

 

Die Gemeinde steht auf

 

Du Gott bist die Kraft,

die Leben schafft,

die Leben erhält,

die Leben verändert.

Darum bitten wir dich:

 

Für Jugendliche, denen keine Perspektiven für ihr Leben eröffnet werden …

Gemeinde                Nimm du dich ihrer an

 

 

Beter/in                     Wir bitten dich für alle Menschen, die an einer Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt stehen …

Gemeinde                Nimm du dich ihrer an

 

 

Beter/in                     Wir bitten dich für alle, die müde geworden sind von den                                      Beschwerlichkeiten ihres Weges ..:

Gemeinde                Nimm du dich ihrer an

 

 

Beter/in                     Wir bitten dich für Menschen, die Gewalt, Zwang und                                             Bevormundung ertragen müssen …

Gemeinde                Nimm du dich ihrer an

 

 

Beter/in                     Wir bitten dich für die Schöpfung, die uns anvertraut ist …

Gemeinde                Nimm du dich ihrer an

 

 

Beter/in                     Wir bitten dich für unsere Kirche, für alle Menschen, die sich zu                          ihr halten und die Verantwortung in ihr tragen …

Gemeinde                Nimm du dich ihrer an

 

 

Liturg/in                    In der Stille bringen wir vor dich, was uns bewegt.

 

Stille

 

Liturg/in                    Wenn ich dich rufe, Gott, so hörst du mich, und gibst meiner                               Seele große Kraft.

 

Vaterunser

 

 

 

Fürbitten II

Liturg/in                    Von allen Seiten, Gott, umgibt uns deine heilige Macht.

Von dir kommen wir, und zu dir gehen wir.

Weil du unsere Stärke und unsere Hilfe bist, bitten wir dich.

 

Für alle, die in Angst und Schrecken leben,

für alle, die das Grauen beenden wollen.

Gemeinde                Nimm du dich ihrer an

 

 

Beter/in                     Wir bitten dich für die Menschen, die erschöpft und abgestumpft                                    sind, für alle, die keine Kraft mehr haben,

für alle Abgehetzten und Freudlosen.

Gemeinde                Nimm du dich ihrer an

 

 

Beter/in                     Wir bitten dich für alle, die einsam und verborgen sind,

für die Menschen, die nicht zu sich selbst finden.

Gemeinde                Nimm du dich ihrer an

 

 

Beter/in                     Wir bitten dich für alle, deren Hoffnung zerbrochen ist

und die nicht mehr können,

für alle, die keinen Ausweg wissen und daran verzweifeln.

Gemeinde                Nimm du dich ihrer an

 

 

Beter/in                     Wir bitten dich für alle, die krank sind und die auf Linderung und                                    Heilung warten,

für alle, die Angst vor dem Sterben haben.

Gemeinde                Nimm du dich ihrer an

 

 

Beter/in                     Wir bitten dich für alle, die an Größenwahn leiden,

für alle Unberechenbaren und Verantwortungslosen

Gemeinde                Nimm du dich ihrer an

 

 

Beter/in                     Wir bitten dich für alle, die sich trennen müssen,

für alle, die in ungeklärten Verhältnissen und quälenden                                      Bindungen leben.

Gemeinde                Nimm du dich ihrer an

 

 

Liturg/in                    In der Stille bringen wir vor dich, was uns bewegt.

 

Stille

 

Liturg/in                    Du Gott kennst unsere Angst.

Du weißt unseren Weg.

Du führst uns zum Ziel.

Gemeinsam beten wir zu dir:

 

Vaterunser

 

 

 

 

Vorschlag für ein Blatt, das die Gemeinde am Eingang erhält:

 

Wir bitten dich für Jugendliche, denen keine Perspektiven für ihr Leben eröffnet werden …

 

Wir bitten dich für alle Menschen, die an einer Schwelle zu einem neuen

Lebensabschnitt stehen …

 

Wir bitten dich für alle, die müde geworden sind von den Beschwerlichkeiten ihres Weges ..:

 

Wir bitten dich für Menschen, die Gewalt, Zwang und Bevormundung ertragen

müssen

 

Wir bitten dich für die Schöpfung, die uns anvertraut ist …

 

Wir bitten dich für unsere Kirche, für alle Menschen, die sich zu ihr halten und die

Verantwortung in ihr tragen …