Amt und Abendmahl – ein Beitrag zum Stand der Ökumene

Download

 

 

Nicht – wo hakt es, sondern woran hängt es?

Im Vorfeld des 2. Ökumenischen Kirchentags in München (ÖKT) über „Amt und Abendmahl in der Ökumene“ nach dem gefragt zu werden, wo es „hakt“, hat einen herausfordernden Klang. Erwartungsgemäß wäre jetzt zu sprechen über all das Schwierige, Anstrengende und Missverständliche des Ökumenischen Gesprächs der letzten zehn Jahre, nämlich seit der Zeit, in der ein und nun sogar ein zweiter Ökumenischer Kirchentag Thema zwischen den beiden großen Laienorganisationen waren. Reden könnte man auch über diesen oder jenen von der medialen und kirchennahen Szene mehr oder weniger genüsslich aufgegriffenen faux-pas und dabei versuchen, je nach Stimmung ihn entweder zu entkräften und für das Zusammenleben der Konfessionen an der Basis und für die Laien für unwichtig zu erklären, oder ihm noch mehr Klang und Farbe zu geben und die Lage auf kirchenleitender Ebene für wenig erfreulich zu erklären.

Nichts davon will ich tun.

Der 2. Ökumenische Kirchentag mit seinem aufmunternden Leitwort „Damit Ihr Hoffnung habt“ soll ein Fest des Glaubens, der Vergewisserung, der Ermutigung, des Fragens und natürlich des Hoffens sein. Zugleich hat er Teil an der Gesellschaft, wie sie ist, wird vorbereitet, geplant, besucht und getragen von Menschen, die so unvollkommen und hoffnungsbedürftig sind, wie es Menschen nun einmal sind. Und so begleitet mich als Cantus firmus auf dem Weg zum ÖKT der Vers aus dem 2. Brief des Paulus an die Korinther: Wir tragen den Schatz in irdenen Gefäßen (2 Kor 4, 7a).

Mit diesem Vers im Hinterkopf will ich beginnen nachzudenken über das geistliche Amt in den Kirchen und über Feier des Heiligen Abendmahls.

 

Wie steht es um Amt und Abendmahl?

Wer ein geistliches Amt hat, ist in einer zunehmend säkularen Gesellschaft beinahe notwendig in schwieriger Lage. Die Rolle ist exotisch und de facto fremd. Darin liegt eine große Chance, Menschen an den Übergängen ihres Lebens zu begleiten, ihnen Deutungen anzubieten, die uralt und je und je neu sind. Diese Rolle partizipiert an der großen Herausforderung vieler Rollen in der säkularen Gesellschaft, nämlich über etwas zu sprechen, was eigentlich nicht ernsthaft zum Thema gemacht werden soll. Es gibt einige wenige mit diesem Thema medial verbundene Gesichter und es gibt individuell manche gute oder eben schlechte Erfahrung mit einzelnen Kirchenvertreterinnen und –vertretern.

Ob aus apostolischer Sukzession oder in jeweils neu zugesprochener Ordination: Das mit dem Amt ist immer auch prekär – es muss oft mehr verheißen, als in den Dimensionen dieser Welt tatsächlich möglich ist. Am Bett einer Sterbenden davon zu erzählen, dass Jesus Christus den Tod überwunden hat, ist ebenso theologisch wahr wie kontra intuitiv für alle, die in einer solchen Situation dabei sind. Einer jungen Ostdeutschen, deren Familie nie auch nur Kontakt mit einer Kirchengemeinde hatte, im Rahmen kirchlicher Tarifverträge bis zur Taufe zu begleiten, ist nur mit gemeinsamen gedanklichen Experimenten möglich, deren Tragfähigkeit sich im Leben dieser Erwachsenen vielleicht erweisen wird.

Kirchliche Amtsträger verkörpern also immer beides: die sensationelle Hoffnung des christlichen Glaubens und die Unerlöstheit des Lebens in der Welt. Daraus ist kein Entkommen. Wir tragen eben den Schatz in irdenen Gefäßen.

Wenn man bedenkt, wer der Einladende zum Abendmahl ist, nämlich Jesus Christus selber, ist es umso erstaunlicher: es steht nicht gut um das Abendmahl in Deutschland. Von der Einladung „für Euch und für alle“/“Kommt, es ist alles bereit. Seht und schmeckt, wie freundlich Gott ist“ – fühlt sich nur eine geringe Zahl von Christenmenschen regelmäßig angesprochen. Die Form wird teils vorsichtig konserviert wie in der lutherischen Messe oder im sonntäglichen Eucharistiegottesdienst, teils radikalen Experimenten unterzogen wie bei Feierabendmahl auf evangelischen Kirchentagen. Das katholische: „für Euch und für alle“ mag für die dann Anwesenden noch plausibel sein, also „für Euch“, die Ihr dort sitzt, in der direkten Ansprache kann es für wahr gehalten werden – mit dem „für alle“ ist das schon so eine Sache. Die evangelische Formulierung ist beim ersten Hören weniger umfassend – wer da ist, möge kommen, was selbst unter den Anwesenden nicht alle tun. Harte Exklusionsregeln für kirchenrechtlich nicht Zugelassene zur katholischen Eucharistie gelten aus seelsorgerlichen Gründen oder kommunikativen Erwägungen oft als disponibel. Bei öffentlichen Anlässen gilt die Vereinbarung, die Einladung zum Abendmahl nicht zu Demonstrationszwecken zu missbrauchen und niemanden zu verletzen – was nicht immer gelingt und so manche vorher beschworene Gemeinschaft gefährdet. Öffentlich Abendmahl feiern – wie ein Schatz im irdenen Gefäß…

 

Die Lübecker Märtyrer als ökumenisches Zeichen

Sich als Träger eines Amtes, also als Geistliche, und als Hüter des Abendmahls zu bewähren, war und ist nie einfach. In manchen Zeiten war es besonders schwer: In den Tagen, in denen ich dies schreibe, liegt die Hinrichtung der so genannten Lübecker Märtyrer 66 Jahre zurück. Diese vier Geistlichen verdienten jeweils eine ausführliche Würdigung, für die an dieser Stelle kein Raum ist. Einer von ihnen erscheint mir aus dem, was ich über ihn weiß, besonders schillernd. Ein wahrhaft „irdenes Gefäß“. Ein ambivalentes und bestimmt noch nicht hinreichend erforschtes Pastorenleben:

Karl Friedrich Stellbrink, abgelehnter Kunststudent, Theologe und Pastor auf dem zweiten Bildungsweg, Missionar in Brasilien und ab 1934 Pastor in der Lutherkirche in Lübeck, war in den frühen dreißiger Jahren völkischen Gedanken nicht abgeneigt. 1933 trat er in die NSDAP ein und nahm wohl aus diesem Geist heraus seine pastorale Arbeit an der Hochburg der Deutschen Christen in Lübeck auf. Richtig konfliktfrei war es dort offenbar nicht, er geriet in Konflikte zwischen der Hitlerjugend und Evangelischer Jugend hinein und nahm Partei für die Evangelische Jugend, 1934 legte Stellbrink seine Parteiämter wieder nieder, 1936 trat sein Sohn aus der Hitlerjugend aus, 1937 wurde der Vater aus der NSDAP ausgeschlossen. Der Krieg begann, 1940 fiel ein Pflegesohn von ihm, seit 1941 wusste er um die nationalsozialistischen Tötungsaktionen an Kriegsversehrten und Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen und lehnte sie strikt ab. In dieser Zeit hatte er verstärkt Kontakt zu den geistlichen Kollegen der katholischen Herz-Jesu-Gemeinde in Lübeck, Kaplan Johannes Prassek, Vikar Hermann Lange und Adjunkt Eduard Müller. Gemeinsam hörten sie Predigten des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen aus so genannten „Feindsendern“ ab und verteilten sie auch in Lübeck. Einmal soll Stellbrink in einer Predigt am Palmsonntag die Bombenangriffe auf Lübeck im März 1942 als „Gottes Stimme aus dem Feuerhagel“ bezeichnet haben. Anders als Bischof von Galen selbst, der mit dem Argument, es solle „keine katholischen Märtyrer“ geben, an Leib und Leben verschont blieb, wurde Stellbrink gemeinsam mit den drei katholischen Kollegen am 7. April 1942 verhaftet. Mehr als ein Jahr später, im Juni 1943, wurden die vier vom Volksgerichtshof wegen „landesverräterischen Feindbegünstigung“, „Wehrkraftzersetzung“ und anderer Dinge angeklagt und zum Tode verurteilt.

Am 10. November 1943 wurden die vier in der Untersuchungshaftanstalt Hamburg am Holstenglacis mit dem Fallbeil hingerichtet.

Die Lübecker Landeskirche hatte Stellbrink kurz vor der Hinrichtung noch aus dem Dienst entlassen und verwehrte entsprechend seiner Witwe die Versorgungsbezüge.

Nach 1945 wurde diese Entlassung allerdings widerrufen und eine Versorgungsrente gezahlt.

Die historische Bewertung ist bis heute umstritten. Nach allem, was wir heute lesen können, wird Stellbrink ein schwieriger Typ Mensch gewesen sein, nur begrenzt in der Lage, irgendwo dazu zu gehören. Die Bekennende Kirche, der Stellbrink nie angehört hat, erkannte ihn nicht als Widerständler an. Er habe sein Leben „nicht im Kampf um das Evangelium“ verloren, sondern aus politischen Gründen, habe das Alte Testament nicht recht gedeutet. Die katholische Deutung für das Leben der drei Geistlichen von Herz Jesu – „Martyrium“ – war evangelisch keine eingeübte Kategorie. Gleichzeitig will die katholische Kirche bis heute Karl Friedrich Stellbrink nicht von seinen selbstgewählten Kollegen trennen und sucht einen Weg, den Seligsprechungsprozess für die drei katholischen Geistlichen nicht gleichzeitig und ohne Absicht zu einer ökumenischen Ausgrenzungsgeste werden zu lassen. Seit 1959 gibt es in Lübeck und anderen Orten ein gemeinsames Gedenken, 1993 hat Bischof Karl Ludwig Kohlwage initiiert, dass die schleswig-holsteinische Justiz das Todesurteil gegen Stellbrink formal aufhob.

Ein ökumenischer Schatz scheint mir die Geschichte zu sein – in sehr irdenen Gefäßen. Die üblichen Kategorien geraten ins Schwimmen.

 

Aber die Hoffnung… Kommt, es ist alles bereit

Manchmal ist es am wirksamsten, vor Ökumene als Thema die Ökumene als Methode zu setzen. Zusammen zu arbeiten, gemeinsam nachzudenken und mit einander zu feiern, den Schatz in seinen irdenen Gefäßen zu drehen und zu wenden, von ihm zu sprechen und sich an ihm zu freuen.

Wie kann man in dieser Lage, hängend an den fragil-stabilen Haken von Amt und Abendmahl, Gottesdienst feiern?

Wie kann man – wissend, dass man dem, was die Hoffnung formuliert, so gar nicht genügen kann – trotzdem Gottesdienst feiern, wissend, dass immer viel mehr geht als das, was wir uns vorstellen können.

Das Amt sollte dafür Räume schaffen. Zum Beispiel in einer Gottesdienst Werkstatt, in der evangelische Vikarinnen und Vikare und katholische Kirchenmusiker und Priesteramtsanwärter einen gemeinsamen Gottesdienst entwerfen, entwickeln und in München auf dem ÖKT feiern gemeinsam mit allen, die dabei sein möchten.

Zum Beispiel in einem Feierabendmahl für alle – mit einer neuen, noch gar nicht gefundenen Liturgie, in der ein „Brot des Lebens“ für alle verteilt werden soll, für das wir danken und das uns stärkt auf dem Weg.

Vermutlich geht unterwegs viel mehr, als wir denken – das ist uns zugesagt, „für Euch und für alle“ und „zu seinem Gedächtnis“.

In der St. Nicolaus Kirche in Hamburg-Alsterdorf, der alten Anstaltskirche, von Heinrich Matthias Sengelmann vor 120 Jahren aus Spendenmitteln gebaut, wird jeden Sonntag Gottesdienst mit Abendmahl gefeiert. Sehr unterschiedliche Menschen kommen dorthin. Brot und Kelch werden geteilt, Abendmahl gefeiert rund um den Altar.

Einmal soll eine der Pastorinnen dort allein gewesen sein beim Austeilen von Brot und Kelch, sie sprach die Entlassungsworte, alle gingen in buntem Durcheinander wieder auf ihre Plätze. Nur nicht Wilhelm H. Er hatte genau hingesehen. Er ging zur Pastorin, deckte Oblaten und Kelch wieder auf und gab ihr von beidem. „Auch für Dich!“, sagte er. „Auch für Dich.“

Manchmal ist das Gefäß fast so golden wie der Schatz darin.